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Die Box




14. August 2012
stefan heuer
für satt.org
  Tobias Sommer, Dritte Haut
Tobias Sommer, Dritte Haut. Roman. 160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen. Septime Verlag, Wien 2011. 16,40 Euro
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Sexyboy27 und sein Treiben bei Nacht – Tobias Sommer und sein Roman über die Wahrheiten unter den Häuten

Ach ja, wie wunderbar unbeeindruckt von political correctness konnte man als in den 1980er Jahren aufwachsender Teenager noch das Wort „Neger“ gebrauchen! Man aß Negerküsse und Negerbrote und durfte einen Freund, dem man einen Gefallen tun sollte, schon mal mit einem „Bin ich dein Neger, oder was?!“ in die Schranken weisen. Harmlos, und ohne rassistische Hintergedanken gebraucht, bereitete uns dieses Wort ebenso viel Vergnügen wie das in jedem Satz auftauchende „geil“. Es hatte für mich und meine Altersgenossen keinerlei negativen Beigeschmack, es gehörte ganz selbstverständlich zu jener Sprache, in der ich als kleines Kind Mecki bei den Negerlein gelesen und später „Zehn kleine Negerlein“ im Fernsehen gesehen hatte.

Nun: Die 1980er Jahre sind vorbei, und vieles hat sich geändert. Im Zuge rechtsradikaler Gewalttaten und Schmähungen ist der Begriff „Neger“ in Verruf geraten. Als würde es an der braunen Scheiße in einigen Köpfen etwas ändern können, haben auch die Sprachfaschisten nicht lange auf sich warten lassen und Negerküsse zu „Schaumküssen mit Schokoladenüberzug“, das gute alte Negerbrot zur „Togoschnitte“ erklärt, und angeblich sollen auch Theatermacher ernsthaft überlegt haben, sich dem Diktat der ach so korrekten Zeit zu beugen und Agatha Christies wunderbares Stück als Zehn kleine Schwarze auf die Bühne zu bringen. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so blöde wäre.

Das Wort „Neger“ wäre also entsorgt, auch „Penner“ sind in Obdachlose verwandelt worden; bleiben noch die Behinderten. Wohl kaum ein Wort, um das es in bestimmten Kreisen zur Zeit eine größere Diskussion gäbe.
„Behinderung“ klänge so negativ, meinen viele. Ja Scheiße, natürlich ist eine Behinderung negativ!
Man solle doch bitte schön das Positive herauskehren, sagen die Schützer der Moral, man könne stattdessen doch auch „Menschen mit anderen Fähigkeiten“ oder „Personen mit besonderen Bedürfnissen“ sagen. Ja, ich gebe zu: das könnte man sicher. Man könnte auch „Brot“ zu Blumen sagen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

„Arbeitsplätze für geheime Talente“

Eine Person mit besonderen Bedürfnissen ist auch Louis Sebastian M., Hauptprotagonist in Tobias Sommers 2011 erschienenem Roman Dritte Haut.
In einem alten Edgar Wallace-Film wäre er noch entmündigt und in ein Sanatorium eingewiesen worden, doch hat sich die Behandlungsstrategie inzwischen geändert.
Der dem Buch vorangestellte Zeitungsartikels mit der Überschrift „Arbeitsplätze für geheime Talente“ erklärt die Ausgangslage: Ein gemeinschaftlich von Jugendamt, Sozialpädagogen und Psychologen ausgearbeitetes Förder- und Integrationsprogramm für (wie es hier formuliert ist) geistig und körperlich benachteiligte Menschen soll es diesen ermöglichen, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zu diesem Zweck, heißt es weiter, hätten sich einige Betriebe in Beeskow – nahe der polnischen Grenze – bereit erklärt, der Zielgruppe mittels Praktikum einen Einblick in ihr jeweiliges Arbeitsfeld zu gewähren: ein Lebensmittelhändler, das Finanzamt, Restaurants, Hotels... Auch das Hotel Mojduch ist darunter, von dem im folgenden die Rede sein wird, denn hier absolviert der an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidende Louis sein Praktikum.

Tobias Sommer verliert keine Zeit. Er installiert seine Hauptfigur als Ich-Erzähler, und dieser braucht nur drei rasante Seiten um klarzumachen, wer im Hotel das Sagen hat. An den ersten beiden Tagen seines Praktikums beschränkt sich Louis noch darauf, Mülleimer zu leeren und Schokoladentäfelchen zu verteilen, die Gästezimmer sind für ihn tabu. Am dritten Tag teilt er mit, der Hotelbesitzer sei mitsamt Familie auf unbestimmte Zeit verreist und er habe das Regiment übernommen.

