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Die Box




8. Mai 2010
Thomas Backs, Ronald Klein
und Christina Mohr
für satt.org

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  Daniel Johnston: Beam Me Up
Daniel Johnston: Beam Me Up
(Hazelwood)


Daniel Johnston: Beam Me Up

Als Daniel Johnston Anfang April seine Clubtour in Deutschland absolvierte, schlummerte die isländische Aschewolke noch friedlich im Inselvulkan. Besser so. Denn so blieb dem sensiblen Ausnahmekünstler das Flugchaos erspart, das für ihn nur ein Déja-Vu bedeutet hätte. 1990 brachte er die Maschine, in der er sich mit seinem Vater befand, zum Absturz. Abgesehen von ein paar Blessuren verletzte sich keiner der Anwesenden wirklich schwer. Jene Episode scheint trotzdem symptomatisch für die knapp 30-jährige Karriere des US-Amerikaners. Die ewigen Ups and Downs spiegeln die manische Depression wider, an der der 49-jährige leidet. Bereits seine ersten Kassettenveröffentlichungen sorgten für Aufmerksamkeit. Ebenso die schrägen Comic-Strips, die mittlerweile von Museen ausgestellt werden. Doch Kollaborationen mit Sonic Youth beispielsweise endeten im Desaster, da sich der Krankheitsverlauf als unberechenbar erwies. Ebenso schwer zu greifen scheint die Liebe, von der Johnston auf seiner neuen Platte singt. Während er der Angebeteten das Herz zu Füßen legt, äußert er im gleichen Atemzug unmissverständlich seinen tief verwurzelten Selbsthass. David Bowie, Tom Waits oder auch die Eels lieferten im Laufe der Zeit beeindruckende Coverversionen Johnstons ab. Doch am intensivsten bleibt noch immer das Original. „Beam Me Up“ begleitet die elfköpfigen niederländischen Jazzcombo B.E.A.M. Orchestra. Erscheint es anfangs mehr als gewöhnungsbedürftig, den gewohnten LoFi-Sound nun mit stellenweise üppigen Arrangements zu erleben, legt sich die Aufregung rasch. Gegen Johnstons schrägen Gesang, gegen sein eigenwilliges Klavierspiel kommt auch ein professionell agierendes Orchester nicht an. Johnstons Charisma nimmt auch unter besseren Produktionsbedingungen den Hörer bedingungslos gefangen. Schließlich handelt es sich bei den meisten Tracks um alte Klassiker, die trotz der Neueinspielung noch immer so klingen als würde der Maitre sich genüsslich mit einem Messer im Herz rumbohren. Wen diese Klangästhetik kalt lässt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. (Ronald Klein)


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  Paul Weller: Wake up the Nation
Paul Weller: Wake up the Nation
(Island/ Universal)
» paulweller.com


* Learning English, lesson 2: In puncto Glaubwürdigkeit fände ein für The Jam schwärmender David Cameron in Deutschland seine Analogie in folgenden musikalischen Vorlieben neoliberaler Rattenfänger: Fehlfarben, Abwärts, DAF (Guido Westerwelle) oder Tocotronic, Kettcar, Wir sind Helden (Christian Lindner). Zum Beispiel.



Paul Weller: Wake up the Nation

Wenn Paul Weller ein neues Album veröffentlicht, sind ihm im englischsprachigen Europa die mediale Aufmerksamkeit und viele Titelblätter der Monthlies sicher. Nachdem sich Weller vor zwei Jahren mit den „22 Dreams“ zum 50. Geburtstag ein Geschenk gemacht hatte, auf das er nach eigenen Worten heute noch mächtig stolz ist, wird die Ikone in diesen stürmischen Zeiten mit „Wake up the Nation“ nun wütend und ganz schön krachig.

