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Die Box




November 2007
Christina Mohr
für satt.org

In meinem Kopf ist eine Großstadt

In meinem Kopf ist eine Autobahn

In meinem Kopf können alle meine Freunde

Mit mir Karussell fahr'n

In meinem Kopf dreht sich alles

Nur um alles in der Welt

In meinem Kopf ist soviel Krach und Kram

Der legt das ganze System langsam lahm

Ich weiß nicht mehr was ich machen soll

Mein Kopf ist viel zu voll

Und dann das ganze Bonusmaterial

Aus:
„Gott wohnt hinter meinem linken Ohr“

Lydia Daher:
Auf der Suche nach einem Ton, der außen klingt wie innen


Lydia Daher

CD Release Party & Konzert:
6. Dezember 2007, München/Vereinsheim

Lydia Dahers bei Trikont erschienenes Debütalbum hat seit seiner Veröffentlichung im September für reichlich Furore und jede Menge jubelnde Presseresonanz gesorgt. Die 1980 als Tochter deutsch-libanesischer Eltern in Berlin geborene, in Köln aufgewachsene und heute in Augsburg lebende Künstlerin verbindet Songwriterpop mit ihren außergewöhnlichen, einzigartigen Texten, die profan als „Lyrics“ zu bezeichnen eine Herabsetzung Dahers Arbeit wäre. Daher ist seit vielen Jahren erfolgreiche Poetry-Slammerin, was man ihrem versierten, phantasievollen, wagemutigen Umgang mit Sprache anmerkt – ihr gelingen wunderbare Volten, mal schlicht, mal kunstvoll verschachtelt. Sie kann komisch sein, aber niemals albern, sie ist kein um sich schlagendes Riot Girl, sondern eine hellwache Beobachterin mit aufmerksamem Blick und frisch gespitztem Bleistift. Die Songs ihres Albums nahm sie ganz alleine in ihrer Wohnung mit einer handelsüblichen Aufnahmesoftware auf, spielte dazu ein bißchen auf einer Westerngitarre und garnierte das Ganze durch den Einsatz einiger Kinderinstrumente. Der Producer Alaska Winter von den Echolot Studios schaute nochmal kurz drüber – fertig war eins der überraschendsten deutschsprachigen Debüts der letzten Jahre. „Dafür, dass ich es eigentlich nicht kann, kann ich es ganz gut“, sagt Lydia Daher über ihre erste musikalische Produktion und sie hat verdammt recht. Die Musik ist weit mehr als nur Untermalung der Texte, schon der Opener „Gott wohnt hinter meinem linken Ohr“ ist eingängiger Indiepop, der sich sofort ins Gehirn einbrennt und hoffentlich bei ganz vielen Endjahrespolls angemessen gewürdigt wird. Liebeslieder klingen bei ihr so: „tauschst du fünf Songs von Syd Barrett mit mir für einen Kuss?“ und es ist diese besondere Mischung aus Lakonie und Leidenschaft, die Daher zu einer Ausnahmefigur im deutschen Pop macht. Vergleiche fallen flach (im Übrigen ist sie sehr froh darüber, dass sich bislang zurückgehalten wurde mit absurd-hilflosen Vergleichen), Lydia Daher muß man hören. Jetzt. Sofort.

Lest hier das satt.org-Interview:

Wann und wie bist du auf die Idee gekommen, deine Texte mit Musik zu verbinden? Gab es einen bestimmten Auslöser?

Lydia Daher
Lydia Daher (Foto: Gerald von Foris)

Lydia Daher: Auslöser waren im Sommer des letzten Jahres der Aufnahmeknopf des GarageBand- Programms, der schon lange irgendwie schwelende Wunsch nach eigenen Liedern - bis dahin hatte ich mir erfolgreich eingeredet, dass meine musikalischen „skills“ nicht ausreichend wären -, genug Ideen und eine gewisse Scheiß-Drauf-Ich-Mach’s-Jetzt-Haltung. Außerdem hatte ich zu der Zeit keine große Lust auf das Schreiben von Gedichten, das war mir irgendwie zu still. Ich hab meine alte Gitarre gepackt, ein Mikro eingestöpselt und los ging es. Ich bin sehr frei an die Sache rangegangen, es gab keine großen Erwartungen von mir oder irgendwem an mich, keine Gedanken an weitere Verwertbarkeit, was die Sache wahrscheinlich so leicht für mich gemacht hat. Innerhalb von etwa zwei Monaten habe ich alle Songs geschrieben und aufgenommen. Das werde ich wahrscheinlich nicht wieder schaffen.

