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Die Box




Februar 2008
Thomas Backs
für satt.org

Gitarrenbands 2008,
ein Ausblick (mit Rückblick)

Das alte Jahr brachte den Freunden alternativer Gitarrenmusik unter anderem wunderbare Longplayer von Damon Albarns The Good, The Bad & The Queen (mit dem reaktivierten Paul Simonon am Bass), Jamie T., The Decemberists und den Klaxons, und damit mal wieder eine neue Schublade, die nun „Nu Rave“ heißt. In Deutschland freute sich die treue Fangemeinde über ein richtig feines Album von Tocotronic. Dazu gab es auf der ganzen Welt unendlich viele Bands, deren Mitglieder aussehen wie die kleinen Brüder von Pete Doherty und Carl Barat und entsprechende Platten verkauften (oder auch nicht).

Wer nun die Frage „Gitarrenrock, Quo Vadis?“ stellt, der wird sie vielleicht mit „Zurück in die Zukunft“ beantworten können, denn der Einfluss alter Helden wie Morrissey & Marr, Robert Smith, Black Francis und auch Rivers Cuomo ist deutlich hörbar und Punk war zudem selten so lebendig wie im Moment. Im Briefkasten unserer Redaktion landet nun massig neues Material, das wir oft mit Begeisterung hören, denn es ist jede Menge heißer Stoff dabei. Einige Newcomer und neue Platten von nicht mehr ganz so neuen Bands möchten wir Euch an dieser Stelle gerne vorstellen.

Weitere Empfehlungen in aller Kürze (von Christina Mohr)

The Cinematics: A Strange Education (TVT Records/edel)

Die vierköpfige Band aus Glasgow spielt energetischen, atmosphärischen Gitarren-Indierock, inspiriert von Echo & The Bunnymen, The Cult und Magazine. Stadionverdächtig, aber (noch) mit sympathischen Ecken und Kanten. Produziert von Stephen Hague, der schon die Pet Shop Boys, New Order und Robbie Williams im Studio betreute. Im Februar live in Deutschland unterwegs.
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HushPuppies: Silence is Golden (Faith Recordings)

Knapp anderthalb Jahre nach ihrem Debüt „The Trap“ begeistern die fünf Franzosen mit einem gelungenen zweiten Album – Vorbilder wie The Kinks und The Faces sind noch hörbar, aber die Mods aus Perpignan (jetzt Paris) schwimmen sich frei mit einem eigenständigen Sound, dessen Hauptingredienzien das soulige Keyboardspiel und der charmante Akzent des Sängers sind.
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These New Puritans: Beat Pyramid (Domino)

Die Lieblinge der Saison: vier U-20-Spieler aus Southend/UK legen ein fiebrig-nervöses Debütalbum vor, Vergleiche mit The Fall, This Heat und Wire sind nicht zu hoch gegriffen. Erregten die Aufmerksamkeit von Modedesigner Hedi Slimane, der sie mit der musikalischen Untermalung für seine letztjährige Catwalkpräsentation beauftragte. Große Hoffnung, großes Album.
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Die Welt war nicht immer digital. Vier Gitarrenplatten aus dem vorigen Jahrhundert, eine aus der sogenannten Jetztzeit (von Robert Mießner):

Duane Eddy: Twang-Thang Anthology (Rhino, Compilation, 1995)

Jede Gitarrenband sollte einen Duane-Eddy-Schrein im Proberaum haben. Er ist einer der großen Pioniere. 1960 stieß der erste Instrumentalstar des Rock ’n’ Roll Elvis vom Thron der jährlichen NME-Polls. Er nahm das wahrscheinlich erste Unplugged-Album auf, arbeitete mit Lee Hazlewood, Willie Nelson und den britischen Synth-Avantgardisten The Art of Noise. Eddy bediente sich mit halbstarker Lässigkeit bei Blues, Rockabilly, Country, Gospel und Jazz, machte daraus kurze und schmissige Instrumentals, die jede Party erst zur solchen werden lassen. Auf „Twang-Thang Anthology“ finden sich alle seine Hits. Und das Schönste ist: Die richtigen Alben gibt es auch immer noch.
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The Coachmen: Failure To Thrive (New Alliance Records, 1979 / 1988)

