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Die Box




22. August 2013
Thomas Hinnerk Schmidt
für satt.org
  E. M. Cioran, Aufzeichnungen aus Talamanca
E. M. Cioran, Aufzeichnungen aus Talamanca. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Verena von der Heyden-Rynsch. 62 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2008. 10,00 Euro
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Die Möglichkeit einer Insel

Beim Wiederlesen von E. M. Ciorans Aufzeichnungen aus Talamanca

Im August 1966 und am Ende seines Aufenthaltes angelangt, nimmt Emil Cioran ein letztes Mal das Heft hervor, in dem er seit der Ankunft auf Ibiza täglich ein paar Sätze notiert hat, und schreibt:

„Talamanca. Ein letztes Mal von der Windmühle aus den Sonnenuntergang betrachtet. Schweigen. Der Himmel und das Meer. Ibiza liegt vor mir. Ich habe im Innern die ungarischen Klagelieder gesummt, die mir zu allen Landschaften zu passen scheinen. Weit entfernt vom Mittelmeer zu leben ist ein Irrtum. Wie habe ich mich so lange Zeit dem Vorurteil des Nordens beugen können?“

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Die Vorurteile des Nordens sind ungezählt. Jahrzehntelang hatte Cioran gegen sie angeschrieben und lag mit ihnen im Kampf. Bis aufs Blut, könnte man sagen, hat er mit den scheinbaren Gewissheiten, den plausibel erscheinenden Gründen und Halbwahrheiten einer alltäglichen Vernunft gestritten, die man gern benutzt, um möglichst unbeschadet durch das Leben zu gehen. Seinen radikalen Zweifel an allem und jedem und seine Beschreibung des exilierten Menschen, der, fern von Erlösung und Paradies, dazu verdammt scheint, sich falsche Krücken – Gott, die Moral und alle Kleinigkeiten des Denkens – anzufertigen, ohne doch jemals zum aufrechten Gang zu finden, haben ihm dabei nicht nur Bewunderung eingebracht. Zu trostlos erscheinen auf den ersten Blick manche Teile seiner Aphorismensammlungen, in denen man viele Zeichen eines zu Grunde gehenden Lebens zu erkennen meint und damit nicht immer Unrecht hat.

„Leben“ heißt bei Cioran fast zwangsläufig „den Boden verlieren“ und gleichzeitig die liebgewonnenen Sicherheiten und Erklärungen, die man von klein auf zu sammeln beginnt, um dem Sinnlosen einen Sinn zu verleihen, der Gewalt Plausibilität und dem Unrecht eine fadenscheinige Begründung. All diese falschen Bilder loszuwerden, war das Ziel des rumänischen Philosophen, der seit 1937 in Paris lebte und dort 1995 starb, aber diese Tempelreinigung war kein Selbstzweck – Cioran zerstörte nicht aus Lust an der Zerstörung und haderte mit dem Leben nicht, weil sich diese Haltung für den kritisch Denkenden gehört –, ihm ging es vielmehr um die Wiedererlangung von Freiheit und Würde des Menschen, der den Grund des eigenen Existierens aus den Augen verloren hatte und deshalb nicht mehr verstand, woran er da eigentlich krankte. Und gerade das macht das Denken des Philosophen bis heute aktuell und seine Tagebuchskizzen von der spanischen Insel so interessant.

Der Grund der Existenz ist der Schmerz, das Absurde, das In-die-Welt-Geworfensein; es ist der Mangel eines jeden Grundes für das Leben selbst, die Abwesenheit allen Sinns und die Willkürlichkeit der meisten Handlungen. Erst im Eingeständnis dieser Daseinsgrundlage liegt für Cioran die Befreiung der Menschen, die alles versuchen, um sich von der tiefen Sinnlosigkeit ihrer Leben – die dennoch mit Sinn angefüllt werden können – abzulenken. Wahrscheinlich kreisen Ciorans Texte auch deshalb so oft um eine ganz ernst gemeinte, fast heilsame Leere, die sich in der Abwesenheit des Denkens auftun kann, was auf uns westlich Geprägte immer irgendwie merkwürdig wirkt, im philosophischen Kontext des Orients aber weitaus positiver erscheint.

