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Die Box




3. April 2012
Dominik Irtenkauf
für satt.org

  Tying Tiffany: Dark Days White Nights
Tying Tiffany:
Dark Days White Nights

Trisol Music Group 2012
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TYING TIFFANY

„Manchmal bin ich überinspiriert und muss mich selbst stoppen, weil ich sonst platze!“

Die italienische Musikerin lässt sich musikalisch nicht leicht einordnen. Ein gewisses Gothic-Gefühl läßt sich unter den elektronischen Tönen des neuen Albums „Dark Days White Nights“ finden, doch wäre eine solche Zuordnung letztlich zu einengend. Electro Clash schwingt in den manchmal tanzbaren Stücken auch mit. TYING TIFFANY setzt vor allem auf Ausdruck ihrer eigenen Persönlichkeit, durchaus dunkel, jedoch immer auch mit dem trotzigen Gefühl, es sei noch nicht alles verloren.

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satt.org: Heutzutage möchten viele Künstler einen Sonnenplatz ergattern. Wie schafft es TIYING TIFFANY, sich einen solchen Platz zu sichern?

Tiff: Ich denke, dass es für jeden Musiker einen Platz geben sollte, der etwas zu sagen hat. Nur die Zeit wird zeigen, wer durchhält und wer nicht. Ich bin überzeugt, dass ich Songs geschrieben habe, die es wert waren, aufgenommen zu werden. Ich mache nun Musik seit 10 Jahren und jedes Jahr konnte ich ein Publikum für mich begeistern. Die Fans zeigen mir jeden Tag ihre Zuneigung. Mich scheren Vergleiche mit anderen nicht. Ich möchte schlicht meinen eigenen Weg gehen, ob das nun vor 10 oder 100.000 Menschen geschieht, ist mir gleich.

Du arbeitest nicht nur als Musikerin, sondern bist auch Model. Genießt du es, im Rampenlicht zu stehen?

Tiff: Ich bin kein Model [Dann hat das Presseinfo eine falsche Info aufgegriffen, da stand etwas von Modeln für Diesel-Jeans. - Dominik Irtenkauf] und ich kann das Rampenlicht nicht ausstehen. Es erinnert mich an einen Kultfilm von Chaplin, eines seiner Meisterwerke, der für mich immer das traurige Bild des Künstlers verkörperte, ein Sklave des Applauses. Jedenfalls präsentiere ich nur ungern etwas von meiner Persönlichkeit. Meine einzige Aufgabe besteht darin, Musik zu komponieren. Ich mag es mit verschiedenen Künstlern, in der Fotografie, dem Theater und der Mode zusammenzuarbeiten, aber das spielt sich alles in der Undergroundszene ab. Ich glaube auch an das DIY-Prinzip, es stellt für mich eine große Inspirationsquelle dar, keine Kompromisse einzugehen. Aber dies ist alles sehr fernab des Rampenlichts.

Gab es einschneidende Erlebnisse, die dich fast zum Rückzug aus dem Showbiz gedrängt haben?

Tiff: Ich freue mich und bin stolz, was ich mache und was ich in der Musik erschaffe, aber was ich daran nicht ausstehen kann, ist die Business-Seite. Manchmal denke ich, dass diese Welt nicht einfach ist, weil die wirkliche Kunst nicht den entsprechenden Wert besitzt, stattdessen Geld das Spiel antreibt. Aber meine Musik ist einfach, was ich wirklich machen möchte und nichts und niemand kann mich darin umstimmen.

Bezieht sich der tying part deines Pseudonyms auf die verführerischen Kräfte der Musen, die ihre Netze auswerfen?

Tiff: Das Weben meint genau das Gegenteil: die Art von Denken, moralisch und rhetorisch, die versucht, mich einzufangen.

Telefonierst du eigentlich lieber mit Freunden als mit Journalisten? Ich frage deshalb, weil du ein Telefoninterview abgelehnt hast.

Tiff: Ich bevorzuge schlicht einen Mailer, weil ich mich besser konzentrieren und die Mühe sparen kann, einen anderen Menschen am Telefon häufig in einer fremden Sprache verstehen zu müssen, der dann auch meine Worte anders verstehen kann, als beabsichtigt. Das passierte ein paar Male, dass manche Dinge anders übersetzt wurden, als was ich ursprünglich sagte. Ich vergeude aber keine Zeit, mit meinen Freunden am Telefon irgendwelchen Quatsch zu bereden. Ich mach das lieber Auge in Auge.

 

Wenn dunkle Tage aufkommen und die Nächte weiß werden, ist diese Umkehrung der natürlichen Verhältnisse wichtig für dich, um dich noch als lebendiges Wesen wahrnehmen zu können? („Dark Days White Nights“ ist der Titel des aktuellen Albums.)

