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Die Box




19. Juli 2008
Christina Mohr
für satt.org

DISCO 3000
15

Trondheym: Beta

Trondheym: Beta

“Trondheym ist ein Film, eine Reise...” So stellt sich das in Berlin und Stuttgart ansässige Jazzduo Trondheym auf seiner Website vor. “Film” und “Reise” sind hier – wie so oft – keine Krücken oder Hilfswörter für etwas, das man nicht anders auszudrücken vermag, sondern beschreiben die Assoziationen genau, die sich beim Hören der Trondheym'schen Musik einstellen.

Gitarrist Gerhard Schmitt gründete Trondheym im Jahr 2003 zusammen mit Nikolaus Neuser, der die beiden bisher erhältlichen CDs mit einspielte.

Neuser, der wie Schmitt für die Kompositionen verantwortlich zeichnet, stieg nach den Aufnahmen zum neuen Album “beta” aus. Für ihn kam Lars Dieterich ins Trondheym-Boot, der bei den Liveauftritten an der Bassklarinette zu hören ist.

Für "beta" haben Trondheym ihren warmen, aus digitalen und analogen Instrumenten bestehenden Sound weiterentwickelt: Trompete, Gitarre und programmierte Loops bilden nach wie vor die Basis ihrer genuin urbanen Musik, doch Trondheym agieren jetzt freier und experimenteller als auf dem ersten, eher harmonisch-loungig arrangierten Album. Trondheym setzen verfremdete Geräusche ein, mal meint man, rotierende Hubschrauberflügel zu hören, dann wieder knarzt, tropft, klopft es -- die seltsamen Klänge erzählen Geschichten, eröffnen ständig sich verändernde Imaginationsräume: Das lässige "Lazy" klingt, als liefe man über knirschende Steine, dazu klöngelt jemand auf einer Tonne, eine dezente Trompete ist im Hintergrund zu hören. Ganz anders das pulsierende "Sand", bei dem Funk der Blaxploitation-Ära mitgedacht wird, wie gemacht fürs Cruisen, plötzlich ertönen spooky sounds, wie von einer außerirdischen singenden Säge erzeugt... ein spannendes Hörspiel, dessen Ende am Anfang keineswegs vorhersehbar ist. Bei "Synapsis" fräst sich eine verzerrte, sägende Gitarre durch den jazzigen Boden, dennoch machen Trondheym keine Kehrtwendung zum Noise: der Grundton bleibt ruhig und relaxed, Jazz und Elektronika amalgamieren harmonisch. Trondheym gelingt etwas erstaunliches: die Blasinstrumente (auf Platte Trompete, live Bassklarinette) definieren zwar den Trondheym-Sound, dominieren ihn aber nicht. Oft klingt es, als stünde der Bläser in einem anderen Raum, um die anderen Musiker/Instrumente nicht zu stören oder zu unterdrücken.

Überhaupt zeichnen sich Trondheym durch Dezenz aus – und wagen doch das Experiment, “Lounge-” oder “Barjazz” ist das nicht. Vielmehr zurückhaltende Spielereien auf höchstem Niveau, Jazz ohne Effekthascherei. “beta” ist kein lautes Album, man muß genau hinhören, den zwölf Stücken Zeit und Raum geben. Aber dann wird man mit einer formidablen Reise respektive Film belohnt.

Trondheym-Gründer Gerhard Schmitt war so freundlich, satt.org einige Fragen zu beantworten:

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  Trondheym (Foto: Ian Wood)
Foto © Ian Wood

Trondheym live:
30.10.2008, Berlin
01.11.2008, Stuttgart

Live-MP3s bei myspace und der trondheym-homepage:
» trondheym.com
» myspace.com

satt.org: Warum der Name Trondheym? Was verbindet Euch mit der Stadt gleichen Namens?

Gerhard Schmitt: Wir haben diesen Namen eigentlich in erster Linie übernommen weil er so schön klingt. Sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Ausserdem war ich mal für eine Woche in Trondheim, weil meine Schwester, die in Norwegen lebt, dort geheiratet hat...ist wirklich schön da ! Dass man unsere Musik mit dem Norwegischen Jazz in Verbindung bringen könnte, ist uns zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst gewesen. ...macht aber nix ! :-)

satt.org: Eure Musik wird als "Lounge-Jazz" o.ä. bezeichnet - wie sinnvoll findet Ihr solche Genrebezeichnungen und wo würdet Ihr Euch selbst verorten?

GS: Schubladen: jeder hasst sie und jeder braucht sie. Aber man muss Musik ja auch irgendwie verbal beschreiben können. Die Bezeichnung "electronic jazz" finde ich für unsere Musik am besten.

satt.org: Kann man heutzutage überhaupt noch von "reinen" Stilen sprechen oder vermischen sich Stile und Genres immer mehr?

