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Die Box




15. April 2009
Manske
für satt.org

  Elektrokohle (Von Wegen)
»Elektrokohle (Von Wegen)«
auf dem »Achtung Berlin«-Festival:
Elektrokohle (Von Wegen)

Premiere zum deutschlandweiten Kinostart (28. Mai) am 27. Mai im Kino in der Kulturbrauerei.

Elektrokohle (Von Wegen)
Fotos © Fritz Brinckmann

Ebenfalls läuft:
»Der Tag«
(Regie Uli M Schueppel,
Musik: FM Einheit).
Eine tastende Annäherung an die »Alltäglichkeit« des letzten Tages in Berlin. Eine filmische Meditation über Leben, Zeit und Räume - und ihre Ausgänge. In dem Essay-Film wird der letzte Tag von 12 Verstorbenen in Berlin nachgezeichnet. Die unterschiedlichsten Angehörigen, BegleiterInnen und "PassantInnen" der Verstorbenen schildern aus dem Off diesen Tag vom jeweiligen Aufstehen bis zum Moment des Todes irgendwo in der Stadt. Dieser Moment erscheint mal völlig überraschend, mal auch herbeigesehnt und zwingend. Auf der Tonebene wird das "alltägliche Leben" als musikalische, und damit auch dramaturgisch gesetzte Sound-Collage inszeniert.

Noch bis 22. Mai läuft:
»Von Siemens-Plania zu Dong Xuan«
Lichtenberg vor 1989, nach 1989
Ausstellung – Fotografie – Originalton – Film von Peter Badel, Holger Herschel und Karl Karau im Museum Lichtenberg

Abriss, Um- und Neubau auf dem Gelände des ehemaligen größten Industriekohlenherstellers Osteuropas, gegründet als Siemens-Plania, des späteren VEB Elektrokohle Lichtenberg und heutigen Dong Xuan Centers.

Die Ausstellung visualisiert den Übergang von der Arbeit in der Industriegesellschaft vor 1989 zur Beschäftigung in der Dienstleistungsgesellschaft nach 1989, der Arbeiterinnen und Arbeiter, wie wir sie kennen, nutzlos macht. All das gibt es nicht mehr, und niemand erinnert sich mehr daran, will sich nicht gern daran erinnern. Ein Gegenwartsprozess, der in seiner Anziehungskraft und Sprunghaftigkeit in dieser Ausstellung in der Verbindung von Kunst, Dokument und Alltagskultur erfahrbar wird mit traditioneller analoger Film- und Fototechnik sowie mit digitaler Video- und Tontechnik.


Ernstfall und Steigerung

Auf dem »Achtung Berlin«-Festival: Uli M Schueppels Dokumentarfilm »Elektrokohle (Von Wegen)« über das erste Konzert der Einstürzenden Neubauten in Ostberlin. Manske (titel-magazin) interviewte Robert Mießner, Konzertgänger und im Film Mitwirkender.

Was bedeutete aus deiner Sicht die Musik der Einstürzenden Neubauten für die Fans in der DDR?

Ronald Galenza erzählt (in NM! Messitsch, 04 / 1993), wie er »Fünf auf der nach oben offenen Richterskala« für 110 Ostmark erstand. Zum Vergleich: Das waren circa drei Monatsmieten. Meine erste eigene Wohnung sollte 30 Mark kosten, mein erstes Lehrlingsgehalt betrug 120 Mark. Deine Frage kann ich natürlich nur völlig subjektiv beantworten. Die Rückschau wird Lücken haben, und was ich jetzt sage, hätte ich damals nicht so formulieren können. Stellen wir uns vor: Man wuchs in den späten Achtzigern in Ostberlin auf, kannte Punk aus dem Radio oder von auf dem Schulhof getauschten Kassetten. Plötzlich kam da mit den Neubauten ein völlig ungewohnter, weitaus radikalerer Ton. Musik, die eigentlich kein Rock mehr war. Deutsche Texte, die sich mit Alkoholmissbrauch und Polizeistaat gar nicht mehr aufhielten. Bei den Neubauten traf aufeinander, was man damals so machte: Expressionisten lesen, schräge Musik, je schräger desto besser, hören. Sie waren so was wie der Ernstfall, die Steigerung.

