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Die Box


 

März 2004
Christina Mohr
für satt.org


Das nächste Spiel ist immer das Schwerste: Klaus Walter – Zwanzig Jahre "Der Ball ist rund"

IM NAMEN DES POP Teil 1

Das nächste Spiel ist immer das Schwerste:
Klaus Walter – Zwanzig Jahre "Der Ball ist rund"



Meine popmusikalische Sozialisation wäre ohne ihn nicht dieselbe: seit 1984 ist Klaus Walter wöchentlich (seit einigen Jahren immer Montagabend) mit seiner Sendung "Der Ball ist rund" auf HR3 on air und versorgt die Hörer mit erlesenen Sounds jenseits des Mainstreams. Mittlerweile ist der Ball eine Institution und unverzichtbares Medium für alle Musikfans, die wissen, dass es jenseits von Formatradio und Kuschelrock auch noch was anderes gibt. Bestimmt bin ich nicht die einzige Hörerin, die in -zig Schuhkartons Cassetten mit Ball-Mitschnitten hortet – für den Fall, dass die Sendung nicht archiviert wird: ein paar Jahrgänge habe ich bestimmt komplett.


Klaus Walter
Klaus Walter

Bei Klaus Walter hörte ich zum ersten Mal die Smiths und The Jesus and Mary Chain, aber der Ball rollt niemals in dieselbe Ecke: Walter begeistern die Verbindungen und Beziehungen, die man beim ersten Hören nicht sofort bemerkt und überspringt alle Genregrenzen, die gerade im Independentbereich erstaunlich eng gesteckt sind. Wie kommt man von Detroit über München nach Jamaica in 60 Minuten? Im runden Ball ist alles möglich – alles was neu und interessant klingt, passt. Und wenn mal einer der alten Helden stirbt (wie zum Beispiel Joe Strummer), widmet Walter pietätvoll eine ganze Sendung dem Schaffen des Verblichenen. Doch Sentimentalität und Rückwärtsgewandtheit haben keine Chance: der Ball wird jede Woche neu ins Spiel gekickt und hoffnungsvolle Youngsters werden garantiert eingewechselt!
Bei aller subjektiven Auswahl schätzt Klaus Walter die "mündigen Hörer", die auch Wir sind Helden oder Kylie Minogue in die Jahrescharts der Sendung wählen, obwohl deren Platten niemals im Ball zu hören waren. Legendär sind die langen Ballnächte, die in unregelmäßigen Abständen laufen: bis morgens früh um sechs wird mit Gästen wie Knarf Rellöm oder FSK geplaudert, gefachsimpelt und vor allem viel Musik aufgelegt.

Nicht nur in Hessen wird der Ball gehört: in den Jahrespolls von SPEX und Intro belegt Klaus Walter mit seiner Sendung seit Jahren Spitzenplätze in der Rubrik "Beste Radioshow". Dank Internet und Kabel kann man – bis jetzt noch! – in der ganzen Republik "Der Ball ist rund" empfangen.

Walter selbst begnügt sich nicht damit, "nur" Radiomoderator zu sein, er ist ausserdem DJ, Autor, Fußballfan (wer hätte das gedacht) und wer öfters in und um Frankfurt ausgeht, wird ihm häufig bei Konzerten begegnen. Künftig kann man Klaus Walter auch häufiger im Bayrischen Rundfunk mit der Sendung "Zündfunk" hören.

Jetzt wird der Ball unglaubliche zwanzig Jahre – eine echte Rarität in der deutschen Medienlandschaft – eigentlich ein Grund zum Jubeln und Feiern! Doch was passiert beim Sender? Der Ball ist rund wird ab dem 19.4. vom populären HR3 zu HR2, der Kulturwelle des Hessischen Rundfunks verlegt. Ist dieser Schritt eine Auszeichnung für den Ball (Kultursendung!) oder stellt sich der HR ein Armutszeugnis aus, weil man sich dort nicht zwischen Kultur und Kommerz, Anspruch und Formatradio, qualitativ hochwertiger Musik und "den besten Hits der Achtziger, Neunziger und dem Besten von Heute" entscheiden kann?

Bei zwei oder drei Gläschen Wein habe ich Klaus Walter einige Fragen gestellt:


Wie bist Du vor über zwanzig Jahren darauf gekommen, Radiomoderator zu werden?

