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Januar 2002
Martin Büsser
und Claudia Mucha
für satt.org


Martin Büsser:
FSK-
Bekenntnis zur Heimatlosigkeit

mit Fotos von Claudia Mucha, aufgenommen am 12.01.02 im Kesselhaus der Kulturbrauerei, Berlin




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Freiwillige
Selbst
Kontrolle

FSK: Am 21.01.02 im Kesselhaus, Berlin. Fotografiert von Claudia Mucha.

Bekenntnis zur Heimatlosigkeit


Sie seien für die Hippies zu jung und für die Punks zu alt gewesen, charakterisierte Thomas Meinecke einmal das Problem seiner Generation, der 1955 Geborenen. Und doch gründete er im gar nicht mehr so zarten Alter von 25 Jahren, also 1980, zusammen mit Justin Hoffmann, Michaela Melián und Wilfried Petzi eine Band. FSK hatten sich nach der Freiwilligen Selbstkontrolle benannt, jenem seltsamen Verein, der Altersangaben für Filme festlegt und die Prüderie der Nachkriegszeit lange Zeit wie keine andere Institution verkörperte. Es war die Zeit, als New Wave auch in Deutschland angekommen war und seltsame Bandnamen wie Die Nachdenklichen Wehrpflichtigen oder Die Tödliche Doris geradezu zum guten Ton gehörten. Für FSK aus München war der Name jedoch mehr als nur ein stilistischer Kniff, er sollte im Gegenteil zum musikalischen Motto werden, die eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen und notfalls Ansätze zu verwerfen, sich also permanenter Selbstzensur zu unterziehen. So begann die Band aus München sehr schnell, ein Konzept für Popmusik nach dem kritischen, reflektierten und dialektischen Prinzip von Brechts epischem Theater zu entwickeln.

FSK: Am 21.01.02 im Kesselhaus, Berlin. Fotografiert von Claudia Mucha.

Mit den damals gerade in Deutschland aufkommenden Punks hatten FSK eine Abneigung gegen die Hippies gemeinsam. Anfang der Achtziger standen diese längst schon für Kräutertee, verkifftes Grinsen und "Ey-du"-Mentalität, also für einen lächerlichen und zahm gewordenen, politisch irrelevanten Haufen aus Pädagogen und Esoterikern. Den Punks konnten sich FSK jedoch auch nicht zugehörig fühlen, denn die suchten abermals nach Identität in einer Gruppe, nach Festschreibungen in Sachen Klamotten und Musikstil. Keine jugendkulturelle Identität anzunehmen, sich nicht bedingungslos einer Sache zu verschreiben, wurde also zum Markenzeichen der Zu-Spät- beziehungsweise Zu-Früh-Geborenen von FSK. Als Band, die aus dem Kontext von Kunst und Literatur hervorging - Justin Hoffmann war zum Beispiel Kunstkritiker, Wilfried Petzi Fotograf - hegte ein Misstrauen gegenüber dem in der Rockmusik gängigen Glauben an Authentizität. Dem setzten sie ein Konzept von Distanz und bewußt artifiziellem Spiel mit kulturellen Codes entgegen. Bereits zu Beginn der Achtziger standen FSK damit den Glam-Konzepten der frühen Roxy Music näher als dem damals krassierenden Nietenpunk.


FSK: Am 21.01.02 im Kesselhaus, Berlin. Fotografiert von Claudia Mucha.