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Allerdings besitzen die bedeutenden Einsichten in das Leben eine Art umgekehrter Topographie: Je tiefer man gräbt, wie Nietzsche wahrscheinlich sagen würde, umso höher gelangt man hinaus. Man besteigt die Berge, begibt sich in die Höhenluft und kann – sofern man es aushält – vielleicht noch gerade atmen, aber man ist in vielen Fällen allein. Von den falschen Lebensgrundlagen der anderen entfernt, muss man sich die eigenen erst selber schaffen, selbst also Sinn erzeugen, und das wird bei Nietzsche und Cioran schließlich zum Zentrum einer Philosophie, die mit Kälte nicht spart, dafür aber dem Menschen weitaus besser gerecht wird und ihm verständnisvoller entgegentritt als jede Einkaufsmeile, in der die Neonfassaden sinnloser Geschäfte die Sackgasse der Gegenwart bezeichnen. In den Aufzeichnungen aus Talamanca schreibt Cioran beispielsweise:

„Da wir nicht wissen, wieviel Zeit wir noch zu leben haben, fordert die Pflicht uns selbst gegenüber, nur das zu tun, was unser Wesen wirklich betrifft. Kein Herumforschen: aber vor allen [sic!] sich selbst erforschen. [...] Übrigens wird hienieden nichts gelöst, weil keiner zu wissen versucht, woran er mit sich selber dran ist.“

Cioran führt auf diese Weise zum Leben und zur Anerkennung der eigenen Individualität. Bei ihm darf noch gelitten werden – fernab der Klinik, welche jede Trauer, die länger währt als vier oder fünf Wochen, bereits als behandelnswerten Ausnahmezustand begreift. Bei ihm darf man sich wundern, darf man verzweifelt sein, am Leben kranken, wie es heißt, aber man erfährt auch Trost: einen manchmal harten und vielfach niederdrückenden, niemals aber heuchlerischen Trost, der die Klage nur abstellen will, weil er sich durch sie zu einer Handlung genötigt fühlt.

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Jedenfalls ist mir immer aufgefallen, wie schwer sich viele mit dem Leiden tun und deshalb auch mit Cioran, wie auch manche ausgesprochen offen mit regelrechtem Hass und Verachtung auf die Texte des Rumänen reagieren, der in seinen Notizen aus Talamanca immer aufrichtig schreibt (zumindest kommt mir das so vor).

Im Winter 2008 bin ich für ein paar Monate in Wien gewesen, eine Stadt, die das Leiden gut kennt und deren Bewohner diese Kenntnis zelebrieren, und habe durch Zufall in einem der langweiligsten Seminare der Welt erfahren, dass Peter Sloterdijk an der Fakultät der Künste jede Woche eine Vorlesung halte. Das übergeordnete Thema dieser Vorlesungsreihe habe ich vergessen, aber ich erinnere mich noch genau an jene Sitzung, die ich damals besuchte.

Es war an diesem Tag unwahrscheinlich kalt und bereits am späten Nachmittag, gegen fünf Uhr abends etwa, vollständig dunkel gewesen. An einem U-Bahn-Ausgang habe ich meine Begleitung abgeholt und als wir den Ring überquerten, begann es plötzlich zu schneien. Im Gebäude der Fakultät sind wir ein paar Etagen nach oben gestiegen, fast bis unter das Dach. Merkwürdigerweise waren dort weite Teile des Fußbodens aus transparentem Plexiglas gefertigt, so dass man, wenn man sich traute, einen Schritt darauf zu setzen, bis tief in die untersten Stockwerke sehen konnte, sich also quasi – auch wenn dieses Bild natürlich nicht ganz stimmt – in freiem Fall befand. Mit einem mehr als mulmigen Gefühl bin ich damals auf diese durchsichtigen Bodenfliesen getreten und habe hinab gesehen, auch, um meine Begleitung nicht auf meine Höhenangst aufmerksam werden zu lassen und den Unerschrockenen zu mimen. Weil es bis zum Vorlesungsbeginn noch einige Minuten dauern sollte, haben wir so abwechselnd dem vorgestellten Fall des jeweils anderen zugesehen und ein paar Architekturstudenten beobachtet, die sich fast lautlos in einer Ecke unterhielten.

