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Die Box




Februar 2008
Christina Mohr
für satt.org

Get Well Soon:
Rest Now, Weary Head!
You Will Get Well Soon

(CitySlang)

Nada Surf: Lucky

Wo gibt es das schon, ein Album mit Garantieversprechen des Künstlers? Konstantin Gropper, Mastermind des Bandprojekts Get Well Soon hat ein solches abgegeben. Auf dem Cover von „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“ steht zu lesen „a guarantee by the artist: 'I tried my very best to make this music loveable.'“

Und sobald die ersten Töne dieser von allen Seiten mit Lob überschütteten Platte erklingen, nimmt man Gropper dieses Versprechen sofort ab, beziehungsweise erscheint es völlig unnötig. „Rest Now...“ ist ein Album, das schon beim ersten Hören fasziniert, und nach mehrmaligen Durchgängen fesselnde Langzeitwirkung entwickelt. In den 14 Songs stecken so viele Details, Verweise und Aha-Erlebnisse, dass man eine Weile braucht, um alles aufnehmen zu können. Trotzdem wirkt die Platte nie überladen oder überambitioniert, weil jeder Ton am richtigen Platz sitzt: Ob Gropper himmeljauchzende Geigen einsetzt oder knarzende Computergeräusche, ob er selbst mit dunkler Stimme tremoliert oder Gastsängerin Wallis Bird zu hören ist – stets staunt man über Groppers perfektes Gespür für Timing, Arrangements und Effekte zur richtigen Zeit.

Konstantin wuchs in einer sehr musikaffinen Familie auf, lernte schon als kleiner Junge Cello spielen, etwas später Schlagzeug und Gitarre. Seine sowohl klassische als auch popmusikalische Sozialisierung schlägt sich auf „Rest Now...“ nieder: konzipiert wie eine klassische Symphonie beginnt das Album mit einem Präludium und endet mit einer Coda. Damit enden die Bezüge zur klassischen Musik nicht, auch die Instrumentierung ist für ein Popalbum ungewöhnlich. Der Einsatz von Streichern, Trompete und Akkordeon sorgen für beinah barocke Opulenz, die aber nie den Popsong erdrückt, um den es Gropper ja schlussendlich geht.

„Rest Now, Weary Head...“ klingt zu keiner Sekunde wie ein Debütalbum, Vergleiche mit Conor Oberst/Bright Eyes, Beirut, José Gonzalez, The Divine Comedy und sogar Rufus Wainwright liegen nahe und sind keinesfalls zu hoch gegriffen. Wie bei The Divine Comedy wirken die bombastischen, orchestralen Arrangements völlig schlüssig, sind Ausdrucksmittel und keine Effekthascherei. Gropper experimentiert mit Tango- und Walzerrhythmen, setzt geschickte elektronisch verzerrte Brüche und Akzente und verwendet sogar ein Sample aus dem von Schlagerstar Michael Holm (!) komponierten Soundtrack zum B-Erotik-Gruselfilm „Hexen bis aufs Blut gequält“ (!!). Und wie hört sich wohl Underworlds Raverhymne „Born Slippy“ ohne die knallenden Beats an? Gropper hat das Wagnis unternommen, aus dem Drink'n'Dance-Smasher eine melancholisch-gefühlvolle Ballade zu machen und es ist ihm so grossartig gelungen, dass man Mühe hat, das Original zu erkennen.

Man spürt, dass dieses Album kein Schnellschuss ist, dass die Songs Zeit hatten, zu reifen und sich zu entwickeln. Zu Hause arbeitet Gropper meist alleine an seinen Tracks, live wird er von einer siebenköpfigen Band unterstützt, der auch seine Schwester und sein Cousin angehören. Im vergangenen Jahr traten Get Well Soon noch als Geheimtipp auf verschiedenen Festivals auf – in diesem Jahr dürften sie Anwärter auf Headliner-Positionen sein.

Als satt.org beim Label CitySlang um ein Interview mit Konstantin Gropper bat, standen die grossen Magazine schon Schlange... dennoch fand Gropper Zeit, um satt.orgs Fragen zu beantworten – vielen Dank dafür!

◊ ◊ ◊

CM: Dein Album klingt kein bißchen nach Debütalbum – wie perfektionistisch bist Du? Wie lange hast Du an "Rest Now..."gearbeitet?