Tiff: Wenn ich den Nachthimmel betrachte, werde ich von der Schönheit und Kraft des Universums erfüllt. Ich brauche das, es ist etwas Größeres als ich selbst. Ich liebe die Nächte und tausche liebend gerne die Rollen.

Deine Texte behandeln persönliche Themen. Könnte es eventuell gefährlich werden, wenn die Hörer in diesen Texten etwas Privates von dir entdecken und dann Schlüsse über TYING TIFFANY ziehen?

Tiff: Schriebe ich über intime Dinge, dann weil ich hoffe, jemand Anderes könnte etwas mehr von mir verstehen. Ich würde mich dann sehr freuen. Ich teile meine Persönlichkeit und Gefühle gern in meiner Musik mit und wenn das jemand nicht ab kann, schert mich das nicht.

Das Leben kann gefährlich sein – aus einem deiner Texte ein Beleg dafür: „how can hell be worse than all of this desperation / I am drownin‘ / I am drowned“. Denkst du, dies passiert, weil wir in Europa übersättigt und gelangweilt sind? Stell dir vor, jemand, der deine Texte kennt, spricht dich auf einer Party an und sagt, dass du sehr froh sein kannst, im Vergleich zu den instabilen Verhältnissen in manchem afrikanischen Land. Was erwiderst du darauf?

Tiff: Das scheint eine rhetorische und heuchlerische Frage zu sein. Ich schreibe Songs mit offenen Botschaften, ich spreche nicht jemand ganz speziell an. Meine Inspiration speist sich aus den Dingen, die ich jeden Tag sehe. Es ist dumm, zu denken, dass eine Depression nur vorübergehend ist und sich nicht aus der Mentalität einer Person entwickelt. Diese Frage müsste dann zum Beispiel auch an Generationen von Künstlern aus dem „reichen“ England und Amerika gestellt werden, da diese ständig über ihre persönlichen und sozialen Probleme gesungen haben. Wie die Texte von vielen Musikern aus vergangenen Generationen richten sich meine Texte an jeden, der eine gewisse Nähe zu ihnen spürt. Schau dich nur mal im Internet um, wie viele Teenager an Depression und Suizidgefahr leiden. Die Gründe können leicht als trivial oder dumm abgetan werden. Ein Mensch hat gute Gründe, die Dinge, die er tut, gut oder schlecht anzugehen. Wer sind wir, über Andere zu urteilen?

Wie stark ist die Bedeutung von Stil für dich und deine Musik? Einige Hörer würden meinen, dass man keine authentische Musik machen kann, wenn man sehr viel Wert auf schöne Klamotten und Schminke legt. Punker würden so argumentieren, wenn du abgefuckte Musik spielst, solltest du auch abgefuckt aussehen.

Tiff: Es gibt viele „Poser“ in der Musikszene und gehypte Bands, die nach einem Jahr wieder verschwinden. Jeder, der auf meine Konzerte kommt, wird sehen, dass ich keine Schminke brauche, um ehrlich das rüberzubringen, was ich mache. Ich möchte von niemandem Style-Ratschläge bekommen, wie ich mich verhalten soll oder nicht. Dann würden mich die Leute vielleicht eher in Ruhe lassen. Aber weißt du was? Ich habe meinen persönlichen Stil gewählt, ohne Rücksicht auf die umstehenden Leute zu nehmen. Urteile nie nach dem Äußeren eines Menschen.

Wenn du morgens aufstehst, fühlst du dich eher stark oder desorientiert nach einer Mütze voll Schlaf?

Tiff: Es läßt sich keine Regel aufspüren, wenn ich aufwache. Manchmal fühle ich mich beschissen und andere Male stark. Ich liebe es zu schlafen und von den großen Rätseln der Nacht und des Tages zu träumen. Dabei fühle ich mich wohl. Kurz vor dem Einschlafen ist die Nacht ein Moment der Erleuchtung, wenn du alles sein kannst, was du möchtest.

Wie wichtig ist dir ein geregelter Alltag? Bevorzugst du es, alleine zu frühstücken oder diese Momente mit jemandem nach einer Nacht zu teilen?

Tiff: Ich führe kein normales Leben. Dies eröffnet mir die Möglichkeit, jeden Tag anders zu leben, verschiedene Lösungen zu finden und neue Wege. Wenn ich aufwache, möchte ich am liebsten allein sein und darüber nachdenken, mit was mich die vergangene Nacht beschenkt hat.

Nachdem du aufgewacht bist, wie entscheidest du dich, mit welchem deiner Projekte du dich beschäftigst? Vielleicht tritt manchmal eine Morgenleere auf?

