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Die Box




23. Dezember 2012
Theo Breuer
für satt.org

Anmerkung:
Dieser Text erschien bereits am 13. Juni 2012 in den Kulturnotizen.
Alle Abbildungen © Fritz Widhalm.
  Fritz Widhalm, EIN BUCH
Fritz Widhalm, EIN BUCH. Das Fröhliche Wohnzimmer – Edition, Wien 2011.
128 Seiten, Broschur. 14,40 Euro
ISBN 978-3-900956-96-7
» Verlag


EIN BUCH
aus Widhalms Wiener Wohnzimmer

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Ich beginne EIN BUCH zu lesen, in dem Fritz Widhalm, der gemeinsam mit Ilse Kilic in Wien im fröhlichen Wohnzimmer l(i)ebende cremeschnitteversessene, edierende, filmdrehende, gitarrespielende, kaffeetrinkende, (hör-)bücherschreibende, spazierende, Bücher und Wohnzimmer, die „Zeitschrift für unbrauchbare Texte“ verlegende, videokünstlerische, zeichnende, 1956 in einem kleinen Dorf geborene und seitdem in erster Linie einfach daseiende Mensch, eingangs schreibt: „ich schreibe ein buch. das ist nichts neues. ich habe schon des öfteren ein buch geschrieben.“ Bereits jetzt bin ich ein von Fritz Widhalms – with a little help from his friends – gewählten Wörtern und Formulierungen gefangener Leser. Ich liebe es, wenn Bücher mich vom ersten Wort an fesseln. Das ist oft, aber längst nicht immer der Fall. Im vorliegenden Fall ist es der Fall. Ich lese also schnell weiter. Einige Zeilen später heißt es: „aber für ein buch soll nichts verboten sein. heute ist mittwoch. gedankenlos ziehe ich die gardinen zur seite. inzwischen ist das essen angebrannt. das wetter ist launisch. es fängt zu regnen an.“

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Ich überlege, wie ich das insbesondere beim Lesen von Friederike Mayröckers Büchern überlege, ob ich, statt etwas über EIN BUCH zu schreiben (was ich eh nicht gut könne, wie Peer Quer immer mal in den Raum stellt, ich könne nicht in stringenter Art und Weise über Bücher schreiben; es gibt zwar Leser, die meinen, ich könnte das, aber Peer Quer sagt, ich könne es nicht, ich könne keine Distanz zu Büchern aufbauen, ich würde Bücher zu sehr lieben, und das sei das 'Dilemma'), das Buch abschreiben soll. Das würde ich mit EIN BUCH sehr, sehr gern tun. Denn EIN BUCH ist ein sehr schönes Buch. Ein aufregendes Buch, das zu denken gibt und zu Herzen geht. In diesem Buch finde ich alles, was ich als Leser suche. EIN BUCH ist ein Sprachbuch. In EIN BUCH spielen Musik und Sprache die Hauptrollen, ich lese und lese, und im Hintergrund höre ich Chuck Berry und Johnny Cash und Wanda Jackson und Little Richard. Darüber hinaus erfahre ich auch viel über das sonstige Leben von „fritz“. Bevor ich mit Abschreiben beginne, denke ich: Aber dann gibt es ja gleich Probleme mit dem Copyright. Das Copyright ist eins der großen Probleme dieser Zeit. Nein, nicht Assad, nicht der Euro, nicht der Hunger und nicht Korruption (von Erdbeben und Tsunamis ganz zu schweigen), das Copyright ist das Problem. Und obwohl ich einmal vermute, daß ich auf Nachfrage beim fröhlichen Wohnzimmer durchaus die Genehmigung bekommen könnte, EIN BUCH vollständig abzuschreiben und anstelle dieses Essays auf satt.org zu veröffentlichen, löse ich damit ja nicht das Problem an sich. Womit wir schon bei Immanuel Kant wären. So schnell geht das mit Wien – Sistig/Eifel – Königsberg: zack — zack — zack.

