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April 2008
René Hamann
für satt.org

Die sanften Kissen der Inquisition
Get Well Soon am 16.4.08 im Berliner Lido

Der Zeitpunkt war günstig. Das Wetter war scheußlich, es war Mitte Januar, die Konkurrenz schlief noch. Zu dieser frühen Zeit des Jahres erscheinen weitaus weniger Platten als zu jedem anderen Zeitpunkt. Also wagten sich die Firma CitySlang und der Absolvent der Mannheimer Popakademie Konstantin Gropper mit seinem Projekt „Get Well Soon“ an die Öffentlichkeit. Das Album „Rest Now, Weary Head...“ hatte keine Mühe, besprochen, gelobt und gefeiert zu werden, recht gute Musik war drin und wie gesagt nicht viele Rivalen draußen.

Get Well Soon

Erstaunlich allerdings, dass die Band um Gropper keine Mühe hatte, das Berliner Lido, nicht eben ein kleiner Laden, an einem Mittwochabend im April mehr als sehr gut zu füllen. Zwar war das Wetter noch immer genauso scheußlich wie vor drei Monaten, zu rechnen war aber nicht wirklich damit, dass sich jemand an den Schlechtwettersoundtrack der Band mit dem versprechenden Namen erinnern würde. So aber stand ein dicht gepacktes Publikum mit Gesicht zur Bühne und ließ sich von der leicht schwermütigen, dabei immer gerade die Balance haltenden Musik Groppers und seiner sechsköpfigen Begleitung tragen. Wobei „tragen“ schon das richtige Wort ist: Get Well Soon machen eine Musik der großen Getragenheit, leicht sperrig, zuweilen monoton, gerne mal im Dreivierteltakt. Nicht eben etwas, was man von einem Absolventen einer Popakademie erwarten würde.

Mit anderen Worten: Es hätte auch sehr schlimm, sehr tragisch enden können. Die Popakademie steht eher im Verdacht, die schniekere Variante zu „DSDS“ zu sein. Aber an schickem Spießerpop hat Gropper kein Interesse. Im Kreise seiner Band, die mit Trompeten und einer löchrigen, sehr modernen Geige angereist war, seinem schwarzen Hemd und seiner immer leicht ins Gesicht hängenden Wilde-deutsche-Jungs-Frisur wirkt Gropper auch eher wie jemand, der sich und seine Musik so eben noch vor den traurigen Abgründen des Gruftpops gerettet hat. Zwar sehr deutsch, immer leicht zum Pathos neigend, immer leicht theatralisch, aber aufgeklärt und weltoffen. Dass seine mit sehr deutschem Akzent vorgetragenen englischen Texte von nicht sehr großem Gehalt zu sein scheinen, ist natürlich ein Problem. Worum geht es in den Texten? Große Wörter, kleine Existenzialismen, Andeutungen in Richtung Umarmung und Liebe. Weltrettungsschmerz.

Gott sei Dank hat Gropper aber auch die richtigen Gitarrenbands gehört, deren Namen den meisten im Publikum nicht bekannt sein dürften. Bedhead etwa. Dazu natürlich stapelweise Tindersticks, an die Get Well Soon oft sehr deutlich erinnerten, besonders im Umgang mit Violine, Dreivierteltakt und spanisch-mexikanischen Trompeten. Überhaupt die Trompeten! Betörend und schön, da ist jede Inquisition, jeder Zapatisto sofort überaus herzlich willkommen. Alles wird gut. Get Well Soon, die sich im Übrigen werkgetreu bis in die Reihenfolge hinein an die Albumvorlage hielten (bis auf zwei Non-Album-Tracks in der Mitte des Sets), steigerten sich in die Getragenheit hinein, rockten, wo es angebracht war, und sahen sehr gefestigt und harmonisch aus so als Band. Der Chef spielte meist auf einer angenehm kleinen Flamenco-Gitarre, der Trompeter musste leider auch mal einen kleinen Schellenbaum schütteln. Was etwas dumm aussieht, wenn anderswo gerade richtig gerockt wird.

Gropper ist mittlerweile übrigens nach Berlin gezogen. Hier will der Winter nicht weichen, das scheußliche Wetter nicht aufhören. Aber irgendwann muss ja Frühling werden. „And then the sky cleared up, and everything you said came true to me“, sang Gropper am Ende. Vertrauen wir seinen Worten. Und betten unsere ausgelaugten Köpfe beruhigt auf sanfte Kissen. Bald wird es uns wieder gut gehen.


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