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14. April 2013
Elke Engelhardt
für satt.org
  »Nützliche Ruinen« von István Kemény
István Kemény, Nützliche Ruinen. 23 Gedichte. Ungarisch und Deutsch. Ausgewählt von Orsolya Kalász und Monika Rinck, übertragen von Orsolya Kalász, Monika Rinck, Gerhard Falkner und Steffen Popp. Mit einem Essay von Monika Rinck. 72 Seiten, broschiert mit gefaltetem Plakatumschlag (unter Verwendung einer Zeichnung von Olaf Probst). Gutleut Verlag, Frankfurt am Main und Weimar 2007. 11,00 Euro (= black paperhouse, Bd. 4).
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István Kemény:
Nützliche Ruinen

Es liegt sicher nicht nur an der besonderen Aufmachung, die klug und überlegt ist und sehr viel besser zu Titel und Inhalt passt als man es von den meisten Gedichtbänden gewohnt ist, dass mir gerade Nützliche Ruinen von István Kemény so ans Herz gewachsen ist.

Kemény ist, nach dem Urteil des Literaturwissenschaftlers und Übersetzers Guillaume Métayer, ein „Bewahrer des europäischen Geistes, nicht allein vor den Verheerungen der kommunistischen Diktatur, sondern [...] auch vor dem nicht minder zerstörerischen Diktat des freien Marktes.“ (Zitiert nach: Berliner Künstlerprogramm 2010). 1961 in Budapest geboren, war er bereits während seines Studiums der Ungarischen Literatur, Sprachwissenschaft und Geschichte eine Schlüsselfigur der ungarischen Literaturszene.

Keménys erfahrungsgesättigte Gedichte zeugen von einem profunden Wissen, dennoch sind sie einfach und elementar, wie „Milch, Brot / Milch, Brot“ („Traurig“).
„Kemény ist einer der Besten seiner Generation. Ich lese ihn seit seinem Debüt und schätze seine feine und enigmatische Kunst sehr“, lobte Péter Esterházy.

Einer von Keménys zahlreichen Gedichtbänden (in Ungarn erschien zu seinem 50. Geburtstag eine Gesamtausgabe seiner Werke) trägt den Titel Elöbeszéd, was übersetzt soviel wie „gesprochene Sprache“ bedeutet; ich erwähne das, weil mir dieser Titel exemplarisch erscheint für die Art und Weise, wie Keménys Gedichte arbeiten und funktionieren; sie sind ein Gespräch, mit dem Leser, mit der Zeit, mit der Geschichte, mit den Dingen, die uns umgeben.

Schlechte oder mittelmäßige Gedichte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass der Dichter das erste Bild, die erste Metapher, die ihm in den Sinn kommt, akzeptiert. Manchmal ist das die richtige Wahl, viel häufiger jedoch steht das 'richtige' Bild am Ende einer langen Suche. Jenes des Plastiks im ersten Gedicht des Bands ist ebenso brilliant wie genial einfach. „[N]iemand [hatte es] nie erfunden [...]. Aus Rache ist es nie verschwunden, / es grinste uns nur aus Dornensträuchern an, / und nahmen wir es in der Dämmerung als Totenschädel, / brachte es Schande über den Tod.“

Ruinen künden von der Vergangenheit, aber auch davon, dass sie die Vergangenheit überdauern, so wie das Plastik im Gesträuch. – „Nützliche“ Ruinen sind das, was Hilde Domin das „Dennoch“ genannt hat.
Kemény ist ein Sisyphos, der dem Unmöglichen, dem Vergänglichen, den Ruinen sein Dennoch entgegensetzt: „es gibt keine überflüssigen Leuchten“, heißt es im titelgebenden Gedicht.

Kemény erzählt auch davon, was die Vergangenheit in einem Menschenleben anrichten kann:

„Wenn man die Vergangenheit nicht ordentlich erzieht,
wird sie rachsüchtig ab ihrer Pubertät [...]“

Solche Verse kann ich nur in ganz kleinen Dosen genießen. Sie wollen verarbeitet werden – nicht verstanden, sondern begriffen. Es sind Verse, die im Leser weiterleben, verwurzeln, sich entfalten.

Monika Rinck schreibt in ihrem lesenswerten Essay zu Keménys Gedichtband: „So werden Übergänge deutlich, zwischen Verinnerlichung und Entäußerung, und die Tatsache, dass sich das eine kaum je von dem anderen trennen lässt. Wahrscheinlich passiert eben beides. Es passiert, wenn ich gegenüber einer Ruine ins Sinnieren komme oder – und darauf soll es uns jetzt vor allem ankommen – wenn ein gelungenes Gedicht in seiner Fremdheit und gleichzeitigen Nähe es mir ermöglicht, mich selbst am Übergang von innen und von außen zu sehen. Die Gedichte von István Kemény weisen uns auf diese Stelle.“

Selbsterkenntnis also, eine Perspektive auf sich selbst, die nicht ohne weiteres (sprich: nicht ohne diese Art von Gedichten) möglich ist. Für mich sind diese Gedichte noch mehr als das. Jedes von ihnen ist ein Gebet, jedes scheint mich zu kennen und zu sehen und eigens dafür gemacht zu sein, meine Traurigkeit zu teilen, sie für Momente in Glück zu verwandeln, weil all das in Worte gefasst ist (eine Form gefunden hat), wofür mir der Ausdruck fehlt.

Es ist eine Situation wie in Keménys Gedicht „Er ist Informatiker, sie - keine Ahnung“, als der Mann, der das junge Paar beobachtet, die Bitte äußert:

„Entschuldigung! Könnt ihr mir mal für zwei Minuten
das Nichts abnehmen, bis ich mich hier im Hauseingang
ausgeweint habe? Gar kein Risiko dabei,
hier gibt’s keinen anderen Ausgang, ich bin gleich zurück und
nehm's euch wieder ab!
Es kostet euch nicht mehr Mühe –
als jemandem zu helfen, sein Auto anzuschieben!“
  Franz Josef Czernin – Kemény István
Elke Atzler (Hg.), Franz Josef Czernin – Kemény István. Ungarisch und Deutsch. Übersetzt von Dezső Tandori, Orsolya Kalász und Monika Rinck. 160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. 1 Audio-CD. Kortina Verlag, Budapest und Wien 2009. 23,00 Euro (= Dichterpaare, Bd. 6)
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Ohne dass ich ihn hätte darum bitten müssen, hat Kemény mir diese Gedichte geschenkt und damit diese kleine Pause. Ich weiß nicht, ob es ihn nicht mehr Mühe gekostet hat, als ein Auto anzuschieben, einen Motor in Gang gesetzt hat es auf jeden Fall.

Hingewiesen sei auch auf den Band Franz Josef Czernin – Kemény István, der in der Reihe „Dichterpaare“ des Kortina Verlags erschienen ist.
„Die Intellektualität und die Zuneigung zu den traditionellen Versformen verbinden das Dichterpaar Franz Josef Czernin – István Kemény. [...] Die Ironie der Lyrik von Kemény entsteht aus der Neuinterpretation traditioneller Elemente, den grotesken Bildern einer ungewöhnlichen Annäherungsweise und überraschenden Allegorien.“ (Verlagstext)