Musik, Lebenseinstellung und Politik sind beim ehemaligen Kopf von The Jam und The Style Council eben untrennbar miteinander verbunden. Das konnten auch die PR-Berater des britischen Tory-Vorsitzenden gerade erst im irischen Magazin „Hot Press“ nachlesen. Angesprochen auf David Camerons Schulzeit und die angebliche Vorliebe für The Jam (O-Ton Cameron: „I don't see why the left should be the only ones allowed to listen to protest songs.“) wurde Weller sehr deutlich. „I've said it before and I'll say it again – which part of 'Eton Rifles' doesn't he get?“ wird er vom „Hot Press“ zitiert: „The can re-brand all they want, but there's fuck all difference between the Tories now and the way they were under Thatcher.“* Für seinen Weckruf an die Nation („Get ya face out the Facebook and turn off your Phone!“) hat der Modfather neben seinem Spezi/Studiogitarristen Steve Cradock (Ocean Colour Scene) und Co-Songwriter/ Produzenten Simon Dine erneut eine illustre Zahl an Mitmusikern versammelt, Kevin Shields (My Bloody Valentine) gehört bei zwei Songs dazu. Versöhnt hat sich Weller mit Bruce Foxton, zu hören ist der ehemalige Jam-Bassist auf „Fast Cars/ Slow Traffic“. Musikalisch und thematisch könnte das schon fast Part 2 für den Klassiker „Fast Cars“ der alten Weggefährten Buzzcocks sein. Wurde ja auch mal Zeit. Energischer, klassischer Rock, der ist auf „Wake up the Nation“ zu hören, ab und an werden Weller und Kollegen aber auch richtig soulig. „Andromeda“ und „Aim High“ sind zwei dieser entspannt groovende Perlen, für den Höhepunkt „No tears to cry“ wurde dann auch gleich die britische Drummer-Legende Clem Cattini (The Tornados) reaktiviert. (Thomas Backs)


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  Good Weather Girl: Boon
Good Weather Girl: Boon
(Hazelwood)
» myspace


Good Weather Girl: Boon

Manche Bands geben der Rezensentin gleich mehrere Steilvorlagen an die Hand, Good Weather Girl aus Camden Town, London zum Beispiel: Um eines toten Freundes zu gedenken, nahmen Dion Lucas und ihr Bruder Shem den Song „Don't Worry“ auf und stellten ihn ins Netz. Gordon und Wolfgang vom Frankfurter Label Hazelwood fanden „Don't Worry“, verliebten sich in den Track und kontaktierten die Geschwister. Dion und Shem zierten sich zunächst, ließen sich schließlich aber doch überzeugen, dass ein komplettes Album her muss und gingen ins Studio – und vergaßen beinah zu erwähnen, dass sie die Kinder der legendären Soo Catwoman sind, die in der Londoner Punkszene der siebziger Jahre eine wichtige Rolle spielte. Das nennt man wohl britisches Understatement....Trotz des jugendlichen Alters der Lucas-Geschwister ist „Boon“ ein Nostalgie-Album für die Spätachtziger-Generation geworden: Zwölf schrammelige, minimalistisch ausgestattete Indie-Gitarrenpopsongs, die man Akustikpunk oder Punkfolk nennen kann. Bands wie die Throwing Muses, Wedding Present oder die Vaselines kommen einem in den Sinn; Dions heiseres Stimmchen liegt immer etwas schief neben der Melodie und erinnert an die junge Björk zu guten, alten Sugarcubes-Zeiten. „Black Coffee Days“, „Summer's Here Again“, „I Haven't Seen Paris“ und natürlich „Don't Worry“ sind die kleinen, feinen Hits dieses charmanten Albums, das man eigentlich auf Cassette aufnehmen und auf dem alten Recorder abspielen müsste, den man im Studentenwohnheim hatte.


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  Caribou: Swim
Caribou: Swim
(City Slang)
» caribou.fm
» myspace