Aus den subkulturell bewegten Frühachtzigern ist wenig geblieben. Ausgerechnet ein Großteil der damals so harten Punks ist sehr bald von der Bildfläche verschwunden, hat die Nietenjacke für einen bürgerlichen Beruf an den Nagel gehängt. Geblieben sind FSK, bis heute. Und wahrscheinlich ist es ihrem Konzept der ständigen Selbstkorrektur zu verdanken, daß diese Band niemals stagnierte, sich schon gar nicht auf einem Image ausruhte, sondern permanent in Bewegung blieb. Wo andere Bands von ihren Fans gerne an ihrer radikalen Anfangszeit gemessen werden - zum Beispiel die Einstürzenden Neubauten -, gibt es bei FSK keine wirklichen Hoch- und Tiefphasen, da ihre permanente Bewegung solche Kriterien erst gar nicht zugelassen hat. Von Plastikwave über hybriden Countryfolk, von Jodelsongs und Polka über Disco-Glam und Technohouse hat FSK immer wieder Stile auf wundersame Weise zeitgemäß vermischt, ach was, meist sogar ihrer Zeit voraus. Wo konventionelle Punkbands wie Slime harte Rockmusik spielten und das Politische ausschließlich in ihren Texten zum Ausdruck brachten, haben FSK immer darauf geachtet, daß bereits das musikalische Material politische Haltung zum Ausdruck bringt. Lange bevor Thomas Meinecke mit seinem Gender-Roman "Tomboy" auch von den Feuilletons beachtlich positiv aufgenommen wurde, haben FSK Popmusik bereits unter Gender-Gesichtspunkten gespielt, nämlich Musik, die frei war von geschlechtlichen Zuweisungen, damit auch völlig frei vom Männer-Rock'n'Roll. Und lange bevor die unsägliche Diskussion um die "deutsche Pop-Identität" aufkam, waren FSK die wohl einzige Band, bei der "deutsche Identität" bereits im rein musikalischen Material, dem behäbigen Mix aus Polka, Volksmusik und Country, lächerlich gemacht wurde. Deutsche Klischees wurden von ihnen stets aus dem Blick des Auslands gespiegelt, weshalb München auch gerne mal "am schönen River Rhein" liegen durfte. Wo Popmusik ihr Linkssein meist nur auf die immer gleichen Slogans reduziert, sind FSK bis heute so etwas wie musikalisches Sprachrohr für aktuelle linke Debatten, ohne diese wiederum auf Slogans zu verkürzen.

FSK: Am 21.01.02 im Kesselhaus, Berlin. Fotografiert von Claudia Mucha.

Nebenbei haben FSK aber auch immer wieder wunderbare Texte gehabt - oft von prophetischem Ausmaß. Eine der gelungensten FSK-Zeilen lautet "Wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat". Die Goldenen Zitronen haben dies, nachdem es mit Joschka Fischer graue Realität geworden ist, auf ihrem neuesten Album gecovert. "Flagge verbrennen (Regierung ertränken)" vom 93er Album "The Sound of Music" gehört auch heute noch zum Live-Repertoire der Band. Obwohl sich FSK die Wandlung fernab von aller Nostalgie zur Aufgabe gemacht haben, spielen sie diese Nummer immer wieder, wenn auch stilistisch stets abgewandelt. Der Grund dafür dürfte auf der Hand liegen: Die Botschaft bleibt beständig. Bei allen Veränderungen, denen sich FSK selbst unterwerfen, sorgt die politische Realität doch dafür, daß auch diese Band so etwas wie einen Evergreen wider Willen aufweisen kann.

FSK: Am 21.01.02 im Kesselhaus, Berlin. Fotografiert von Claudia Mucha.

In seinem neuesten Roman "Hellblau" schreibt Thomas Meinecke sehr viel über die politische Radikalität von Techno- und House-Platten aus Detroit, von Projekten wie Drexciya, deren Musik sich auf minimalste, fast ausschließlich rhythmische, selbstverständlich textfreie Arrangements beschränkt. Es wundert daher nicht, daß FSK auf ihren letzten beiden Platten immer weniger Text verwendet haben und immer stärker auf das Politische im Sound vertrauen. Ihre Musik ist dabei richtig groovy geworden, auch wenn noch immer so manch Intellektueller im Publikum dabei mir verschränken Armen steht und partout nicht tanzen will, weil das, was FSK verkörpern, ja als "Diskurs" gilt. Gegen solche Borniertheit ist die jüngste Phase von FSK wiederum erfrischend, da sie die Linke mit ihrem problematischen Verhältnis zu Körper und Sinnlichkeit konfrontiert. Eine weitere Stufe im nicht endenden Wandel einer Band, deren Bekenntnis zur Heimatlosigkeit, das "Heute hier, morgen dort", zugleich dafür gesorgt hat, in politischer Hinsicht niemals unverbindlich zu werden.

FSK: Am 21.01.02 im Kesselhaus, Berlin. Fotografiert von Claudia Mucha.