Ich war damals Schreiber und dann Redakteur beim "Pflasterstrand", einem linken Stadtmagazin für Frankfurt, und habe dort über Musik geschrieben. Ich hatte in diesem Althippie-Umfeld alle Freiheiten, was heutzutage im Zeichen homogener und formatierter Medien nicht mehr möglich wäre; ebenso hatte ich die Möglichkeit, wirklich lange Texte zu veröffentlichen.
Ich habe auch als DJ und Taxifahrer gearbeitet, und weil ich im Taxi viel Radio hörte, habe ich mich oft über das Radioprogramm, vor allem das von HR 3 geärgert. Die frühen Achtziger waren musikalisch eine interessante Zeit: Post Punk, die ersten Platten von Gun Club oder New Order liefen damals durchaus im Radio, aber die Moderatoren konnten New Order nicht von Spandau Ballet unterscheiden.1984 habe ich für den Pflasterstrand einen Text über Pop-Radio geschrieben, ohne eine große Resonanz zu erwarten. Die Diskrepanz gab es schon damals: Hörspiele mit nur 50 Hörern bekamen eine Kritik im Feuilleton, Massenprogramme wie HR 3 laufen quasi unkommentiert und unhinterfragt.
Ich schrieb über britisches Radio und John Peel, aber auch über Hans Verres, den Moderator der HR-Schlagerbörse. Als Kind habe ich immer mit meinen Eltern die Schlagerbörse gehört und schon damals wurde mir klar, welche "Macht" Musik haben kann. Pop bedeutete damals Kulturkampf zwischen deutschem Schlager à la "Ganz in Weiß" und englischer Beatmusik. Mein Vater, der ja damals auch noch ziemlich jung war, regte sich auf: "Die Animals – wie die schon heißen! Die klingen auch wie die Tiere!" Hans Verres hatte es wunderbar verstanden zu polarisieren, er bekam viele Hörerreaktionen, Briefe undsoweiter. Am Ende dieser Pflasterstrand-Polemik habe ich eher aus einem Punk-Gestus geschrieben, dass sich an der Misere des Radios nichts ändern wird, wenn nicht John Peel, Diedrich Diederichsen oder ich selbst eine Chance bekommen.
Das Erstaunliche war nun, dass der Artikel beim HR wie eine Bombe eingeschlug. Ich wurde von den Rundfunkleuten eingeladen und durfte eine Probesendung machen – auch das wäre heute undenkbar, ohne Casting, Sprechunterricht und Anpassung an gängige Formate eine solche Gelegenheit zu bekommen.
In der ersten Sendung liefen die Violent Femmes, Suicide, also das beste, was damals so around war und wovon ich dachte, dass es unbedingt im Radio laufen sollte.

Gab es Hörerreaktionen?

Ja sicher, man muss sich auch klarmachen, dass es 1984 kein MTV, kein Viva, kein Planet Radio, kein Internet gab – die Hörer haben der Sendung entgegengefiebert, was nichts mit mir zu tun hat, sondern einzig und allein damit, dass es keinerlei Öffentlichkeit für bestimmte Arten von Musik gab. Man konnte nicht in jeder Stadt die neue Platte von den Violent Femmes kaufen – heute gibt es Amazon und ebay, damals ist man von Pontius zu Pilatus gelaufen!
In der ersten Sendung habe ich ein Quiz gemacht und der Preis war sage und schreibe ein von mir aufgenommenes Mixtape. Wenn man bedenkt, dass heute in jeder zweiten Sendung Reisen in die Karibik verlost werden … 40 Leute schickten Antwortpostkarten und ich war total enttäuscht. Ich hatte mit mindestens 500 Karten gerechnet! Aber beim Sender war man beeindruckt von dieser Resonanz auf eine Sendung am Donnerstagabend zwischen 22 und 23 h und liess mich noch mehr Probesendungen machen, schliesslich lief die Sendung ca. ein Jahr lang alle 14 Tage und dann jede Woche.

Warst Du immer frei in der Gestaltung Deiner Sendung?

Heute würde ich – wenn ich mein eigener Vorgesetzer wäre – viel häufiger sagen "Walter, was machst Du da überhaupt, wie positionierst Du Dich, wer ist Deine Zielgruppe, wie verändert sich Dein Umfeld, wo siehst Du Dich zwischen Charlotte Roche und Zündfunk auf Bayern 2?" "Der Ball ist rund" ist ein erratischer Block und deswegen fliegt die Sendung ja jetzt auch bei HR 3 raus. Der Wellenleiter hat bis vor kurzem immer sinngemäß gesagt - eine Haltung, die ich mittlerweile zu schätzen weiss – : "Ich verstehe nicht, was Du machst, ich mag die Musik nicht, aber Du hast Deine Fans, also mach mal!" Dabei hätte ich konstruktive Kritik von kompetenten Gesprächspartnern auch mal ganz gern gehört! Inzwischen ist aber der Druck von aussen und oben gestiegen, so dass man sich die Sendung bei HR 3 angeblich nicht mehr leisten kann.


Bedeutet die Verlegung des Balls von HR3 nach HR2 eine "Herabwürdigung" für Dich?