  Fritz Widhalm: Bisinger Bisinger

Fritz Widhalm: Statue Statue

Fritz Widhalm: Screamin' Jay hawkins Screamin' Jay Hawkins

Fritz Widhalm: Cravan Cravan

Fritz Widhalm: Bowie Bowie

Fritz Widhalm: Bolan Bolan

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Die soeben angedachte Vorgehensweise wäre etwa vergleichbar einem Tropfen in den weißen Wein. Ein so genanntes 'Klischee' (wer weiß noch, was ein Klischee ist: Die Politiker, das nur so nebenbei, denn von Politik verstehe ich nichts, wissen es jedenfalls nicht, oder sie sind so hinterfotzig, es ganz bewußt in jedem, jedem jedem Satz zu verwenden, ich sage bloß: Die Renten sind sicher, für immer und ewig), das für mich in diesem Augenblick jedoch keineswegs ein Klischee ist: Ich halte kurz inne, schließe die Augen und stelle mir vor, wie ein riesenhafter Tropfen aus dem Himmel auf einen heißen Stein fällt. Wow. Nein, nicht den Weißen Stein, fahre ich Kraus unverhältnismäßig laut an, seine Schwerhörigkeit geht mir offenbar mehr auf den Keks, als ich zugeben will, das ist doch ein kleiner Berg hier in der Nähe, der alles andere als heiß ist und in schneereichen Wintern besonders weiß. Ach, ich schweife ab und kehre mal lieber schnell zum Buch, das EIN BUCH heißt, zurück, und lese weiter: „ich wurde auf den namen fritz getauft. ich schreibe EIN BUCH.“

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Obwohl der Erzähler, von dem wir nun erfahren, daß er „fritz“ heißt, „fritz“ ähnlich wie Fritz Widhalm, der der Autor des Buches EIN BUCH ist. Erzähler und Autor haben also (fast!) denselben Namen. Interessant. Das bringt mich auf Gedanken. Aber, lieber „fritz“ und aber, lieber Fritz Widhalm, so schnell lasse ich mich nicht aufs Glatteis führen: Denn umgehend fällt mir der Erzähltyp ein, den die englisch sprechenden Menschen unreliable narrator nennen, was ungefähr so viel bedeuten mag wie „unzuverlässiger Erzähler“. Herta Müller bedient sich dieses Erzählers gern – und natürlich W. G. Sebald.

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Ob man das eben Vorgetragene so selbst erlebt habe (ts · ts · ts), werden Schriftsteller genausogern nach Lesungen gefragt wie: „Warum schreiben Sie?“ Max von der Grün mochte die Frage nicht und stellte gleich die Gegenfrage: „Warum scheißen Sie?“ Woraufhin manche der Anwesenden ziemlich bedrückt – ☹ ☹ ☹ – dreinschauten, die Mehrzahl jedoch herzerfrischend lachte: ☺☺☺☺☺☺. (Preisfrage: Zu welcher Gruppe gehörte ich – damals, 1989, im belgischen St. Vith, wo ich Max von der Grün erleben durfte? – Gewinner ist derjenige, der als erster die richtige Antwort an theobreuer@t-online.de übermittelt, und erhält ein Exemplar der Monographie Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000, in der aus der Perspektive des Hinterlands über Lyrik nach 2000 berichtet wird. Der Rechtsweg ist in diesem Fall naturgemäß besonders ausgeschlossen.)

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Und, sehen Sie, lieber Leser, das ist das Problem des Schreibens – womit ich schon beim zweiten Problem in diesem blutjungen Essay (wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe) angelangt bin: das Problem der Assoziation (the problem of association). Denn mir springen gleichzeitig so dermaßen viele Dinge in den vergleichsweise kleinen Kopf (Vater meinte immer mal, ich solle das Denken den Pferden überlassen, die hätten den größeren Kopf, wenn ich trotz Denkens die falsche Entscheidung gefällt und damit den bäuerlichen Betrieb aufgehalten hatte) – auch das ein schönes Bild: Ich stelle mir, wieder mit geschlossenen Augen, vor, wie die vielen Dinge in den Kopf springen, und schon wird mir ganz kribbelig am ganzen Körper, aber dem Leser bringt das wohl jetzt nicht so viel, er wartet – hoffentlich – noch geduldig ab, ob es wieder 'richtig' weitergeht bzw. überhaupt einmal losgeht mit dem Essay über Fritz Widhalms EIN BUCH – was er natürlich nicht wissen kann, und der zur Ungeduld neigende Leser bricht an dieser Stelle ...

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(Ha, Sie sind noch da, das ist gut) ... die Lektüre ab und wendet sich kopfschüttelnd, nein, nein, er riecht Verbranntes, der vermaledeite Nicht-Essay hat ihn dermaßen abgelenkt, daß er die Milch vergessen hat, er rast in die Küche und sieht die Bescherung, überschäumend, vor sich und denkt (vielleicht): Von wegen 'Bescherung' ... Wir lassen also den armen Leser mit seinem Problem, das ein sehr privates ist, allein, er ist ja bloß ein Leser von mehreren tausend, stelle ich mir vor, und halten fest, daß ich doch ganz gut die Kurve bekommen habe, denn auch bei „fritz ist inzwischen das essen“ angebrannt, wie man ja oben schon lesen kann. Schon schließt sich ein Kreis.

