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Die Box




22. Juni 2013
Dominik Irtenkauf
für satt.org

Katastrophen einer Pubertät.

Die Pubertät kennt Grausamkeit, kultiviert zu bestimmten Phasen geradezu Grausamkeit, vor allem gegen jene, die anders und nicht so sind wie man selbst. Die In-Gruppe, die Druck auf Einzelgänger und Freaks ausübt, agiert dabei subtil und verdeckt, denn jugendliche Autorität steht immer unter dem Auge der Erwachsenen. Sprich: Wer in der Schule mit Lehrern zu tun hat, die bereits seit Jahrzehnten ihren Lehrstoff durchquetschen und langsam die Lust an ihren unbändigen Schülern verlieren, die durch eine Phase des Erwachsenwerdens (vulgo: Pubertät) schreiten, der kann seine jugendliche Tyrannenherrschaft allmählich bis zur körperlichen Bedrohung der schwachen Mitschüler ausweiten.

  Corinna Engel, Christian Kaiser: Seelenvernichter
Corinna Engel / Christian Kaiser, Seelenvernichter. Roman. 128 Seiten, Broschur. Ubooks Verlag, Mossautal 2012. 9,95 Euro
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Seelenvernichter heißt der Versuch von Corinna Engel und Christian Kaiser, Mobbing in der Schule nachzuzeichnen, und zwar am Beispiel von Anja, die in die achte Klasse geht und dreizehn ist. Dem drastischen Titel kommt der Roman mehr als genug nach. Die Handlung ist schnell erzählt: Anja wird von einer Gruppe Gleichaltriger in ihrer Klasse gedemütigt. Es fängt mit Beschimpfungen an („Fotze“ ist noch vergleichsweise harmlos), geht dann zu Tritten und Schlägen über und eskaliert weiter, bis hin zur sexuellen Belästigung und Vergewaltigung. Das geschieht nicht irgendwo in Südosteuropa zur Zeit des jugoslawischen Bürgerkriegs, als bosniakische Musliminnen jeden Alters als Sexsklavinnen in einer zweckentfremdeten Turnhalle gehalten und für Monate gedemütigt und sexuell missbraucht wurden – es geschieht an einer deutschen Schule. Alina und ihre Clique haben es auf Anja abgesehen und Anja scheint hilflos, gibt kaum Paroli auf die wüsten Beschimpfungen.
Der Name Alina, wie auch die Namen Cem oder Taifun, weisen auf Kinder mit Migrationshintergrund, was dem Buch einen leichten Beigeschmack gibt. Man könnte aus eigener Beobachtung heraus argumentieren, dass es bei türkischen Jungen auf Testosteronbeweise und Machogehabe ankommt, um gut vor dem begehrenswerten weiblichen Geschlecht dazustehen. Es sind dann auch zwei türkische Jungs, die Anja auf einer Fete misshandeln und den Übergriff mit dem Handy aufnehmen. Später verkriecht sich Anja in ihr Bett, Gedanken rasen ihr durch den Kopf.
„Irgendwann wache ich auf, ich habe keine zwei Stunden geschlafen. Ich pople ein kleines, leicht eingekräuseltes, schwarzes hartes Haar zwischen meinen Zähnen raus – Igitt! – ein Schamhaar.
Sicher von Cem. Ich hab in klebrigem Sperma geschlafen. Mir wird schlecht. Ich glaub, ich geh kotzen. Die Toilette ist verstopft und gelbe Pisse steht bis obenhin und irgendwo da drin liegt die rausgerissene Tagebuchseite mit dem Foto von meinem Papa – total verknüllt schwimmt sie in gelbem Urin.“ – Anjas Vater, der bei einem Autounfall starb, wie sie zuvor vertrauensselig auf der Party erzählt hat.