In dem Zusammenhang: Hört man sich die Musik an, die auf den beiden CDs zu »Spannung. Leistung. Widerstand« kompiliert ist, wird man feststellen, dass der Ost-Underground sehr künstlerisch und textorientiert war. Das ist recht nahe an Neubauten dran, ist mehr Performance als »nur« Musik. Dann muss ich dazu sagen, dass Aufnahmen der Neubauten, und wir reden jetzt hier nicht vom Gang in den Plattenladen um die Ecke, am schwersten aufzutreiben waren. Zwar spielte sie, ich kann es nicht oft genug betonen, Lutz Schramm an einem lebensveränderndem Sommerabend 1988 im Parocktikum, zusammen mit The Birthday Party und The Fall. Platten der Dead Kennedys oder von Joy Division gab es in den Kulturzentren der Bruderländer. Aber Neubauten – vergiss es.

Mit welchem Gefühl bist du 1989 zum Neubauten-Konzert gefahren?

Mit angespannter Erwartung, anders kann ich es nicht sagen. Es war ja nicht so, dass man wie heute abends in der Straßenbahn steht und von Menschen umgeben ist, die alle zu irgendeinem völlig aufregendem Event unterwegs sind. Auf meinem Weg von Berlin-Mitte zum VEB Elektrokohle in Lichtenberg musste ich einmal umsteigen, und ich bin der festen Überzeugung, dass ich mich zumindest auf der ersten Hälfte so fühlte, als wäre ich der einzige Mensch, der da hinfährt. Zum Glück sah das, je näher ich kam, ganz anders aus! Aber mit was für einem Gefühl bin ich zwei Stunden später wieder zurückgefahren? Was war da passiert? Ich wollte mir einen Tag darauf eins meiner geliebten Punk-Tapes anhören und habe nach einer Minute wieder ausgemacht. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Solo, Refrain, das kam mir plötzlich wie Popmusik vor. Was ich einen Abend vorher hörte, das hatte ein völlig anderes Kaliber.

Leider gibt es im Film fast keine Aufnahmen vom Konzert selbst. Wie war denn die Stimmung?

Zum Schluss gibt es doch längere Passagen. Es ist schwer, zwanzig Jahre später eine Stimmung ins Gedächtnis zu rufen. Ich erinnere mich, dass alle versuchten, in die vorderen Reihen zu kommen. Wenige Minuten nach Konzertbeginn wichen einige Leute, sie konnten einfach nicht mehr, instinktiv zurück, hatte sich zwischen Bühne und Zuschauern ein Abstand gebildet. Die Lautstärke war förmlich körperlich fühlbar. Hinzu kommt, dass das keine gewöhnliche Venue war. Das Konzert fand im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle, auf industriellem Terrain, statt. Im Film sieht das recht weitläufig aus, was mir zu der Zeit nicht so vorkam.

Was hast Du damals gedacht, als da plötzlich Heiner Müller mit auf der Bühne stand?

Wann fängt endlich das Konzert an? Im Ernst: Zwar kannte ich Müllers Foto aus der Zeitung, wusste, dass für die Hörspielversion seiner Fassung von Brechts »Der Untergang des Egoisten Fatzer« Musik der Neubauten verwendet wurde und sie für »Bildbeschreibung« sogar schon 1988 in Ostberlin waren. So verblüfft war ich also nicht. Ich müsste aber lügen, würde ich behaupten, ihn damals schon gelesen zu haben. Das kam später, nachdem er mit den Neubauten »Hamletmaschine« gemacht hatte, mit Blixa Bargeld als Hamlet und Gudrun Gut als Ophelia. Das Hörspiel lief kurz vor der Wiedervereinigung im Radio, und ich habe es mir lange Jahre an jedem 03. Oktober angehört.

