Anzeige:
Die Box




16. Juni 2008
 

Short Cuts-Logo
Juni 2008, zweite Hälfte:


Neue Platten von Paul Weller, Chumbawamba, John Matthias, Reverend's Revenge, Friska Viljor und Angst vor Clowns, vorgestellt von Thomas Backs, Thomas Stein und Ralf Pfeifer. Frau Mohr war im Urlaub und arbeitet trotz EM bis nächste Woche nach ...


Paul Weller:
22 Dreams
(Island/ Universal)

Paul Weller: 22 Dreams

Während talentierte Nachwuchskünstlerinnen in UK gerade die Musik von Dusty Springfield für sich entdeckt haben und mit einem gut geplanten Soulrevival radiofreundliche Singalongs für Cocktailpartys liefern, hat Paul Weller ähnliche Aktionen nicht mehr nötig. Zu seinem 50. Geburtstag macht sich Weller, der mit The Jam und The Style Council eifrig an der Musikgeschichte mitgeschrieben hat, selbst das schönste Geschenk: „22 Dreams“ ist eine 70-minütige Reise mit Soul und Rock, aber der große Meister lässt zwischendurch auch Ausflüge in die Bereiche Free Jazz und Tango erklingen und vertont zudem ein Kinderlied („Lullaby für Kinder“). 21 Träume gibt es in musikalischer Form, „The Missing Dream aka Dream # 22“ findet sich im Booklet als Text des britischen Autoren Simon Armitage.

Bei aller künstlerischer Freiheit, die sich Weller leisten kann, ist ihm der kommerzielle Erfolg in der Heimat ohnehin sicher. Mit der ersten Single-Auskopplung „Have you made up your mind“ und mit „All I wanna do (is be with you)“ an denen sein langjähriger Gitarrist Steve Cradock (Ocean Colour Scene) mitgewirkt hat, liefert er wunderschöne, entspannte Songperlen, mit denen „22 Dreams“ die offiziellen britischen Charts auf der Spitzenposition enterte. Klar, die britische Musikpresse machte einen Riesenfez aus der Tatsache, dass sowohl Noel Gallagher als auch Graham Coxon (früher Blur) an den Aufnahmen in Wellers eigenen Black Barn Studios in Surrey beteiligt waren. Ihre Beiträge sind nett, sorgen aber nicht für Begeisterungsstürme. Noel Gallagher nahm seinen Oasis-Kumpel Gem Archer mit ins Studio, um mit „Echoes round the sun“ einen Track beizusteuern, der auch eine durchschnittliche Oasis-B-Seite hätte sein können. Und Gitarrist Coxon trommelt auf dem schönen „Black River“. Wenn es nicht groß durch die einschlägigen Medien gegeistert wäre, dann wäre es wohl nicht weiter aufgefallen.

Wer von Downloads gelangweilt ist, der hat bei „22 Dreams“ die freie Wahl: Wellers Träume sind wahlweise als Vinyl-Doppelalbum, Deluxe-Doppel-CD und als einfache CD erhältlich. Für Completists gibt es auf der Bonus-CD Demoversionen, den Song „Rip up the pages“ und eine Instrumentalversion von „Big Brass Buttons“. (Thomas Backs)

Paul Weller live 2008: 2. Oktober: Eindhoven, Effenaar, 3. Oktober: Brüssel, AB Club, 4. Oktober: Amsterdam, Paradiso, 6. Oktober: Köln, E-Werk, 7. Oktober: Berlin, Columbiahalle, 8. Oktober: Hamburg, Docks, 10. Oktober: Heidelberg, Stadthalle, 11. Oktober: München, Tonhalle, 13. Oktober: Wien, Konzerthaus


» www.paulweller.com



Chumbawamba:
The Boy Bands have won
(Westpark Music)