Der Roman ist kurz, aber voller Schmerz. Die Ohnmacht Anjas spricht sich in ihren kargen Wortmeldungen aus. Ihre Mutter erscheint nur am Rande: Als bei der Party Anjas Haare kurzgeschnitten werden, ruft sie die Klassenlehrerin an, die die ganze Klasse zurechtweist und ihr eine Frist von drei Tagen einräumt: sollten sich bis dahin die Täter nicht gemeldet haben, seien alle Ausflüge für das Schuljahr gestrichen. Alina, Yami und Tanja fallen daraufhin über Anja her und verschleppen sie in die Mädchentoilette der Sporthalle. Sie wacht auf der Intensivstation wieder auf.

Ich atme tief durch und frage mich: Ist das nicht etwas zuviel des Guten? Kommt es an deutschen Schulen wirklich zu solchen Exzessen? Das Backcover des Romans spricht von „Berichten des Opfers“, die Engel und Kaiser als Vorlage dienten. Dies kann ein Marketingtrick sein. Beide veröffentlichten im Index Verlag einen Fotoband mit drogensüchtigen Mädchen (Heroin Kids); manche Fotos waren gestellt, andere, so hieß es, authentisch. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt.



  Joël Séria, Und erlöse uns nicht von dem Bösen
Joël Séria, Und erlöse uns nicht von dem Bösen (Mais ne nous délivrez pas du mal). Frankreich 1971. Originalfassung mit Untertiteln. 98 Minuten. FSK ab 16. Bonusmaterial: Interview mit Regisseur Joël Séria; Interview mit Hauptdarstellerin Jeanne Goupil; „Höllische Kreaturen“ – Interview mit Autor Paul Buck; 12-seitiges Booklet mit Texten von Paul Poet und Pete Tombs. Bildstörung / Alive / Drop Out 018, Köln 2012. 20,00 Euro (DVD)
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Wie Mädchen statt zu Opfern zu „Tätern“ werden können, zeigt die sehr schön gestaltete Neuauflage des Films Und erlöse uns nicht von dem Bösen aus dem Jahr 1971. Joël Séria inszenierte ein Lehrstück über die Pubertät zweier enger Freundinnen, Anne und Lore, die in einem von Nonnen geführten Internat aufwachsen, und aus der Lust am Verbot Lautréamonts Gesänge des Maldoror zu lesen beginnen. Bald gehen sie dazu über, die fiktionalen morbiden Phantasien des Comte de Lautréamont in die Realität umzusetzen. Ihre Umwelt wird durch den Liebreiz ihrer Jugend über ihre Machenschaften getäuscht. Auch den vermögenden Eltern der Mädchen (insbesondere Annes Eltern sind wohlhabend, haben Haushaltshilfen und frönen einer gehobenen Unterhaltung – man könnte auch sagen: gepflegten Langeweile – auf dem Land), ist gar nicht bewusst, was in deren Freizeit geschieht.

Die Hauptdarstellerin Jeanne Goupil, mittlerweile gute 60 Jahre alt, schätzt im Interview rückblickend die Provokation ein, die der Film damals bedeutete. Das besonders Schützenswerte des Alters, wenn Mädchen zu Frauen heranwachsen, wird angesichts der Taten der beiden Klosterschülerinnen (darunter ein Kapitalverbrechen) extrem fraglich.
Den Film zeichnet aber eine Subtilität aus, die die grausamen Mädchen auch sympathisch erscheinen lassen kann. Man mag darüber spekulieren, ob Anne und Lore Opfer ihrer religiösen Umgebung sind (auch wenn die Moral des Klosters an manchen Ecken zu bröckeln beginnt). Das keusch-biedere Erziehungsumfeld hat sicher genauso viel Anteil an der fehlgeleiteten Sexualität der beiden Mädchen wie ihre Neugier. Ob nun die Lektüre von Lautréamont und Baudelaire unbedingt zu solch garstigen Streichen führen muss, bleibe dahingestellt. Die Phantasie von Mädchen kann sie sicher befeuern. Anne und Lore widmen ihr junges Leben Satan. Dafür müssen sie böse sein, und sie drehen die Spirale weiter bis zum bitteren Ende.
Die besondere Vorliebe der beiden Mädchen, Trottel oder ältere verheiratete Männer zu verführen oder zu quälen, wirkt innerhalb der Story konsequent, aber doch ein wenig seltsam. Wie sieht es mit den gleichaltrigen Jungs aus? Oder aber mit etwas älteren, weil sie attraktiver und reifer als die Altersgenossen wirken? Anne und Lore scheinen zu sehr mit ihrem poetischen Satanismus beschäftigt, als dass sie ihre stärker werdende Sexualität auf Jungen in ihrem Alter richten könnten – und zwar auf weniger sadistische Weise.
Also spielen sie in den Sommerferien den Männern auf dem Land Streiche. Es sind heute problematische Szenen zu sehen, zum Beispiel wenn Lore vom Viehhüter angegangen wird, nachdem Anne und sie ihn dazu provoziert haben. Lores Scham ist zu sehen.