Die Ichs zusammenpuzzeln

Louis, die Person mit den besonderen Bedürfnissen, hat fortan über die des Deutschen nicht mächtigen Zimmermädchen und den Koch zu befehlen (dem er aber nur noch eine Woche Gnadenfrist zu geben bereit ist, bevor er ihn rauswirft) und sieht die Auswahl der richtigen Gäste als seine wichtigste Aufgabe an, denn längst nicht jeder ist willkommen und darf bleiben. Einziges Auswahlkriterium ist ihm dabei nicht ein prall gefülltes Portemonnaie, sondern die spannende Lebensgeschichte, die ein Gast zu haben verspricht.
Von jedem Gast, sofern ihm dieser nur interessant genug erscheint, erhofft er sich ein weiteres Puzzleteilchen, das ihm dabei helfen soll, sich sein eigenes, von den Ärzten als „komplex“ bezeichnetes Leben zu erklären. Zur Dokumentation seiner Forschungsergebnisse beginnt er damit, sich die vermeintlich wichtigsten Biografien als Strich auf den Arm zu tätowieren. Von diesem Strich für Strich sich vervollständigenden Barcode erhofft er sich Auskunft über sein eigenes Leben.

Unterstützung bei der Führung des Hotels (aufgrund der spärlich eingerichteten und schmutzigen Zimmer, des eingeschränkten Services und der drei selbstgebastelten Papp-Alu-Sterne an der Fassade wird bald klar, dass es sich eher um eine Absteige als um ein Hotel handelt) erhält er von einem hinkenden Jungen, der wie ein Schatten an ihm klebt, und von dem er nicht viel weiß – eigentlich nur dies, dass er anscheinend seine, Louis’, Gedanken lesen kann, denn er antwortet auf ungestellte Fragen und spinnt Louis’ Gedankenfäden weiter.

Billige Absteige, billige Gäste

Es sind keine Wirtschaftsbosse, die ein Zimmer verlangen. Ausschließlich die seltsamsten Gestalten kommen für den nächsten Strich auf dem Arm in Frage; dementsprechend füllen sich dann auch nach und nach die 15 Zimmer des Hotels. Eine stattliche osteuropäische Hure (die konsequenterweise in Zimmer 15 untergebracht wird, dessen Wände über genügend Ritzen und Löcher verfügen, um sie genauer betrachten zu können) zieht ebenso ein wie eine Frau, die sich als Raumkünstlerin bezeichnet und Louis dazu inspiriert, das Hotel mit der Zeit zu einem sich stetig verändernden Kunstwerk umzugestalten. Journalisten tauchen auf, ein angehender Lehrer, der in seiner Jugend gemobbt wurde und damals seinen Selbstmord vortäuschte, um ein neues Leben zu beginnen; ein weiterer Gast trägt sich als Geschäftsmann ein, doch sein Äußeres spricht eine andere Sprache. Zu erwähnen schließlich eine baskische ETA-Sympathisantin, ein jüngeres Paar mit Tochter (nur anfangs wirkt es normal)... Eine ältere Frau checkt ein, um ihre letzte Reise anzutreten. Mit einem Wort: ein bunter Haufen. Und alle sind sie selbst auf ihre Art auf der Suche nach Antworten, suchen sich, suchen das Glück...

Dritte Haut ist kein Märchen im klassischen Sinne, und ein Jugendlicher mit besonderen Bedürfnissen führt ein Hotel nicht glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit. Sprachlich virtuos leitet Sommer ein Ende ein, das es in sich hat. Bis hierhin klang’s skurril? Ein bisschen dubios? Mag sein.

Der Schluss bringt Licht in die Angelegenheit, ein wenig wie bei Pulp Fiction, wo es ja auch des Endes bedarf, um zu wissen, warum ein auf dem Klo erschossener Vincent Vega dann doch wieder in frischen Sportklamotten auftaucht.

Tobias Sommer hat ein feines, gut konstruiertes, sprachlich beeindruckendes Buch geschrieben und mit zunächst belanglos erscheinenden eingestreuten Zeitungsmeldungen clever collagiert. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er der Versuchung widerstand, die Story zeilen- oder seitenschinderisch aufzubauschen. Leicht hätte er weitere Personen in das Hotel einziehen lassen können, jeder neue Gast hätte sieben oder neun Seiten an der Rezeption abgegeben. Die Geschichte aber, so wie sie ist, ist rund. Deshalb war es nur gut und konsequent, den Roman nach 155 Seiten zu beenden.