Der Saal selbst, in dem Sloterdijk wenig später erscheinen sollte, war denkbar ungeeignet für eine solche Veranstaltung. Unendlich breit, dafür aber nur drei Sitzreihen tief, besaß er eine eigenartig verstellte Akustik. Wie bei derartigen öffentlichen Veranstaltungen mit anwesender Prominenz üblich, war das Publikum stark gemischt: Studenten natürlich, aber auch viele Senioren und „Interessierte“ saßen darin, darunter eine Frau, die ich erst wenige Tage zuvor in einer Galerie im 1. Bezirk kennengelernt hatte und die mir nun durch den Raum hindurch freundlich, aber unbestimmt zunickte. Sloterdijk selbst kam wenig später, als alle bereits auf ihren Plätzen saßen, und schockierte mich zunächst durch seine Körpergröße. Ich hatte ihn mir immer als etwas untersetzten Mann vorgestellt, in Wirklichkeit aber ist er mindestens einen Meter neunzig groß. Seine stets geröteten Augen liegen aber tatsächlich so tief, wie man das auf Photographien erkennen kann, und er spricht auf die gleiche suchende Weise, wie man sie aus dem Radio oder Fernsehen kennt, die mir immer so erscheint, als verfertige er tatsächlich die Gedanken beim Reden.

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Für diesen Abend hatte Sloterdijk Ciorans Philosophie zum Ausgangspunkt seiner Vorlesung gemacht. Die meisten Hörer besaßen Textkopien und blätterten jetzt eifrig in ihren unterstrichenen Skripten. Wir als Dazugestoßene und flüchtige Gäste wussten davon natürlich nichts.

Sloterdijk beschrieb Ciorans Philosophie in einigen seltsam mäandernden Sätzen – was genau er gesagt hat, weiß ich nicht mehr, aber ich habe zwei Unterbrechungen behalten, die mir nicht nur beispielhaft für die Reaktionen vieler auf Ciorans Werke erscheinen, sondern auch eine Art Zusammenfassung meiner alltäglichen Erfahrungen in Wien gewesen sind, die zwischen Irrsinn und Gutmütigkeit schwankten.

Sloterdijk sprach gerade über den Selbstmord und die Existenzproblematik bei Cioran, als sich ein etwa vierzigjähriger Mann zu Wort meldete. Ich glaube, er hat einfach Sloterdijks Vortrag unterbrochen, zuerst mit Gehüstel und aufgeregtem Stöhnen, so als sei ihm nicht gut, und dann eben mit seiner unaufgeforderten Wortmeldung: Warum einer, der so am Leben zu leiden vorgebe, sich nicht einfach umbringe. Wenn einer sich „so habe“, dann solle er doch ein einziges Mal in seinem Leben konsequent sein und Schluss machen.

Sloterdijk war über diesen Einwurf offensichtlich mehr als verdutzt und starrte den Redner ein paar Sekunden lang wortlos an. An der plötzlichen Unruhe um uns herum konnte ich aber erkennen, dass die Bemerkung so etwas wie eine offene Wunde der übrigen Zuhörer berührt hatte, die jetzt nach einer Antwort verlangten. Zu meiner völligen Verwirrung aber, und statt den Einspruch des Zuhörers mit einer leicht verständlichen Erklärung zu parieren, lavierte Sloterdijk herum und blieb eine klare Antwort schuldig. Und jetzt, beim Schreiben, fällt mir auch ein, was der Mann aus Wien noch hinzugefügt hat, vielleicht, um seine Gegenrede weiter zu stützen: „Hatte dieser Mensch“, gemeint war Cioran, „etwa Kinder? Wenn einer Kinder hat, dann fällt ihm eine solche Philosophie, die das Leben verneint, erst gar nicht ein!“

Ich verstehe bis heute nicht, warum Sloterdijk diesen scheinbaren Einwand nicht mit ein paar deutlichen Worten abgewiesen hat. Aber wahrscheinlich ist niemand in der Lage, ohne Bedenkzeit auf eine Widerrede zu reagieren, die irgendwie mit dem Denken eines Philosophen zu tun hat, gleichzeitig aber völlig daran vorbeigeht, im eigentlichen Sinn sogar rein gar nichts davon begreift. Das gleiche gibt es ja auch bei Nietzsche und jenen Interpreten, die seine Schriften als Ausdruck eines faschistischen und nihilistischen Geistes deuten und nicht verstehen, dass das genaue Gegenteil zutrifft und sie sich durch ihre Aussage nur mit jenen gemein machen, die der deutsche Zarathustra sein Leben lang bekämpft hat. Schwere Speisen, Mehlschwitze und zu viel Bier sind Zeichen des Lebensverächters, so Nietzsche, der damit die Kultur des deutschen Michels treffender umrissen hat als alle Späteren.