Die Schauspielerinnen wirken noch minderjährig, was bei heutiger Kinderpornografie-Problematik ein heikles Spiel sein kann. Betrachtet man jedoch das Veröffentlichungsjahr 1971, so erscheint die Freizügigkeit im Film in einem anderen Licht. Als Überhang aus der sexuellen Emanzipation Ende der 1960er Jahre hat Séria ein provokantes Filmstück gedreht. Und erlöse uns nicht von dem Bösen ist in der Schnitt-Technik nicht spektakulär. Ohne viel Kameraschwenkerei offenbart sich die gefährliche Sexualität der Mädchen, und das Wissen um die manipulative Macht, die ihnen dadurch gegeben ist – zum Beispiel wenn sie den trotteligen Gärtner zu einer schwarzen Messe auf dem Tümpel überreden, ihn ins Wasser stoßen, danach selbst hineinfallen und ihre weißen Gewänder durchsichtig werden. Der Gärtner kommt beinahe um seinen Verstand.

Und erlöse uns nicht von dem Bösen zeigt keine Peergroup, sondern ein Duo. Der Film sagt nichts über die Altersgenossen aus, wie dies bei den beiden besprochenen Büchern der Fall ist. Provokation kann nicht folgenlos bleiben, eine Lektion, die Anne und Lore lernen und während der Schultheatervorstellung an sich selbst vollziehen.
Der Film rückt die Handlung in den Vordergrund – nach den Motiven wird nicht gefragt. Wie auch, wenn es sich um zwei häufig kichernde pubertierende Mädchen handelt? (Anne führt allerdings ein Tagebuch.)
Das erwähnte Interview mit der Hauptdarstellerin Jeanne Goupil ist in Bezug auf die Motivation der Mädchen sehr erhellend.

Séria zeigt Anne und Lore, wie sie Lautréamont und Baudelaire lesen. Zudem wird Georges Bataille den Regisseur beeinflusst haben, wenn man seine Lust an der Tabuüberschreitung und die Problematisierung des Katholizismus bedenkt.

Der Film hat, auch durch seine Farbgebung und vor allem die unaufgeregte Aufnahme, nichts von seiner Faszination eingebüßt. Er stellt die Frage an den erwachsenen Zuschauer, welchen Einfluss Religion oder Literatur auf Jugendliche nehmen können, ob es eine klare Trennung zwischen Gut und Böse gibt und wo die Grenzen der eigenen Begierden liegen.
Die französische Filmaufsichtsbehörde war über das Drehbuch schockiert und gab keine Fördergelder. Séria realisierte den Film schließlich in Eigeninitiative.

