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Die Box




4. Mai 2011
Dominik Irtenkauf
für satt.org

ATTILA - The Voice of Black Metal

Attila Csihar wurde 1971 in Ungarn geboren und gründete die ungarische Thrash Metal-Band Tormentor, die in Black Metal-Kreisen Kultstatus erreichte. 1992 trat er der norwegischen Band Mayhem bei und sang auf dem Klassiker des Genres – »De Mysteriis Dom Sathanas«. Einerseits durch sein bereits frühes Engagement im damaligen Ostblock für extremen Metal, aber auch durch seine Kontakte zur norwegischen Szene gewann Attila über die Jahre zunehmend an Reputation. Als er temporär aus Mayhem austrat, betätigte er sich vor allem in zahlreichen experimentellen Projekten wie Plasma Pool, Aborym und Korog. Attila kennt bei seiner Arbeit als Sänger keine Genregrenzen und arbeitete auch mit der amerikanischen Band Sunn O))) zusammen. Sein neuestes Projekt ist die Zusammenarbeit mit dem international tätigen Bildenden Künstler Martin Eder und seinem Musikprojekt Ruin.

Attila gestaltete mit seinem Projekt Void Of Voices das Vorprogramm zum Ruin-Konzert am 7. Oktober 2010 im Berliner Berghain und bei der Zugabe erscheint er im Silberglanz-Robotkostüm auf der hohen Treppe und steuert Growls bei. Seinen eigenen Auftritt bestreitet er im Mönchskostüm mit vorgezogener Kapuze, so dass man sein Gesicht nur spärlich erkennt. Interessanterweise tanzen zu seinen rhythmischen Sprachvorträgen irgendwann junge Herren, die nicht unbedingt wie Anhänger des Metalkults ausschauen. Trockennebel und Kerzenlicht kommen zum Einsatz.

In Martin Eders Atelier entspann sich einen Tag nach dem Konzert folgendes Gespräch.

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Zunächst erzähl uns doch mal, Attila, wie du mit Martin in Kontakt gekommen bist.

Attila: Martin verfolgte meine Musikprojekte und erfuhr, dass ich bereits u.a. mit Sunn O))) im Berghain aufgetreten bin. Also suchte er die Adresse meiner Bookerin heraus. Ich kam dann nach Berlin, um ihn zu treffen. Zu dem Zeitpunkt traf ich auch Arcade Fire, deren Musik ich, ehrlich gesagt, nicht kannte. Doch ich erfuhr, dass die Jungs große Mayhem-Fans waren. Als wir [Martin Eder] uns dann trafen, überlegten wir, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Wir machten uns Gedanken, wie die gemeinsame Show aussehen könnte. Wir produzierten einen Trailer zusammen und die Sache ist auch die, dass wir uns relativ schnell gut miteinander verstanden haben. Ich schaute mir auch einige seiner Gemälde an und ich denke, dass er ein ausgezeichneter Künstler ist. Wir schlossen relativ bald Freundschaft. Zuletzt war ich in Asien auf Tour und ich spielte in Malaysia mit einer lokalen Band einige Mayhem-Coversongs, da wir dort offiziell Auftrittsverbot haben. Ich hielt mich im Land als Tourist auf. In Malaysia gibt es eine riesige Metalszene. Zu der Mayhemshow sollten viele Tausend Leute kommen. Die Regierung belegte uns jedoch mit einem Auftrittsverbot.

Vielleicht hängt es mit eurer antireligiösen Haltung zusammen? Denkst du denn, dass es im Black Metal notwendigerweise zur Provokation kommen muss?

Attila: Es geht nicht um Provokation, sondern um Theatralität. Wir tragen Corpsepaint. Natürlich könnten wir in Malaysia auch im Underground spielen, das Konzert einfach nicht an die große Glocke hängen. Mayhem legt es nicht auf Probleme mit den Behörden an. Die Leute dort sind sehr freundlich und offen. Dort trifft man auf drei Kulturen: den Islam (das gehört zum Malaiischen), das Chinesische und der Hinduismus, der aus Indien kam. Vor allem in Kuala Lumpur trifft man auf diese Mischung. Als ich dort war, fand gerade ein kleines Metalfestival statt und sie fragten mich, ob ich nicht bei einigen Mayhemsongs den Gesang übernehmen wolle. Zunächst war ich skeptisch, denn bei jedem Konzert sind auch Zivilbeamte vor Ort. Wir spielten drei Songs und ich hatte mein Outfit dabei, so dass ich auf der Bühne im Kostüm erscheinen konnte. Für viele der Fans dort war es eine große Überraschung. Das Land ist auch wirtschaftlich gut gestellt.

Das ist ein interessanter Punkt, da du aus Ungarn stammst und bis auf einige bekanntere Gruppen wie Sear Bliss und Ektomorf Ungarn eher ein Entwicklungsland in dieser Musikrichtung ist.

