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Die Box




November 2007
Christina Mohr
und Marc Degens
für satt.org

Musik zum Lesen:
Buchmesse – Nachklapp IV

Und noch eine Buchmessen-Nachlese, bei der wir im Galopp essenzielle Neuerscheinungen mitnehmen. Mit dabei: Thomas Meinecke, Tom Tonk, Wolfgang Müller, Dirk von Lowtzow, Biografien über Beck und Glenn Gould, das neue, noch nicht auf Deutsch erschienene Buch von Simon Reynolds und das "Taktlos"-Musiklesebuch …


Thomas Meinecke:
Lob der Kybernetik.
Songtexte 1980 – 2007

Thomas Meinecke, Lob der Kybernetik. Songtexte 1980 – 2007

Buchmessen-Samstag, die letzten Lesungen, Partys und sonstige Veranstaltungen im Rahmen der Messe müssen besucht werden, denn morgen/Sonntag ist alles vorbei. Thomas Meinecke liefert im Rahmen der Frankfurter Freitagsküche (Kunstprojekt, bei Freitagsküche-Veranstaltungen gibt es obligatorisch immer etwas zu essen) eine beeindruckende Performance: während sich vor ihm das interessierte Publikum am Labskaus labt, singt er F.S.K.-Texte aus allen Bandepochen a cappella. Das ist lustig und ernsthaft-großartig zugleich, zum einen bewundert man die stoisch-feinsinnige Darbietung des Herrn Meinecke, zum anderen entfalten die Texte ohne jegliche musikalische Begleitung ihre Obskurität und Vertracktheiten aufs Allerbeste. Meineckes F.S.K.-Texte (und auch F.S.K.-Musik mit der Kombination aus Volksmusik und Pop) sind immer voller Verweise, Bezüge, gender- und popkultureller Fragestellungen, wie auch seine Romane „Hellblau“, „Musik“ und „Tomboy“. In „Hellblau“ ging Meinecke der Frage nach, welche Farbe eigentlich Mariah Carey habe – einen Songtext gleichen Titels trägt Meinecke in Frankfurt vor, er singt: „Dana International / Arabian boy a Jewish girl / gewann den Grand Prix de la Chanson / in eurovisueller Dekonstruktion“. Das klingt sperrig und wenig „poppig“, doch das Verdienst von F.S.K. liegt genau darin: das Un-Poppige in einen Popkontext zu bringen, Dekonstruktivismus auf die Clubbühne und Genderdebatten in Independentplatten zu packen. Weil alles mit allem zusammenhängt.

Und warum „Lob der Kybernetik“ als Titel für die chronologische Textsammlung? „Kybernetik ist die Wissenschaft von der Struktur komplexer Systeme“, sagt Wikipedia. Kein anderer Begriff könnte die Arbeit Meineckes/F.S.K.s besser auf den Punkt bringen.


Thomas Meinecke: Lob der Kybernetik
Songtexte 1980 – 2007
edition suhrkamp, 247 Seiten, € 8,50
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Dirk von Lowtzow: Dekade

Dirk von Lowtzow, Dekade

Wie Meineckes Textsammlung verdeutlicht auch der Band „Dekade“ mit Dirk von Lowtzows Tocotronic-Lyrics die Beziehung/Einswerdung von Literatur, (bildender) Kunst und Pop. „Dekade“ versammelt Toco-Texte von 1993 bis heute, abgerundet wird das Buch durch viele Bandfotos und eingefügte Farbdrucke von den Künstlern Sergej Jensen, Cosima von Bonin, Michael Krebber und Henrik Olesen, von dem auch das Covergemälde für „Kapitulation“ stammt. Da „Dekade“ eine Galerie-Publikation ist, gibt es keine ISBN – der Band muß direkt über die Galerie Buchholz bezogen werden (falls es noch Restexemplare gibt, die Auflage ist auf 800 Stück begrenzt).


Dirk von Lowtzow: Dekade
Galerie Daniel Buchholz, 112 Seiten, 16 Farbdrucke, € 28,-
» www.galeriebuchholz.de