Bevor Thurston Moore mit Sonic Youth göttlichen Lärm mit klassischem Pop vermählte, spielte er letzteren. The Coachmen waren eine charmante, kurzlebige und leider nicht sonderlich erfolgreiche Truppe um JD King (Gitarre und Gesang), Moore (Gitarre), Bob Pullin (Bass), Danny Walworth, später Dave Keay (Schlagzeug). „Failure To Thrive“, eine EP ihrer Demotapes von 1979 und die einzige Veröffentlichung dieser Besetzung, ist die Art Platte, die man hören möchte, wenn man sich im Frühjahr nicht zwischen Frohsinn und Verdruss entscheiden kann. Pop eben, guter und sehr, sehr selten und vergessen.
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Pell Mell: The Bumper Crop (SST, 1987)

1987 konnte kein Mensch ahnen, dass circa zehn Jahre später ein herrlich schwammiger Begriff wie Post-Rock die Runde machen würde. Greg Ginn veröffentlichte auf SST nicht nur Black Flag und Sonic Youth, sondern auch noch seltsamere Instrumentalisten, Neutöner und Tüftler wie Elliot Sharp, Fred Frith und Henry Kaiser. Pell Mell waren sozusagen die ohrenfreundliche Variante davon: Surfgitarren, motorisch-stoisches Schlagzeug, Keyboardflächen, kein Gesang. Pell Mell, mehrmals umbesetzt, sind auf „The Bumper Crop“: Bill Owen, Greg Freeman, Bob Beerman und Steve Fisk. Der Fisk, der später Nirvana, Wedding Present und Boss Hog produzierte. Lässt sich problemlos nach Duane Eddy hören. Eine gewisse Entrücktheit sei freilich empfohlen.
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The Flaming Stars: Pathway (Vinyl Japan, 1999)

Natürlich sind alle anderen Alben der Flaming Stars genauso gut, warum also „Pathway“? Ganz einfach, weil da „Coffin Ed & Grave Digger Jones“ und „The Ghost Of Baghdad“ drauf sind, zwei ihrer besten Intrumentals. Und „Just How It Feels“ und „The Last Picture Show“, zwei dieser großen Songs, zu singen, wenn der Morgen grau ist und schal schmeckt. Die Gitarren bei den Flaming Stars, gespielt von Mark Hosking und Huck Whitney, sie klingen eher nach Garage denn nach Indie. Nach der Musik, die auf einen wartet, wenn man mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch den Novembernebel hastet, um sich mit Hochprozentigem zu wärmen. Demnächst mit Gesundheitswarnung.
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Archie Bronson Outfit: Derdang Derdang (Domino, 2006)

Dauergast bei Archie Bronson Outfit ist Duke Garwood, Londoner Multiinstrumentalist und Psychedeliker. Auf „Derdang Derdang“ spielt er Saxofon und Rhaita, ein marokkanisches Blasinstrument. Sind Archie Bronson Outfit überhaupt eine Gitarrenband? Sie sind es und haben es geschafft, dabei den Flaming Stars nicht ganz unähnlich, einem etwas beliebigen Genre den Fahrplan für die Abwege mitzugeben, dorthin, wo es eventuell weniger glamorös, aber umso aufregender zugeht. „Derdang Derdang“ bringt alles wunderbar zusammen: Geräusch, Melodie und Rhythmus, den teuflischen Blues zorniger alter Männer und die Leichtigkeit der Londoner Sixties. Wenn ersteinmal akzeptiert wird, dass MTV Surrealismus ist, dann darf das Pop genannt werden.
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Cover

