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Die Box




Mai 2008
Robert Mießner
für satt.org

Mono ist besser

Mark E. Smith schaut sich Großbritannien von Deutschland aus an. Und The Fall veröffentlichen eines der Alben dieses Jahrzehnts.

  The Fall – Imperial Wax Solvent



The Fall – Imperial Wax Solvent
Mark E. Smith
Fotos: Tyron Francis / Swansea Photographer


The Fall – Imperial Wax Solvent
Eleni Poulou


The Fall – Imperial Wax Solvent
Peter Greenway


The Fall – Imperial Wax Solvent
David Spurr


The Fall – Imperial Wax Solvent
Keiron Melling

Früher, als der Tag im Schatten des Ostberliner Fernsehturms mit einer Regelverletzung begann, war so was wie Aufnahmequalität herzlich egal. Musik kursierte auf dreimal kopierten Kassetten, knisterte und rauschte. Was zählte, war einzig die Substanz, ein verwegener Klang, eine kühner Satz. Als das dann auf ordentlichen Tonträgern gehört werden konnte, war das Befremden nicht selten gewaltig. Plötzlich wirkte, was als wild erinnert wurde, irgendwie glattgebügelt und steril. The Fall, in jugendlicher Begeisterung und Naivität einfach für eine Punkband gehalten, bildeten da eine der wenigen Ausnahmen. »Slates« (1981), ihr kurzes und perfektes Meisterwerk, klang auf CD genauso waghalsig wie der Mitschnitt aus dem Radio. Mitproduziert wurde »Slates« von Adrian Sherwood und Grant Showbiz, ein Name, der einem dann noch öfters begegnen sollte. Jetzt saß Showbiz, gemeinsam mit Mark E. Smith, Andi Toma (Mouse On Mars) und Tim »Gracielands« Baxter, wieder für The Fall hinter den Reglern. Wer auch immer die Idee hatte (wir haben da einen Verdacht), »Imperial Wax Solvent«, das 27. Studioalbum von The Fall (wir haben noch mal gezählt), teilweise in Mono aufzunehmen, er hatte eine glorreiche Idee. Die neue Platte hat einen tollen Titel und ein sehr schönes, nach »Extricate« (1990) wieder von Anthony Frost gemaltes Cover. Sie klingt rau und souverän, zu Zeiten regelrecht aggressiv. Es ist eine enthusiastische Aggressivität, das sei schon mal gesagt. Dann sind aber auch noch völlig andere Klänge darauf.

Hier soll jetzt nicht schon wieder ausgiebig erzählt werden, dass Katzenfreund und Nietzscheleser Mark E. Smith Widersprüche und Widerworte liebt, konstanten Bandbesetzungen eher abhold ist und selbstverständlich über einen legendären Durst verfügt. Das mag alles so sein und macht es sehr einfach, über den Mythos The Fall zu schreiben. Die Musik kommt dabei oft zu kurz. Mit dem Songschreiben für »Imperial Wax Solvent« hat Smith in Deutschland begonnen, im Blick dabei das Vereinigte Königreich nach Blair. Entstanden ist eine monolithische Großtat, eine triumphale Platte. Sie ist die sechste eines Jahrzehnts, das zwar nicht ohne Turbulenzen, aber doch günstiger verlaufen ist als die spannungsgeladenen Neunziger, die natürlich keinesfalls vernachlässigt werden sollten. Die aktuelle Dekade eröffneten The Fall mit den großartigen Sci-Fi-Klängen von »The Unutterable« (2000), konterkarierten mit der durchaus amüsanten Garage-Rüpelei »Are You Are Missing Winner« (2001), hatten ein fulminantes Comeback mit »The Real New Fall LP Formerly Country On The Click« (2003), polierten mit »Fall Heads Roll« (2005) Garage etwas auf und brachten das Kunststück fertig, mit »Reformation! Post-TLC« (2007) eine schön verspielte Platte zu veröffentlichen, die leider wenig Freunde finden konnte. Dass die amerikanische Besetzung, die darauf zu hören war, nicht mehr ist, hat organisatorische Gründe. Krach gab es keinen, auf die Dauer sind Flüge immer noch teuer und das Budget wohl nicht üppig. Auf »Imperial Wax Solvent« sind The Fall Mark E. Smith, Ehefrau Eleni Poulou und ein ehemaliger Security-Mensch, ein vormaliger Fabrikarbeiter und ein gewesener Büroangestellter. Ganz normale Leute, die eine ganz und gar außergewöhnliche Musik spielen.