Was kann Musik besser als "nur" Text - oder stellt sich diese Frage gar nicht?

LD: Schwere Frage. Die Musik zieht mit Sicherheit ein größeres Publikum als die Lyrik, man kann also in der Konsequenz von der Musik auch noch etwas besser nicht leben als von der Lyrik … aber das nur am Rande. Im Bestfall drücken beide Formen Befindlichkeiten aus. Ich spreche nicht von Befindlichkeiten im negativ besetzten Feuilleton-Sinn, sondern im Sinne von: Wo befinde ich mich, im Verhältnis zu anderen Menschen, den Dingen, in einer bestimmten Situation? Die Frage nach der Befindlichkeit impliziert ja auch immer eine Form der Suche, die den Empfänger mit einer echten Dringlichkeit erreichen sollte. Ich glaube, ich bin da sehr romantisch. Ich suche immer nach der Wahrhaftigkeit; das heißt, wenn ich diese nicht aufspüren kann, dann ist die Musik genauso wie der reine Text einfach Quatsch in meinen Ohren. Wobei ja auch Quatsch schön sein kann …
Ich habe es neulich mal für mich in einem Gedicht auf den Punkt gebracht: Es geht um die Suche nach einem Ton, der außen klingt wie innen. Hat man das geschafft, dann hat man es geschafft. Ganz egal, ob man dazu jetzt Musik gebraucht oder nicht.

Testest du deine Texte vor Freunden, ob sie gut ankommen? Oder arbeitest du für dich allein?

LD: Ich arbeite in der Regel für mich allein. Man könnte es so sagen: Ich will mich ausdrücken, nicht ausgedrückt werden. Da ist immer ein gewisses Maß an Angst vor externer Verunsicherung, meine eigene reicht mir vollkommen, und davor, dass mir jemand reinredet. Genauso wenig will ich jemandem reinreden. Ich hätte ein schlechtes Gewissen dabei, einen anderen Künstler von meinen ästhetischen Vorstellungen überzeugen zu wollen. Deshalb experimentiere und arbeite ich eigentlich lieber für mich allein, teste fertige Texte vor Publikum und kann danach noch mal reflektieren. Insgesamt bin ich jedoch relativ resistent gegenüber Resonanzen, obwohl ich natürlich beleidigt bin, wenn mich jemand disst, haha. Feedback an sich, egal ob positiv oder negativ, ändert trotzdem langfristig nicht wirklich etwas an dem, was ich tue oder getan habe. Am Schluss mach' ich ja doch das, was ich will. Jeder mit Kunst Beschäftigte kann im Endeffekt sowieso nur an dem gemessen werden, was er selber will.

Übrigens:
satt.org ist schon 2004 auf Lydia Daher aufmerksam geworden …

Unterscheiden sich deine Poetry-Slam-Texte von den Texten auf dem Album? Wenn ja, wie und wodurch?

LD: Die Texte für die Songs sind anders als Performance-Poesie oder eher klassische Lyrik. Ein wesentlicher Punkt ist, dass die Worte nicht allein für Rhythmus und Klang verantwortlich sind, weshalb mir das Texten zur Musik auch leichter fiel. Wenn ich Songtexte schreibe, habe ich gemerkt, komme ich mit mehr Abstand zu den Themen, zu mir und meiner Umwelt aus, kann besser Geschichten erzählen. Ich muss aber auch sagen, dass ich derzeit kaum noch Gedichte schreibe, die sich für Slams eignen, weil sie zu kurz und teilweise zu hermetisch für den oralen Vortrag geworden sind, was natürlich dazu führt, dass ich diese Plattform momentan nicht mehr so häufig nutze. Aber meine Slam-Erfahrung hat mir sicherlich insofern geholfen, dass ich gelernt habe, Leute dazu zu bringen, dabei zu bleiben, was zum Beispiel eine Form von Pointiertheit und den Einsatz sprachlicher Überraschungen voraussetzt.

Wie unterscheidet sich ein Poetry Slam von einem Auftritt mit Musik? Wie reagiert das Publikum?