  Erlend Erichsen, Nationalsatanist
Erlend Erichsen, Nationalsatanist. Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Arne Uekert. 190 Seiten, Hardcover. Edition Phantasia Joachim Körber Verlag, Bellheim 2012. 18,00 Euro
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Nationalsatanist von Erlend Erichsen zieht ganz andere Register als Seelenvernichter: Es geht nicht um die Zugehörigkeit zur In-Group. Stattdessen sondern sich zwei Norweger, die die Schule absolviert haben, aber noch in einer Art Spätpubertät stecken, von der Masse ab: Sie gründen eine Black Metal-Band namens Stormvold (Sturmgewalt). Als sie in die Szene eintauchen, legen sie ihre bürgerlichen Namen ab und nehmen Pseudonyme an. Sie durchlaufen den üblichen Transformationsprozess, der sich nach Gründung bzw. nach Eintritt in eine Black Metal-Band vollzieht. Erichsen beschreibt detailliert, aber nicht langatmig, die Sozialisation in der Metalszene. Wer selbst einige Zeit in dieser Subkultur verbracht hat, wird gut verstehen können, welche Bedeutung das erste Konzert, die ersten Instrumente (oder alternativ: die erste Ausgabe des eigenen Fanzines), die erste Probe (oder alternativ: das Abhängen mit einer Band im Proberaum) einnehmen und für lange Zeit behalten werden. Ljåvold heißt eigentlich Runar und seine Eltern zeigen sich besorgt über sein zunehmendes Engagement in Black Metal-Kreisen. Seine ehemalige Klassenkameradin Hilde beginnt eine Ausbildung zur Fotografin und hat keinen Bezug zu Stormvold. Wenn harte Musik, dann hört sie Metallica, damit ist für sie bereits das Ende der Härteskala erreicht. Runar trifft sich gern mit ihr, und so gelangt auch sie in den inner circle der Band. Doch zu Hause ziehen dunkle Wolken auf:

„Mein Vater stand im Wohnzimmer und schrie mich an. Er beugte sich über den Wohnzimmertisch, sah herab und schüttelte den Kopf. Er könne nicht glauben, dass ich so dumm wäre, so blind. Er könne nicht verstehen, dass ich nicht sah, wo das alles hinführte. [...]
‚Wir können uns noch gut an die Morde und Kirchenbrandstiftungen erinnern, aber du anscheinend nicht!‘
Vater ging auf und ab, während er sprach, und suchte offensichtlich nach den richtigen Worten. Seine Augen waren weit geöffnet, sein Blick durchdringend.
‚Spielt ihr Black Metal oder nicht?‘ fragte er und sah hinaus.
Er trommelte mit den Fingern gegen das Fenster und wartete. Sein Atem ging schnell und flach. Es wirkte, als erwartete er eine beruhigende Antwort; dass ich mich geschlagen gäbe. Das provozierte mich.
‚Ja, Stormvold ist Black Metal‘, antwortete ich.
‚Ja. Verdammt! Begreifst du nicht, dass wir uns deshalb Sorgen machen? Dass unser Sohn die schlimmstmögliche Musik spielt, die es gibt?‘ seufzte er.
Er hämmerte mit der Faust gegen die Wand und wandte sich mir zu. Ich antwortete nicht.
‚Und dein komischer Freund macht mir auf jeden Fall Sorgen. Seine ganze Erscheinung. Der sieht aus, als sei er nicht ganz bei Trost.‘“

Im Vergleich zu Seelenvernichter (die schüchterne Anja aus dem Roman von Christian Kaiser und Corinna Engel wird nicht als Black Metal-Hörerin, schon gar nicht als Musikerin geschildert, sondern als heranwachsende Jugendliche) geht die Isolation von der Gruppe, die sich in Nationalsatanist abzeichnet, aktiv vonstatten und wird nicht (passiv) erlitten.
Vinterblod, Schlagzeuger und Denker der neu gegründeten Metalcombo, ist überbordend vor Selbstbewusstsein, latenter Aggressivität und Soziopathie.
Runar schildert ihn bei einer Aussprache mit seinen Eltern wie folgt:

„Er war schon immer gut in der Schule, sogar im Sport, aber er hatte organisierte Aktivitäten satt. Solche konformen, bedeutungslosen und trivialen Aktivitäten, wie ihr sie veranstaltet! Er hasst die Gruppenmentalität von Sport, Schule und Beruf. Er will selbst handeln, sein eigenes Leben führen und seinen eigenen Weg gehen, und das will ich auch!“

Runar aka Ljåvold fügt hinzu:

„‚Ich will Black Metal spielen und meinen eigenen Weg gehen‘, sagte ich und verließ das Wohnzimmer.
Immerhin war ich mit der Schule fertig und wollte weg von ihnen. In den Wald fliehen, mich höheren Dingen widmen als Volkstümlichkeit, Familie und guten Noten zuwenden. Ich hatte genug von Nörgelei, dem Haus, den Wänden und wollte in einem einsamen, dunklen Winter aufgehen.“

Erlend Erichsen beschreibt in seinem Roman nah am Geschehen die Faszination, die norwegischer Black Metal auf Musiker wie Hörer immer noch ausübt. Dabei kann jedoch die Lokalisation der Leidenschaft für diese Art von Musik in der Pubertät nicht übersehen werden. Warum situiert Erichsen, selbst jahrelang Drummer bei der Death Metal-Band Molested und der Black Metal-Band Gorgoroth, diesen Roman zur norwegischen Metalszene in der Zeit des Schulabgangs? Die einfache Antwort wäre: Da fängt’s an – und spätestens mit der eigenen Familiengründung ist die Zeit des wilden Sturms vorbei.
Soziologische Arbeiten geben mit Vorliebe das bevorzugte Einstiegsalter von Black Metal-Fans an, die Zugehörigkeit zur Szene wird als Teil der rebellischen Adoleszenz gewertet; im Feuilleton hat sich die abfällige Bezeichnung „Berufsjugendliche(r)“ etabliert, um aufzuzeigen, dass ein Zugehörigkeitsgefühl zur Jugendkultur mit Überschreiten der Altersgrenze als nicht mehr tolerabel angesehen wird. Nationalsatanist geht nicht über diese Phase hinaus. Der Roman endet in einer kleinen Katastrophe – eine Entwicklung, die sich durch die herrschsüchtige Natur Vinterblods schon früh angebahnt hat.

Was wäre, wenn beide Bücher auf dem Leseplan für den Deutschunterricht stünden?
Seelenvernichter bezieht sich auf die Masse-und-Macht-Problematik im Klassenzimmer: Wer gehört zur In-Gruppe und wer nicht? Die Konsequenzen nehmen sich psychisch und physisch verletztend aus.
Nationalsatanist macht die paradoxe Haltung einer extremen Musikszene deutlich und immer wieder stellen die Outsider im Roman (Runars Eltern, seine Freundin Hilde) die Frage nach dem Warum: Woher der Hass gegen die Gesellschaft, gegen Menschen generell kommt, welcher ästhetische Genuss von Hässlichkeit, „Schlechtklingen“ und Furcht ausgeht.
Die Antworten liegen in den beiden Romanen selbst, die dabei ganz ohne den pädagogischen Zeigefinger auskommen.

