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Juni 2006
Robert Mießner
für satt.org


Sonic Youth:
Rather Ripped

Geffen, Universal 2006

Albumcover
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Sonic Youth:
Rather Ripped

Der diskrete Charme der Subversion

Es ist an der Zeit, an dieser Stelle einmal das schöne Wort “Beschreibungsimpotenz” zu verwenden. Es stammt aus der Feder Peter Handkes. Vor Jahren hat ihm seine Tochter eine Sonic Youth-Kassette geschenkt: “Und das mochte ich dann wieder sehr gerne.“ Sonic Youth haben in diesem Monat ein neues Album veröffentlicht. Und es besteht tatsächlich die Gefahr, dass der Rezensent bereits jetzt in ehrfürchtige Starre verfällt, unfähig, auch nur einen gescheiten Satz zu Papier zu bringen. Das New Yorker Quartett entzieht sich allerdings auch gekonnt jeder Beschreibung. Ist politisch engagiert und künstlerisch aktiv, ohne zu moralisieren oder zu langweilen. Verfügt über einen soliden, verdienten Legendenstatus, der nicht auf provokativen Statements und / oder privaten Skandalen beruht. Die Rettung aus der Schreibstarre bringt die Geschichte. Rather Ripped erscheint in den USA fast auf den Tag genau zum 25jährigen Bandjubiläum.


Kim Gordon, Thurston Moore
Kim Gordon, Thurston Moore


Lee Ranaldo
Lee Ranaldo
Fotos: Anders Jensen-Urstad

Donnerstag, 18. Juni 1981, White Columns, New York: Der Betreiber des Hurrah-Clubs droht, seine Räumlichkeiten zu schließen, da ihm der Lärm der eingeladenen Bands die Gäste zu vertreiben droht. Einer der Gitarristen reagiert lakonisch und verpasst dem Konzert ein neues Motto: Noisefest. Der Name des knapp 23jährigen – Thurston Moore, die Band – Sonic Youth. Kim Gordon, in jenen Tagen 28 Jahre alt, Moores Freundin und spätere Ehefrau: “Wir waren damals noch relativ harmlos. Verglichen zumindest mit den Swans, die mit uns zusammen auftraten und deren Drummer die ganze Zeit nur Metallschrott als Instrument benutzte.“ So plötzlich der Schock des Abends über Clubeigentümer und Publikum gekommen ist, so hat er doch einen längeren Vorlauf. Moore ist Jahre zuvor nach New York gezogen – als Collegeabsolvent mit dem festen Vorsatz, Punkmusiker zu werden. Die ersten Resultate sind alles andere als berauschend: “1977, mit neunzehn Jahren, war ich übergeschnappt, einsam, ohne jegliches Sozialleben. Besessen von der Idee, ein schwedisches Mädchen lieben zu müssen, die lieber mit einem älteren Schriftstellertypen abhing. Ich bezahlte 110 $ Miete im Monat für ein spartanisches Apartment. Beziehungsweise, ich versuchte zu zahlen.“ Am Anfang von Sonic Youth, oft apostrophiert als Kunststudentenband, stehen gänzlich prosaische Erfahrungen: “Es kam nicht selten vor, dass Leute wie wir auf der Straße angegriffen wurden. Dafür habe ich Sid Vicious in New York gesehen. Bis heute noch hüte ich die Zeitung mit seiner Todesnachricht – ich habe die Berichte verschlungen, als ginge es um die Ermordung John F. Kennedys.

Später treten der Avantgardekomponist Glenn Branca und Free Jazz an die Seite der Sex Pistols und Television. Kim Gordon, Thurston Moore, Keyboarderin Ann DeMarinis und Drummer Richard Edson gründen Sonic Youth. Kurz darauf kommt Gitarrist Lee Ranaldo, Jahrgang 1956, für DeMarinis in die Band. Der Platz hinter dem Schlagzeug wird anfangs wechselnd besetzt – auf den späteren Schauspieler Edson folgen Jim Sclavunos, heute bei Nick Cave & The Bad Seeds, und Bob Bert, der Pussy Galore mitbegründen wird. Steve Shelley, geboren 1963, stößt 1985 zu ihnen. Im Independent-Kontext spielen sie Musik, die im Hörer ungleich tiefere Schichten berührt als konfektionierter Punkrock. Steven Signor, Kritiker und Zeitzeuge, erinnert sich an seine ersten Eindrücke: “Sonic Youth haben mich anfangs zu Tode erschreckt. Sie in einer unserer Kleinstadtsiedlungen zu hören, das war, als wäre American Gothic plötzlich real, lebendig geworden.

Was in New Yorker Kellerclubs begann, wird im nachhinein gerne in Superlativen beschrieben. Berufskrankheit des Kritikers, aber hier seien sie erlaubt. Wer Mitte, Ende der achtziger Jahre im Ost-Berliner Parocktikum oder im West-Berliner Radio 100 staunend und mit offenen Ohren den diskreten Charme der Subversion erfahren hat, hat auch Sonic Youth gehört. Alben wie EVOL (1986) und Daydream Nation (1988), an einem Samstagabend auf verzerrten Frequenzen oder rauschenden Kassetten, vermittelten eine Ahnung davon, dass ein anderes Leben möglich ist. Wer als Punkkonsument Jazz für eine abgehobene Intellektuellenmusik gehalten hat, konnte später mit Sonic Youth entdecken, welche Kraft und Energie auf den Platten von Charles Mingus und Ornette Coleman gefunden werden kann. Eine Energie, die Sonic Youth über die neunziger Jahre hinaus noch ihren Namen zu Recht tragen ließ und lässt. Als Grunge, ohne sie nicht denkbar, mit dem frühen Tod Kurt Cobains Geschichte wird, erscheint 1995 Washing Machine – ein Album, das den zwischenzeitlich schon mal erhobenen Vorwurf der Berechenbarkeit und des Ausverkaufs gründlich zerstreut. Sie beginnen, parallel auf ihrem eigenen Label Sonic Youth Records zu veröffentlichen und stellen, noch ausgiebiger als auf ihren Platten für SST und Geffen, Improvisation und Experiment in den Mittelpunkt.

