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Die Box




31. Mai 2008
Christina Mohr
für satt.org

Auskenner unter sich
Popup Leipzig, 22. - 25.5.2008

Popup Leipzig, 22. – 25.5.2008

Öffnung und Erweiterung einerseits, Stagnation und Regress andererseits, so könnte man die vier tollen Tage in Leipzig kurz resümieren. In Zahlen: 140 Aussteller bevölkerten die Messehalle, mehr als 80 Bands traten an drei Tagen in fünfzehn Leipziger Clubs auf. Das messebegleitende Festival mit Konzerten und Foren war internationaler ausgerichtet als in den vergangenen Jahren, die Bands kamen unter anderem aus Finnland, USA, Frankreich, Österreich, Italien und zogen – wie zum Beispiel Jake the Rapper, Louie Austen, Björn Kleinhenz, Audrey oder Kevin Devine – ein bunt gemischtes Publikum an.

Zum ersten Mal fand im Rahmen der Popup Leipzig die „Fachkonferenz Regionale Popmusikförderung“ statt, zu der Branchenvertreter aus der ganzen Republik anreisten, um über Vernetzung bisher separater Initiativen zu diskutieren. Dennoch war nicht zu übersehen, dass die Popup Leipzig, dieses knuffige Knuddelding, seit seinem Schlüpfen vor immerhin sieben Jahren ein wenig auf der Stelle tritt. An der Präsentation der Aussteller in der Messehalle (Werk II) hat sich nichts geändert, als wär's das erste Mal, bauten wackere Labelbetreiber, Fanzinemacher, Veranstalter und Schnickschnackhersteller ihre Tapeziertische auf und befestigten handbemalte Transparente mit Gaffatape hinter ihren Rücken. Sehr basisdemokratisch, quasi sozialistisch, improvisiert und charming – aber wie gesagt, unverändert seit 2002. Natürlich wäre im unwahrscheinlichen Fall modifizierter Standgestaltung in 2009 das „Früher-war-alles-besser“-Geschrei vorprogrammiert, aber wäre es nicht andererseits auch sehr schön, wenn ein künstlerisch ambitioniertes Label wie Chicks on Speed die Möglichkeit bekäme, sein charakteristisches Artwork vorzustellen und nicht wie Kinder auf dem Kirchenparkplatzflohmarkt CDs auslegen darf? Und es mutet seltsam an, dass das Hamburger Label What's so Funny About, das zurzeit über einen ziemlich geilen Roster (ha, Vollcheckerbegriff, vgl. auch weiter unten) verfügt, die Rückwand des Stands mit Bandpostern volltapeziert und man sich ungut ans eigene Jugendzimmer erinnert fühlt, nur dass bei WSFA nicht Duran Duran und Human League hängen, sondern Jens Friebe und Rummelsnuff.

Reges Treiben
Fotos: Gabriele Schneider/Frankfurt

Es hätte wenig Sinn, die Messe modisch durchzustylen, denn das Nicht-Professionelle macht den Reiz der Popup aus, doch kleine strukturelle und phänotypische Innovationen würden nicht schaden, und über „früher“ jammern kann man ja immer noch. Kürzlich las ich auf einem Plakat, das ein Ratgeberbuch bewarb, den Claim: Wer sich nicht bewegt, bleibt stehen. Zunächst ist man erstarrt von der Wucht solcher Banalität, läßt man die Worte sacken, entwickeln sie eine zwingende Logik, die sich durchaus auf die Popup Leipzig anwenden läßt. Dass die Messe nämlich stockt oder gar Rückschritte macht, konnte man am auffälligen Fehlen vieler deutscher Indie-Bands ablesen, die gerade neue Alben veröffentlicht haben: Wo waren die Woog Riots, JaKönigJa, Mondo Fumatore, wo Bernadette la Hengst und wo Käpt'n Rummelsnuff? Alle nicht da - und das ist schade, denn im Idealfall sollte die Popup Leipzig für die aufgezählten Bands und ihre Labels so wichtig sein, dass Auftritte obligatorisch wären. Auch deutschsprachiger HipHop findet nicht statt, was nicht unbedingt zu bedauern ist, aber dass ein auch den Indie-Markt so bestimmendes Genre auf der Popup fehlt, sorgt für eine Wahrnehmungsschieflage. Man vermißte Indie-Flaggschifflabels wie Tapete, Grand Hotel van Cleef, Monika oder Rubaiyat, Zeitschriften wie Spex ebenfalls, die Internet-Flagge wurde einzig von Hobnox hochgehalten und der Verdacht drängt sich auf, dass die Popup an Bedeutung verliert, bevor sie richtig wichtig wurde. Als ich aus Recherchegründen ältere satt.-Berichte zur Popup überflog, mußte ich feststellen, dass meine Lieblingskritikpunkte wie zum Beispiel, dass die Messe weitestgehend eine Jungsveranstaltung ist, noch immer traurige Gültigkeit besitzen. Natürlich sind viele Frauen vor Ort, verkaufen Buttons und bringen den debattierenden Jungs frischen Kaffee und Bier, aber bis auf Susie Reinhardt (Journalistin, Buchautorin, Moderatorin bei byte.fm, Gitarristin bei Hoo Doo Girl) konnte ich keine weiblichen Diskutantinnen entdecken.