GS: ...ist "Hillbilly Flamenco" ein neuer Stil oder ein Stilmix??

satt.org: "If you don't know how to call it, call it Jazz" hat mal jemand gesagt - empfindet Ihr das auch so? Dass immer, wenn Erklärungsnotstand herrscht, die Jazz-Schublade geöffnet wird?

GS: Ich hab eher die Erfahrung gemacht, dass es immer gleich "Jazz" ist, wenn eine Trompete oder ein Saxophon zu hören ist. Ob da drunter jetzt ein Swing liegt oder Punk - egal!

satt.org: Wo liegen Eure Wurzeln? Was habt Ihr vor Trondheym gemacht und wann/wie habt Ihr Euch zusammengetan?

GS: Trotz auch unterschiedlicher Vorlieben haben wir sicher beide Wurzeln in der Rock- und Popmusik. Nikolaus hat mit 16 sogar mal in einer Punkband gesungen....Der Jazz kam bei uns beiden erst später dazu. Musiker und Musikerinnen, die wir beide bewundern sind die, die es schaffen, mit interessanter Musik, mit Musik die etwas riskiert, viele Leute zu erreichen, aus den Nischen auszubrechen. Zwei klassische Beispiele hierfür sind Miles Davis und Björk. Zusammengebracht hat uns 2003 sicherlich das gemeinsame Interesse an elektronischer Musik, die mit live gespielten Instrumenten kombiniert ist.

satt.org: Euer erstes und auch das neue Album sind formal von großer Schlichtheit (Cover, Songtitel, kaum Musikerfotos) - wollt Ihr Euch als Musiker bewußt hinter die Musik stellen? Also kein Starkult? Ist das ein Jazzding oder Euer persönlicher Ansatz?

GS: Auf der ersten CD gibt's schon Fotos, auf unserer Website auch. Dass auf dem “beta”-Cover keine Fotos sind, hat eher grafische Gründe. Von Starkult ist bisher (leider...) trotzdem recht wenig zu spüren! :-)

satt.org: Ich lese gerade Henning Dedekinds Buch über Krautrock, das einen ganz neuen Blick auf die deutsche Musikszene der späten sechziger und frühen siebziger Jahre wirft: seid Ihr als Instrumentalband zwischen verschiedenen Stil-Stühlen von Krautrockbands beeinflußt (z.B. Can oder ja, auch Kraftwerk)?

GS: Mit Can wurden wir schon einmal verglichen. Ich glaube, ich muss mir das so langsam doch mal anhören...Ich hab keinen blassen Schimmer wie die klingen!
Kraftwerk hab ich 2004 mal live im Tempodrom in Berlin gesehen. Aber als Einfluss würde ich sie nicht bezeichnen. Ich glaube, diese beiden Bands hatten ihre grössten Zeiten, als wir beide noch Dreirad gefahren sind.

satt.org: Ich finde "Beta" insgesamt experimenteller, wagemutiger als Euer erstes Album - seht Ihr das auch so? Was hat sich bei Euch/für Euch verändert?

GS: Ja, auf jeden Fall! Schön dass man's hört! Wir sind von allen Dingen in Sachen Programming einen grossen Schritt weiter gekommen. Wir haben die Grooves hauptsächlich aus selber aufgenommenen Loops und Geräuschen gebastelt, anstatt uns bei Loop Libraries zu bedienen. Das gibt dem Album mehr Charakter, es klingt eckiger und eigenständiger.

satt.org: Bei einigen Tracks wie z.B. "Buttercup" bekam ich ein "new-yorkishes" Gefühl, ohne dass ich das jetzt genauer erklären könnte. Aber könnte man sagen, dass Eure Musik von urbanen Sounds/Strömungen beeinflußt wird? Seid Ihr auf der Suche nach dem "perfekten" Sound oder laßt Ihr Euch treiben?

GS: Gute Frage! Würde mich selber brennend interessieren, wie Trondheym klingen würde wenn wir in einer WG im Allgäu wohnen würden...Aber The Notwist klingen auch irgendwie urban, oder?!

satt.org: Wie arbeitet Ihr? Entstehen Tracks im Studio, bei Live-Sessions, alleine oder gemeinsam...?

GS: Die Stücke auf “beta” sind alle beim Jammen im Proberaum entstanden. Der nächste Schritt war, sie live auszuprobieren, und zu gucken was funktioniert, und was nicht. Die Produktion im Studio, für's Album war dann der letzte Schritt. Deshalb können wir alle Tracks auch so wie sie sind, live spielen.

satt.org: Würdet Ihr Euch als leidenschaftliche Liveband bezeichnen oder arbeitet Ihr lieber "hinter verschlossener Tür"?

GS: Beides! Wer einatmet, muss auch ausatmen!

satt.org: Wenn Ihr ein Stück für ein einzelnes Instrument komponieren solltet - welches Instrument wählt Ihr und was wäre das für ein Track?

Filmmusik für vietnamesische Zither!

satt.org: Wo würdet Ihr gerne mal auftreten?

GS: Beim Trondheim Jazz Festival!!!