LD: So viele Auftritte hatte ich mit der Musik bis jetzt noch nicht, aber soweit kam es ganz gut an. Obwohl, oder gerade weil das Format doch eher ungewöhnlich ist. Ich bin ja so eine Art One-Woman-Guitar-Plus-Backing-Track-Spektakel. Im Vorfeld haben mir viele Leute zugeredet, ich bräuchte doch wenigstens einen Musiker neben mir auf der Bühne. Nach einigen Überlegungen habe ich mich aber dagegen entschieden. Zum einen will ich so reduziert und unabhängig wie möglich reisen und auftreten können. Zum anderen: Was sollte der tun? Gelangweilt auf seine Einsätze warten? Oder so alibimäßig vom Schlagzeug zum Keyboard zum Bass springen? Am besten noch mit einem T-Shirt, auf dem „Multiinstrumentalist!“ oder „Mann fürs Grobe“ steht?
Überraschend war dann sowieso, als mir Zuhörer nach dem letzten Konzert erzählten, dass sie das Playback im Hintergrund ziemlich schnell gar nicht mehr wahrgenommen hätten. Da will ich eigentlich hin. Ich probiere das jetzt also erstmal weiterhin allein. Schließlich habe ich die Musik ja auch alleine gemacht und außerdem lange Zeit mit viel weniger, nämlich nur mit meiner Stimme, Erfahrungen auf allen möglichen Bühnen vor allen möglichen Leuten sammeln können. Ich muss mich allerdings daran gewöhnen, dass das Publikum bei Konzerten in der Regel nicht so still ist, wie bei Lesungen und Spoken-Word-Formaten. Dort messe ich den Erfolg meines Auftritts nämlich meist an der Intensität der Stille. Bis jetzt kam ich aber ganz gut damit zurecht, dass im Hintergrund auch mal geredet wurde. Schließlich bin ich ja auch lauter.

Kannst du dir vorstellen, auf Tour zu gehen?

LD: Klar, meine Auftritte haben mir bis jetzt Spaß gemacht, aber es ist auch kein Geheimnis, dass der Musikmarkt derzeit hart umkämpft ist. So natürlich auch die Clubs und Konzertlokalitäten, da haben es natürlich gerade die Neuen schwer. Ich habe einen Booker, Jens von Trümmer Promotion, der derzeit versucht, ein paar Auftritte für mich klar zu machen. Das läuft jetzt so langsam an. Wir denken da besonders an die vielen kleinen Clubs und Kneipen, die nicht unbedingt die optimalen Voraussetzungen für das Veranstalten von richtigen Bands haben, aber trotzdem nicht aufs Live-Programm verzichten möchten. Ich brauche nicht viel Platz, nicht viel Technik, reise alleine, maximal noch mit einem Mischer, und mache trotzdem nicht das klassische Singer-Songwriter-Ding. Schauen wir mal, was kommt …

Hast du Vorbilder - sowohl in Literatur als auch Musik?

LD: Vorbilder in dem Sinn habe ich nicht, eher so Phasen, in denen ich mich besonders für eine Person oder eine Richtung interessiere. Es gibt da jetzt niemanden, von dem ich alle Bücher oder Alben besitze, oder seit Jahren ganz genau verfolge. Ich bewundere viele Künstler für vieles, aber es gibt in meinen Augen nicht DEN Größten. Das ist ja bekanntlich schon Muhammad Ali. Mehr kann und will ich dazu nicht sagen.

Welche Musik hörst du zuhause?

LD: Alles mögliche. Die einzigen Musikrichtungen, mit denen ich im Bereich der Popularmusik noch nie was anfangen konnte, sind Heavy Metal und dieses dunkelrote Blut- und Engelszeug. Ansonsten bin ich stets bereit für Neues, Fremdes, Abseitiges. Natürlich achte ich sehr genau auf die Texte in der Musik, aber am Wichtigsten ist, ob jemand ganz bei sich ist, oder nur dort, wo er gern sein würde. Man muss nicht mal unbedingt die Sprache verstehen, um das mitzubekommen, finde ich. Ich könnte manchmal heulen, wenn ich Fairouz höre, eine sehr bekannte libanesische Sängerin, obwohl ich leider kaum ein Wort verstehe.

Spürst du, wann ein Text "fertig" und gut ist oder läßt du Texte liegen, um sie später zu überarbeiten?

LD: Ja, es gibt dieses Gefühl des Fertigseins. Haha. Ab und zu lege ich auch mal einen Text beiseite, um ihn später weiter zu schreiben, aber das mache ich dann meistens sowieso nicht.
Ich bin kein Fan des Überarbeitens, ich produziere dann lieber was Neues. „Et kütt wie et kütt“ sagt man in Köln.