Imperial Wax Solvent
(VÖ: 28. April 2008 (UK), Sanctuary Records)
Mark E. Smith - Vocals, Eleni Poulou - Keyboards und Vocals, Peter Greenway - Gitarre, David Spurr - Bass, Keiron Melling - Schlagzeug

  1. Alton Towers
    Livedebüt 06. September 2007, Berlin, Maria am Ostbahnhof
    Der Song ist der beste Albumopener, den The Fall seit langem im Gepäck hatten. Gerade, weil er so überhaupt nicht auf das Album vorbereitet. Psychedelische Elektronikgeräusche wehen durch das von jazzartigem Schlagzeug und Bass angetriebene, hypnotische Stück, das schneller die späten Sechziger assoziiert, als dass schon wieder jemand Postpunk sagen kann.

  2. Wolf Kidult Man
    Livedebüt 01. Juli 2007, Manchester International Festival, The Ritz
    Die Überraschung sitzt. Gerade noch in Outer Space schwebend, wird man nach einleitendem Wolfsgeheul heftigst auf irdischen Boden zurückversetzt. Das ist weder Alternativrock noch Independent, das ist Hardrock. Von der Sorte, wie ihn MC5 und die Stooges spielten, ein paar Jahre vor 1977.

  3. 50 Year Old Man
    Livedebüt 05. März 2007, Bilston, Robin 2
    Anfänglich ein augenzwinkerndes Geschenk des damaligen Bassisten Rob Barbato zu Mark E. Smiths 50. Geburtstag, ist aus dem Track ein Biest geworden, das keinen Vergleich kennt. 11 Minuten lang ist das Stück, ist eigentlich drei Songs in einem, inklusive eines irrsinnigen Banjo-Zwischenspiels, einer Schlagzeugorgie und Tempi- und Stilwechsel, bei denen John Zorn der Mund offen stehen dürfte. Smith singt über die Freuden und Herausforderungen des Älterwerdens. Derer sind bekanntlich viele.

  4. I've Been Duped
    Livedebüt 01. Juli 2007, Manchester International Festival, The Ritz
    Nicht wenige Fall-Fans werden beim bloßen Gedanken an Pop die Mundwinkel nach unten verziehen. Dazu besteht überhaupt kein Grund, solange das gut gemacht ist. Der Song, in der Hauptsache von Eleni Poulou am Mikrofon bestritten, ist bester Speed- oder Powerpop. Überhaupt sollte man öfter Blondie hören. Oder eben »I've Been Duped«. Der Sommer kommt schließlich immer früher.

  5. Strangetown
    Livedebüt 01. Juli 2007, Manchester International Festival, The Ritz
    Die Wahl der Coverversionen verrät einiges über den Interpreten. Vorher coverten The Fall Frank Zappas »Hungry Freaks, Daddy« (Zappas Version ist zu finden auf »Freak Out!«, 1966). Jetzt kombinieren sie »Strangetown« und »Garden« von den britischen Bluesrockern The Groundhogs, beide zu hören auf »Thank Christ For The Bomb« (1970). The Fall können auch das.

  6. Taurig
    Bis jetzt nicht live gespielt und kein Druckfehler: Stünde als Credit nicht Eleni Poulou, könnte man fast Andi Toma vermuten. »Taurig« bringt den nächsten größeren Kontrast in ein mit Kontrasten gesegnetes Album, ist eine fast schon geflüsterte Geschichte und ein vergleichsweise kurzes, aber einzigartiges elektronisches Intermezzo. Als die Groundhogs ihr viertes Album veröffentlichten, standen Kraftwerk schließlich auch nicht mehr in den Startlöchern.