Caribou: Swim

“Platte der Ausgabe“ in der aktuellen Spex, nur fünf Punkte von möglichen zehn vom Spiegel-Rezensenten: erstaunlich fast, dass das neue Album von Dan Snaith alias Caribou so unterschiedliche Einschätzungen provoziert. Denn eigentlich ist „Swim“ ein Konsensalbum par excellence, und das ist ausdrücklich nicht böse gemeint. Caribou verabschiedet sich auf „Swim“ fast vollständig vom psychedelisch angehauchten Sixties-Pop und -Folk, der den Vorgänger „Andorra“ bestimmte und probiert sich auf dem Dancefloor aus. Das Ergebnis lässt sich á la Amazon-Tipp kurz resümieren: Wer „Swim“ mag, dem gefallen auch Hot Chip und Whitest Boy Alive. Aber der Doktor der Mathematik aus London ist noch experimentierfreudiger und klüger als die beiden anderen Acts, und bei aller Brillenträger-Anmutung, die vor allem von Snaiths fragiler Falsettstimme herrührt, birgt „Swim“ lauter unerwartete Wendungen. Die neun Tracks von „Odessa“ bis „Jamelia“ sind treibend basslastig, dabei immer der Melodie verpflichtet – ohne sich in vorhersehbare Refrains oder „Höhepunkte“ hineinzubagatellisieren. Die Lyrics sind oft nur Fragment, Wort-Loops wie in „Sun“ wirken wie Gedankenskizzen. Die 15-(!)-köpfige Begleitband - oder sollte man besser Orchester sagen? -, bestehend unter anderem aus Kieran Hebden alias Four Tet und Luke Lalonde, Sänger und Gitarrist von Born Ruffians, lässt unter Snaiths Regie traditionelle Instrumente und moderne Elektronik ineinander“schwimmen“. Der Albumtitel „Swim“ ist durchaus programmatisch zu verstehen, die Songs/Tracks floaten, tauchen ab und auf, kraulen vorwärts, immer vorwärts. Snaith selbst wollte „Dance music that sounds like it’s made out of water rather than made out of metallic stuff like most dance music does.“ „Swim“ ist tendenziell melancholisch wie jede gute Musik, aber mit erstaunlich saftigen Details wie den Cowbells in „Bowls“ zum Beispiel oder Dubstep-, Techno-, Synthie- und Beach Boys-Surfpopelementen an anderer Stelle. Auch wenn es angesichts der vielen MusikerInnen paradox klingt, wirkt „Swim“ nie überladen, sondern kompakt und elegant – wie ein Delphin. Vielleicht sollte Mr. Snaith sich vom Caribou trennen und über einen anderen tierischen Künstlernamen nachdenken.


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  Hole: Nobody's Daughter
Hole: Nobody's Daughter
(Cherry Forever Records/ Mercury/ Universal)


Hole: Nobody's Daughter

Es ist die Sensation des Frühjahrs 2010: „Nobody's Daughter“, das seit Jahren angekündigte Album von Courtney Love und ihrer Band Hole erscheint tatsächlich! Man wollte an die Veröffentlichung nicht mehr recht glauben, zu oft wurde das Erscheinungsdatum verschoben, und über Courtney Love las man nur noch in der Klatschpresse, die sich genüßlich an ihren verunglückten Beauty-OPs, Drogen- und Magersuchtproblemen und dem Sorgerechtsstreit um ihre Tochter weidete. Es bedarf keiner weiteren Aufzählung, es ist eh' klar: Bei der einstigen Riot Grrrl-Ikone Love geht es schon lange nicht mehr um Musik. Spätestens seit dem Suizid ihres Ehemanns Kurt Cobain war Love in der öffentlichen Wahrnehmung hauptsächlich die Witwe, weit weniger die – im übrigen großartige - Gitarristin, Texterin, Sängerin. Und Courtney kam irgendwie vom Wege ab, ob eigen- oder fremdgesteuert, sei dahingestellt. Das letzte Hole-Album „Celebrity Skin“ erschien 1998, Loves Solo-Platte „America's Sweetheart“ 2004, mit ihrer Ex-Bandkollegin Bassistin Melissa auf der Maur verkrachte sie sich spektakulär. Schwenk nach 2010: Sind es überhaupt noch Hole, die man auf „Nobody's Daughter“ hört? Ist nicht Courtney Love seit langem jemand anderes, jemand, die fast verzweifelt versucht, so tough und unantastbar wie Madonna zu sein, bis an die operierte Nasenspitze? Und die Band: Die Originalbesetzung existiert schon lange nicht mehr, drei junge sportliche Männer hat Courtney jetzt um sich geschart, keine andere Frau stiehlt ihr mehr die Schau ... Aber kommen wir endlich zur Musik, den Texten: Courtney Love ist immer noch eine wütende Frau, Titel wie „Skinny Little Bitch“, „Never Go Hungry“, „How Dirty Girls Get Clean“ und „Loser Dust“ machen das mehr als deutlich. Produzent Michael Beinhorn (Korn, Marilyn Manson) verpackt alles in einen recht antiquierten Post-Grunge-Sound, der ins Stadion will und ganz laut R!O!C!K! schreit, denn: Courtney Loves Hole anno 2010 sind keine Riot Grrrls, sondern eine sehr amerikanische Rockband, die schwere respektive schwerfällige Gitarrenbretter vom Stapel lässt, mit dröhnendem Bass und grollenden Drums... so weit, so unaufregend. Toll dagegen ist Loves Stimme, die gänzlich unoperiert, sondern rau und zornig klingt und ja, alt, doch „alt“ soll ein Kompliment sein, auch wenn es für Love die schlimmste Beleidigung sein mag. Songs wie „Honey“ und „Someone Else's Bed“ stechen klar heraus und sind fast so gut wie Hole zu „Live Through This“-Zeiten. Dass die von Love-Freundin Linda Perry/Four Non Blondes komponierte „Powerballade“ (so die Presseinfo) „Samantha“ ursprünglich für Christina Aguilera gedacht war und nun von Courtney Love gesungen wird, verrät als kleine Fußnote mehr über den aktuellen Status von Hole, als allen Beteiligten lieb sein kann.


