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Juli 2004
Christina Mohr
für satt.org


DER PLAN:
Die Verschwörung

Marina Records 2004

DER PLAN: Die Verschwörung
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   » www.moritzr.de

DER PLAN:
Die Verschwörung

Nicht nur die Fehlfarben sind wieder musikalisch aktiv, auch DER PLAN hat eine neue Platte gemacht. Moritz Reichelt, Mastermind und PLAN-Mitglied der ersten Stunde, erklärt im satt.org-Interview, weshalb die Zeit wieder reif war für den PLAN.





DER PLAN 1980
DER PLAN 1980

1980: In Deutschland wird die Neue Deutsche Welle geboren, und zwar die im Sinne Alfred Hilsbergs, der sich durch das Auftreten von Bands wie den Fehlfarben, S.Y.P.H. oder eben dem PLAN zur der Hoffnung verführt sah, es könne tatsächlich eine eigenständige deutsche Popmusik entstehen. Dann kamen Nena, UKW und die Spider Murphy Gang und alles war vorbei. Ihr kennt ja die Geschichte aus Jürgen Teipels "Verschwende Deine Jugend". Und nein, der gleichnamige deutsche Kinofilm hatte nichts damit zu tun.

2004: Alle sind wieder da. Die Pixies treten wieder auf. Und der PLAN hat eine tolle neue Platte gemacht. Moritz Reichelt, PLAN-Mitglied der ersten Stunde, hat Achim Treu (von Dauerfisch) und JJ Jones um sich gesellt, den alten Korg wieder angeworfen und heraus kamen 15 neue Tracks, die so klingen, als sei kaum Zeit vergangen zwischen den PLAN-Klassikern "Da vorne steht 'ne Ampel", "Gummitwist", "Alte Pizza" und neuen Songs wie "Deutschland, Bleiche Mutter". Die Tracks kommen teils verspielt und detailverliebt daher, es wird mit Samples und Zitaten gearbeitet; im Track "Ulrike" hört man gar die Stimme von Frau Meinhof, Kinderchöre singen Zeilen wie "Software kann man nicht stehlen, Ideen sind frei" und zu allem kann natürlich auch getanzt werden. DER PLAN wurde schon immer mit Attributen wie "dadaistisch", "surreal" oder "visionär" bedacht, und in gewisser Weise treffen diese auch zu: DER PLAN war berühmt für phantasievolle Bühnenbilder und Kostüme, machte Filmmusik und war als eine der ersten deutschen Bands in Japan auf Tournee. Moritz Reichelt hat unter anderem die ersten Single-Cover für Depeche Mode gestaltet (schaut mal auf seine Website) und ist bis heute als Maler tätig. Und weil es so schwierig ist, über PLAN-Musik zu schreiben, bin ich sehr froh, daß Moritz R mir einige Fragen beantwortet hat. Lest selbst:


Im Klappentext zur neuen CD schreibst Du, daß DER PLAN "ja nicht wirklich weg war" – wo war DER PLAN in all den Jahren, und warum ist er/seid Ihr jetzt wieder da? Warum ist die Zeit jetzt wieder reif für den PLAN?

(*) Moritz Reichelt. Der Plan. Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle (Martin Schmitz Verlag 1993 – nicht mehr lieferbar!)
Es gab nach der Auflösung 1992 noch zwei offizielle Tonträger und dann mein Buch* über den PLAN. Außerdem existiert seit einigen Jahren eine Homepage. Mir persönlich fehlte DER PLAN am meisten, da ich ihn als ideale Plattform für meine Kunst sah. Die Verbindung von Malerei, Musik, Bühne, Text und wilden Propagandakampagnen machte mir immer mehr Spaß als jedes davon für sich allein.


Haben der Erfolg und das Medieninteresse in Bezug auf Jürgen Teipels "Verschwende Deine Jugend" etwas damit zu tun, daß es den PLAN wieder gibt – willst Du auch Dein Stück vom Kuchen oder hat die Wiederauferstehung vom PLAN schon länger angestanden (wie bei den Fehlfarben etwa)?

Vom "Kuchen" ist ja generell nicht mehr so viel übrig, als daß es sich lohnen würde, darauf zu spekulieren. Es waren vielleicht die drei Tage Dauerinterview mit Jürgen, die bei mir Erinnerungen mobilisiert haben und meinen allgemeinen Wunsch, mal wieder etwas Musikalisches zu machen, konkreter werden ließen. Ich will das seit 3, 4 Jahren machen.