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Ich aber kehre zum zweiten Problem zurück: Max von der Grün hat sich mit der Gegenfrage der schönen Technik des Paragramms bedient, und das Paragramm wird nirgends, glaube ich, so sehr geliebt wie im Sistiger Lyrikkabinett und im fröhlichen Wohnzimmer – und natürlich in der Wiener Hauptgasse der Poesie, in der Christel Fallenstein lebt und Friederike Mayröcker schreibt (bisweilen auch umgekehrt). Ja, das federleichte Paragramm: Ich tausche einen oder zwei Buchstaben aus, und schon haben Max von der Grün und ich und du und „fritz“ und Fritzi und „ilse“ und „frilse“ ein neues Wort, ein ganz, ganz anderes Wort, denn zwischen „schreiben“ und „scheißen“ und „heißen“ und „reiben“ und „reißen“ und „beißen“ usw. liegen ja jeweils Welten.

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Und nun diese radikale Unterbrechung: Aus dem Treppenhaus erschallt Mrs Columbos Stimme, sie habe Wasser aufgesetzt. Wasser aufgesetzt? Wasser kann nicht anbrennen, und beim Gedanken an die mit sprudelnd heißem Eifelwasser gefüllte Riesentasse mit dem darin (dahin? wohin?) ziehenden schwarzen Tee aus Darjeeling läuft mir das Wasser im Munde zusammen, was so appetitlich gar nicht ist, wenn ich mir das bewußt mache. Mein Gott, hier kommt doch eine ganze Menge an vegetativen Reaktionen zusammen, woran wir leicht erkennen, wie gut es mir in diesen Minuten (die hoffentlich Stunden werden, obwohl: Dieser Essay ist auf allerhöchstens drei Seiten angelegt, da werden’s wohl keine Stunden, schade) geht. Während ich den Tee, Schluck für Schluck – und zwar sehr heiß – genieße, blicke ich in den sonnenbeschienenen Garten, in dem die Bäume tropfen, denn eben ist, hoppla, eine dolle Ladung Wasser vom Himmel gefallen, jawoll, buchstäblich vom Himmel gefallen, innerhalb weniger Minuten eine Unmenge Wasser (was doch eigentlich eine „Menge“ ist, ja oder?), und schon scheint die Sonne wieder, ich bin ein Regenmensch, ein Rainman, aber in diesem Augenblick liebe ich das wundersame Spiel von Sonne und Blättern und Wind und Blumen und Tropfen (was habe ich vergessen?).

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Es sei herrlich, in diesen Garten zu blicken, sage ich, wie jeden Tag mehrfach, zu Mrs Columbo, und sie lächelt mich an und entblößt, naturgemäß, die schönen Zähne. Nun sprechen wir (Sie sehen, auch das 'normale' Leben ist wie Literatur organisiert, 'man' sagt ja auch, daß das Leben die besten Romane schreibe), wie jeden Tag, über Geld, eine Zahnarztrechnung mit einer Summe in vierstelliger Höhe ist am Morgen gekommen, das Schöne daran ist, daß die Summe um mehr als hundert Euro niedriger ist als veranschlagt, wenn das kein Grund zum Feiern ist, und nun darf der Leser sich fragen, wie zuverlässig ich (wer ist „ich“?) hier erzähle, ob „ich“ etwa das Blaue vom Himmel herunter erzähle (eine weitere sehr schöne Vorstellung), denn „schreiben“ heißt doch in erster Linie „erfinden“ oder welche Art Zusammenhang zwischen Autor Theo Breuer und essayistischem Erzähler Theo Breuer besteht. Wird der Autor TB so einfältig sein, hier Details aus dem wahren Leben zu verraten, die ihn in Teufels (bzw. Mrs Columbos ...) Küche bringen könnten?