Konstantin Gropper: Perfektionist bin ich eigentlich nur in der Hinsicht, dass ich meine Produktionen erst dann präsentieren will, wenn sie einigermaßen nach meiner Vision von ihnen klingen. Technische Perfektion halte ich dagegen für überhaupt nicht wichtig. Die Songs auf „Rest Now...“ sind teilweise schon bis zu vier Jahren alt. Konkret am Album habe ich etwa sechs Monate gearbeitet. Das hat aber auch nur deswegen so lange gedauert, weil ich es immer wieder mal nebenher zu Hause produziert habe.

CM: Wie gehst Du damit um, wenn Kritiker Dich als "Wunderkind" bezeichnen?

KG: Ein Kind bin ich ja nun nicht mehr. Und ich mache auch schon richtig lange Musik. Lange genug hat es niemanden interessiert. Das Album ist mir ja nicht von heute auf morgen in den Schoß gefallen. Deshalb finde ich den Begriff jetzt nicht wirklich passend.

CM: Stören Dich Vergleiche (mit Conor Obert, Rufus Wainwright, José Gonzalez, to name a few)?

KG: Teils-teils. Ich habe das Gefühl, dass die Vergleiche bisher immer eher als Kompliment gemeint waren. Andererseits wird man ja nie gerne verglichen. Ich glaube aber, das sind relativ typische Debut-Erscheinungen. Am Anfang versucht man ja immer, einzuordnen.

CM: Ebensowenig wie nach Debüt klingt Deine Platte "deutsch" – ergeben solche Unterscheidungen (deutscher Pop/internationaler Pop....) für Dich überhaupt Sinn?

KG: Das hat für mich nur wirklich musikalisch Sinn. Meine Einflüsse sind – wenn sie geographisch verortbar sind – nicht oft deutsch. Das ist richtig. Hier mal Tango, dort mal Western oder Balkan. Also ist es schon international. Vielleicht setze ich aber auf dem nächsten Album mal Alphörner, Zithern und Hackbrett ein. Mal sehen, ob es dann „deutsch“ klingt. Nicht, dass ich das anstrebe. Die Frage ist doch: wie klingt deutsch? Rammstein? Notwist? Ich glaube, das macht doch keinen Sinn für mich.

CM: Warum hast Du Dich für englische Texte entschieden? Und wie schreibst Du Deine Texte? Was inspiriert Dich?

KG: Als ich angefangen habe zu texten - was wohl so zehn Jahre her ist – habe ich fast ausschließlich englischsprachige Musik gehört. Das hat mich damals wohl geprägt. Mittlerweile geht mir englisch weit leichter von der Hand als deutsch, beziehungsweise deutsch geht mir eigentlich gar nicht von der Hand. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vielleicht ist deutsch für meine Musik zu kantig.
Zu meinen Texten inspirieren mich meist irgendwelche Sätze, Bilder, Geschichten, die ich dann für mich weiterdenke, assoziiere und meine eigene Geschichte daraus baue. Die Texte auf „Rest Now...“ haben ja fast alle einen ähnlichen Tenor, eine ähnliche Geste, eben die „Rest Now, weary head! You will get well soon“-Geste. Für die metaphorische Umsetzung dieses Themas kann mich dann alles mögliche inspirieren. „If this shirt is missing I have gone fishing“ stand zum Beispiel auf einem Shirt in einem Angelfachgeschäft. Leicht verändert war dann schon die Bilderwelt für einen Song geschaffen.

CM: Im Spex-Interview sagst Du, dass Du nicht gerne über Deine Zeit an der Popakademie sprichst - warum? Was hast Du dort gelernt oder war die Zeit verschwendet?

KG: Na, ich wollte nur, dass das nicht allzu breit getreten wird. Das ist mir natürlich gründlich misslungen. Die Verweigerungshaltung hat genau das Gegenteil bewirkt. Es ist aber nicht so, dass mir das peinlich ist. Es hat nur nichts mit Get Well Soon und dem Album zu tun. Und das Album sollte der Aufhänger sein, nicht die Akademie. Dass es allerdings interessiert, ist mir schon klar. Also: die Zeit war keinesfalls vergeudet. Ich habe mich in den drei Jahren intensiv mit meiner Musik beschäftigt und etwas über die Branche erfahren. Vor allen Dingen habe ich viele für mich heute wichtige Kontakte geknüpft.

CM: Du hast schon sehr früh begonnen, klassisches Cello zu spielen - hast Du den Musikunterricht als Kind als Zwang oder Freude empfunden? Wie stark fließen klassische Komponenten in Deine Musik ein?