Bitte erkläre meiner Mutter, die Stones- und Tina Turner-Fan ist, was DER PLAN ist, was ihn charakterisiert und warum DER PLAN heute wieder wichtig ist.

DER PLAN ist für deine Mutter sicher nicht wichtig. Es stellt sich die Frage, ob es in Deutschland je Bands gegeben hat, die den Sex-Appeal der Stones oder von Tina Turner hatten. DER PLAN gehört jedenfalls ganz sicher nicht dazu. Ich würde sagen, es gibt einen sexuellen Aspekt in der Musik und einen transzendentalen. Letzterer kann entweder im Tanz, bzw. in Trance erfahren werden oder man stellt ihn sich ins Regal in Form eines Popsongs. So wie ein Landschaftsgemälde nicht eine Landschaft ersetzt, einen aber doch an diese erinnert, so fangen Lieder des PLANs Erfahrungen ein. Es sind nicht extatische Gemeinschaftserlebnisse, sondern beschauliche Kleinode.


Viele jüngere Bands sagen heutzutage gern, sie seien vom PLAN beeinflußt worden (z.B. Mouse on Mars; To Rococo Rot) – glaubst Du das oder denkst Du, die kennen Deinen Namen nur aus "Verschwende …"?

Ich glaube es nicht nur, ich weiß es. Mal abgesehen davon, daß es generell cooler ist, sich auf eine Band zu beziehen, die nie wirklich etabliert war, haben wir ja doch musikalisch das eine oder andere zu bieten, das einen solche Bezugnahme rechtfertigt. Oder?


Bist Du DER PLAN und was sagen die "alten Pläne" Pyrolator und Fenstermacher zur neuen Platte? Hattet Ihr Kontakt, oder war es klar, daß Du mit neuen jungen Musikern arbeiten wirst?

DER PLAN hat bereits einige Besetzungen durchlaufen, von denen die Formation Dahlke, Fenstermacher, Reichelt sicher die wichtigste und langjährigste ist. Wie ich aber in meinem Buch schon geschrieben habe, war ich auch innerhalb dieser Konstellation der konstante Faktor. Immerhin hatte Kurt Dahlke mehrere weitere wichtige Projekte am Laufen, und Frank Fenstermacher stand während seiner Zeit mit den Fehlfarben Anfang der 80er über ein Jahr gar nicht für den PLAN zur Verfügung. Die Tatsache, daß ich alleine die PLAN-Homepage aufgebaut habe, zeigt wohl auch, daß ich dem Thema am nächsten stehe.


Wieso erscheint die Platte als DER PLAN-Projekt und nicht als quasi-Soloalbum von Moritz Reichelt?

Das hat im wesentlichen drei Gründe: Erstens ist es kein Solo-Album, zweitens paßt es konzeptionell, und drittens hat die Plattenfirma eindringlich darum gebeten. Die Zeiten sind hart und ein Plus oder Minus von 1000 Tonträgern bei den Auslandverkäufen macht einen Riesenunterschied für ein Indie-Label. Für Deutschland allein hätte es dessen wohl nicht bedurft, hier weiß eh jeder, daß Moritz R ein "Ex-DER PLAN" ist. Achim und ich hatten uns bereits ein paar ganz hübsche andere Namen ausgedacht. (leider sagt er nicht, welche …)


Bist Du das Mastermind hinter dem PLAN oder sind die beiden Youngsters gleichberechtigte Bandmitglieder?

Wir sind gleichberechtigt, aber da beide auch andere Projekte haben, gibt es gerade bezüglich des Konzeptionellen gewisse Erwartungen an mich, die sowohl Rechte als auch Pflichten beinhalten. Momentan eher Pflichten … ;-)


Welche Bezüge und Parallelen gibt es zu den alten PLAN-Sachen? Früher wollte DER PLAN ja so etwas wie deutsche Musik machen, die weitestgehend unbeeinflußt ist von anglo-amerikanischen Sachen, also "Volksmusik" in einem anderen Sinne, als sie sonst von Karl Moik präsentiert wird.

Möglicherweise habe ich diesen Punkt überschätzt, als ich in den Linernotes nochmal darauf Bezug genommen habe. Als Thema spielt es heute eigentlich nicht mehr die Rolle, die es 1980 hatte. Inzwischen sehe ich das "Deutsche" gar nicht mehr als homogene kulturelle Tradition. Die deutsche Nation hat es im Grunde nie geschafft, eine Einheit zu werden. Wirkliche kulturelle Wurzeln findet man vielleicht im Bayrischen, aber darauf würde ich mich nie beziehen, weil ich zu wenig davon verstehe. Übrig bleibt einfach der Wunsch, die europäischen Regionen würden ihre Traditionen irgendwie bewahren und in die Kultur des 21. Jahrhunderts einfließen lassen. Diese peinliche Pseudo-Soul-"Musik" von DSDS / Grand Prix / Raab-Max etc. kann es doch irgendwie nicht sein.


