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10. April 2012
Thomas Backs
für satt.org
  Roddy Doyle, Typisch irisch

Roddy Doyle, Typisch irisch. Erzählungen. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. 288 Seiten, gebunden. Hanser Verlag, München 2011. 19,99 Euro.
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Buch, Hörbuch


Dubliners today.
Roddy Doyle schreibt Fortsetzungsgeschichten für das multikulturelle Magazin Metro Eireann.

„Roddy Pens A New One“ titelte Dublins Magazin Metro Eireann stolz zu Jahresbeginn. Seit dem 1. Februar veröffentlicht Bestseller-Autor Roddy Doyle nun wieder monatlich neue Kapitel einer Fortsetzungsgeschichte in dieser multikulturellen Zeitschrift für Dublin und Irland. Der Titel: „Old Folks“. Acht Erzählungen dieser Art enthält die Sammlung Typisch irisch. Diese deutschsprachige Übersetzung gibt es in einem ersten „Best Of“ des Projekts als Buch und Audio-CD.

Ray Brady, Larry Linnane, Dan Stefanescu oder Declan O’Connor – so die Namen einiger Figuren in den acht Erzählungen der Sammlung Typisch irisch. Längst nicht alle dieser modernen Dubliner sind in Irland geboren, viele haben eine dunkle Hautfarbe. Roddy Doyle hat ihre Geschichten mit seinem so typischen, lebenslustigen Humor vor allem in den nuller Jahren geschrieben, als Fortsetzungsreihe für Metro Eireann. Das nennt sich selbst „Ireland’s leading multicultural newspaper“. Der Handlungsort der Erzählungen ist das Einwanderungsland mit seiner Multi-Kulti-Metropole. Das ist vielleicht schon wieder Vergangenheit. Ein Lesevergnügen bleiben diese Großstadtgeschichten bis heute.

In der Irish Times hatte Roddy Doyle im April 2000 von Abel Ugba und Chinedu Onyejelem gelesen, Journalisten aus Nigeria und Herausgeber des damals noch neuen Magazins. Doyle bot seine Mitarbeit an. Buchversion und Hörbuch sind eine erste Sammlung dieser Erzählungen, die im Magazin zunächst in Kapiteln von bis zu achthundert Wörtern erscheinen. „Diese Beschränkung macht für mich – unter anderem – den Reiz der Sache aus“, so Roddy Doyle im Vorwort zur vorliegenden Ausgabe über den festgelegten Umfang der Magazin-Veröffentlichungen. Eher ungewöhnlich auch die Vorgehensweise des Booker Prize-Gewinners: „Ich schicke sie an den Redakteur von Metro Eireann, Chinedu Onyejelem, und oft habe ich keinen Schimmer, wie es weitergehen soll“, so Doyle. Eine Gemeinsamkeit der Geschichten: Fast immer trifft ein in Irland geborener Mensch auf einen Neuankömmling aus fernen Ländern in Afrika oder Osteuropa.

Faszinierend, wie Roddy Doyle in diesen Kurzgeschichten den „keltischen Tiger“ und die rasanten Veränderungen verarbeitet, die sein Heimatland im Laufe der letzten zwanzig Jahre erlebt hat. „Gewöhnungsbedürftig“ ist ein Wort, das er für diese Prozesse findet: „1990 habe ich einen Roman – Fish & Chips – über einen arbeitslosen Gipser geschrieben. Fünf, sechs Jahre später gab es keine arbeitslosen Gipser mehr“. Das Irland eben dieser Barrytown-Trilogie ist nur zu gut in Erinnerung. Für eine der Geschichten im Metro Eireann boten die Helden von damals einen nahezu perfekten Anknüpfungspunkt. Jimmy Rabbitte, ehemaliger Manager der Commitments, ist zwei Jahrzehnte später immer noch als großer Musikliebhaber unterwegs, der Blues bestimmt sein Leben. The Deportees wird der Name einer neuen, multikulturellen Band, die er mit Musikern aus aller Welt zusammenstellt. Die gleichnamige Erzählung war auch titelgebend für die englischsprachige Originalausgabe dieser Sammlung (The Deportees and Other Stories). „Bewerbungen weißer Iren zwecklos“ will Bandmanager Jimmy Rabitte zunächst für seine Kleinanzeige in der Hot Press schreiben, der Leser schmunzelt mehr als ein Mal, auch in Erinnerung an The Commitments und das Jahr 1991. Jimmy Rabittes bekanntes Zitat damals:

The Irish are the Blacks of Europe. And Dubliners are the Blacks of Ireland. And the Northside Dubliners are the Blacks of Dublin. So say it once, say it loud: „I'm black and I'm proud.“

Musiker aus aller Welt melden sich in der neuen Erzählung telefonisch, sie müssen auf die Frage: „Mögen Sie die Corrs?“ die richtige Antwort geben. Humor und Wortwitz sind in diesen Kurzgeschichten Doyles bevorzugtes Stilmittel, um das Aufeinandertreffen der Kulturen im neuen, modernen Dublin zu schildern. Dem alltäglichen Rassismus und den bekannten Klischees begegnen die Erzähler nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern, oft genug, mit Leichtigkeit. So in „Rate mal, wer zum Essen kommt.“ Der vermeintlich tolerante Larry Linnane wird zur Zielscheibe des Spotts, als seine Tochter Stephanie einen schwarzen Freund mit nach Hause bringt. „Wie sehen irische Kinder aus?“ fragt sich an anderer Stelle der kleine Afrikaner Joseph. Der erste Schultag eines Neunjährigen wird hier aus der Perspektive des Jungen geschildert. Nicht selten wirken diese Fortsetzungsgeschichten aus Metro Eireann mit ihrer Unmittelbarkeit und ihren langen szenischen Einstellungen wie Drehbücher zu Kurzfilmen; die im Hörbuch enthaltenen sechs Erzählungen erweisen sich als ideale Vorlagen für die Sprecher Jana Schulz, Jürgen Uter und Samuel Weiß.

Abwechslungsreich auch die von Doyle gewählten Genres. Eine Horrorgeschichte um einen verhexten Kinderwagen ist ebenso zu finden wie eine klassische Love-Story. Fast immer gibt es ein Happy Ending. Die Grenzen zur Satire überschreitet der Autor in der Geschichte „57 % irisch“. Hier wird wirklich alles grotesk, wenn Ray Brady mit einer „Olé, Olé, Olé – Fußball und der Weg zum Irischsein“ betitelten Arbeit promovieren will und die Reaktionen der Zuschauer auf Robbie Keans Tor gegen Deutschland bei der Fussball-WM 2002 testen möchte. Eine grandiose Idee, die dem Helden schließlich einen Job im „Ministerium für Kunst und Ethnizität“ einbringt, wo der „Fáilte-Test“ für Immigranten entwickelt wird. Bester Absolvent – mit dem „Traumergebnis 97 %“ und dem Titel „der irischste Ire im ganzen Land“ –: ein junger Mann aus Ghana. Nicht enthalten in dieser Sammlung, weil noch in Entstehung begriffen, die Geschichte „Old Folks“. Hier freundet sich die Ukrainerin Dariya mit der irischen Seniorin Mrs. Touhy an. Weitere Informationen dazu gibt es immer am Monatsersten, bei Metro Eireann


Dieser Beitrag erschien zuerst im Print-Magazin irland journal.