KG: Das Cello habe ich mir mit fünf Jahren selbst als Instrument ausgesucht. Das war kein Zwang, eher selbstverständlich. Musik war bei uns zu Hause immer schon das absolut dominierende Element. Dass ich selbst Musik machen würde, war „natürlich“. Meine klassische Herkunft fließt bestimmt sehr stark in meine Musik ein. Allerdings nicht in der Form, dass man explizit Beethoven oder Schönberg heraushörte. Vielmehr spiegelt sich das in meiner Herangehensweise. Ich höre und mache Musik eher analytisch als emotional. Natürlich nicht ausschließlich, aber gänzlich unbefangen kann ich mich nicht mit Musik auseinandersetzen.

CM: Wenn Du kein Musiker wärst, was würdest Du tun?

KG: Gute Frage. Wenn ich einen guten Plan B hätte, wäre ich wahrscheinlich kein Musiker. Nein, im Ernst: mittlerweile glaube ich, dass ich mich kreativ ausdrücken muss. Wenn nicht mit Musik, dann irgendwie anders. Aber eine Tätigkeit, in der ich mir nichts „ausdenken“ dürfte, wäre schrecklich für mich. Also hoffe ich, dass ich so irgendwie durchkomme.

CM: Spielst Du gerne live oder arbeitest Du lieber zu Hause/im Studio?

KG: Beides. Da gibt es keine Rangfolge. In meinem Fall sind das auch wirklich zwei grundverschiedene Dinge. Produzieren tue ich allein. Live sind wir zu siebt unterwegs. Man kann es kaum vergleichen. Zu Hause kann ich mich kreativ austoben – Live bekomme ich direkte Reaktionen. Beides reizvoll.

CM: Wie bist Du auf den von Michael Holm komponierten Soundtrack zu "Hexen..." gekommen? Berührungsängste scheinst Du keine zu haben - aber gibt es eine bestimmte Art von Musik/Stil, die Du nicht mit der Kneifzange anfassen würdest?

KG: Ich habe vor ewigen Zeiten mal den Film gesehen und das äußerst skurril- paradoxe Zusammenspiel aus wirklich ekelhaften Horrorfilmszenen und Easy-Listening hat mich damals schon fasziniert. Ich bin dann wieder darauf gestoßen, als der Soundtrack vor ein paar Jahren auf CD veröffentlicht wurde. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass er von Herrn Holm ist. Das hat mich dann umso mehr begeistert und ich musste das irgendwie umsetzen.
Berührungsängste versuche ich zu vermeiden, das ist wahr. Womit ich bis heute immer noch nichts anfangen kann, sind Musicals. Außerdem mit dem, was auch 2007 wieder eines der großen Themen war: Reggae und Ragga, besonders deutschsprachig. Damit komm' ich nicht klar.

CM: Du bist nach Berlin umgezogen: was schätzt Du an Berlin? Kannst Du Dir vorstellen, wieder zurück "aufs Land" zu ziehen?

KG: Ich hatte bisher noch nicht so richtig die Gelegenheit, mich mit Berlin intensiv zu beschäftigen. Aber ich fühle mich wohl. Mir scheint, es herrscht hier immer noch diese Aufbruchsstimmung. So was ist ja immer sehr künstlich beziehungsweise ein Selbstläufer: man zieht nach Berlin, weil man denkt, hier „passiert etwas“. Bei mir war das allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt. Ich wollte einfach nur mal eine Weile in einer Großstadt leben. Welche, war mir erst mal egal. Ich komme gerade aus London zurück und muss sagen, dass Berlin schon erschreckend viel mehr Lebensqualität bietet. Aufs Land werde ich aber trotzdem irgendwann wieder ziehen, denke ich. Grundsätzlich finde ich es nicht wirklich wichtig wo man ist. Eher mit wem.

CM: Dein bisher schönstes und/oder schrecklichstes Erlebnis mit Get Well Soon?

KG: Das sehr junge Leben von GWS verlief bisher fast bilderbuchmäßig. Da möchte ich mich über zu vernachlässigende Unpässlichkeiten nicht beschweren. Die letzten paar Wochen waren so voll des Lobes, dass ich gar nicht mehr mitkomme. Es ist jedenfalls sehr schön zu sehen, dass sich die Leute ernsthaft interessieren und sich mit der Musik auseinandersetzen. Ich glaube, dass ist eigentlich das beste, was einem als Musiker passieren kann.

CM: Deine Lieblingsplatte zur Zeit:

KG: White Chalk von PJ Harvey.

CM: Mit wem würdest Du gern mal zusammenarbeiten?

KG: Da könnte ich jetzt natürlich eine längere Liste schreiben. Im Moment würde mich am ehesten etwas Interdisziplinäres reizen. Also Film, Kunst, oder ähnliches. Auch da wäre die Liste lang. Ich will ja nichts „verschreien“, das bringt bestimmt Unglück.



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