Jetzt also Rather Ripped. Als vor Wochen die frohe Botschaft auf den Schreibtisch kam, dieses Jahr gäbe es ein neues Album, begann die Zeit der Vorfreude und hohen Erwartungen. Aufgenommen und produziert letzten Winter im Sear Sound-Studio New York – nicht nur für die Nostalgiker unter unseren Lesen, das ist exakt jenes, in dem 1987 Sister, die komprimierteste aller ihrer Platten, entstand. Um so größer die Überraschung, als dann das langersehnte Päckchen eintrifft: Sonic Youth ist ihr bis dato zugänglichstes, ja ohrenfreundlichstes Album gelungen. Rather Ripped strahlt eine selten gehörte Lässigkeit aus und überzeugt durch das, was die Hipster auf der Kastanienallee, Berlins erfolgreich gentrifiziertem Freizeitpark, nie und nimmer erlangen werden – das Wort dafür heißt Understatement.

Schon einmal, zu Zeiten von Goo (1990) und Dirty (1992), hatte es den Anschein, die Klangforscher würden die Einfachheit entdecken. Damals im Pop, heute in Psychedelic. Keine Sorge, es ist alles noch vorhanden, was zu einer Sonic Youth-Platte gehört. Die irrlichternden Gitarren, die lauernde Verstörung wie Kim Gordons Gesang. Vorgetragen aber in leichter, impressionistischer Manier. Jams Run Free heißt eines der Stücke. Es hätte alternativ auch als Albumtitel dienen können, beschreibt es doch treffend die ungezwungene Dreiviertelstunde dieser Platte. Und bevor doch noch Befürchtungen aufkommen, die Schalljugend sei altersmilde geworden: Rats, gesungen von Lee Ranaldo, sollte auch jene überzeugen, die sich nach 1990 oder 2000 keine Sonic Youth-Alben mehr gekauft haben. Turquoise Boy, Lights Out und schließlich Pink Steam lassen vermuten, dass sich New Yorks Kunstträger in Zeiten des andauernden Postpunk-Revivals plötzlich für Aspekte des Hippietums interessieren. Ein dialektischer Zickzackkurs, dem sie bis heute verbunden geblieben sind. Wem zwischen Dezember und Januar ein dermaßen sommerliches Stück Musik gelingt, befindet sich tatsächlich jenseits beschreibbarer Regionen. Wer weiß, vielleicht erfahren wir eines Tages, welche Stücke Amina Handke für die Mixkassette ihres Vaters ausgewählt hat. Bis dahin ein Glas kalifornischen Cabernet Sauvignons auf Sonic Youth und das andere Amerika! Ich glaube, es werden zwei.


Anstelle einer Diskografie

Sonic Youth haben an die 25 Alben veröffentlicht. Bevor ihr verzweifelt, hier ein subjektiver Weg durch den Dschungel.

  • Bad Moon Rising (1985): Die frühen Sonic Youth-Alben waren voller gelungener Entwürfe und Skizzen – dieses ist das erste voll durchgearbeitete. Sieben ineinander übergehende Stücke, bevor Death Valley ’69 (gemeinsam mit Lydia Lunch) die bösen Töchter der Wüste weckt. Beängstigend und groß.
  • Sister (1987): Meisterwerk und Mittelstück einer Trilogie brillanter Alben. Oft wird Daydream Nation empfohlen. Der Vorgänger ist kürzer, energischer und bissiger. Kein Ton zuviel. (I Got A) Catholic Block, Pipeline / Kill Time und Pacific Coast Highway rauben den Schlaf, Hot Wire My Heart reißt San Franciscos Punkpioniere Crime aus der Vergessenheit. Verstörend und dabei mit einem versöhnlichen Ausklang.
  • Experimental Jet Set, Trash And No Star (1994): Anfang der neunziger Jahre waren Sonic Youth auf MTV zu sehen. Nicht, dass wir die Tugendwächter des Independent wären – sie haben ihren Flirt mit dem Mainstream sichtlich genossen. Aber es wurde Zeit, dass er ein Ende gefunden hat. Auf diesem zu Unrecht übersehenem Album. Rau und charmant.
  • A Thousand Leaves (1998): Die Summe alles vorherigen. Vom alten Jahrtausend verabschiedeten sich die New Yorker melodisch und geräuschhaft zugleich. Hits Of Sunshine ist eine Hommage an Allen Ginsberg, Karen Koltrane zitiert, richtig, John Coltranes A Love Supreme. Episch und exzellent.
  • NYC Ghosts And Flowers (2000): Für einige Jahre ist das Quartett mit Jim O’Rourke zum Quintett erweitert gewesen. NYC Ghosts And Flowers ist das experimentellste dieser Alben. Sprechgesang, Elektronik und extra Perkussion sorgen für eine an Bad Moon Rising erinnernde Stimmung. Das Plattencover stammt von William S. Burroughs. Beängstigend und groß, abermals.