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Die Box




Oktober 2006
Robert Mießner
für satt.org


Alexander Pehlemann, Ronald Galenza (Hrsg.): Spannung. Leistung. Widerstand
Magnetband­untergrund DDR 1979 – 1990

Verbrecher Verlag 2006

Alexander Pehlemann, Ronald Galenza (Hrsg.): Spannung.Leistung.Widerstand-Magnetbanduntergrund

192 S., inkl. Doppel-CD, 29,90 €
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east days in lost berlin*

Alexander Pehlemann & Ronald Galenza (Hrsg.),
Spannung. Leistung. Widerstand.
Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990
(inkl. Doppel-CD, compiliert von Bernd Jestram,
Bo Kondren, Ronald Lippok & Bert Papenfuß)

*Titel eines Gedichts von Stefan Döring; Rechtschreibung wie bei "Matthias" BAADER Holst in der ursprünglichen Variante beibehalten.

Erweiterte Orgasmus Gruppe, Aufruhr zur Liebe, Klick & Aus – Damen und Herren, Zuspätgeborene und Frühentgleiste, es geht auf uranhaltiges Terrain. In die Zeit vor Rammstein, in die Welt der Firma (aus Ostberlin, nicht aus Köln), in Nächte aus Tollkirsche und Aponeuron, um Morgen aus Analgin. Wer jetzt glaubt, im Osten hätten sie aber putzige Namen für den Schnaps gehabt, streiche die neue The Fucks (New York) und The Bugs (London) aus dem Monatsbudget, besorge sich dieses Buch nebst den beigelegten zwei CDs und mache in Zukunft einen weiten Bogen um den Hackeschen Markt, Berlin-Mitte, Hauptstadt. Es gilt zu entdecken: Punk, Poetry, Elektro, Dub, Avantgarde und Jazz aus Ostberlin und Mecklenburg, Karl-Marx-Stadt und Dresden. Zeitgleich zu Berühmten und Berüchtigten wie den Einstürzenden Neubauten, Throbbing Gristle und der Tödlichen Doris. Musik, entstanden in den ökonomischen Freiräumen, die der Osten zu bieten hatte, erschienen weder auf Vinyl noch CD, sondern auf dem Punkmedium schlechthin, auf akribisch gestalteten Kassetten. Vor drei Beispielen aus knapp fünfzig für Trotz und Triumph, Erfolg und Erlöschen noch eine persönliche Bemerkung: Heutzutage wollen sie alle jung und jünger sein. Ich wünschte, fünf Jahre älter zu sein und diese Musik, mir damals nur in ihren späten Ausläufern bekannt, aus erster Hand erlebt zu haben.

"Matthias" BAADER Holst: laß das mit dem Menschsein – lerne Bäcker

Matthias BAADER Holst und Peter Wawerzinek, Foto: Hartmut Beil
“Matthias“ BAADER Holst und Peter Wawerzinek, Foto: Hartmut Beil

Irgendwann in den achtziger Jahren, 1. Mai in Halle, Kampf- und Feiertag im ganzen Land: Ein Zwanzigjähriger veranstaltet auf dem Klement-Gottwald-Boulevard seine ganz eigene Demonstration. Das Gesicht hinter einer aufgesetzten Gasmaske, in deren Gummischlund er den Doors-Song The End brüllt, bahnt er sich seinen Weg durch die Feiernden. Name: Matthias Holst, geboren 1962, Baufacharbeiter, Hausbesetzer, Aushilfspostbote. Zuletzt ausgeübter Beruf: Bibliothekar. Der Sohn eines Englischdozenten und einer Universitätsangestellten hat hinter sich eine Kindheit, wie sie für viele der in diesem Band Versammelten prägend war. In den Worten des Literaturwissenschaftlers Peter Böthig: "Die meisten von uns: mit mittelmäßiger Schulbildung, Welterfahrung vom Trampen in Bulgarien, Nietzsche unter der Bettdecke gelesen." Holsts Schulbildung freilich ist außergewöhnlich; er baut sie aus in freiwilligen Überstunden im Zeitschriftenlesesaal der Universitätsbücherei seiner Heimatstadt. Expressionismus, die ganze literarische Moderne, Nietzsche und Schopenhauer – er kann sie aus dem Stehgreif zitieren, gefragt und ungefragt. Beginnt selber, Texte – Begriffe wie Lyrik, Assoziationsprosa und dergleichen mehr werden diesen waghalsigen Collagen nicht gerecht – zu verfassen. Er wird zur städtischen Berühmtheit und legt sich einen Künstlernamen zu. Der Vorname verschwindet in Anführungszeichen, in Großbuchstaben steht nunmehr BAADER – Verweis auf Andreas Baader wie den Berliner Dadaisten Johannes Baader.