Den Anfang soll hier eine Band von der US-amerikanischen Westküste machen. Die Ex-Boyfriends aus San Francisco legen mit „In With“ (BB*Island) ihr zweites Album vor. Eine schöne Scheibe für die Freunde von klassischem, melodischem 80er US-Punk mit deutlichen Pop-Einflüssen. Beim Hören von Songs wie „Private D“ oder Breathe without Breaking“ lässt sich erahnen, dass wohl auch Rivers Cuomo und Weezer im Plattenschrank der drei Musiker ihren Platz gefunden haben. Und von den Schöpfern des blauen und des grünen Albums ist drei Jahre nach „Make believe“ auch eine neue Scheibe zu erwarten. „Sometimes I feel like there s a weird shame in admitting that you really like pop music, but I love it more than anything“, meinte Sänger und Gitarrist Colin Daly von den Ex-Boyfriends in einem Interview. Muss eine große Liebe sein, denn Dalys Songs haben einen Ohrwurmeffekt, der spätestens beim dritten Durchhören von “In With” einsetzt. Eine Stärke, die den Ex-Boyfriends in den USA schon viel College-Radio-Airplay und eine Nominierung für die finale Runde des Contests „Underground Band of the Year“ im Magazin Spin für das Jahr 2007 einbrachte. Sehr schön ist auch das Artwork von „In With“: Das ist inspiriert von dem Mörder-Mystery-Spiel „Cluedo“ und der darauf basierenden 80er Kult-Komödie „Clue“ (Alle Mörder sind schon da) von Jonathan Lynn und John Landis, ein Lieblingsteil der Ex-Boyfriends. So kommt die CD mit drei verschiedenen Covercards, das je ein Mitglied albern verkleidet in Cluedo-Mörderpose zeigt.

Cover

In Europa, genauer geschrieben im Britpop-Mutterland, könnte eine neue Schublade, die sich 2008 öffnet, vielleicht „Shakespeare in Rock“ heißen, denn die wunderbaren Eight Legs kommen aus Stratford-Upon-Avon und haben gerade mit „Searching for the Simple Life“ (Weekender Records) einen ebenfalls anschaffenswerten Longplayer vorgelegt. Wer die vier Engländer mit anderen Bands vergleichen möchte, der sollte das vielleicht nicht im Gespräch mit Sänger Sam Jolly machen. „Ich bin überzeugter Gegner von Vergleichen“, erklärt Jolly: „Denn ich bin der Meinung, wir klingen absolut einzigartig und nicht mal ansatzweise nach Razorlight oder Bloc Party, wie sich ein paar ganz Schlaue überlegt haben. Wenn man schon Referenzen herbeizitieren möchte, dann bitte doch The Velvet Underground. Mit denen verglichen zu werden, das würde mir schmeicheln.“ Na ja, Mr. Jolly, den Gefallen können wir ihnen hier aber nicht tun. Songs wie „Vicious“ oder „Freaking out the neighbours“ lassen bestimmt wenige Beine ruhig stehen und bieten eine schöne tanzbare Mischung aus Pop und Punk, aber an „Venus in Furs“ oder „Sunday Morning“ müssen wohl die wenigsten Menschen beim Hören denken. Eher an Samstagabend, ne Menge Bier und wilde Partys. Dafür haben die Eight Legs gerade einen sehr schönen Soundtrack abgeliefert, der bringt garantiert viele Indie-Discos zum Durchstart auf dem Tanzboden. Wenn nicht gerade nur Radiohead-Fans anwesend sind und die Carl Barat-Liebhaber sich gerade nicht trauen, das Rumgehüpfe zu eröffnen.

Cover

Und wenn wir schon bei England sind, dann kommen wir nun wirklich nicht an British Sea Power vorbei. Nachdem sie Ende 2007 die „Krankenhaus“-EP“ veröffentlichten, folgte nun im Januar das dritte Album mit dem Titel „Do you like Rock Music?“ (Rough Trade). Eine interessante Frage, die viele Leser hier sicher öfter mal mit „Ja!“ beantworten können. Mit „Atom“ und „Down on the ground“ haben es zwei Songs der letztjährigen EP auch auf den Longplayer geschafft, dazu gibt es auf dieser beeindruckenden Platte auch tolle Singles wie “Waving flags”. Die englische Presse überschlug sich im letzten Monat mit Bestnoten für das Album einer Band, die auch von Joy Division beeinflusst worden ist und es in der Erscheinungswoche von „Do you like Rock Music?“ sogar in die Top Ten der offiziellen UK Top 40 schaffte. Ab dem 18. Februar sind BSP für fünf Konzerte zwischen München und Hamburg unterwegs. Ein Besuch ihrer Gastspiele lohnt sich, die Band hat hervorragende Live-Qualitäten und untermalt diese zudem öft mit einer ziemlich abgefahrenen Bühnen-Show.

