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Die Box




29. Juni 2012
Kai Pohl
für satt.org
  Volker Braun, Die hellen Haufen
Volker Braun, Die hellen Haufen. Erzählung. 96 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 14,90 Euro.
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Die helle Lust

Es braut sich etwas zusammen in der unwirklichen Welt, die mit jedem Tag unwirklicher erscheint, denn „die wirkliche Welt ist die Welt, die noch nicht existiert, die Welt, die existieren könnte“ – um es mit John Holloway zu sagen.

Und so kann es geschehen, dass die „Mansfelder Artikel von den gleichen Rechten aller“, die in ihrer Ausrichtung mit den zwölf Memminger Artikeln aus dem deutschen Bauernkrieg vergleichbar sind, im Suhrkamp Verlag Berlin veröffentlicht werden, ausgerufen von Volker Braun, einem jener deutschen Dichter, denen die real existierende Utopie noch buchstäblich in den Knochen steckt. Seine „hellen Haufen“ rühren die Verhältnisse auf – freilich erst einmal als literarische Fiktion. Die beschriebenen Ereignisse, die in der Konsequenz so nicht stattgefunden haben, sind aber wenigstens ein Dementi des landläufigen Gerüchts, die Gleichheit aller sei heutzutage eine Tatsache. Formale politische Rechte, die in der Realität wenig bewirken, stehen gegen den übermächtigen Terror einer Ökonomie, welche die Menschen in Enteignete und Enteigner (Eigentümer) teilt. Wem die Straße gehört, und die Verfügungsgewalt über die Produktion, dem gehört die Welt.

Für all das sind Die hellen Haufen kein Gleichnis, eher ein Ungleichnis. Denn hätte der Aufstand wirklich stattgefunden, so oder so, dann wäre dieses Buch nicht geschrieben worden. Deshalb bekennt der Autor am Ende seiner Geschichte: „Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.“ Tatsächlich geht es in der Erzählung gar nicht um die närrischen Fakten, es geht nicht um die Personen, „aus Rüben geschnitzt“, es geht nicht um die Handlung, „aus den Fingern gesogen“; es geht zuallererst um die Erhebung der Enteigneten, die im dritten Teil des Buches als Fiktion aufgespannt wird. Hier verlässt der Autor das „Feld der Fakten“ und begibt sich in den „unermessliche[n] Bereich der Erfindung“.

„Die hellen Haufen“ aus „Mannsfeld und Weibsleben“ – „hell vor Lust“ überstrahlen sie die „schwarzen Haufen“ (Halden) des Abraums, die sie mit ihrer „Verbohrtheit in den Berg“ im Lauf der Jahrzehnte zustandegebracht haben; nachgiebiger als der „Schwarze Haufen“ des Florian Geyer versammeln sie sich unter der weißen Fahne der Gewaltlosigkeit, denn „das Kämpfen war ihnen von Partei & Regierung abgewöhnt worden“. Auch wenn sie am Ende verlieren: Es handelt sich, wie gesagt, um eine fiktive Geschichte, mit dialektischem Witz und lakonischem Sachverstand aufgeschrieben. Die Befreiung Wirklichkeit werden zu lassen, und damit den ungebrochenen Glauben der Gottlosen an ein Leben vor dem Tod – das bleibt der uneingelöste Anspruch.