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Von der Eitelkeit des Einspruchs jenes Mannes aus Wien einmal abgesehen (aus seiner Wortmeldung sprach eben der Dünkel des „gesunden Menschenverstandes“, der Cioran so zuwider war), der sich gebärdete, als wisse er eine Antwort auf die Daseinsproblematik, welche das Werk Ciorans und die Existenzphilosophie generell aufwirft (einfach umbringen!), so ist dieser eilig vorgebrachte Einwand doch verkehrt. Wie bei Nietzsche findet sich auch im Werk Ciorans das Gegenteil von Lebensmüdigkeit, ja es ist sogar am entferntesten Pol derselben angesiedelt und kennt doch trotzdem einen Lebensüberdruss. Aber das ist kein Paradox. Cioran will vielmehr zum Leben hin, leidet nur an dessen Einrichtung, an der verteufelten Gegenwart, der Unmöglichkeit, an Erlösung, Paradies oder Gott noch glauben zu können. Der Überdruss oder, wie es Cioran immer wieder in den Aufzeichnungen aus Talamanca beschreibt, der Cafard (eine Art bösartiger Missmut, der sich mit Melancholie und Langeweile paart), resultiert aus der Einsicht, dass die zivilisatorischen Annehmlichkeiten, die wir uns überall geschaffen haben, ohne uns doch jemals zwischen ihnen heimisch zu fühlen, dass technische Errungenschaften und Höchstleistungen gerade nicht das eigentliche Problem einer im Grunde sinnlosen und dennoch notwendig mit Sinn zu füllenden Existenz aus dem Weg räumen, sondern dieses vielmehr verdecken. Auch wenn Cioran von Selbstmord, Lebensüberdruss und manchmal larmoyant von den eigenen Krankheiten spricht, sucht er das Leben mit aller Stärke, die man sich nur vorstellen kann. Er bejaht das Leben, weil er alle Scheinbejahungen zerstören will und er weiß, dass die Menschen ihrem Leben selber einen Sinn setzen müssen, ohne auf die abwiegelnden Halbwahrheiten der Gesellschaft zu vertrauen. Genau aus diesem Grund brachte er sich nicht um und ist sein Leben lang ein unbequemer Verfechter der Freiheit gewesen.

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Am besten kommt dies wohl im sehr persönlichen Tagebuch aus Ibiza zum Ausdruck. In den 60ern war diese Insel sicher noch nicht vollständig von Partytouristen und hirnlosen Säufern überrannt, auch wenn Cioran selbst den allmählichen Umbruch der Inselgesellschaft registriert. „Ein Maurer aus Ibiza“, schreibt er, „erzählt, vor zehn Jahren, vor dem Einfall der Touristen, waren die Bewohner freundlich, leutselig, sie luden einen zu sich zum Essen ein, ließen Tag und Nacht die Häuser offen, jetzt schließen sie zu, sind egoistisch geworden, reden kaum mit einem, sind verschlossen und argwöhnisch und essen besser. Aber daß sie besser leben, glücklicher seien, das ist zweifelhaft.“

Diese Beschreibungen des Alltags auf der Insel sind rar gesät, aber man merkt, dass sich Cioran nicht allein, wie es gern scheinen mag, als Eremit der Inseleinsamkeit ausliefert, sondern sich immer wieder in Gesellschaft begibt. Er spricht von Bekanntschaften, schreibt von Freunden, träumt von verstorbenen Vertrauten und fügt seinem Text ganz zum Schluss eine eigenartige Beobachtung hinzu: „Es ist mir aufgefallen, daß die Freunde während der Sommerferien sterben.“

In seinem Tagebuch begeht er jene zweifelhaften Räume, die ihm zeitlebens am Herzen lagen: die Religion und die Mystiker, die Langeweile und der Lebensüberdruss, Schlaflosigkeit und die Schönheit des Lebens. Denn obwohl er am Anfang seines sommerlichen Aufenthaltes noch klagt: „ich bin wegen der Sonne hierher gekommen, kann aber die Sonne nicht ertragen“, erlebt er auf der Insel letztendlich die Möglichkeit, einfach zu sein und unbeschwert zu existieren. Diese plötzliche Unbeschwertheit erwähnt er dabei wie nebenbei, so als sei sie keine große Entdeckung.

