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Die Box




8. November 2010
Dominik Irtenkauf
für satt.org

RUIN-Konzert im Berghain

»Grausamkeit, getragen und schwer«

Der Berliner Club Berghain ist sagenumwoben. Eins steht fest: Das Haus hat eins der besten Soundsystems Europas. Laut, aber nicht gesundheitsgefährdend. Zumindest war das am 07. Oktober 2010 so, als sich das Projekt RUIN mit dem Solistenensemble Kaleidoskop traf, um sehr langsamen Black Metal zu präsentieren. Es wurde ein Abend, der erstmal verarbeitet werden musste. Die Musiker betraten nach dem Opener – Attila Csihar mit seinem Projekt Void Of Voices aus Ungarn – mit bunten Kapuzen in Form eines Dreiecks die Bühne und positionierten sich, dann ohne Kopf-Überzug, an ihren Instrumenten. Richard Ruin an der Gitarre trug langes graues Haar und war leichenaffin geschminkt. Die Show begann bedrohlich mit Streichereinsatz, dem immer wieder röhrende Brachialgewalt auf den Gitarren und Drums entgegengesetzt wurde. Den Abend umgab eine Aura von sakraler Grausamkeit. Ist dies vielleicht ein Grund, warum man im Publikum kaum Metaller reinen Wassers fand? Besucher in schwarzer Kleidung wechselten sich mit Poloshirtträgern in knalligen Farben oder Frauen in College-Look ab. Studenten mischten sich mit der Stammkundschaft des Berghains. Es wurde okkult im besten Sinne. Etwas formierte sich, das zunächst nur wummerte und nicht deutlich erkennbar war.

Die Cellisten und Violinisten wiegten den Besucher im Elegischen, doch drohte Gefahr. Das hielt einen Mittfünfziger nicht ab, mit seiner blonden Schwiegertochter zu schäkern. Auch gesehen: Eine ebenso alte Frau in hautenger Lederhose mit einem Partner im Businesslook. Waren sie Metalfans? Eher schienen sie vom Kunstkontext dieser Veranstaltung angezogen worden zu sein. Sei’s drum.

Die Beleuchtung war spärlich. Drone grub sich in die Tiefe. Ruins Musik läßt sich eigentlich am besten im Kopf mitverfolgen. Langsam schob sich der Bass voran, das Schlagzeug spielte unterstützende Rhythmen, die Gitarren versuchten immer wieder mit hochfrequenten Melodien, wie sie dem Black Metal zueigen sind, auszubrechen. Besonders eindrücklich zeigten das RUIN mit Attila Csihar am Gesang bei der Zugabe. Sie zogen das Tempo unter der Oberfläche an, so dass man sich – ja, durchaus – beim Haareschütteln erwischte. Das Zusammenspiel von Streicherensemble und Metal-Combo funktionierte in diesem Kontext hervorragend. Das übliche Strophenschema wurde durchbrochen. Doch eines ist gewiss: Will man RUIN in Gänze lauschen, muss man viel Geduld mitbringen. Oder Offenheit. Es geht um Atmosphäre. Jeder Griff in die Saiten dient diesem Ziel. Leicht verdaulich ist die Musik nicht, dafür aber konsequent.

satt.org interessiert, was hinter dieser Erkundungsreise in die Bassregionen der Saiten steckt. Einen Tag nach dem Konzert besuchte Dominik Irtenkauf Richard Ruin aka Martin Eder in seinem Berliner Atelier.

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satt.org: Wie bist Du zu diesem Projekt gekommen und woher kam die Entscheidung für den Metal?

Martin Eder: Ich spiele bereits seit Jahren Musik und mir wurde es irgendwann zu dröge, immer die üblichen Schemen zu haben: A-B-C oder A-B-A-B. Ich bin ein großer Fan experimenteller Klassik wie Stockhausen. Oder von den Sechzigern, als Leute anfingen, mit Tapeschleifen und elektronischen Geräten zu arbeiten. Auf diesem Feld haben wir angefangen, Stücke zu bauen, auch mit dem Streichersemble zusammen. Wir arbeiten in dieser Richtung, um ganz normale Strukturen aufzulösen. Die Leute brauchen immer eine Schublade: Ich weiß nicht, ob es Black Metal ist. Ich finde, es ist eines der interessantesten Genres. Es gibt kaum ein anderes Gebiet, in dem eine solche Diversität möglich ist. Es ist auf eine gewisse Art sehr tolerant. Black Metal ist eine der wenigen Möglichkeiten, sich nicht völlig dem Ausverkauf auszusetzen.

Musikalisch ist es ja gerade nicht eindeutig Black Metal, da ihr mit dem Tempo ganz schön runtergeht. Im Hintergrund hörte man gestern auf dem Konzert die typischen hochfrequenten Gitarren, die dem Genre zugeordnet werden können. Es stellt sich generell die Frage, wie weit man es dehnen kann.