Du zitierst die Fehlfarben in "Ich will die Sonne" - wann und wie bist du auf diese Band gekommen? Als deren erste Platte rauskam, warst du gerade geboren …

LD: Es ist einige Jahre her, da habe ich eine Best-of-Fehlfarben-CD von einem Wühltisch gefischt. Eine Schande. Bis dahin war mir ehrlich gesagt nur der Name ein Begriff. Auf Anhieb fand ich die Musik großartig, zeitlos, und natürlich sind die Fehlfarben ganz vorne, was deutschsprachige Songtexte betrifft. Aber wem sag ich das … Das Zitat ist mir gegen Ende des Textschreibens eingefallen und passte so gut, fasste den Inhalt noch einmal so gut zusammen, dass ich es ohne große Überlegung einfach sinngemäß übernahm. „Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.“ Toll. Den Satz würde ich mir auf die Stirn tätowieren, wenn da genug Platz wäre. Ich hoffe, dass die Band mir den kleinen Klau nicht krumm nimmt.

Warum ist Trikont das ideale Label für dich?

LD: Achim und Eva, die beiden Geschäftsführer, erzählen immer mit leuchtenden Augen von all ihren Künstlern und Veröffentlichungen. Diesen Enthusiasmus habe ich sofort gespürt und hat mir das Gefühl gegeben hat, dort richtig zu sein. Die Leute von Trikont haben zudem einfach ein großes Gespür für Authentizität, für Echtheit. „Es ist egal wie Du es sagst, Hauptsache Du erzählst keinen Scheiß“ habe ich mal als ein Motto von ihnen gelesen. Sie wollten zum Beispiel auch auf keinen Fall, dass ich mein zu Hause alleine produziertes Album noch einmal in einem richtigen, professionellen Studio neu einspiele. Das kam mir sehr entgegen und war die einzig richtige Entscheidung. Außerdem ist es wunderbar, dass Trikont, genau wie ich, an allem interessiert ist und für alles offen, was „Soul“ hat, also Seele. Sie haben einen mutigen und weiten Begriff von Kunst und lassen sich nicht beeindrucken von Szeneregeln, Hypes und zeitgeistigen Definitionen von Coolness. Das Label wagt bis heute, noch nach 33 1/3 Jahren und in die größte Plattenverkaufskrisenzeit hinein, musikalische und somit auch finanzielle Abenteuer. Trikont sind sowohl Entdecker neuer als auch als Archivare alter Musik, wobei Länder- und Sprachgrenzen keine Rolle spielen. Ich finde ganz im Ernst, dass sie für ihre kulturelle Leistung bedingungslos von öffentlicher Hand gefördert werden sollten. Warum immer nur die Museen, Theater- und Opernhäuser!? Und warum klingt dieser Gedanke jetzt so absurd? Gute Frage, oder?

Was war der bisher blödeste Vergleich, den du in Bezug auf dich gehört hast? Oder warst du bisher mit allem zufrieden?

LD: Auf einen richtig blöden Vergleich warte ich noch. Kritiker haben sich sowieso mit Satzanfängen wie „Klingt wie eine Mischung aus A und B …,“ eher zurückgehalten. Gut so. Oft werden die Lassie Singers erwähnt, die ich ehrlich gesagt noch nie gehört habe. Mein Freund dagegen kennt ihre erste Platte komplett auswendig und singt mir neuerdings dauernd irgendwelche Songfetzen vor, was mich meistens eher nervt. Vielleicht muss ich mir einfach mal dieses Album besorgen, damit er damit aufhört …

Hast du das Gefühl, ein rolemodel für junge Frauen zu sein? Hast du einen explizit feministischen Ansatz oder spielt das bei deinen Texten keine besondere Rolle?