Chumbawamba: The Boy Bands have won

Haben die Boybands wirklich gewonnen? Die Casting-Show-Produzenten, Coverbands und der kleine, dicke Ex-Tänzer von Take That? Wer den neuen Albumtitel von Chumbawamba liest, muss unweigerlich schmunzeln und kann sich denken, dass die ehemaligen Hausbesetzer und Kämpfer eisig kalter Thatcher-Tage aus Leeds das nicht wirklich ernst meinen. In der Tat ist „The Boy Bands have won“ nicht der volle Albumtitel. Der komplette Titel ist mit 156 Wörtern der vielleicht längste der Musikgeschichte. Mit ihrem neuen Album sind die Fünf zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und liefern 25 Songs in einem bunten Stilmix aus Folk und Pop mit gelegentlichen A-Capella-Einlagen und zumeist politischen und gesellschaftskritischen Texten. Das Internet ist nach der Single „On Ebay“ (2004) mit „Add me“ diesmal die Zielscheibe eines herrlich sarkastischen Songs über Onlinenetzwerker und Kontaktseiten. „My favourite thing about the internet is that you get to go into the private world of real creeps without having to smell them“ wird Penn Jillette im Booklet des Albums zitiert. Bertolt Brecht wurde vor 110 Jahren geboren und wird von Chumbawamba besonders gewürdigt. Im tollen Song „(Words flew) right around the world“ mit den wunderbaren Lyrics „Bert told Brecht/ Brecht told Bert/ Words like birds flew right around the world“. Und, was besonders schön ist: Anders, als seit Bobby Darin, Louis Armstrong oder The Doors allgemein üblich, vertonen Chumbawamba keinen Brecht-Standard aus der Zeit mit Kurt Weill, sondern wählen mit “To a little radio” (Original-Titel: “Auf den kleinen Radioapparat”) ein Werk aus Brechts kurzer finnischer Exil-Zeit, das gemeinsam mit Hanns Eisler vertont wurde. Weitere Highlights dieses sehr schönen, lustigen, aber auch nachdenklichen Albums sind „El Fusilado“, ein Song über den Mann, der in Mexiko 1915 eine standesrechtliche Erschießung überlebte, und „Waiting for the bus“, ein Song über Gary Tyler, der in den USA seit 1975 nach einem von Amnesty International und vielen anderen Beobachtern als unfair eingestuften Gerichtsprozess wegen angeblichen Mordes in Haft gesessen hat. Mit „Bury me deep“ gibt es auf „The Boy Bands have won...“ zudem einen weiteren Song über “Queen Thatcher”. Chumbawamba haben auf „The Boy Bands have won“ nicht kopiert, sondern neue eigene Songs geschrieben, kombiniert mit recyceltem Material aus der Kulturgeschichte, unter Mitwirkung von Gästen wie Oysterband, Roy Bailey, Robb Johnson, Barry Coope und Jim Boyes. Im deutschsprachigen Raum wurde die neuen Songs bereits im Frühjahr auf der Bühne präsentiert, eine weitere Tour folgt im Herbst 2008. (Thomas Backs)

Chumbawamba live 2008: 06. November: Köln, Underground, 7. November: Utrecht, Tivoli, 9. November: Dortmund, FZW, 11. November: Basel, Parterre, 12. November: Winterthur, Salzhaus, 13. November : Dornbirn, Spielboden, 14. November: Salzburg, Arge Kultur, 15. November: Wien, Wuk


» www.chumba.com
» www.westparkmusic.de



John Matthias:
Stories from the Watercooler
(Counter Records/ Rough Trade)

John Matthias: Stories from the Watercooler

Zwölf Short Storys mit Themen wie alternative Heilmethoden, Telefon-Banking oder Boxsport bietet John Matthias auf seinem zweiten Solo-Album “Stories from the Watercooler” an. Modernen Folk mit akustischer und elektrischer Gitarre und Streichern gibt es in dieser Geschichtensammlung, die von den befreundeten Jonathan More (Coldcut) und Roy Merchant produziert worden ist. Beteiligt ist auch „The Brain“, ein moderner Sampler, den Violinvirtuose John Matthias als Mitglied des Interdisciplinary Centre for Computer Music Research an der University of Plymouth entwickelt hat. Wer bei den langsamen und leicht zähen Erzählungen „Viper's nest“ und „I will disappear“ nicht gleich zu Beginn der Sammlung aussteigt, der wird bei „Blind lead the Blind“ mit schönem Synthiepop belohnt und bei Songs wie „Stockwell Road“ und „Evermore“ feststellen, dass John Matthias nicht nur ein hervorragender Storyteller und Soundtüftler ist, sondern auch ein bemerkenswerter Songwriter. Befreundet ist John Matthias seit langen Jahren mit Thom Yorke, mit dem er zu gemeinsamen Unizeiten in Exeter, Devon auch in einer Band gespielt hat und zudem als Violinist an Radioheads Meisterwerk „The Bends“ (1995) beteiligt war. (Thomas Backs)


» myspace.com/johnmatthiasmusic



Reverend's Revenge:
Ooh wah wah
(Hazelwood/Indigo)

Reverend's Revenge: Ooh wah wah

Jede Menge Spaß und Good Vibrations bringt das Debüt von Reverend's Revenge, das mit seiner freudigen Surf & Boogaloo-Stimmung der perfekte Soundtrack für lange Sommer-Partys ist. Eröffnet wird „Ooh wah wah“ mit der Catweazle-Melodie als Surf-Song, Steven Gaeta (Universal Congress Of und Kool Ade Acid Test) seziert mit seiner Twang-Gitarre auch Klassiker wie „Apache“ (The Shadows), das „Munster's Theme“ und den „Baby Elephant Walk“ (Henry Mancini). Reverend's Revenge ist ein Seitenprojekt der Mardi Gras.bb-Posse. Reverend Krug holte sich Steven Gaeta mit an Bord, im Studio wirkten auch Doktor Wenz (Tiger Orgel), Maria Timm Wachmann (Chor) und der Rest von Mardi Gras.bb mit. Neben einigen Klassikern gibt es unter den 15 Titeln des Albums einige neue Songs, die Steven Gaeta geschrieben hat und sich nahtlos in dieses Gute-Laune-Album einfügen. (Thomas Backs)