  7. Can Can Summer
    Livedebüt 02. November 2007, Bolton, Albert Halls
    Die Platte bleibt elektronisch, nur kommt jetzt eine gehörige Prise Funk dazu. Smith verfällt, wie auch an anderen Stellen des Albums, in ein Beefheartsches Grollen, das vor der quecksilbrigen Klangkulisse und neben Poulous Gesang umso schöner zur Geltung kommt. »Can Can Summer« ist die Sorte Song, bei der man die Repeat-Taste neu entdeckt.

  8. Tommy Shooter
    Livedebüt 04. August 2007, Norwich, Tales of the Jackalope Festival, Kimberley Hall
    Zuerst »I Am Me Mark« betitelt, hat sich aus der an Bo Diddley erinnernden Selbstankündigung ein stürmischer Song entwickelt, bei dem musikalisch vage an die Zeit von »I Am Kurious, Oranj« (1988) gedacht werden kann. Der Text ist reich an Assoziationen und Verweisen. The Fall sind dazu da, der Phantasie auf die Sprünge zu helfen.

  9. Latch Key Kid
    Livedebüt 04. März 2008, Bilston, Robin 2
    Beinahe wäre das neue Album eines der wenigen Fall-Alben mit einem Titelsong geworden, sollte es doch ursprünglich »Latch Key Kid« heißen. Geblieben ist der Track, der sehr schön die deutsche Elektronik der frühen Achtziger heraufbeschwört. Ganz große Klasse ist das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Einmal gehört, kriegt man die Keyboardmelodie nicht mehr aus dem Sinn.

  10. Is This New
    Livedebüt 05. März 2008, Newcastle University, Union Society
    The Fall geben ihren Hörern nicht immer das, was sie erwarten. Machen Mouse On Mars ähnlich, und ausgerechnet »Is This New«, der Track eröffnet die derzeitigen Auftritte, ist dann die Gemeinschaftsarbeit von Mark E. Smith und Andi Toma geworden. Einer der Höhepunkte des Albums, der aber weniger an Elektro und Von Südenfed oder Tomas Hauptband, sondern verknappten Progrock erinnert.

  11. Senior Twilight Stock Replacer
    Livedebüt 10. März 2007, Liverpool, Carling Academy
    Wenn ein Bass nach Granit klingt und eine Gitarre Diamanten schleifen kann, dann hier. »Senior Twilight Stock Replacer« ist nach »Theme From Sparta F.C.« (2003) wieder ein Song, der zum Mitsingen nicht freundlich einlädt, sondern förmlich zwingt. Nicht umsonst wurde er im Frühjahr 2007 als Liveopener verwendet.

  12. Exploding Chimney
    Livedebüt 04. März 2008, Bilston, Robin 2
    »Imperial Wax Solvent« ist Hochdruck bis zur letzten Minute. Den Schlusspunkt setzt ein atemloser, dynamischer Track. Das Keyboard unterbricht mit markanten Orgelklängen. Und Mark E. Smith verabschiedet sich bis zum nächsten Mal mit den Worten: »Believe me kids / I've been through it all«. Das nun kann man getrost wörtlich nehmen.



satt.org dankt wie immer:
The Fall online (inkl. Fall News, Gigography und Lyrics Parade)
The Fall Live (inkl. neuem Fanzine Reformation! Post TPM)
The Pseud Mag (Fanzine, eingestellt).

Besonderer Dank an The Consortium.


Elaine Will, Tom Gunner, 2007 (inspiriert von Tommy Shooter).
Elaine Will ist Comickünstlerin aus Saskatchewan, Kanada und hat 2006 an der
Berliner Ausstellung »Paintwork - A Tribute to Mark E. Smith« teilgenommen.