Jjjein, das Umfeld in HR2 ist inzwischen adäquater, die Sendung passt gut in die Crossover-Schiene vor Mitternacht, die Hörer werden dort als vernünftige Menschen angesprochen, nicht als Fun-Automaten. Ein Nachteil besteht darin, dass hr2 nicht übers Internet zu hören ist – auch paradox, wenn man bedenkt, dass hr3 über einen Webstream verfügt, sich aber inhaltlich kaum mehr von anderen Pop-Radioformaten unterscheidet. Wer will in Berlin Verkehrsmeldungen aus Hessen hören? Wer in München Ausgehtips für Kassel? Dagegen bietet hr2 eine ganze Reihe interessanter Sendungen, die gerade für Internet-User attraktiv sind, aber es gibt keinen Webstream. Schade, zumal sich in den letzten Jahren herausgestellt hat, dass Hörer in Hamburg oder Berlin, die aus Hessen weggezogen sind, die Sendung übers Web hören.


Wie siehst Du Deine Rolle als "Radiomann" – als Kulturvermittler? Hast Du eine Mission?

Ja klar, auf jeden Fall. Popmusik war und ist was Faszinierendes und Prägendes, darüber zu reden und anderen Leuten interessante neue Musik vorzuspielen ist ein toller Job.


Hast Du mit dem Ball einen Trend gesetzt?

Bestimmt, aber darauf will ich mir kein Ei backen: es gab viele Glückstreffer und Zufälle für mich. Deshalb ist es umso bedauerlicher, dass – und wieder ist Charlotte Roche die amtliche Ausnahme – anderen Moderatoren nicht gesagt wird, "Du hast alle Freiheiten, mach mal" , sondern dass es praktisch nur noch Spezialsendungen gibt, die eine einzige Sparte bedienen. Hier eine Sendung für die HipHopper, eine für Indierocker, für die Lounger etc. Für sich genommen sind diese Spartensendungen eher langweilig, weil eben nur Musik eines Genres gespielt wird. Es werden keine Beziehungen innerhalb der verschiedenen Musikrichtungen geknüpft. Ich sehe aber an den Jahrescharts, die ich von meinen Hörern geschickt bekomme, dass die völlig heterogen sind: da kommen die Queens of the Stone Age genauso vor wie 50 Cent, Kylie, Blumfeld und die Go-Betweens. Mich ärgert die vorherrschende Engstirnigkeit, den Moderatoren wird zu wenig Freiheit zugestanden.


Offenbar wird die Vielseitigkeit, die Du bietest, von Deinem Sender nicht angemessen gewürdigt …

Naja, 20 Jahre lang wurde diese Vielseitigkeit toleriert, was in der heutigen Medienlandschaft nicht eben üblich ist. Andererseits: wenn ich sehe, mit welchem Werbeaufwand neue Programme an den Start gebracht werden, dann komme ich schon mal ins Grübeln. Für den Ball jedenfalls wurde in 20 Jahren kein Cent in Werbung investiert. Was die Vielseitigkeit angeht: ich glaube, den HipHopper oder den Indie-Rocker in Reinkultur gibt es so kaum noch: Die wenigsten Leute über 20, 25 sind wirklich irgendwelchen Tribes angeschlossen. Wenn ich fernsehe, schaue ich doch Arte und 3Sat genauso wie die Sportschau und die Lindenstraße! Es ist schade, dass das Radio sich die Möglichkeit zur eigenständigen Gestaltung selbst immer mehr nimmt. Das ist das Schönste an dem Job überhaupt, die Verbindung von Destiny's Child zu Blumfeld herzustellen, was ja gar nicht so abwegig ist! Solche überraschenden Übergänge und Querverweise haben mich in meiner eigenen Hörpraxis bei anderen Moderatoren immer am meisten begeistert. Und nicht dieses: ich mache eine Spezial-Indierock-Sendung und spiele alle zwanzig Platten, auch die schlechten, die in der letzten Woche in diesem Genre rausgekommen sind, nur um meine Sendung vollzukriegen. Das ist doch langweilig! The Fall – Roxy Music- Franz Ferdinand- Dexy's Midnight Runners – passt erstmal nicht, passt aber doch! Das kann man superschön im Radio machen.
Obwohl ich kein ausgesprochener Fan von Charlotte Roche bin: sie hat gerade den Grimme-Preis bekommen und den kriegt sie in erster Linie für den Bruch mit dem Formatfernsehen. Sie ist eine Rarität, die Ausnahme von der Regel und hat offenbar eine Redaktion, die voll und ganz hinter ihr steht und sie ermutigt, ihr eigenes Ding zu machen. Der Alltag in Fernsehen und Radio ist aber, dass gesagt wird, "sowas geht ja überhaupt nicht!"