Die Protagonisten in Seelenvernichter und Nationalsatanist sind zwischen 13 und 19 Jahre alt.
Für ein Jugendbuch ist Erlend Erichsens Stil jedoch zu komplex – nicht im eigentlichen Sinne; wenn man es genau bedenkt, wäre Nationalsatanist durchaus als Jugendlektüre geeignet. Die Nietzsche-Referenzen unterstützen das aufkeimende Feuer der Heranwachsenden, und Sätze wie: „Ich hörte, wie Vinterblod über unsere Pflichten als neue Romantiker sprach, über Träume, die in greifbare Nähe rückten und über die dunkle, norwegische Natur, die der Ursprung echten Black Metals wäre. Er wies immer wieder darauf hin, dass keine norwegische Musik, kein norwegischer Kunststil mehr Furcht und Anerkennung in der Welt errungen hätte als Black Metal[.]“ scheinen aus dem Mund eines Idealisten zu kommen... – wäre da nicht die unkontrollierte Gewalt. Ein Thema, über das man diskutieren muss, das zum Nachdenken anregt: das gespaltete Verhältnis zum eigenen Körper, und daraus resultierend der Hass auf die anderen Körper. Aufgrund seiner Gewaltdarstellungen käme Nationalsatanist sicher erst als Lektüre für die Oberstufe in Frage.
Seelenvernichter wiederum könnte durch seine schonungslose Darstellung schulischer Grausamkeiten und Quälereien Probleme verursachen, nämlich wenn Eltern zu Hause zu sehen bekämen, was ihre Söhne und Töchter in der 8. Klasse lesen und vorbereiten müssen.
Beide Bücher böten aber zweifelsohne massig Diskussionsstoff für viele Unterrichtsstunden, weil sie die Rolle von Gewalt, Macht und Kontrolle in der Jugend thematisieren. Eine Konfrontation der Zielgruppe solcher Phantasien mit der literarischen Darstellung derselben könnte verantwortungsvollen Unterricht gestalten helfen.

Zu guter Letzt sei die Frage nach der literarischen Qualität der beiden Romane gestellt. Man findet sie eher bei Erichsen, da er ein größeres Bild entwirft als Engel und Kaiser. Jedoch spielt die Effizienz der Sprache eine ebenso wichtige Rolle: Mobbing in der Schule wirkt als literarisches Thema seltsam, wenn es sich in groß angelegten Plots verliert.
An der Sprache des Autorenduos Engel/Kaiser könnte man durchaus kritisieren, dass sie platt wirke, doch vielleicht sind die Menschen, die in Seelenvernichter auftauchen, keine besonders ausgefüllten Charaktere, das heißt vielleicht sind sie schlicht und einfach platt wie die von ihnen verwendete Sprache? – Erfahrungsberichte aus erster Hand vermeiden Beschönigung, sie eignen sich die Redeweise derjenigen an, die den beschriebenen Milieus angehören.
Seelenvernichter erschien in einem Verlag, der in Tuchfühlung zu den Subkulturen steht. In dieser Form und Sprache wäre der Roman nie bei den renommierten (also: die Namen sind ja bekannt) Verlagen untergekommen. Mich frappiert hierbei nur eines: Warum ist das so? Es ist jedenfalls keine Frage der ästhetischen Qualität. Vielmehr camoufliert sich hinter solcher stilbezogener Argumentation ein Unwille, der mit der Frage der Interessenshoheit zusammenhängt. – So bescheuert der Neologismus „Interessenshoheit“ auch ist, und so unverständlich er für Nicht-Muttersprachler sein mag, er trifft doch ziemlich genau den Dünkel, den Thor Kunkel einmal ansprach – jenes politische Spiel um die Deutungshoheit, was literarische Kultur ausmacht und was in den Mülleimer gehört. Positiv verstanden, kann Trashliteratur so die liegengelassenen Reste aufklauben und in neuer Perspektive aufleuchten lassen. Das schafft Seelenvernichter nicht. Der Roman gibt jedoch den Impuls zur Anfechtung solcher Selbstverständlichkeiten.
Auch Literaturzeitschriften sind von der „Interessenshoheit“ angesteckt worden und verteilen Kopfnüsse an brutales Metzgervolk. Wenn schon über Punk einen Roman schreiben, dann bitte in gefälligem Literatendeutsch!, überspitzt gesagt. Kein Stottern, kein Erbrechen, kein Verzweifeln und sicher keine in den feisten Bauch gerammte Faust! Kurz: keine Kompromisslosigkeit! In diese aber führt Erichsens Buch ein, und durchaus jugendfreundlich. Liest man es und sieht sich in Kombination eventuell auch noch den besprochenen Film an, bekommt man einen ziemlich guten Eindruck davon, in welche Turbulenzen ein Teenager geraten kann.