Diskussionsrunde

Die einzige von mir besuchte Podiumsdiskussion trug den Titel Filter rein, Musik raus? - Neue Präsentationsformen für neue Musik und wurde vom Spreeblick-Blogger Andreas Scheper moderiert. Tonspion-Gründer Udo Raaf, taz-Redakteur David Denk, Sinnbus-Labelchef Peter Gruse* und Boris Jordan vom österreichischen Radiosender FM4 kamen überein, dass Printmedien an Bedeutung verlieren, weil die Leute a) kein Geld mehr ausgeben wollen und b) Internetportale wie myspace, last.fm und andere den Vorteil bieten, dass man die besprochene Musik gleich anhören kann. Wobei last.fm nur bedingt empfehlenswert sei, da die Empfehlungslisten von einer Maschine generiert werden – im Gegensatz zu den Sendungen bei FM4, die noch von echten Menschen „mit Geschmack, also zum Beispiel von mir“ zusammengestellt wird, wie es Boris Jordan österreichisch-charmant formulierte. Die Herrenrunde definiert für Menschen ihres Schlages den Begriff „Auskenner“ – in Abgrenzung zum Nerd oder Fachmann. Als Auskenner** bezeichnen sich die Diskutanten gern, damit können sich alle identifizieren, ist das Wort doch dem Spezialistenwissen angemessen bei gleichzeitigem sympathischen Understatement. Auskenner sind überall gesucht und gefragt, und ich (als AuskennerIn) kann nur empfehlen, beim nächsten Mal vielleicht ein oder zwei Frauen einzuladen. Ihr werdet erstaunt sein, was dieser drolligen Gattung alles zum Thema Musik einfällt!


 * neu bei Sinnbus:
Bodi Bill: Next Time

**Für alle, die schon Auskenner sind oder noch werden wollen, empfehlen wir dringend die Lektüre des Supatopcheckerbunny-Buchs vom Supatopcheckerbunny und dem Hilfscheckerbunny. Die beiden Damen haben sich sehr viele Gedanken zu vielen verschiedenen Themen gemacht und kommen zu Erkenntnissen, von denen Anfänger-Auskenner nur träumen können!
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Auch die für den legendären Club Ilses Erika ungewöhnliche Leere am Freitag und Samstag konnte stutzig machen und erhärtete oben genannten Verdacht, dass die Popup einfach nicht mehr sooo mobil macht wie in den Jahren zuvor. Gehörten „früher“ Warten und Füßeplattstehen selbstverständlich zu einem von Intro oder Spex ausgerichteten Abend dazu, standen in diesem Jahr nur die Raucher draußen und täuschten Besucherandrang vor. Die Jungs an der Kasse wirkten sogar erfreut über ein bißchen Abwechslung, mal einen Stempel auf die Hand drücken oder Geld entgegen nehmen kann sinnstiftend wirken! Okay, Zynismus hilft auch nicht weiter, deswegen hier ein wenig Lob: Beim Intro-Abend konnte man nicht nur die reizenden Dandys von Wolke erleben, sondern auch einem Highlight der Popup beiwohnen: die Wiener Band Ja, Panik boten Energie und Wahnsinn auf engstem Raum. Lautstark angefeuert wurden sie von Robert Stadlober, der auch in 2008 wieder mit seinem Label Siluh nach Leipzig anreiste und vielversprechende junge Bands wie Killed by 9V Batteries (die gerade eine Split-Single mit den Jolly Goods veröffentlichten), Gschu, Tchi oder Francis International Airport im Gepäck hatte. Bands wie die allerorten schwer gehypten Navel aus der Schweiz und die Beinah-Stars Fotos sorgten dafür, dass die Popup sich mit bekannteren Namen schmücken konnte.

Der Samstagabend in Halle 5, dem Werk II angegliederten Konzertraum, ließ viel Luft zum Atmen und Nachdenken. Das Publikum war aufmerksam und freundlich, spendete hoffnungsvollen Newcomern wie The LK aus Schweden und der Leipziger Low-Fi-Band The Heart is an Airport wohlerzogenen Applaus, aber wo waren Schweiß, Ekstase und Entgrenzung, wie damals bei Superpunk oder meinetwegen auch Angelika Express? Die zauselbärtigen Cello- und Violinvirtuosen The Miserable Rich (Hazelwood) aus Brighton traten als letzte auf, ihr hochkomplexer, kammermusikalischer Nerdie-Folk ist zwar ein künstlerischer Genuß, aber als Quasi-Höhepunkt und Abschluß der Messe nicht wirklich geeignet. Der Miserable-Rich-Chef und –Sänger bringt den Mischer mit seinen Anweisungen und Extrawünschen zur Verzweiflung, die Band unterbricht ihre Songs mehrfach, um hier eine Saite zu stimmen und dort die Spannung eines Geigenbogens zu überprüfen. Für Teile des Publikums (mich) sind solche Interrupti auf Dauer zu anstrengend. In der Ilse spielten zeitgleich die Jolly Goods, die die Synapsen wieder schön durcheinander rüttelten und die Ahnung einer besseren Welt verbreiteten (wilde junge Frauen spielen wilden Rock'n'Roll).

Habe Arbeit, suche Geld!

Tja, was bleibt von der Popup 2008? Der nostalgische Gedanke, dass es vor drei, vier Jahren schöner und aufregender war, mag meinem fortgeschrittenen Alter geschuldet sein. Doch dass irgendwas passieren muß, wenn die Popup auch künftig als Impulsgeber der Indie-Branche wirken will, liegt auf der Hand. Immer nur zu behaupten, „wir sind eben die Guten“ wirkt am Ende genauso bemüht und verzweifelt wie das Statement der No Angels, die nach ihrem Scheitern beim Grand Prix verkündeten, sie seien „ja doch die Geilsten“. Da Meckern ebenso wie Zynismus ja nicht hilft, sollte man im nächsten Jahr natürlich wieder nach Leipzig fahren, aber vorher große Wunschzettel beim Orga-Team der Popup hinterlegen!



www.popup-leipzig.de