Wäre für Dich eine Fernseh-Karriere in Frage gekommen?

Nein. Ich habe drei- oder viermal Beiträge fürs HR-Fernsehen gemacht, aber meine Beiträge waren immer von einem völligen Wort-Overkill geprägt – ich habe mir auch nie Gedanken gemacht, welche Bilder zum Text laufen sollten. Die HR-Kameraleute kotzen bestimmt heute noch, wenn sie an das Blumfeld-Interview denken, das ich mal zu deren erster oder zweiter LP gemacht habe. Der Beitrag sollte ca. fünf Minuten lang werden, und ich habe – vor laufenden Kameras – ungefähr vierzig Minuten mit Blumfeld gesprochen. Wir haben uns verplappert, weil ich natürlich alles ganz genau wissen wollte.


Wie hältst Du Deine Begeisterungskurve? Hast Du mittlerweile häufiger den Eindruck, alles schon mal gehört zu haben, dass sich alles wiederholt?

Ja schon, obwohl das sehr komplex ist. Die Musik, die "wir" so sehr lieben und geliebt haben, ist natürlich immer mit kollektiven und subjektiven Erinnerungen verknüpft, wir hören immer einen bestimmten Kontext mit. Ich kann nicht bestreiten, dass diese starken Eindrücke nicht immer zu wiederholen sind. Aber es gibt immer wieder super Erschütterungen, bei den Queens of the Stone Age zuletzt, oder Phantom Ghost. Aber eben auch eine gewisse Teilnahmslosigkeit: bei Emo beispielsweise, da würde ich sagen, das ist nicht für Dich gemacht, Klaus, lass die jungen Männer ihren Emo machen. Ich kann zwar erklären und verstehen, was Emo bedeutet und für wen und warum Emo durchaus funktioniert, aber das berührt mich nicht weiter.
Was ich eher schade finde, ist, wenn eine neue Richtung wie etwa Two Step oder Drum"n"Bass aufkommt. Da überkommt mich schon eine Sehnsucht, jetzt wäre ich gern jung, gern dabei, würde diese tolle neue Musik gern so rauschhaft erleben wie alle andern, mit Lost Weekends und so. Aber alle anderen sind eben jünger … Der Aggregatszustand hat sich schon verändert.
Trotzdem warte ich auf jede neue Platte. Obwohl ich im Moment viele Platten höre, die mich langweilen, was weniger mit "alles-schon-mal-dagewesen" zu tun hat, sondern eher mit den regressiven, introspektiven und komplentativen Haltungen, die dahinter stecken. Diese besinnlichen Americana-Platten, wie etwa Lambchop – nichts gegen Lambchop, Kurt Wagner ist ein sympathischer Mann – es ist eher diese "Lambchopkultur", dieses melancholische Wohlfühl-Ennui, in dem viele Leute versinken … ehrlich gesagt: There's more to life than Lambchop! Mich begeistern dann eher Platten wie von The Streets oder Dizzee Rascall, Körpermusiken!
Natürlich gibt es das, dieses gleichzeitige "Mithören" von früheren Sachen, wie zum Beispiel jetzt bei Franz Ferdinand, bei denen man Gang of Four, XTC und Roxy Music mithören kann. Ja, aber trotzdem haben auch die Strokes etwas Eigenes! Man sollte – bei aller Referenzialität – auch das Eigene und Besondere der jungen Bands erkennen und würdigen! Die Sex Pistols haben auch schon Eddie Cochran und die Stooges verarbeitet.


Nachspielzeit:

» Schönstes/peinlichstes Ball-Erlebnis
Lange Nächte mit den Lassie Singers, Henning Harnisch, Bernadette Hengst, Jochen Distelmeyer, kurze Nächte allein am DJ-Pult, Post, Reaktionen, ein gelungener Übergang.
Nicht schön: wieder die falsche Platte aus falschen Gründen gespielt und gut gefunden und viel zu spät gemerkt, dass das ein Fehler war. Wieder reingefallen auf den falschen Hype. Wer waren noch mal die Trash Groove Girls?
Verkehrsmeldungen (nie mehr in hr2!!!)

» Ewige Lieblingsbands und –platten
Nichts ist für die Ewigkeit. Meine derzeitigen Cowboy-Top 5:
- Sly & The Family Stone: Spaced Cowboy
- Prefab Sprout: Cowboy Dreams
- Neil Young & Crazy Horse: Cowgirl in the sand
- Thin Lizzy: Cowboy Song
- World Standard: Cowboys don't cry

» Lieblingsfussballclub
SC Weiss-Blau Frankfurt

» Wird der Ball archiviert?
Nein.