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  Dum Dum Girls: I Will Be
Dum Dum Girls: I Will Be
(Sub Pop/Cargo)
» myspace


Dum Dum Girls: I Will Be

1984 hatten Talk Talk mit „Dum Dum Girl“ einen ziemlich großen Hit. Ob die kalifornische Musikerin Dee Dee Penny, bürgerlich Kristin Gundred, Talk Talk mag, wissen wir nicht – aber, ihr Künstlerinnenname verrät es, die Ramones: „I wanted my band to sound like the girls who went out with the Ramones“, sagt die Gitarristin und Sängerin über ihr Projekt Dum Dum Girls, denn Miss Penny ist das einzige feste Bandmitglied, live und im Studio wird sie von wechselnden Musikern unterstützt. Die Ramones sind nicht der einzige Link in die Vergangenheit: das Albumcover zeigt Dee Dees Mutti im Jahr 1972, musikalisch bieten die Dum Dum Girls ein stilistisches Potpourri aus Sixties-Girlgroup-Gesang, Garagenrock, frühem Punk und Wave, Surf- und Indiepop; produziert wurde „I Will Be“ von Richard Gottehrer, der in den siebziger Jahren für Platten der Voidoids oder Blondie verantwortlich zeichnete. Es ist schon ulkig: Bands wie The Raveonettes, Crystal Stilts, The Ettes, Vivian Girls und eben Dum Dum Girls werden per se cool gefunden, weil – oder obwohl! - sie sich an längst vergangenen Epochen orientieren. Und Vorbilder wie die Ramones oder Jesus and Mary Chain waren zu ihrer Zeit schon retro, weil sie sich, ironisch oder nicht, auf Bands wie die Beach Boys und Velvet Underground bezogen. Wir wollen an dieser Stelle keine Diskussion anzetteln, warum man alte Sachen/Klänge manchmal anziehender findet als moderne Sounds, sondern wollen trotzdem oder deswegen „I Will Be“ vorbehaltlos empfehlen: Songs wie „Bhang Bhang, I'm A Burnout“, „Baby Don't Go“, „Yours Alone“ oder das in gebrochenem Deutsch gesungene „Oh Mein M“ bringen die Ronettes und die Ramones zusammen, sind düster und sonnig zugleich, gehören in den versifften Kellerclub und an den Baggersee. Die elf Songs auf „I Will Be“ sind wirklich cool – und Dee Dee Penny sollte ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, ihre Band klingt, als könnten sich die Ramones ganz schön was drauf einbilden, wären sie jemals mit den Dum Dum Girls ausgegangen.


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  Iggy & The Stooges: Raw Power
Iggy & The Stooges: Raw Power
(Legacy Edition, 2 CDs, Columbia/ SonyBMG)
» iggypop.com


* das aktuell in einer ungewöhnlichen und hinreißenden Version auf Kristof Schreufs Album „Bourgeois with Guitar“ zu hören ist.