Jonathan Cott: Glenn Gould

Jonathan Cott, Glenn Gould

Der kanadische Pianist Glenn Gould (1932-1982) war einer der exzentristischsten Künstler des letzten Jahrhunderts und seine berühmte Einspielung der "Goldberg-Variationen" aus dem Jahre 1954 zählt zum Weltkulturerbe der Menschheit. In der Reihe "Nahaufnahme" aus dem Alexander Verlag erschien nun in der vierten Auflage ein Band mit der Abschrift dreier Telefongespräche, die der amerikanische Musikjournalist Jonathan Cott 1974 mit Glenn Gould führte, und die zuerst in der Zeitschrift "Rolling Stone" abgedruckt wurden. Darin spricht der menschenscheue Exzentriker, der ab 1964 keine öffentlichen Auftritte mehr gab und kurz nach seinem 50. Geburtstag an den Folgen eines Schlaganfalls starb, auf humorvolle und aussergewöhnlich persönliche Weise über seine Arbeit, seine musikalischen Vorlieben, sein Mitsingen, seine ungewöhnliche Sitzhaltung beim Klavierspielen und seinen legendären kurzbeinigen, am Ende nicht einmal mehr eine Sitzfläche habenden Holzklappstuhl (www.glenngould-chair.com). Ausserdem erklärt Glenn Gould ausführlich, warum er die Musik Petula Clarks der der Beatles vorzieht. Nach Klaus Siblewskis Aufzeichnungen "Telefongespräche mit Ernst Jandl" ist dieser Band das schönste Buch mit Telefongesprächen, den ich kenne [Marc Degens].


Jonathan Cott: Glenn Gould
Alexander Verlag, Berlin 2007. 136 S., 9,90 Euro
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Wolfgang Müller:
Neues von der Elfenfront.
Die Wahrheit über Island

Wolfgang Müller, Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island

Alle Aktivitäten und Projekte Wolfgang Müllers aufzuzählen, würde an dieser Stelle zu weit führen – Interessierte schauen bitte auf seiner Homepage nach. Größte Popularität erlangte er mit seiner Band Die Tödliche Doris, die er 1987 in italienischen Weißwein auflöste. Um die Verwaltung des Erbes der Tödlichen Doris kümmert sich bekanntermaßen der Verlag Martin Schmitz, auf den an dieser Stelle herzlichst verwiesen sei. Wolfgang Müller ist aber nicht nur Musiker und Künstler, sondern auch Blaumeisen - und vor allem Island-Botschafter. Er leitete das Reykjaviker Goethe-Institut und führt dieses nach seiner Schliessung 1998 als Präsident der Walther-von-Goethe-Foundation privat weiter. Sein bei Suhrkamp erschienenes Island-Buch „Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island“ ist kein gewöhnlicher Reiseführer, eigentlich überhaupt kein Reiseführer. In 66 Kapiteln oder „Betrachtungen“, wie es im Klappentext heisst, lüftet Müller isländische Geheimnisse, wie zum Beispiel, was es mit den „Gespenstersteinen“ auf sich hat, wie Schwitters' Ursonate nach Island kam, wer die „Nachtigall von Reykjavik“ ist und wo genau sich die nördlichste Pizzeria der Welt befindet. Wer die Existenz von Elfen und Odinshühnchen als selbstverständlich erachtet (so wie Müller), wird aus diesem Buch viel Wissenswertes erfahren.


Wolfgang Müller: Neues von der Elfenfront
edition suhrkamp 2511, 306 Seiten, € 11,-
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» wolfgangmueller.net



Tom Tonk: Raketen in Dosen.
33 1/3 Platten für die Ewigkeit

Tom Tonk, Raketen in Dosen

Zunächst mal: ich bin keine Freundin von Büchern, die irgendwelche Listen der soundsoviel unverzichtbarsten, besten, genialsten, muß-man-hören-bevor-man-stirbt-Platten beinhalten. Überhaupt nicht. Im Gegenteil verachte ich jegliche Kanonisierung, schon seit meiner Schulzeit, als Literatur mit „Faust I“ begann und mit Max Frisch auch schon wieder aufhörte. Bücher, die sich erdreisten, einen Kanon über (Pop-)Musik aufstellen und diesen auch noch als heilig und unveränderbar hinstellen, sind was für 87-jährige Rolling-Stone-Leser (und nicht etwa -Innen). So, genug geschimpft, denn Tom Tonks „Raketen in Dosen“, Nachfolgeband zu „Raketen in Rock“ ist genau so und anders, denn Tonk verfügt über eine wichtige Eigenschaft, die den meisten anderen Kanonisten fehlt, nämlich Humor, vulgo Witz, der vor seiner eigenen Fußmatte (dem Dasein als konservativer ROCK-Fan) nicht haltmacht. Und obwohl Tonk nach eigener Aussage davon träumt, in einem Plattenladen anno 1979 eingeschlossen zu werden, er also „neuere“ Platten (die nach 1979 erschienen sind) ignoriert oder schmäht, bereitet es doch enorme Freude, seine höchst subjektiven Abhandlungen über Platten von Judas Priest, Grand Funk Railroad oder Adamo zu lesen, die nicht zwingend inhaltlich etwas mit Judas Priest, Grand Funk Railroad oder Adamo zu tun haben müssen. Big Fun, vielleicht nicht gerade für den bereits erwähnten Rolling-Stone-Leser.