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Apropos „Küche“ bzw. „küche“. Auf Seite 116 lese ich (im „kapitel siebenundzwanzig: alltag: ich betrachte die küche amüsiert. hmmm, sage ich, niemand hat versucht, die küche aufzuräumen.“ Ich greife zum Mobilteil 2, das im Lyrikkabinett stationiert ist, und rufe Mobilteil 1 an, das sich am Eingang zum Wohnzimmer befindet. Zuverlässig meldet sich Mrs Columbo. „Hör zu“ sage ich, und das, glauben Sie mir, tue ich selten, ich unterbreche Lektüre nur ungern, aber an dieser Stelle geschieht dies gleichsam zwanghaft, und ich lese die Stelle vor, höre sie zum erstenmal laut im Leben – und ich fordere Sie auf, diese Stelle, um der Authentizität und anderer nicht leicht zu erklärender Dinge willen, ebenfalls laut zu lesen: „ich betrachte die küche amüsiert. hmmm, sage ich, niemand hat versucht, die küche aufzuräumen.“ (Schade, nun haben Sie den gutgemeinten Rat eines ausgewiesenen Fachmanns nicht befolgt, und Sie werden also niemals den Genuß erleben, den das direkt auf den Rat zu folgende laute Vorlesen von „ich betrachte die küche amüsiert. hmmm, sage ich, niemand hat versucht, die küche aufzuräumen“ auszulösen vermag, denn jetzt ist es ja schon zu spät, Sie können die beiden Sätzchen noch so oft laut vorlesen, das bringt gar nichts mehr im Vergleich zu eben. So ist das im Leben: „Wie gewonnen, so zerronnen“ ein feines Paragramm. (Paragramm als Programm, warum nicht ...)

Fritz Widhalm: Pieta

Pieta     

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Ich jedenfalls stelle mir die Frage nach dem unreliable narrator laufend bei der Lektüre – und das nicht bloß bei den Büchern Herta Müllers und den Büchern W. G. Sebalds, die beide immer so tun, als seien sie vollkommen zuverlässig in dem, was sie dem Leser als 'Fakten' vermitteln. Sebald montiert sogar immer wieder Photos in die Bücher, die suggerieren, daß etwas offenbar dann und dann und so und so stattgefunden hat – und nicht anders und daß dieser Mensch, Austerlitz beispielsweise, leibhaftig so gelebt habe. (Austerlitz – ein faszinierendes Buch.) Von wegen. Schon mal was von Fake gehört? Immer fest dran glauben. Und auch Fritz Widhalm montiert Bilder zwischen die Wörter und läßt den „schönen fritz“ schön weiter erzählen...

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Und was für welche. Der Mann ist gewieft, versteht das funkensprühende Handwerk, hat schließlich auch mal als Elektriker angefangen, und nun schreibt er wie einer, der genau weiß, wo Bartel den Most holt. (Ich weiß das nicht.) Er baut nämlich Sex and Crime ein, Beispiel für Sex: „ich küsse sie auf beide wangen und schließe sie in die arme.“ Von den Boulevardblättern wissen wir, daß das Leser bringt, und ich weiß genau (falls Sie, lieber Leser, bis jetzt überhaupt noch gezweifelt haben, was ich nicht hoffe): In diesem Moment des Lesens habe ich Sie ein für alle Mal auf die abschüssige Eisbahn gelockt, von der es kein Entrinnen gibt, Sie rutschen und rutschen und können sich nur noch an den nicht unbedingt reißfesten Seiten festhalten und greifen zum Hörer und bestellen, schnell, bitte schnell schicken, bestellen EIN BUCH, das der Autor Fritz Widhalm, der den Erzähler „fritz“ als literarisches Medium erfunden hat, geschrieben hat, und den Sie mal nackt und mal angezogen bewundern können, denn „fritz“ ist „schön“ nennt sich auch selbst, siehe oben, „der schöne fritz“ und (fasten your seatbelt) auch „ilse“ – die mich stark an Ilse Kilic erinnert, von der in Matrix 28. Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker das sehr schöne Gedicht „Sommer, blüh wieder! (Ilse Kilic schreibt ein Gedicht für Friederike Mayröcker)“ zu lesen ist – ist nackt zu sehen, und zwar nackter als nackt, 'splitterfasernackt' mithin, und das ist mal ein blödes Wort, das ich hier doch zur Disposition stellen will: 's|p|l|i|t|t|e|r|f|a|s|e|r|n|a|c|k|t', pfui. Dafür ist „ilse“ aber echt hui. Und die vollkommen natürlich und wahrhaftig wirkende Nachschöpfung der Pietà, jessesmaria, da bin ich von den Socken, das geht dermaßen rein, daß ich immer wieder die Seite mit dem Vesperbild des seligen „fritz“ und der herzbewegenden „ilse dolorosa“ aufschlagen und hingucken muß, immer wieder.)