Martin Eder: Darum geht’s eigentlich: Ich möchte keine Platten verkaufen, indem ich ein Genre bediene, sondern ich möchte es erforschen. Ob das dann Modern Jazz oder Black Metal genannt wird, ist mir eigentlich egal. Ich möchte einfach nur mit Musik die Grenzen sprengen, schauen, was ist hinter dem Vorhang und wie geht’s weiter. Ein sehr gutes Beispiel ist Bohren und der Club of Gore. Sie sind inzwischen wieder beim Barjazz angekommen, aber der Weg dahin ist das eigentlich Interessante. Es ist eigentlich kein Barjazz, sondern ein Ausreizen des Genres bis zum Get-no.

Denkst Du denn, dass Black Metal-Puristen dich als Eindringling wahrnehmen?

Martin Eder: Bestimmt. Aber den Effekt gibt es in jeder Szene. Es gab schon immer Genres, die dermaßen geschlossen waren, aber die interessanten Arbeiten sind immer außerhalb dieser Kreise passiert. Ich interessiere mich einfach nur für die Ästhetik des Black Metals, für die Musik und nicht so sehr für die Politik und welche Codes man fahren muss, um akzeptiert zu werden.

Als Maler bringst du sicher auch ein starkes Interesse von dieser Seite mit?

Martin Eder: Ja. Es gibt diesen Song von Roky Erickson: »Think of as One«. Alles ist gleich. Wenn man ein Bild malt, ist eine gewisse Hingabe und Intellekt vonnöten. Man muss genauso viel Energie und Zeit investieren, als würde man einen Song schreiben. Wenn man es nicht tut, merken es die Menschen. In meiner künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich viel mit Fake-Idyllen, mit dem hintergründigen Horror, der gerade in den Familien hinter der Alltagsfassade lauert. Wenn man Black Metal mit ein wenig Abstand betrachtet, so ist es ein Genre, das ganz bewusst Dinge negiert, in dem man – wie mit Attilas Kostümen – diesen Horror zelebriert, ihn sichtbar macht, ohne jetzt unbedingt selber in ihm leben zu wollen. Ich finde, im Black Metal wird das bestehende Grauen der Welt auf eine sehr produktive Art thematisiert. Ich fühle mich mit meiner Kunst, der Fotografie und auch meiner Musik inhaltlich sehr damit verbunden.

Du arbeitest bei deiner Malerei viel mit Kitsch. Kann das auch auf RUIN übertragen werden?

Martin Eder: Also, bei RUIN arbeite ich weniger mit Kitsch als mit Pathos. Pathos ist die Stufe von Kitsch, die mich am meisten interessiert. Pathos ist ein gewachsenes Gefühl, ein großes Gefühl, das aber nicht gefälscht wirkt. Kitsch hat immer eine Meta-Ebene von Lächerlichkeit oder man macht sich lustig. Pathos ist noch davor. Es gibt wunderbare Opern zum Beispiel oder griechische Volksmusik, die sehr pathetisch klingt, ohne lächerlich zu wirken. Bei der RUIN-Musik war das Pathos immer ein großer Teil. Diese Art von Pathos, die immer ein wenig ins Grauen tendiert oder in die Melancholie, ist bei RUIN absolut wichtig.

Ich habe an diesem Abend eine Sakralität gespürt. Vielleicht hängt das auch vom Setting ab. Man kann Black Metal an manchen Stellen durchaus als theologisch wahrnehmen, zumindest, was die Aussagen und die Ideologie angeht.

Martin Eder: Ohne katholisches oder protestantisches Feindbild würde es den Black Metal auch nicht geben. Der ganze Witz von Satan funktioniert ja nur, weil Leute an ihn glauben. Wenn es keinen Satan gäbe, gäbe es auch keinen Black Metal. Das Sakrale ist genau das Thema: Es bildet eine Idylle, eine heilige Atmosphäre, für viele Menschen vielleicht zu Recht, keine Ahnung, aber da passiert eben auch die Grausamkeit. Diese Ambivalenzen kann man in diesem Metal-Genre wirklich gut ausdrücken, auch visuell, mit Bildern oder Fotografien. Das Pathos ist eigentlich mein Vehikel, es zu transportieren. Die Grausamkeit, die getragen und schwer kommt.

Könntest Du dir bei RUIN auch mal vorstellen, die Slow-Motion herauszunehmen und schneller zu werden?

Martin Eder: Nein, eher werde ich noch viel langsamer. Ich bin ein großer Fan von Earth. Zuweilen sind sie mir zu amerikanisch im Americana-Style, aber es gibt wundervolle Platten von Earth.