8. August. Ich bin gegen 4 Uhr morgens aufgestanden und am Meeresufer spazierengegangen. Ich setzte mich auf einen Felsen und wartete den Tag ab. Als das Licht hervorbrach, kam es nicht von oben, sondern aus den umliegenden Felsen, als hätte es sich dahinter versteckt und auf den Morgen gewartet, um hervorzutreten. Diese so schöne, so irreale Verklärung ließ mich die trüben Gedanken vergessen, mit denen jede meiner Schlaflosigkeiten beginnt. In den Landschaften, die wir lieben, nehmen unsere Gebrechen eine andere Tönung an. Hier ist die Schlaflosigkeit kein Übel, sondern nur eine gewisse Unmöglichkeit.“

Viele der kurzen Textabschnitte haben den Charakter von Gedankennotizen und sind häufig in einer solchen Klarsicht und Unnachgiebigkeit gegen sich selbst verfasst, dass man vor der Aufrichtigkeit Ciorans nur Respekt haben kann:

„Den ganzen Nachmittag lang dachte ich an Keats in Rom. Ich mag wohl die Landschaft wechseln, das Schicksal kann ich nicht wechseln. Und, ein schlechtes Zeichen für mich, ich habe es noch nicht fertiggebracht, mich mit dem meinigen abzufinden, trotz all meines Ringens darum und trotz meiner Theorien.“

Cioran befragt sich in seinem Tagebuch immer wieder selbst. Die Landschaft ringsum und der Wechsel zwischen Paris und der Insel führen ihm vor Augen, auf welche Weise er sein Leben eingerichtet hat, wo er scheitert und wo nicht. Dabei ist er selbstkritisch und ehrlich. Ein echtes Reisetagebuch ist Aufzeichnungen aus Talamanca natürlich nicht und will es auch gar nicht sein.

Vielmehr faszinieren die vielen persönlichen Textstellen – der erste gescheiterte Liebesversuch beispielsweise, denn diese Namen brennen sich ein, sie wird man nicht wieder los. Am Ende existiert für Cioran sogar und ganz im Widerspruch zur Annahme des Mannes aus Wien das Glück:

„Unerhörter Cafard beim Gedanken, Talamanca zu verlassen. [...] Man dürfte nicht an Orte gehen, wo das Glück vorstellbar zu sein scheint.“

Dieses vorstellbare Glück schwingt in seinen Texten, und so auch in den Aufzeichnungen von der spanischen Insel, immer mit und grundiert selbst Ciorans Klagen über sein Rheuma und die Hitze, die er beinahe mit einem spöttischen Zwinkern vorzubringen scheint.

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Sloterdijks Vorlesung war noch nicht zu Ende, als der besagte Mann, lange nachdem er seinen Einwand vorgebracht hatte, einen nahe beim Ausgang sitzenden Rentner aufforderte, die Tür zum Seminarraum bitte zu schließen. Kurz vorher hatte jemand sie geöffnet, um frische Luft hereinzulassen. Der andere sagte, es sei doch besser so, man könne etwas Luft ganz gut vertragen. Für einen kurzen Moment wirkte es so, als werde sich der Cioran-Verächter damit zufrieden geben. Dann aber – wieder sahen alle Beteiligten völlig starr und verblüfft dieser Szene zu – riss er sich mit einem Mal von seinem Platz, als befreie er sich in diesem Moment von aller Ungerechtigkeit und Dummheit, und stürmte unter wilden und völlig unverständlichen Beschimpfungen aus dem Raum. Schon ein Luftzug hatte ihn aus der Fassung gebracht und der Einspruch eines anderen kopflos werden lassen.

Ein paar Augenblicke lang lag der Raum völlig still. Alle sahen einander ungläubig an.

Letztlich aber war das ein passendes Ende: die späte Ruhe Ciorans und der lärmende Abgang des gesunden Menschenverstands.