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Die kriminelle Handlung – the 'crime' – wird ebenfalls minutiös beschrieben, indem „fritz“ sich an einen Baum stellt und Baum und Schuhe anpinkelt, was die zuschauende „ilse“ lustig findet und „fritz“ sogar verspottet, was ich nicht lustig finde, wird der arme „fritz“ doch nur von einem menschlichen Bedürfnis geplagt (in Köln wird das dort so genannte 'Wildpinkeln' mit 40 € Bußgeld geahndet, während die Autos hier in der verkehrsberuhigten Neustraße rasen, wie sie wollen, und obwohl viele Hähne danach krähen, geschieht nichts, nichts, nichts, was hiermit den aus der ganzen Welt auf satt.org stoßenden Lesern mitgeteilt sei: Also, „fritz“ pinkle du mal schön weiter), und ich überlasse es der Phantasie des Lesers, einzuschätzen, ob das tatsächlich eine Geschichte ist, wie sie im BUCHE steht oder ob ich das hier erfinde, weil ich Druck auf der Blase habe (der Tee, der Tee, der bernsteinschwarze Tee!), ja, so banal sind oft die so genannten 'Geheimnisse' in Kunst und Literatur, die wir geheim sein lassen wollen, Sie wissen doch selbst: Sobald man weiß, wie ein Kartentrick geht, ist der ganze Zauber weg, oder ob Fritz Widhalm den erfundenen Erzähler „fritz“ mit dieser (möglicherweise ebenfalls erfundenen/übertriebenen) autobiographischen Erfahrung versorgt hat: Man weiß es nicht, stöhnt Bensch, der die Klarheit (Wahrheit) so liebt. Besonderes windig wird die Angelegenheit an dieser Stelle naturgemäß dadurch, daß hier weder Zitat noch Seitenzahl als Beleg eingefügt werden.

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„ein stück weiter unten am baum runzelt eine ameise die stirn, kneift missbilligend die augen zusammen, dann wendet sie sich wieder den anderen ameisen zu, die alle über mich lachen.“ (Können Ameisen lachen?) Ich jedenfalls lache nicht – obwohl ich zwischendurch viel gelacht und geschmunzelt habe –, nein, ich lache nicht, sondern werde, mit einem Mal, ganz ernst, fast pathetisch, und empfehle EIN BUCH als wundertütenvolle Lektüre all jenen Menschen, die das Leben leben und lieben und sich gern an guten Wörtern laben. EIN BUCH ist ein herrliches Buch, das ich nur loben kann, EIN BUCH über Alltag, über Ärsche, über Boxer, über „gar viel und gar nichts“ über Krebs, über Kunst, über Leben, über Liebe, über Musik, über Natur (an einer Stelle ist sogar die Rede von einem „grashalm“), über Pop, über Rock & Roll, über Söhne, über Väter, über Wetter – usw.

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„Literatur an sich gibt es nicht. Der Schreibende muß nur wissen, in welche Welt er eintauchen möchte und ob es passende Mittel gibt, anderen Menschen den Zugang zu ihr zu verschaffen“ lese ich bei Gabriela Maria Llansol. Fritz Widhalm weiß, in welche Welt er eintauchen will, und er verschafft mir, ganz locker, den Zugang dazu – vom ersten bis zum letzten Wort, von „ich“ bis „gummistiefel“. Fünf Seiten und viele Stunden lang ist der Essay über EIN BUCH geworden, gesetzt aus der Garamond 12pt, über drei Tage im Juni 2012 hat es sich hingezogen in die weite Welt hinein, Widhalms Wörtern (und Bildern) sei Dank. Let’s have a party ...

PS: „ich habe schon des öfteren EIN BUCH geschrieben“ heißt es zu Beginn des Buches EIN BUCH. Das stimmt. Denn, zum Glück, habe ich schon vor EIN BUCH ein paar von Fritz Widhalms Büchern gelesen, so das 1997 in der Corvinus Presse erschienene Gedichtbuch EINSTELLDICHEIN, so die gemeinsam mit Ilse Kilic verfaßten Bücher DIESES UFER IST RASCHER ALS EIN FLUSS! Des Verwicklungsromans erster Teil (edition ch, Wien 1999) und die Graphic Novel Ein kleiner Schnitt. Unser Krebsjahr (Das Fröhliche Wohnzimmer – Edition, Wien 2005). Lauter Bücher zum Anfassen und zum Lesen bis zum Umfallen.