Attila: Ungarn war das erste Land, das die Grenze zum Westen öffnete. Ich erinnere mich noch an die langen Schlangen, besonders auch aus der DDR, weil wir als erste von der offiziellen Politik abwichen. Es war eine Art Revolution, doch gegen Russland ist jeder Kampf bereits im Voraus verloren (lacht). Ich wurde 1971 geboren und war so dankbar, dass Ungarn trotz des fehlgeschlagenen Aufstands gegen die Sowjetunion einen liberaleren Umgang aufrecht erhalten hat. Zunächst konnten wir Ungarn einmal in drei Jahren in den Westen reisen, dann wurde es aufgelockert. Später konnte man einmal im Jahr in den Westen reisen, natürlich konnte man nicht unbegrenzt Devisen mit sich führen. Dennoch genoss ich diese Gelegenheiten. Als ich so um die 17 Jahre alt war, fuhren wir mit dem Zug nach Ostberlin, da es für uns billig war. Da Ungarn trotz des Eisernen Vorhangs Handel mit dem Westen trieb, konnten wir in Ostberlin sehr gut Waren feilbieten. Die Ostdeutschen wollten unbedingt die ungarische Währung Forint haben, da es in Ungarn Jeans und alles andere aus dem Westen gab. Als das erste Bathory-Album erschien, konnte ich es problemlos in einem speziellen Plattenladen in Ungarn kaufen. Es war selbstverständlich für uns sehr teuer, nach Westberlin zu fahren. Bis zum späten Nachmittag betranken wir uns und gingen dann zum Checkpoint Charlie, um in Westberlin noch ein wenig Party zu machen. Auf dem Schwarzmarkt musste man häufig Ost- in Westmark in einem Verhältnis von 1:10 umtauschen. Manchmal passierten wir die Sektorgrenze zweimal am Tag. In Westberlin gingen wir dann in einen Klub, in dem schwarze Musik gespielt wurde. Damals gab es den Begriff Gothic noch gar nicht: so Sachen wie Sisters Of Mercy. Ich erinnere mich nicht mehr, wo sich dieser Klub befand. Man musste eine Treppe runtersteigen, und dann saß man im Kreis um die Tanzfläche. Die Leute wechselten sich ständig ab: wurden Sisters Of Mercy gespielt, gingen die Gothics auf die Tanzfläche, kam danach Punkrock, gingen die Punker zum Tanzen.

Zu dieser Zeit warst du auch bereits in Ungarn musikalisch aktiv?

Attila: Ja. Meine erste Band hieß Tormentor. Das war 1986. Wir waren bis 1991 zusammen. Danach gründete ich eine Band namens Plasma Pool. Wir spielten reine elektronische Musik, die recht dunkel war. Wir waren von Bands wie Frontline Assembly, Skinny Puppy [während des Interviews trug Attila ein Shirt ebenjener Interpreten - Anm. d. Autors], Clinic, Leatherstrip, von Industrialbands der ersten Stunde beeinflusst. Selbstverständlich waren auch Coil ein Einfluss für uns. Wir hatten von Anfang an auch den Ambientsound in Plasma Pool. Tormentor klangen wie alte Destruction oder Sodom, eben Black Thrash Metal. In Ungarn klangen wir zu dieser Zeit für die Heavy Metal-Szene so extrem, dass wir uns nur am Rande dieser Szene bewegen konnten. Wir sprachen mit unserer Musik auch Hardcore-Leute und Punks an. Unser Schlagzeuger kam zum Beispiel aus der Hardcore-Szene (wie zum Beispiel Discharge und GBH), so dass wir bei unseren Konzerten verschiedenstes Publikum anzogen. Ich hatte schon immer ein Faible für aggressiven Punk wie Discharge, Dead Kennedys oder den UK Subs. Ich wuchs nicht nur mit Metal auf. Ich hörte alle Arten von Musik.

Dein weiter Musikgeschmack hat dich sicherlich auch zu diesem Ruin-Projekt geführt?

Attila: Gestern im Berghain sah ich Ruin das erste Mal live spielen. Ich spielte im Vorprogramm und die Zugabe war ja eine Zusammenarbeit mit Ruin und dem Ensemble. Ich schätze diese Erfahrung sehr und möchte sie nicht missen. Es gehört zu meiner Herzensüberzeugung oder Seele, diese Art von Experimente zu machen. Aufgrund dessen habe ich mich auch Sunn O))) angeschlossen. Ich mag ihre Musik. Sie schickten mir ihr Demo und ich dachte: Das hört sich wie alte Swans nur ohne Drums an, mit viel Drone. Für mich war das überhaupt kein Metal. Für mich sind Sunn mehr eine experimentelle Band.

Denkst du denn, dass deine Zeit in Mayhem heute noch Tore für dich öffnet?

