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Die Box




28. Oktober 2012
Johanna Linnemann
für satt.org
  »Weiße Stunde« von Florian Scheibe
Florian Scheibe, Weiße Stunde. Roman. Luftschacht Verlag, Wien 2012. 192 Seiten, gebunden
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»Weiße Stunde«
von Florian Scheibe

Wäre da nicht der Konjunktiv, Florian Scheibes äußerst lesenswerter Debütroman Weiße Stunde käme im Gewand eines zwar spannungsreich gestalteten, jedoch recht einfallslosen Krimis daher.

Der Plot: Ein deutsches Paar in der sizilianischen Stadt Noto – er Schriftsteller, zugleich Ich-Erzähler –, eine einsam gelegene Hausruine am Wegesrand, ein nachmittäglicher Ausflug, flirrende Hitze, unausgesprochener Neid, Gefühle des Unverstandenseins. Plötzlich verschwindet die Freundin des Schriftstellers, Svenja. Sie ist einfach weg, ohne Erklärung.

Aus dieser Abwesenheit entspinnt sich eine verwickelte Geschichte, die in dem Maße, in dem sich der Schriftsteller-Erzähler um Wahrheit bemüht, immer undurchschaubarer wird. Denn als seine Freundin verschwindet, verhält er sich seltsam, sitzt im Auto und lässt seinen Blick gedankenverloren durch die Landschaft schweifen:

„Karge Hügel wellen sich, und dahinter liegt das Meer, ganz blau und still.“

Geschickt wird der Leser in ein komplexes Geflecht aus Wahrheit und Lüge manövriert, in dem alles darauf hinzudeuten scheint, dass der Mann der Mörder ist. Wie sonst lässt sich seine Erleichterung verstehen, die ihn im plötzlichen Alleinsein erfasst? Warum sucht er nicht nach seiner Freundin, geht nicht sofort zur Polizei? Warum sorgt er sich nicht? Warum löst sich just im Moment von Svenjas Verschwinden seine Schreibblockade? Hatten sie sich nicht vorher gestritten? Warum liest sich seine Erzählung wie eine Abbitte?

Beichte oder Rekonstruktion?

Oder ist der Verdacht, der auf den Schriftsteller fällt, unbegründet, seine allzu offensichtliche Schuld, die Reihe merkwürdiger Ereignisse – Folge seiner Unterlassungen und Taten – bloß ein Zufall, er mithin lediglich Opfer einer aus der außergewöhnlichen Atmosphäre des Orts geborenen Irrationalität? Dann wäre sein Bericht nicht als Beichte zu verstehen, sondern als Versuch, dem Unerklärlichen mittels Rekonstruktion auf die Spur zu kommen.

Allein, Scheibe entwickelt in Weiße Stunde eine Erzählung, die weit über den Rahmen eines gewöhnlichen Kriminalromans hinausreicht. Herkömmliche Deutungsmuster helfen bei der Suche nach Wahrheit daher nicht weiter, alle psychologisierenden Erklärungsversuche sowohl seitens der Hauptfigur selbst als auch seitens des Lesers müssen scheitern. Es ist schon nötig, die Augen zusammenkneifen, sich blinzelnd dem grellen Weiß aussetzen, in dem die Konturen verschwimmen, um Klarheit zu gewinnen.

Der Erzähler tut genau das, er versenkt sich ins Weiß. Er überwindet seine Fremdheit, ändert Gewohnheiten, Gestus, Sprache, erkundet Noto, setzt Zeichen ins „endlose Weiß auf dem Display“. Zu seiner Lieblingstageszeit, eben der „weißen Stunde“, verwischen die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, und auch der Unterschied zwischen Erzähltem und Erlebtem verflüchtigt sich. Erinnerungen flackern schemenhaft auf und werden in der Niederschrift subjektiv neu geordnet, mit Bedeutung versehen, konkretisiert.

‚Hätte’, ‚wäre’, ‚wenn’

In Weiße Stunde wird einerseits der ontologische, andererseits der moralische Status des Konjunktivs verhandelt. Der Ich-Erzähler spielt mit den Modi von Wirklichkeit, versetzt sich in einen künstlichen Schwebezustand, der es ihm erlaubt, die magische Hundertseitengrenze zu überschreiten.

Doch wie weit reicht das ‚Hätte’, ‚Wäre’, ‚Wenn’? Welche Orientierungspunkte bleiben übrig, wenn im Erzählten kein Unterschied mehr zwischen Wirklichkeit und Phantasie auszumachen ist? - Der Versuch, den Konjunktiv einzudämmen, scheitert an der Unmöglichkeit, eine ‚richtige’ Aussage treffen zu können.
Das Ich brüllt, stottert, verwickelt sich in Widersprüche. Es trifft moralische Schuld. Zu welchem Urteil kommt aber der Leser?

Das Schreiben bilde den Knoten der Geschichte, heißt es kurz vor Schluss des Romans. Tatsächlich steht an seinem Anfang und Ende der Satz:

„Karge Hügel wellen sich, und dahinter liegt das Meer, ganz blau und still.“

Der Erzähler erschreibt seine Schuld, indem er sich seiner Phantasie verschreibt, und schreibt sich frei.