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Juli 1998 Marc Degens
für satt.org

Wolfgang Müller:
»BLUE TIT«

Wolfgang Müller: Blue Tit

Nachschlagewerke gibt es zu den unterschiedlichsten Sachgebieten: Einige verzeichnen die prachtvollsten Kriegstrachten der letzten fünf Jahrtausende, andere bewerten die kulinarischen Qualitäten der europäischen Autobahnraststätten, und manche ordnen sämtliche Entenhausener Bürger nach Berufsgruppen. Sie alle versuchen, ihre Domäne nach möglichst objektiven Kriterien umfassend abzustecken. Nicht so das Kompendium »BLUE TIT - Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch« von Wolfgang Müller, hier regiert allein die Macht der Willkür.

Der bildende Künstler, Musiker und Schriftsteller zählte Anfang der Achtziger Jahre zu den »Genialen Dilletanten«, denen er in seinem gleichnamigen Merve-Bändchen ein Denkmal setzte. Mit der avantgardistischen Popformation »Die Tödliche Doris« trat er in Paris, New York, Tokio und Kassel auf, und die Berliner Gruppe lieferte mit ihrer vierten (»Unser Debut«) und sechsten (»sechs«) Schallplatte wohl einen der originellsten Beiträge zur deutschen Wiedervereinigung. 1984 produziert, sollte die eine in der Bundesrepublik, die andere in der DDR erscheinen. Die Stücke beider Platten sind textlich und musikalisch miteinander verwebt, ihre Laufzeiten identisch, und aus dem synchronen Zusammenspiel beider Tonträger sollte eine neue, unsichtbare fünfte LP entstehen (beispielsweise ergeben die Titel »Unser Debut/dtsch.-engl.« und »Not True!« in der Addition »Wahrheit«). Doch die staatliche ostdeutsche Plattenfirma AMIGA lehnte die Veröffentlichung ab, beide Platten erschienen daraufhin in Westdeutschland, und die angestrebte Wiedervereinigung verschob sich um fünf (!) lange Jahre.

Auch Müllers neues, durchgängig zweisprachiges Werk dient der Völkerverständigung, diesmal der deutsch-isländischen, die nach dem Abzug des Goethe-Instituts in Reykjavík durchaus Risse bekommen hat. Zu seinem Thema fand er über Umwege. In der »tageszeitung« vom 8.2.1994 erschien ein Artikel, in dem der Autor bezichtigt wurde, seit der Kürzung seines BAföGs in seiner Mietwohnung Blaumeisen für italienische Feinkostgeschäfte zu züchten.

Wolfgang Müller war empört und wehrte sich gegen diese Unterstellung, u. a. in der ARD-Talkshow »Fliege« (Thema: »Eine Schlagzeile hat mein Leben verändert«). Gleichzeitig begann er ein intensives Studium des Brut- und Jahresvogels Parus caeruleus, der als Folge von Winterfütterungen und der Aufstellung von Nistkästen in Mitteleuropa während des 20. Jahrhunderts eine immense Bestandszunahmne verbuchen konnte. Über die etymologische Herkunft der englischen Bezeichnung für Blaumeise (blue tit) stieß Müller schließlich auf Island; tittr‘ bedeutet im Altisländischen kleiner Vogel‘. Mehrfach bereiste der Autor sodann die Vulkaninsel, er interviewte den Staatspräsidenten ebenso wie den schwulen Popstar Páll skar Hjálmtysson, und verarbeitete seine Erkenntnisse in Beiträgen für deutsche Zeitungen und TV-Magazine, aus denen schließlich das vorliegende, reich bebilderte Nachschlagewerk entstand.

Die einundreißig, alphabetisch angeordneten Kapitel sind allerdings nur lose miteinander verbunden. Beispielsweise ist tittlingur‘ im modernen Isländisch nicht nur ein häufiger Wortbestandteil von Vogelnamen, sondern zugleich auch eine Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil. Schon folgt dem Besuchsprotokoll beim Tierpräparator ein Abschnitt über Islands einzigen bekannten Transvestiten. Auch die Darstellungsformen sind nicht einheitlich, sie reichen vom Aufsatz bis hin zum didaktischen Poem. Das abgedruckte Lehrgedicht »Yvonne«, das vom Popsternchen Andreas Dorau auf seiner letzten Schallplatte vertont wurde, ist so mehr als nur eine lyrische Liebeserklärung an eine weibliche Blaumeise (»Immerhin sechs Arten/gibt‘s bei uns in Hof und Garten/- eine davon wohnt bei mir«), sondern verrät in zehn seperaten Fußnoten umfangreiches ornithologisches Fachwissen. Das macht die Lektüre interessant und kurzweilig zugleich.

Ein eigenes Kapitel bildet Müllers Beschäftigung mit Elfen. Alben, Elben oder Elfen sind mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Fabelwesen von kleinem Wuchs, die bevorzugt in Steinen wohnen, und denen Jacob Grimm eine nähere Göttlichkeit als den Menschen einräumt (Deutsche Mythologie). Über 20% der Isländer glauben an ihre Existenz, und jeder 20. Isländer behauptet sogar, schon einmal einer Elfe begegnet zu sein. Wolfgang Müller machte sich auf die Spurensuche, er befragte den Leiter der weltweit einzigen Elfenschule und die offizielle Elfenbeauftragte des Reykjaviker Bauamtes Erla Stefansdottir, und wurde fündig. Allerdings nicht auf Island, sondern in Berlin. Denn ein Schöneberger Student brachte vor einigen Jahren einen Stein als Reiseandenken aus Island mit in die Heimat, unwissend, daß in diesem ein Elfenwesen wohnte, das nun rund um die Berliner Monumentenstraße sein Unwesen treibt. Wer diesem begegnen möchte, sollte sich entweder die »Schöneberger Elfenkarte« (Dez. Kulturarbeit Berlin) besorgen oder gleich an einem der regelmäßig stattfindenden Berliner Elfenrundgänge teilnehmen.

»BLUE TIT - Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch« trägt faustische Züge, es will die Natur nicht umfassend abhandeln, sondern punktuell befragen. Und wer schon immer wissen, was aus dem Meisenknödelerfinder geworden ist, oder was die F.D.P. und die Blaumeise verbindet, wird in diesem Nachschlagewerk Antworten finden.



Wolfgang Müller: BLUE TIT.
Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch (in deutscher
und isländischer Sprache). Ins Isländische von
Vaturlidi Gudnason. Martin Schmitz Verlag, Kassel 1998.
288 Seiten, Abb., geb., 56,- DM)
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