Attila: Wir nahmen mit Tormentor in unserem Proberaum ein Demo auf. Wir hatten für unser Debüt »Anno Domini« ein Angebot von einer staatlichen Plattenfirma. Sie kamen für alle Aufnahmekosten auf. Wir konnten in einem guten Studio aufnehmen. Das war wirklich eine verrückte Sache. Das Album wurde leider nie veröffentlicht. Wir hatten jedoch die Masterbänder, so dass wir aufgrund der Nachfrage es irgendwann selbst vervielfältigten. Schließlich kam das Demo zu einem norwegischen Fanzineherausgeber, der es Euronymous von Mayhem weiterleitete. Zu der Zeit wusste ich nichts von einer Band namens Mayhem. Sie standen ziemlich auf meinen Gesang. 1991 waren sie bereits einige Zeit aktiv. Die Bandmitglieder wurden große Tormentor-Fans und ihr Sänger mochte meinen Stil. Zwei Jahre hielten wir Kontakt und schließlich reiste ich nach Norwegen, um »De Mysteriis Dom Sathanas« einzusingen. Später wurde es zu einer wichtigen Scheibe. In der Szene gilt »De Mysteriis« als Klassiker und ich war ein Teil davon. Meine Reputation stieg zweifelsohne. Das bedeutet viel mehr als alles Geld der Welt. Mayhem legten eine längere Pause ein. Auch mit Plasma Pool ging es nicht weiter. Mehrere Jahre lang spielte ich nur experimentelle Musik. 1998 steuerte ich meine Vocals Aborym aus Italien bei. Für mich war das ein konsequenter Schritt, denn Aborym verbinden in ihrer Musik Industrial und Black Metal. Ich sang bei Mayhem wie auch bei Plasma Pool und Aborym hatte von beiden Bands etwas. Ich sang auch eine Zeit bei Keep Of Kalessin. Doch als Maniac bei Mayhem ausstieg, brauchten sie wieder einen Sänger. Und in zwei Metalbands gleichzeitig zu singen, möchte ich nicht. 2004 stieß ich wieder zu Mayhem. Wir nahmen ein ziemlich avantgardistisches neues Album namens »Ordo Ab Chao« auf. Auf diesem Album hängt alles zusammen.

Black Metal weist heute ein sehr breites musikalisches Spektrum auf. Du kannst deinen Black Metal wie eine Garagerock-Band spielen, sehr rau oder aber du kannst dich auf das andere Ende hin bewegen, zur Symphonie. Das Schönste am Black Metal ist, dass du die Musik wirklich spüren kannst. Heavy Metal ist nicht zu verkünstelt. Die Menschen spüren, dass es eine sehr lebendige Musik ist, weshalb Livekonzerte das A und O darstellen. Für mich ist Konzertespielen wichtiger noch als jede Studioaufnahme. Es geht dabei um den Augenblick, den Zauber, die anwesenden Menschen, mit denen man zusammen eine Atmosphäre erschafft. In der Vorgeschichte war es nicht anders: Man saß ums Feuer und spielte zusammen Musik, feierte.

Das ist ebenfalls beim Black Metal ein wichtiger Aspekt: das Rituelle.

Attila: Ich würde es mehrdimensional nennen. Es ist auf der einen Seite rituell, aber auf der anderen Seite auch spirituell oder esoterisch. Black Metal handelt nicht von gesellschaftlichen oder alltäglichen Problemen, sondern von feinkörperlichen und spirituellen Dingen. Black Metal würde ich als surreal bezeichnen. Doch wir alle haben surreale Erlebnisse: jede Nacht gehen wir ins Bett, träumen und wachen am nächsten Tag wieder auf. Das ist surreal. Es gehört zu unserem Leben. Diese Art von Musik hängt mit beiden Aspekten zusammen.

Was denkst du dann vom Black Metal als Katalysator von extremen Geisteszuständen?

Attila: Ich denke nur daran, wie wichtig es in unserem Leben ist, Musik anzuhören. Man kann es schwer beschreiben. Sicher kann dich Musik tief treffen und dir in manchen Augenblicken so viel Hoffnung geben. Über die Jahre habe ich so viele Menschen getroffen, die mir sagten, wie sehr ihnen meine Musik in schwierigen Situationen geholfen hatte. Das Problem unserer Welt besteht vor allem auch darin, dass wir keine objektive Wahrheit kennen. Häufig wird sie auch politisch zurückgehalten. Der Glauben an einen Gott stellt die Welt auch vor große Probleme. Bei einer Metalshow kannst du deinen Frust rauslassen. Unterdrückung führt zur Depression. Bei einem Konzert kannst du ein Ventil dafür finden. Statt nach einem Fußballspiel Autos auf der Straße zu zerstören. Für mich war zum Beispiel ein Laibach-Konzert 1991 von besonderer Bedeutung, denn dort sah ich Treponem Pal aus Frankreich zum ersten Mal. Sie eröffneten für Laibach und brachten soviel Energie auf die Bühne. Oder wir fuhren 1989 nach Prag, um Frontline Assembly zu sehen. Das waren besondere Erlebnisse für mich.


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