Was kannst Du zum Track "Ulrike" sagen – ist DER PLAN jetzt politisch? Und wieso die RAF-Ikone Meinhof? Ist es wieder Zeit für radikale Aussagen (Stichwort Neue Linkspartei)

Man sollte nicht jedes Detail gleich als Versuch sehen, große Statements zu machen. "Ulrike" ist wie viele andere Fragmente des Albums ein Zitat der Zeit um 1980. Für uns war selber spannend, inwieweit diese Symbole heutzutage noch irgendetwas zu sagen haben. Wer sich nicht auf dieses Experiment einlassen will, sondern die Geschichte nur als lineare Abfolge von "alt" und "neu" sieht, wird es nicht verstehen. Das verwendete Zitat faßt in sehr komprimierter Form alles zusammen, was man von der Hinwendung einer ganzen Generation zur Gewalt verstehen kann. Klar ist das auch politisch, aber DER PLAN war schon immer politisch, bloß eben nie so explizit, daß man ihn als Kampfgruppe einer Bewegung ansehen konnte. Wir sind Surrealisten und manipulieren das Unterbewußte.


Du arbeitest auf der neuen Platte viel mit Zitaten (nicht nur bei "Ulrike") – was ist der Sinn dahinter? Läßt der PLAN lieber andere Stimmen sprechen?

Wir wollten nicht mit Samples arbeiten - was uns im Großen und Ganzen gelungen ist. Einige Samples nehmen im Stück eher die Funktion des Gesangs ein, so einer Art Sprechgesang. Das war gerade noch OK. Es geht ein bißchen in Richtung Hörspiel. Nur bei einem Stück haben wir kapituliert: "Hidden Spring" ist mit Samples geradezu gepflastert.


"Die Verschwörung" klingt nur zum Teil so kindlich-verspielt wie frühere PLAN-Sachen, streckenweise erinnert die Musik ein wenig an Kraftwerk – wollt Ihr "erwachsener" klingen oder hast Du einen anderen Umgang mit den Geräten entwickelt (die ja dieselben sind wie damals)?

Du schneidest ein Thema an, daß ich sehr gerne mal eingehender diskutieren würde. Was war eigentlich am PLAN je kindlich? Ich kann dazu nicht viel sagen. Ich habe nur höchst selten versucht, absichtlich naiv zu wirken, und dann hat man es auch so verstanden. Ansonsten scheint mir eher das Fehlen eines konventionellen (Rock-)Gesangsstiles der Grund für die Kindlichkeits-Bewertung zu sein. Die Musik selbst ist ja wohl nicht per se kindlich. Es läuft darauf hinaus, wer sich nicht an die Rock-Klischees anpaßt, hat als naiv zu gelten. Trauriges Ergebnis jahrelanger Gehirnwäsche.


Auffallend ist der "Wohlklang" der Platte – Absicht? Eigene veränderte Hörgewohnheiten?

Wenn unser Retro-Konzept überhaupt irgendeinen Sinn macht, dann den, den Geist von 1980 in einem Sound aufzunehmen, den man eigentlich schon immer gern gehabt hätte. Wenn uns das im Idealfall gelungen ist, dann ist das Achims Verdienst.


Das schöne Stück "Copyright Slavery", das zum Teil von einem Kinderchor gesungen wird, erinnerte mich spontan an The Clash, die ja eine Version von "Career Opportunities" (auf "Sandinista!") von Kindern haben singen lassen. Gefällt Dir der Kontrast, daß "unschuldige" Kinder ein sogenanntes Erwachsenenthema präsentieren?

In dem Fall paßt es ganz besonders, weil es ja die Kinder sind, denen das Copyright ihre Zukunft raubt. Das muß man sich mal vorstellen: man wächst in eine Welt hinein, in der unzählige Dinge nicht erlaubt sind, bloß weil irgendein toter Vorfahr seine "Rechte" angemeldet hat. Sicher, die Frage ist viel komplizierter als so ein einfacher Song ausdrücken kann, aber die Gesellschaft muß sich wirklich überlegen, ob das Patentrecht ihr insgesamt nicht mehr schadet als nützt.