Cover

Auf dem europäischen Festland hat Haldern Pop Recordings nach den Shout Out Louds im letzten Jahr nun mit Mintzkov aus Belgien ein neues heißes Eisen im Feuer. „360°“ ist ihr zweites Album, das Ende März veröffentlicht wird. Unter diesem Namen ist es sogar das erste, denn ihre musikalische Karriere begannen Sie als „Mintzkov Luna“ mit dem Longplayer „M for Means and L for Love“. Während der Aufnahmen zu „360°“ hatte die Band das Gefühl, ihren Namen ändern zu müssen, der darauf enthaltene Song „One equals a lot“ steht für die neuen, wiedergeborenen Mintzkov: geradheraus, kraftvoll und abenteuerlich. Ja, wer die Pixies und die Musik von Black Francis und Kim Deal liebt, der wird auch Mintzkov mögen, denn in deren musikalischen Fußstapfen bewegen sich die Belgier. „360“ wurde vom Schotten Mark Freegard produziert, der mit bereits mit Bands wie The Breeders, Manic Street Preachers und The Cranes gearbeitet hat. Wer Mintzkov live erleben möchte, der kann das ebenfalls im Februar tun, ab dem 12. 2. sind sie in Deutschland auf Tour.

Cover

Aus Kanada schickt das Label Curve Music ebenfalls regelmäßig interessante Platten in die Regale der Plattenhändler. Als „Kanadas Antwort auf die Killers“ werden Grand PM angekündigt, die im Januar ihr Debut „Party in your basement“ an den Start gebracht haben. Songs wie „Stephanie“ und der Album-Titeltrack gehen gut nach vorne und werden den Fans von Brandon Flowers und Co. wohl gefallen. Wert wurde nach Angaben der Plattenfirma auch auf die Verpackung der CD gelegt. Die ist „mit einer brünetten Dame, wahlweise aber auch mit einer blonden Dame, erhältlich,“ heißt es. Und weiter: „Wer sich nicht entscheiden kann, muss sich eben beide Versionen besorgen.“ Na ja, vielleicht dann doch lieber noch ein zweites Album des Labels, denn The Dunes aus Toronto können mit „Socializing with Life“ ebenfalls gefallen. Songs wie „Hurry up“ und „Do it all the time“ sind offenbar stark von Radioheads Creep-Zeiten beeinflusst und könnten auch Fans der Stereophonics gefallen.

Mit großer Spannung wird in England das Debut von „Joe Lean & The Jing Jang Jong“ erwartet, das erst im Spätsommer 2008 auf den Markt kommen soll. Im letzten Jahr wurde die Combo um den ehemaligen Schlagzeuger der Girl-Group The Pipettes aus Brighton von sehr vielen Labels gejagt. Den Zuschlag bekamen schließlich wie bei Razorlight und The Killers auch Vertigo. Der Song „Lucio starts fires“ macht bereits jetzt neugierig auf mehr.

Für Freunde entspannter Gitarren-Klänge in der Tradition von The La's und The Coral wird es auch etwas Neues geben: The Troubadours kommen ebenfalls aus dem „Mersey Paradise“ und klingen mit der Single „Gimme Love“ auch so. Produziert wird das erste Album dieser Band von John Leckie. Und der hat 1989 mit dem Meisterwerk der Stone Roses ja schon bewiesen, was er kann.

Desweiteren warten auf uns 2008 unter anderem neue Platten von The Kooks, R.E.M., Franz Ferdinand, Oasis, The Raconteurs, Portishead, The Streets, Metallica, Goldfrapp und von vielen neuen Künstlern, die wir zum ersten Mal hören werden. Und das sind ja dann oft sogar die besten neuen Soundtracks zum Leben.