Einige Bildende Künstler haben sich ja bereits mit Black Metal beschäftigt. Wäre das für Martin Eder ebenso eine Option?

Martin Eder: Ehrlich gesagt, fand ich Bjarne Melgaard ein wenig doof. Black Metal heißt nicht, dass ich mit einer schwarzen Farbe wild gestisch rumkrakele und noch einen Sky dazu male. Oder dass ich einen blutverschmierten Lappen auf der Wand auf- und abmarschieren lasse. Das ist zum Beispiel Kitsch. Das hat auch mit Blut nichts zu tun. Blut ist der schwere Saft, der dich auch bremst. Wenn das Bremsende in der Musik rüberkommt, ist das viel finsterer als alle umgedrehten Kreuze und so weiter. Das geht viel tiefer. Es gibt auch dieses Fotobuch mit den Black Metal-Gesichtern. Gut, dann schmiert man sich mit schwarzer und weißer Farbe links und rechts an. Wunderbar, aber richtig finster ist das nicht.

Das hängt auch eng mit dem Pathos und der Komik im Black Metal zusammen. Es gibt zum Beispiel legendäre Videoclips der Norweger Immortal, die in ihrer Lächerlichkeit kaum zu toppen sind. Wobei ursprünglich selbstverständlich ein anderer Effekt beabsichtigt war.

Martin Eder: Ich bin ein großer David Lynch-Fan. Der schafft es, Grauen zu generieren, ohne Blut zu zeigen. So etwas interessiert mich musikalisch: Welche Töne muss ich spielen, damit ein gewisses Unbehagen entsteht? Das ist auch ein Schritt, wo ich noch viel tiefer einsteigen will.

Du übernimmst jedoch den Black Metal als Grundstimmung, ohne aber die Erwartungen unbedingt zu erfüllen. Das sah man gestern auch in der Bühnengestaltung, die ohne Firlefanz auskam.

Martin Eder: Ich finde es immer interessant, Erwartungen nicht zu erfüllen und zu überraschen, ohne sie zu kränken. Ich möchte überraschen, neue Türen aufstoßen. Es hört sich an, als ob man sich viel vornimmt. Aber ja, warum nicht? Es kostet ja nichts. Kann man ja machen.

Hast Du schon entsprechende Rückmeldungen bekommen?

Martin Eder: Ich merke schon, dass es auf extremen Zuspruch stößt, ohne jetzt der neue Hype zu sein. Drei Plattenfirmen haben sich bei mir schon nach Material erkundigt. Irgendwie läuft es recht gut, aber da kann man noch mehr machen. Hier unter dem Garten habe ich mein Tonstudio. Wir sind also unabhängig, wir müssen in kein anderes Studio gehen, wir haben Zeit, wir können es laufen lassen. Das gibt mir auch die Freiheit, Experimente zu machen.

Das Publikum gestern im Berghain war sehr gemischt. Wie waren denn die bisherigen Erfahrungen auf den Konzerten?

Martin Eder: In Paris waren sehr viele junge Leute da, aber auch eher nicht Metal. In den Berliner Sophiensälen war alles ein wenig gesetzt, da ist alles bestuhlt gewesen. Die Leute sitzen und haben keinen Drink in der Hand. Da ist es einfach ruhig im Laden. Da kann man als Band ganz anders agieren. Das ist eigentlich interessanter. Die Musik, die ich mit RUIN gerade mache, braucht einen gewissen Willen zum Zuhören. Gestern zum Beispiel stand eine Frau links vor der Bühne, die ständig mit ihrer lauten Stimme quasselte. In Brüssel war auch alles bestuhlt. Das nimmt auch ein wenig dieses typisch männliche Rock-Gehabe raus. Es ist einfach ein anderes Zuhören. In einer solchen Umgebung kommt natürlich ein Drone, der ziemlich auf die Zwölf geht, viel massiver, als wenn Du bereits von einer Lautstärke von Leuten umgeben bist.

Wirst Du das RUIN- und Kaleidoskop-Projekt auch malerisch begleiten?

Martin Eder: Nee, das macht keinen Sinn, das direkt zu mischen. Was das Eine für die Augen, ist das Andere für die Ohren. Aber nicht aus einem Guss. Das Artwork zu unserem Album werde ich jedoch selbst gestalten. Wir haben hier im Haus ein Label gegründet: le bonbon noir. Wir sind soweit, dass wir alles selbst herausbringen, vielleicht mit einem Metal-Label zusammen, weil wir dann über alles selbst Kontrolle haben. Nachdem es sowieso keine Plattenfirmen im großen Stil mehr gibt, machen wir dann auch den Vertrieb selbst, auch wenn es mit viel Arbeit verbunden ist. Wir haben ja auch bereits Angebote vorliegen. Vor allem soll es das Album auch in Läden zu kaufen geben. Und nicht nur im Untergrund.


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