Ab 1988 wird Berlin zum Aktionsgebiet des in Majakowskis Manier Kahlgeschorenen. Peter Wawerzinek, genannt ScHappy, schreibender Arbeiter im NARVA-Glühlampenwerk, ist von BAADERs Textkaskaden so angetan, dass er den Hallenser Kollegen in die Hauptstadt der DDR holt, ihm eine Wohnung im Prenzlauer Berg besorgt. Beide werden zum unheiligen Schrecken auf Künstlerpartys und Buchpräsentationen – es erscheint nur folgerichtig, dass BAADER Ende der Achtziger gemeinsam mit Flake Lorenz (Feeling B) und Bo Kondren (Ornament & Verbrechen) seine Texte zu Musik präsentiert. Das Unternehmen trägt den nicht zu kommentierenden Namen Frigitte Hodenhorst Mundschenk, eine Kassettenveröffentlichung ist zwischen bunt und bestialisch: all die toten albanier meines surfbretts betitelt. Die Auftritte sind sagenumwoben. Bo Kondren: "Es wurde überhaupt nicht geprobt. BAADER konnte jederzeit an die zehn Stunden frei rezitieren – leider im Konzert oft nach zehn Minuten im Liegen auf der Bühne. Es war sehr laut und stellte insbesondere durch BAADERs Texte das Publikum vor Probleme. So verliefen die Konzerte oft sehr kontrovers. Es war unmöglich vorauszusehen, wie das Konzert, wie der Abend endete." Ein knapp dreiminütiger Ausschnitt des sinnebetäubenden Spektakels wurde für eine der CDs ausgewählt. BAADER selbst, dem Wawerzinek im Buch eine detaillierte und sehr persönliche Erinnerung widmet, konnte es mit dem Menschsein nicht lassen, hat sich und seinem Körper zuviel zugemutet. Ende Juni 1990 ist er in der Oranienburger Straße in eine Straßenbahn gelaufen und am 30. Juni, wenige Stunden vor der Währungsunion, in der Berliner Charite gestorben. Eines seiner letzten Fotos zeigt ihn gemeinsam mit Wawerzinek im Museum für Naturkunde. Vor einem Schild mit der Aufschrift: "Ausgerottet".

Frank "Trötsch" Tröger: Ostberlin, entgrenzt

Die Firma, Trötsch 2. v. r., Foto: Hartmut Beil
Die Firma, Trötsch 2. v. r., Foto: Hartmut Beil

Die Auftrittsmöglichkeiten für den Magnetbanduntergrund waren rar gesät: wenige Clubs, dazu Schulturnhallen, Galerien, Kirchen. Und Irrenanstalten. Wo Flake Lorenz eines Abends mit Feeling B spielt. Vor ihnen entert ein Typ die Bühne, der selbst die einiges Gewohnten ihr Bier für 0, 40 Mark vergessen lässt: "Trötsch hat sich dort hingestellt und Gitarre gespielt. Ich dachte, hey!, warum wird dieser Typ nicht verhaftet? Das war absolut staatsfeindlich, was er von sich gab. Der war tätowiert und hatte so eine enorme Ausstrahlung, dass ich von ihm fasziniert war." Dass der Tätowierte bereits im Knast saß, weiß Lorenz in diesem Moment noch nicht. Die beiden werden Kollegen und Freunde, Trötsch bringt dem heutigen Rammstein-Keyboarder Klavierspielen bei. Und Kiffen. Im Osten wurde nicht nur anständig gesoffen, es gab noch andere Wege, das Gehirn in Schwung zu bringen. Trötsch: "83 fing das an mit den Hanfplantagen. Du konntest ja Riesenfelder machen, denn das kannte keine Sau im Osten." Zwei Meter fünfzig hoch wachsen die Pflanzen im Garten der Schwiegereltern; Nachbarn und Parteisekretäre fragen nach dem Namen der schönen Pflanzen. Gesundheitstee für seine Diabetes, antwortet Trötsch. Immer das selbe Kraut macht natürlich keinen Spaß. Also werden kurzerhand die Produkte des VEB Arzneimittelwerks Dresden, die Pillen der VEBs Apogepha und Berlin-Chemie zweckentfremdet: Aponeuron, Faustan und Radedorm. Analgin heißt die Katerpille danach.

Sie muss von Zeit zu Zeit bitter notwendig gewesen sein. Nach Trötschs wütenden Soloauftritten, den Gigs mit Die Firma, der politisch radikalsten Band des DDR-Untergrunds, wie den Konzerten und Projekten um Tacheles, Die Euphontherapie und Stoffwechsel – Improvisation, Experiment, im eigentlichen Sinne Jazz die letzteren und für Spannung. Leistung. Widerstand endlich aus dem Archiv geholt. Nach 1989 betätigt sich Trötsch als Clubbetreiber und beim Rundfunk. Anfang der neunziger Jahre dann der Skandal im Biotop, als öffentlich wird, er habe lange Jahre als IM gearbeitet. Aus einer Kneipe, deren Insassen Trötsch Jahre zuvor noch frenetisch gefeiert hatten, wird er mit dem Ruf "Du warst doch auch einer von denen" hinausgeworfen. Bevor jetzt das gerne gebrauchte Begriffspaar "Prenzlauer Berg & Stasi" fällt: Als er seinen Weg durch die Katakomben des Untergrunds antrat, hatte er weder einen Verleger in Westberlin im Rücken, noch dürfte er die Telefonnummer eines ARD-Journalisten im Adressbuch zu stehen gehabt haben. Der problematische Mythos, den der Magnetbanduntergrund dem Berliner Stadtteil mit vermacht hat, hatte keine Manager und Promoter. Sondern hauptsächlich auf sich gestellten Enthusiasmus.