Tom Tonk: Raketen in Dosen
Salon Alter Hammer, 184 Seiten, € 11,90
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» rockraketetonk.de



Hans Ruprecht, Ruedi Wyss,
Peter Kraut (Hrsg.),
Taktlos Musiklesebuch

Taktlos Musiklesebuch

Das „Taktlos Musiklesebuch“ entstand als Ergänzung und Weiterführung der von Hans Ruprecht, Ruedi Wyss und Peter Kraut initiierten Veranstaltungsreihe „Taktlos Bern“ und „Tonart Bern“. Die Herausgeber baten SchriftstellerInnen wie Klaus Theweleit, Thomas Kapielski (übrigens auch der Coverboy), Thomas Meinecke, Elfriede Jelinek, Dietmar Dath, Judith Hermann und viele andere, Texte über ihre Beziehung zur Musik zu verfassen. Das Ergebnis ist höchst heterogen, so schreibt Jelinek einen Essay „Die Zeit flieht“, der an ihren Orgellehrer Leopold Marksteiner gerichtet ist und der biografische Rückschlüsse in Hinblick auf ihr Buch „Die Klavierspielerin“ zulässt. Dietmar Dath präsentiert „Hundert Tatsachen, die ich über Musik nur unter großen Mühen gelernt habe“, die unter Punkt 32. verraten: „Shalalalalalalalalala uh-uh.“ Judith Hermanns Text „Die Musik meiner Freunde“ besteht aus 13 Kurzporträts von Bekannten, Musik spielt stets eine Rolle, wenn das erzählerische Ich auch in einem Text, der dem Vater gewidmet ist, verrät: „ … Musik hätte in meinem Leben gerade keinen Platz. Das könne sich auch wieder ändern, er solle sich keine Sorgen machen. Aber es war zu spät. Er war vor Sorge schon außer sich.“ Dieser letzte Satz Hermanns verdeutlicht wunderbar, welchen essenziellen Stellenwert die Musik im Leben von Künstlern/Schriftstellern einnimmt, zum Beispiel in Personalunionen wie Thomas Meinecke. „Taktlos“ ist in der Tat ein Lesebuch, aber auch Werkschau, man guckt den Autoren beim Musikhören und -machen über die Schulter und freut sich, wenn man von Dietmar Dath erfährt, „es gibt nicht genug Rockopern über Mäuse aus Illinois.“


Hans Ruprecht, Ruedi Wyss,
Peter Kraut (Hrsg.): Taktlos Musiklesebuch

Edition Urs Engeler, 300 Seiten, € 23,-
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» engeler.de



Paul Laverty: Beck

Paul Laverty, Beck

Auch wenn David Campbells a.k.a. Becks Stern derzeit nicht allzu hell am Pophimmel leuchtet, ist er doch eine der interessantesten Figuren der amerikanischen Post-Grunge-Ära, deren Biografie zu studieren durchaus lohnt. 1994 begeistert er die Alternative-Welt mit der Slackerhymne „Loser“, die nicht nur textlich, sondern auch musikalisch durch die Kombination von Folk, HipHop-Beats und Souleinsprengseln ein verwirrendes Novum darstellt. In den Jahren nach „Loser“ manifestiert er seine Bedeutung als Nu-Folk-Elektronik-Pionier, Johnny Cash covert seinen Song „Rowboat“, seine Platten verkaufen sich weltweit millionenfach. Paul Laverty zeichnet Becks Biografie auf, die jede Menge Verweise auf seine musikalische Sozialisation beinhaltet – von Arlo Guthrie über Muddy Waters, Neil Young und die Sex Pistols reichen Becks Einflüsse. Besonders gelungen ist die Fotoauswahl, gerade die Bilder des jungen Beck zeigen einen engelsgleichen, sexuell uneindeutigen pretty freak, mit dem man gerne am Lagerfeuer Beatles-Songs gesungen hätte.


Paul Laverty: Beck
Übersetzt von Madeleine Lampe
Schwarzkopf&Schwarzkopf, 160 Seiten, € 14,90
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» schwarzkopf.de



Simon Reynolds, Bring the Noise.

Simon Reynolds: Bring the Noise.
20 Years of Writing About Hip Rock and Hip-Hop

Kurze Ankündigung: das neue Buch von „Rip it up and Start Again“-Autor Simon Reynolds wird 2008 auch auf Deutsch erscheinen! „Bring the Noise“ versammelt Interviews, Reviews, Essays und längere Texte Reynolds aus den vergangenen zwanzig Jahren.


Simon Reynolds: Bring the Noise.
20 Years of Writing About Hip Rock and Hip-Hop

Faber&Faber, 400 Seiten
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