Übrigens, das denke ich mir jetzt nicht aus, habe ich 1990/91 in Ostberlin einen schwarz-roten Aufkleber mit dem Schlusssatz Ophelias gesehen: »Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen«. Dass das von Susan Atkins, einer der Mörderinnen um Charles Manson, ist und Müller den Satz aus dem Life-Magazin hatte, wusste ich natürlich nicht. Müller selbst wurde dann in den frühen Neunzigern die beste Vorbereitung auf den Kapitalismus. Persönlich halte ich ihn immer noch für absolut aktuell, jeder Text eine Fundgrube mit explosivem Material.

Und wie fühlt man sich fast 20 Jahre danach am selben Ort?

Man will sich das Gefühl verbieten, aber irgendwie melancholisch. Das Gebäude steht ja noch, die Treppen und Türen sind noch da, sogar die alten Ostlampen hängen noch über den Eingängen. Nur, dass in dem Haus jetzt einer der größten Asiamärkte Deutschlands ist. Von der Produktion zur Konsumption: Als der VEB Elektrokohle noch Siemens-Plania hieß, hat Hans Garbe dort seine Neuererleistungen erbracht. Heiner Müller machte daraus den »Lohndrücker«. Garbes Aktionen waren 1949/50, das Konzert der Neubauten 40 Jahre später am selben Ort – ich glaube kaum, dass das Zufall war.

Wie haben die Filmemacher euch Konzertgänger von damals überhaupt gefunden?

Es gab einen Internetaufruf, der auf mehreren Seiten eingestellt worden war, und auf dem Neubauten-Konzert in Berlin am 24. Mai 2008 hing ein Flyer. Das Casting fand übrigens bei Minztee statt.

Wie wurdet ihr gebrieft? Waren die Aufnahmen eher spontan oder gab es eine Art Drehbuch?

Eine Mixtur aus beiden. Sprich, ein grober Rahmen, in dem spontan agiert werden konnte.

Habt ihr euch nach Vollendung des Films mal alle zusammen getroffen?

Aber klar doch. Im NBI, auch Austragungsort der letzten satt.org-Begeisterungsshow. Da gab’s dann aber keinen Tee mehr.

Ich nehme an, Du hast die Neubauten hinterher noch öfter live gesehen. Wie lässt sich der 21.Dezember 1989 deiner Meinung nach in die Bandgeschichte einordnen?

Ich traue es mich kaum zu sagen, aber ich habe sie danach ganze zweimal live gesehen. Einmal kurz 1996 im Tempodrom, anlässlich des Todes Rio Reisers mit vielen anderen. Und dann im vorigen Jahr, als sie in der Columbiahalle ein langes, sinnliches und wunderbares Konzert gaben. Schaut man sich aber die Gigograpie der Neubauten (auf fromthearchives.com) an, wird man feststellen, dass sie immer auch Performances an speziellen Orten gemacht haben. Das Konzert im Palast der Republik vom Herbst 2004 fällt mir da ein. Konkret zum 21. Dezember 1989: Das Besondere war wirklich, dass es das erste Konzert in Ostdeutschland war. Sie sollten Ende September 1989 auf dem Jazzfest in Leipzig spielen und blieben dann unerwünscht. Wer sich etwas länger auf fromthearchives.com rumtreibt, wird beispielsweise auch lesen, wie 1987 ein Konzert in der damaligen ČSSR gecancelt wurde, was unfriedlich endete. FM Einheit erzählt in dem zitiertem Roland-Galenza-Artikel, dass die Neubauten über Jahre versuchten, live im Osten zu spielen. Was dann mit dem Satz torpediert wurde, es gäbe in der DDR keine einstürzenden Neubauten. Oder der grotesken Einschätzung, sie seien Rechtsradikale. Erstes ist ja im Nachhinein fast noch lustig, das zweite zählt mit zum Beklopptesten, was sich beamteter Kunstverstand je geleistet hat.

Vielen Dank!

Ich habe zu danken.



» schueppel-films.de
» neubauten.org