Iggy & The Stooges: Raw Power

Manchmal dauert's eine Weile: Am 15. März 2010 wurden Iggy & The Stooges in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Dabei hatten sich die originalen Stooges, die in ihrer Erstbesetzung The Psychedelic Stooges hießen, bereits 1967 in Ann Arbor, Michigan, gegründet. Mit historischem Material über die Band mit ihrem exaltierten Sänger James Newell Osterberg alias The Ig alias Iggy Pop ließen sich ganze Enzyklopädien füllen, kurz zusammengefasst: The Stooges sind die Blaupause für spätere Punkbands, noch vor den MC5 und New York Dolls. Die Stooges waren Punk, lange bevor es den Begriff gab; und jede Punkband, auch die Ramones und die Sex Pistols, mussten sich mit den Stooges messen und konnten daran nur scheitern. Bilder von Iggys selbstzerstörerischen Auftritten, bei denen er sich mit Erdnussbutter einrieb und in Scherben wälzte, gehören zum popkulturellen Kanon, ebenso wie die Songs des dritten Stooges-Albums „Raw Power“, das 1973 erschien und jetzt in einer aufpolierten „Legacy-Edition“ vorliegt. Beziehungsweise in zwei verschiedenen Versionen: „Legacy“ beinhaltet zwei CDs, das Originalalbum und das Livealbum „Georgia Peaches“ mit Aufnahmen von 1973; „Legacy Deluxe“ bietet außerdem noch eine DVD mit Interviews und aktuellen Liveaufnahmen und ein 48-seitiges Buch mit Texten von Henry Rollins, Joan Jett und Lou Reed und vielen Fotos u.a. von Mick Rock, der auch das berühmte Coverfoto von „Raw Power“ schoss.

Hört man „Raw Power“ heute (laut natürlich), ist man erschüttert von der ha, rohen Gewalt und unbändigen Energie, die die Stooges vor fast vierzig Jahren entfesselten – auch im Studio. Sie klangen tausendmal wilder und zorniger als die Rolling Stones, die in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren als „gefährlich“ galten und im Vergleich ziemlich zahm rüberkommen. Iggy Pop ist der verhaltensauffällige Zwilling Mick Jaggers, genauso schön und sexy, aber tendenziell gefährlich und lebensmüde. Die Stooges beendeten die Hippie-Ära, noch bevor diese richtig begonnen hatte. Songs wie „Search and Destroy“*, „Death Trip“ und „Raw Power“ führen den Amerikanischen Traum mit Schlagzeugdonnergrollen, Gitarrenlärm und Iggys Schreien ad absurdum. Braucht man auch heute noch (wieder). Die Stooges sind auf großer Reunion-Tournee auch in Europa zu sehen, einer fehlt allerdings: Gitarrist Ron Asheton starb 2009.


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  Jimi Hendrix: Valleys of Neptune
Jimi Hendrix: Valleys of Neptune
(Columbia/ SonyBMG)


Jimi Hendrix: Valleys of Neptune

Zu seinem Instrument fand Jimi Hendrix relativ spät, im Alter von 15 Jahren. Nichtsdestotrotz avancierte er bereits wenige Jahre später zu einem der gefragtesten Bühnenmusiker, der mit den Isley Brothers, Little Richard und den Supremes auftrat. Zu wirklichem Ruhm brachte es Hendrix jedoch als Solist. Vier legendäre Alben erschienen zu Lebzeiten zwischen 1967 und 1970, dem Todesjahr des damals 27-jährigen. Drei weitere Platten folgten unmittelbar posthum. Der Hunger nach weiteren Songs riss in den folgenden Jahrzehnten nicht ab. Unzählige Box-Sets mit Live- und Demoaufnahmen erblickten das Licht der Welt. Trotzdem gilt „Valleys of Neptune“ als kleine Sensation. Zwölf Songs, entweder bis dato unveröffentlicht oder im komplett anderen Soundgewand bekannt, verdienen tatsächlich das Prädikat „neues Album“. Der Eröffnungstrack „Stone Free“ besticht mit einem komplett unbekannten Arrangement, während der Titelsong bisher nur als Demo-Fragment bekannt war. Auch „Bleeding Heart“, eine Coverversion des Elmore-James-Blues-Klassikers blieb bisher selbst eingefleischten Fans vorenthalten. Auch die Instrumentals „Lullaby for the Summer“ und „Crying Blue Rain“ wären, wie die anderen Tracks, wohl auf ewig in den Archiven verstaubt, wenn nicht der Ehrgeiz bestanden hätte, statt einer neuen lieblosen Compilation wirklich Neues zu Tage zu fördern. Dass es dieses Material nicht mit den Klassikern aufnehmen kann, dürfte sich von selbst verstehen. Trotzdem handelt es sich um ein lebendiges, stellenweise groovendes Blues-Rock-Album, das nicht nur Hendrix-Fanatiker zu begeistern weiß. (Ronald Klein)


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