» www.reverendsrevenge.de
» www.hazelwood.de



FRISKA VILJOR:
Tour De Hearts
(DevilDuck/Indigo)

FRISKA VILJOR: Tour De Hearts

Friska Viljor! 2007 vielleicht die großen Abräumer auf den Festivals. Keiner hatte sie auf dem Schirm und dann stehen da zwei etwas kauzig aussehende Schweden und verzücken die Menschenmassen durch Mandolinen versüßte Melodien, schrägem Gesang und ihrer sympathischen Art. Zwei Jungs, die 'nem Bierchen nicht abgeneigt sind und einfach das Leben genießen. Ihr Album “Bravo” fand in der Popgemeinde wahres Wohlgefallen. Vor allem der Song "Shot Gun Sister" fraß sich in die Gehirnzellen, sodass ein jeder nach dem ersten Refrain mitsang. Ja, mitsingen musste, da dieser einfach zu ansteckend wirkte. Dass es eine Band nach solch einem beliebten Album schwer hat, ist klar. Mit "Tour De Hearts" meistern Daniel Johansson und Joakim Sveningsson die auferlegte Hürde mit Bravour. Der Superohrwurmhit fehlt, dagegen bestechen Songs wie "Old Man", "The Cure", "Taste Of Her Lips" und "Arpeggio" durch spürbare Tanzbarkeit. Arschwackeln ist angesagt, Arschwackeln ist auch ansteckend. Daneben fühlt sich "On And On" fast wie eine Hymne an. Ein Friska Viljor'sche Hymne. Friska Viljor bleiben sich treu und verlassen sich auf das, was sie können: traurige Texte über verlorene Liebschaften in verzaubernde Melodien verpacken. Ohne jeglichen Zwang besticht auch "Tour De Hearts" durch seine Leichtigkeit, ohne als Kopie des Debüts dazustehen. Ein tolles befreiendes Album, welches einem die Sonne aus dem Allerwertestem scheinen lässt. Und bevor ich es vergesse: Ja, Glockenspiel und Mandoline sind auch vorhanden. Fein, gelle?! Noch was: hingehen und auf der Bühne erleben. Es wird niemand bereuen! (Thomas Stein)


Angst Vor Clowns
(blu Noise/Alive)

Angst Vor Clowns

Angst vor Clowns? Das is` ja lustig – hahaha. Und wer macht da mit? Gerd Knebel von Badesalz? „Gerd bist Du`s? Ach klasse!“. Der is' aber auch so witzisch...

Wer diesen Ansatz wählt, wird sich wundern! Coulrophobie ist eine Phobieform, die tatsächlich die Angst vor Clowns benennt. Stephen King sei Dank, kann sich wohl jeder etwas darunter vorstellen. Wenn nicht, schaue man sich die Rückseite der CD an: ein diffuser Gerd Knebel mit Clownsnase droht dem Zuschauer mit dem Metzgerbeil, das im Vordergrund deutlich zu sehen ist. Die Musik wird mit diesem Bild gut umschrieben: oberflächlich betrachtet brachial und zynisch, wenn man genauer hinschaut, zeigen sich sensible und empathische Züge. Zusammen mit Aren Emirze (Harmful) hat der ehemalige Flatsch!-Sänger ein hartes Gitarrenalbum vorgelegt, das bei Blunoise Records erschienen ist. Der Sound ist aggressiv und ruhelos, von vielen Breaks und Tempiwechseln gezeichnet. Die Texte, allesamt von Knebel, sind bissig, auch böse, und durchsetzt von seinem teils abseitigen Humor. Thematisch bewegen sie sich zwischen gesellschaftlichen und sehr persönlichen Geschichten: den Folgen der Gesundheitsreform, kleinen dicken Männern in öffentlichen Toiletten und dem Schmerz des Verlassenwerdens. Die Stimme ist es, die das Album prägt. Es dauert nicht lange, die sich aufdrängenden Assoziationen (s. o.) zu vertreiben. Spätestens beim zweiten Hören spielen sie keine Rolle mehr. Text und Musik offenbaren immer mehr von sich, nehmen Fahrt auf und bekommen Tiefgang. Ein Album voller Energie, nicht nur für Freunde der hessischen Comedy. (Ralf Pfeifer)