Tiff: Es kommt manchmal vor, dass ich einen Inspirationsmangel spüre. Das kann man nicht leicht kontrollieren, da wir so vielen negativen gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Am besten hältst du in solchen Situationen deinen Geist offen, um das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Ich gehe völlig in einem visionären Leben auf und genieße es, die verschiedenen Seiten von mir zu erforschen. Aber manchmal bin ich überinspiriert und muss mich selbst stoppen, weil ich sonst explodierte!!!

Auf dem aktuellen Album verbindest du eine gewisse Leichtigkeit mit pressenden Rhythmen. Wie hast du zu dem musikalischen Ausdruck gefunden, der zu dir am besten paßt? Warum hast du dich für das aktuelle Album nicht für mehr Gitarren entschieden?

Tiff: Ich habe einige Stücke nochmals neu bearbeitet, die von „Peoples Temple“ (meinem Vorgängeralbum) übrig geblieben sind. Ich suchte nach einer Balance zwischen einem bleibenden Eindruck und Atmosphäre, und habe an den Arrangements gefeilt. Damit fing die Komposition für „Dark Days White Nights“ an. Ich wollte eine neue Phase in meiner Musik beginnen, eine verschiedene Haltung und Ausdruck erreichen. Im Leben eines Menschen ändern sich viele Dinge. Ich lasse mich ständig von etwas Neuem einfangen und ich liebe es, mich selbst zu überraschen. Jedoch habe ich in der Vergangenheit in verschiedenen Bands Bass gespielt und in anderen Projekten gesungen, aber ich konnte dort kaum meine eigenen Projekte unterbringen, weswegen ich mich zu einer Solokarriere entschlossen habe, was alles Andere als einfach zu Beginn war. Definitiv habe ich mich von deutscher Elektronik inspirieren lassen. Dann habe ich zu Hause angefangen, an meinem Computer und den Instrumenten zu arbeiten, um den Sound für das neue Album zu erlangen.

Graphisch beschränkt sich „Dark Days White Nights“ auf das Wesentliche. Du scheinst nicht sonderlich an Glamour interessiert zu sein.

Tiff: Nein, Glamour interessiert mich nicht. Ich mag es, das menschliche Hirn auf Themen wie Kommunikationsmangel, existentielles Unwohlsein, die Krise der modernen Zeit, das Einfangen der Stille und die Dekadenz der Zukunft zu befragen. Die graphische Arbeit wurde vom Film „Rote Wüste“ von Antonioni beeinflusst, mit der schönen Monica Vitti. Antonioni war ein Meister des Bildes und das schien perfekt in seinem Werk durch, wie er die graue Industriestadt und das verschmutzte nebelverhangene Tal darstellt. Diese Ästhetik stimmte zufällig mit meiner Idee für das Album zusammen, die ich durch die Fotos im Artwork übermitteln wollte. Ich habe mit einigen Fotografen über diese Idee für das Album gesprochen, doch es war nicht leicht, die richtige Person zu finden, da ich denke, dass zunächst Ernsthaftigkeit entstehen muss, um zusammen zu kommen. Ich habe dann mit Pax gearbeitet, da sich zwischen uns sofort eine Art von Alchemie einstellte, die zwischen Menschen nur selten auftritt. Sie war in der Lage, ohne zu viele „Kniffe“ mich zu fotografieren, wie ich wirklich bin und was ich für diesen Moment vermitteln wollte.

Frauen, die Musik machen, versuchen mitunter unter Einsatz ihres Körpers Aufmerksamkeit zu erregen. Was denkst du über dieses „Werkzeug“?

Tiff: Jede kann ihren eigenen Weg der Kommunikation wählen. Ich ziehe niemals oberflächliche Schlüsse, wie das Menschen häufig machen. Ich glaube, dass eine Frau, die mit ihrer Weiblichkeit spielt, das nicht als ein „Werkzeug“ benutzt (als ein Objekt). Die Regeln der Gesellschaft benutzen die Weiblichkeit, als ob sie ein „Werkzeug“ wäre und wollen das Bild der Frauen als Stereotypen festsetzen.

Was sind die nächsten Pläne bei TYING TIFFANY?

Tiff: Zunächst und am wichtigsten werde ich die Tour in Angriff nehmen. Ich kann’s kaum erwarten!! Dann arbeite ich noch an einem anderen Projekt namens T.T.L. (THROUGH THE LENS) mit Lorenzo Montanà. Wir komponieren Soundtracks für Filme. Wir haben den Soundtrack für den offiziellen Trailer des Gary Ross-Films „The Hunger Games“ geschrieben, der auf dem sehr erfolgreichen Roman von Suzanne Collins beruht. Und für den Film „Coriolanus“ von Ralph Fiennes.