Wie entsteht ein PLAN-Track? Gibt es zuerst eine Melodie oder zuerst Soundeffekte, Spielereien, die zu einem kompletten Stück verwoben werden?

Bei diesem Album eher letzteres. Prinzipiell besteht aber auch die Möglichkeit, mit einem Text anzufangen. Jedes Stück ist ein neues kleines Abenteuer, ein Flirt mit sich selbst oder ein Glücksspiel der Kreativität mit ungewissem Ausgang.


Wie seid Ihr zu Marina Records gekommen?

Ich kenne Stefan Kassel schon länger, schätzte seine Artworks und hatte den Eindruck, daß Marina ein sehr engagiertes kleines Label ist. Von allen, denen wir die neuen Stücke vorspielten, war Marina spontan am begeistertsten. Das war mir wichtiger als die Größe eines Labels. Ich habe oft genug erlebt, wie eine Platte bereits innerhalb eines großen Labels untergehen kann.


Wird DER PLAN wieder auftreten – und wird es wieder Masken, Kostüme und Bühnenbilder geben? Bleibt DER PLAN ein Gesamtkunstwerk; Stichwort "Mehr Kunst in die Musik – mehr Musik in die Kunst"?

Auf jeden Fall! Aber wir lassen uns Zeit damit, daher kann ich keine Termine nennen.


Welche Musik gefällt Dir zur Zeit, wer macht Dir besonders Spaß, was ödet Dich an?

In den letzten 12 Monaten gefiel mir tatsächlich unsere eigene Platte am besten. Es ist letztlich immer ein einzelner Song, der mich vorübergehend in seinen Bann schlägt, unabhängig von Stil oder Zeit. Gerade hörte ich mal wieder Mobys "We Are All Made of Stars" als Titelsong dieses sehr netten Films "The Other Final _ Montserrat vs. Buthan", und ich dachte, das ist doch eigentlich ein sehr tolles Lied. Es geht mir oft so, daß ich erst Jahre später die Qualitäten von Musik, die ich höre, entdecke. Ich denke, ich habe auf jeden Fall einen besonderen Draht zu elektronischen Popsongs mit einem nostalgischen Touch von Rockabilly, 60s oder Blues; ich kann das nur schwer erklären. Toll fand ich auch "Satisfaction" von Benny Benassi und "Sonnendeck" von Meinrad Jungblut. Nerven tut mich dieser deutsche Soul-Quatsch, den man jetzt fast nur noch im Fernsehen hört. Während ich noch vor nicht allzu langer Zeit dachte, daß Stefan Raab eigentlich ein ganz guter Pop-Musiker ist, ist er seit "Max" unten durch, total!


Hat Dich Techno interessiert? Man könnte ja eine Linie ziehen von Kraftwerk, dem PLAN und DAF bis hin zum (deutschen) Techno.

Könnte man, aber da liegt doch eher DAF mitten auf dem Weg als Der Plan. Acid House hat mir noch Spaß gemacht, aber als dann Melodien ganz aus der Musik verbannt wurden, fühlte ich mich nicht mehr zu Hause. Ist wohl auch eine Frage der Drogen. Von Ecstasy kriege ich Herzrhythmusstörungen.


Wohin geht – vor allem die elektronische – Popmusik?

Wenn ich das wüßte … ein Titel, den wir uns für unser Album überlegt hatten, bevor es dann "Die Verschwörung" wurde, war: "ELEKTRONISCHE MUSIK - ein Begriff den wir nicht gern verwenden". Es geht darum, daß "elektronisch" heutzutage nicht mehr viel bedeutet. Weder beschreibt es die Herstellung von Klängen im Zeitalter von Computern, noch sagt es irgendetwas über die Art der Klänge, die "elektronisch" erzeugt werden. Du kannst heutzutage ein "akustisches" Folk-Album im Computer herstellen. Eigentlich gibt es nur noch Klänge, die man mag und solche, die man nicht mag. Mouse On Mars sind ein gutes Beispiel dafür, wie die Grenzen der elektronischen Musik vollkommen verwischt werden. Ich hoffe, daß Popmusik experimentell bleibt, witzig, provokativ, unangepaßt und nicht weiter zu einem berechenbaren Beiwerk von kommerziellen Medienstrategien verkommt. Die Tatsache, daß ein Alexander tatsächlich zum erfolgreichen Star aufgebaut werden konnte, ist ein Rückschritt in der kulturellen Entwicklung. Hier müßte viel mehr Widerstand geleistet werden.


 …Ein fantastisches Schlußwort! Und wenn das nicht politisch ist …