LD: Einen explizit feministischen Ansatz habe ich nicht. Er spielt also auch in meinen Texten keine Rolle. Ich bin zu Selbstbewusstsein und so weiter erzogen worden, aber nie vor dem Hintergrund: Weil, oder obwohl Du ein Mädchen bist, solltest Du Dich so oder so verhalten.
Ich habe schon immer mehr mit Jungs zu tun gehabt, weil die eben doch etwas wilder waren als die meisten Mädchen. Das fand ich immer schade. Auch, dass mir von Müttern anderer Mädchen gerne mal nachgesagt wurde, ich sei ja gar kein richtiges Mädchen, weil ich Fußball spielte, mich ab und zu, wenn es sein musste, mit Jungs prügelte und die meiste Zeit draußen rumhing. Aber dann dachte immer, was soll’s, dann bin ich eben kein richtiges Mädchen, aber dafür langweile ich mich nicht zu Tode. Bei dem, was ich jetzt so künstlerisch tue, dominieren auch wieder die Männer. Trotzdem habe ich noch nie das Gefühl gehabt, ein „rolemodel“ oder so für andere Frauen zu sein oder sein zu wollen. Daran habe ich ehrlich gesagt noch keinen Gedanken verschwendet. Ich müsste mich selbst dazu ja als vorbildlich betrachten und als eine Art Konstante. Das kann ich beim besten Willen nicht. Sicher hat sich schon das ein oder andere junge Mädchen ein bisschen an mir orientiert und ich bekomme auch viel Feedback von Frauen, die mir für einen Text danken, oder ein Gefühl, dass ich in ihnen ausgelöst oder bestätigt habe. Manche sagen, dass sie gerne auch so mutig wären. Ich antworte dann immer, dass ich genauso viel Mut wie Angst habe, was sie mir leider meistens nicht abkaufen.

Ist es beim Poetry-slammen wie beim Deejayen, das sich Frauen/Mädchen immer noch mehr beweisen müssen als die Jungs?

LD: Es gibt nur wenige Frauen oder Mädchen in der Szene. Vielleicht liegt es daran, dass besonders der Wettbewerbscharakter auf sie eher abschreckend wirkt als auf Männer. Ich habe einige Schreib-Workshops für Schüler gegeben, wo auch viele Mädchen dabei waren. Es war erstaunlich mitzubekommen, wie schnell und wie viel Mut die meisten von ihnen durch ein bisschen Übung und gutes Zureden gewonnen haben. Allerdings habe ich den Fokus bei der Arbeit auch nie besonders auf Slam und Siege gesetzt, sondern in erster Linie auf die Fülle der Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks und aufs Sichtbarwerden im Allgemeinen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil mich selbst die offensive Form des Wettbewerbs mit der Zeit eher störte, weshalb ich ihn mir oftmals wegwünschte. Aber er zieht nun mal, insbesondere in Deutschland und den USA, ein großes Publikum. Ich weiß nicht, ob sich die weiblichen Teilnehmer insgesamt mehr beweisen müssen. Ab und zu habe ich auf der Bühne schon das Gefühl, dass ich mir den Respekt des Publikums, zumindest einiger Männer, mehr erarbeiten muss. Schön ist es dann immer, wenn nach den ersten drei Sätzen das Gemurmel aufhört und sie verstummen, weil in dem zierlichen kleinen Mädchen, das da oben steht, doch etwas mehr steckt als erwartet …

Spielt deine deutsch-libanesische Herkunft eine Rolle für deine Arbeit? Deutsch-türkische Rapper/HipHopper bauen ihre Binationalität ja häufig in ihre Texte ein, du eher nicht.

LD: Es verhält sich hier genauso wie mit der Frauenfrage. Ich bin eine Frau, mein Vater ist Libanese, nebenbei bin ich übrigens auch noch ein bisschen polnisch, syrisch, litauisch …, so what? Vielleicht thematisiere ich es gerade dadurch, dass ich es nicht thematisiere, sondern mein Identitätenpatchwork mit stillem Stolz und Selbstverständlichkeit trage. Warum sollte ich ausgerechnet diese Facette in den Vordergrund stellen oder zum tausendsten Mal erzählen, dass mein Vater kein böser Moslem ist, der mich immer unterdrückt und entführen will?
Die Leute glauben, was sie glauben wollen. Man kann gegen Vorurteile rein verbal schlecht etwas ausrichten. Das bestätigt sogar die Sozialpsychologie. Was soll man da machen? Wahrscheinlich hilft nur die eigene Erfahrung mit Menschen aus anderen Ländern, welche man entweder, mit allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten, als selbstverständlich betrachtet, oder eben machen wollen muss. Es ist am Ende für die meisten doch viel leichter, sich an den roten Faden der Klischees zu klammern. Bemerkenswert ist zum Beispiel: Seit „der Araber“ so negativ in den Fokus der Medien und Öffentlichkeit gerückt ist, werden mir immer weniger Fragen bezüglich meiner Binationalität gestellt. Warum wohl? Aus Angst, in ein Fettnäpfchen zu treten? Oder aus Angst, ihr Vorurteil zu gefährden? Das Thema ist auf eine ganz andere Art und Weise wichtig, als die meisten es wahrnehmen.


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