Frank Bretschneider: Karl-Marx-Stadt und Klangforschung

AG. Geige, Frank Bretschneider r. a., Foto: Bernd Weise
AG. Geige, Frank Bretschneider r. a., Foto: Bernd Weise

Nichts wäre falscher, als an dieser Stelle permanent das Loblied Berlins zu singen. Noch heute gilt: Keine ernstzunehmende Tour, die nicht auch nach Chemnitz, bis 1990 Karl-Marx-Stadt, führt. Wo circa 1983 Frank Bretschneider ein heutzutage unglaubliches Sakrileg begeht. Er verkauft seine Plattensammlung. Den Erlös, 8.000 (in Worten: achttausend) Mark, investiert er in den ersten eigenen Synthesizer. Die selbe Summe, diesmal in Raten zu bezahlen, geht für einen C64 drauf, der als Drumcomputer fungieren wird. Bretschneider startet durch. Schon früh hat er sich für die Berliner Genialen Dilletanten, für Cabaret Voltaire, die Talking Heads und Throbbing Gristle begeistert, mit dem im Juli diesen Jahres vereinsamt gestorbenen Maler Klaus Hähner-Springmühl Free Jazz gespielt. Jetzt wird es Ernst. Reine Instrumentalmusik reicht Bretschneider nicht mehr – er spricht Leute an, von denen er weiß, dass sie schreiben. Vertont ihre Texte. Zum Glück ist Karl-Marx-Stadt voll von Malern, die dichten, und von Dichtern, die malen. Die Kriminelle Tanzkapelle entsteht. Wer ein halbes Vermögen für Instrumente und Technik ausgibt, will sich natürlich veröffentlicht sehen. Nur, es dauert, bis AMIGA, das zuständige Plattenlabel der DDR, Interesse an Bretschneiders Exkursionen in elektronischer Musik findet. Bis dahin hilft nur, sich selbst zu helfen.

Medium für die surrealen Klänge wird, wie auch in Berlin, die Kassette. In Auflagen um die 50 Stück kursieren Tapes wie Stein im Brett und Berlin bei Nacht in der Republik. Veröffentlicht unter dem Label klangFarbe und von Bretschneider zuhause am Tapedeck überspielt, Stückpreis 20 Mark. Genauso viel kostet eine Kassette – Profit ist nicht angedacht, es geht tatsächlich nur darum, die Musik zugänglich zu machen. In Lutz Schramm, Moderator des seit 1986 gesendeten Parocktikums, findet Bretschneider einen begeisterten Fan. Yachtclub und Buchteln, das Kassettendebüt von Bretschneiders Band AG. Geige, wird Nummer eins im Jahrespoll 1987. Der John Peel der DDR verhilft den Chemnitzern zu ungeahnter Popularität. Stichwort John Peel: An den vor zwei Jahren Verstorbenen will Bretschneider seine Produktionen nicht schicken. Eventuell hätte der BBC-DJ ein mehr als offenes Ohr gehabt, aber: "Das war mir irgendwie zu exotisch. Ich hatte das Problem, dass ich nie richtig zufrieden war mit den Dingen. Man kannte ja die Musik, die dort gespielt wurde. Ich hatte da immer sehr großen Respekt und habe gedacht, mit meinem Zeug muss ich da nicht antreten." Dafür gelingt es den Geigen, kurz nach dem Zusammenbruch 1989 auf Zong, dem neugegründetem "Independent"label der DDR, ihre erste LP Trickbeat herauszubringen. Ein Nachfolger erscheint bei Zensor, über den Aufnahmen für ein drittes Album, für das Alfred Hilsberg gewonnen werden konnte, geht die Band auseinander. Frank Bretschneider, mittlerweile gefragter Exponent zeitgenössischer Elektronik, veröffentlicht danach bei Mille Plateaux und wird Mitbegründer bei Raster-Noton. Sich der AG. Geige und ihren unzähligen Kollegen aus der Perspektive eines Museologen zu nähern, wäre die schlechteste Idee. Verwendung hieß eine der Untergrundzeitschriften des Ostens. Und verwendet will diese Musik nach wie vor sein. Hört euch die Magdalene Keibel Combo und Zwitschermaschine an, legt euch Ornament & Verbrechen, Corp Cruid und das Conny Bauer Quartett auf. Glotzt nicht so ergriffen.