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Die Box




3. März 2012
Meinolf Reul
für satt.org
  Konstantin Ames, Alsohäute
Konstantin Ames, Alsohäute. Gedichte. Herausgegeben von Urs Engeler.
roughbooks, Leipzig und Holderbank (Solothurn) 2010, 58 Seiten, 7,50 Euro.
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„Liebt Ihr Buchstaben?“ - Konstantin Ames’ Lyrikdebut Alsohäute

Lieber Herr Ames,

Urs Engeler hat mir Ihre Adresse gegeben. Ich beschäftige mich zur Zeit mit Alsohäute, möchte vielleicht für das Onlinefeuilleton satt.org darüber schreiben, aber ich bin noch ein wenig furchtsam... Die Beantwortung einer ganz profanen Frage, nämlich nach der Zahl der im Buch enthaltenen Gedichte, würde mich für's erste schon weiterbringen. Der erste Teil umfasst 13 Gedichte, der zweite 8, der dritte 12?

Herzliche Grüße
Meinolf Reul


Lieber Meinolf Reul!

Zu Ihrer Frage nach der Anzahl der Gedichte:

"I Hufgefunden": ein Motto zu dreizehn Texten; "I I REUNITED": acht Texte, einer davon zugleich Motto; "I II Vorm Form August Flitte schon Zuseher": zwölf Texte, ohne Motto.

Ich bin gespannt, inwiefern diese Information Ihnen weiterhilft; und insgesamt schon neugierig auf Ihre Besprechung.

Herzlich, Konstantin Ames

Es ist eine Weile her, dass mich ein Gedichtband so herausgefordert hat wie Ames’ Alsohäute (was, um das Rätsel gleich aufzulösen, die phonetische Schreibweise von „Also heute“ ist – „also“ substantiviert: „mein Also“).
Thomas Klings geschmacksverstärker war auch so ein furioser Angriff gegen das Glatte. Glattheit als ästhetische Kategorie, bei Kling speziell bezogen auf das schlicht gestrickte 70er-Jahre-Gedicht, das er so verabscheut hat, seine brav gekämmte Optik.
Eines von Ames’ Gedichten heißt „leipziger langhaariges“, und das ist schon mal ein Statement. Doch anders als Kling, dessen frühe Punk-Attitüde auch etwas aggressiv Bleckendes, Bellendes haben konnte, kommt Ames eher als freundlicher Rocker daher, allein sein toller Übermut scheint aus derselben anarchischen Quelle zu schöpfen.

In einer poetologischen Selbstauskunft hat Ames die formale Seite seiner Gedichte mit den Worten: „Dissonanz, Digression und Überraschung“ umrissen. Als weitere Textstrategien kommen hinzu: „Anreicherung“, „forcierte Flapsigkeit“, „Fragmentierung“ und „Vershohnepipelung („Spass muss es machen, sonst macht es keinen Spaß!“)“.
Witz, in der Tat, spielt in Alsohäute eine bedeutende Rolle. Das fängt schon bei dem Motto an, das den ersten Teil einleitet und praktische Verwendung als Umschlag(schrift)bild findet; es lappt auf die erste Seite des Buches über (die in der Buchwissenschaft – Ames hat das studiert – Vakat heißt und üblicherweise leer bleibt, doch bei Engelers roughbooks steht man da sozusagen schon in der Tür). Dies Motto ist ein wenig ekelig und zum Schluss auch mysteriös: „Zwei hellbeige Würmchen auf der linken Hand. Eines frisst sich in Höhe eines tieferen Zeigfingerknöchels unter die Haut. Das Fleisch quillt. Kein Schmerz. Ich wache auf. Es ist 7:24 h am 15.3. // Also noch 15 Tage vor 29 Jahren; oder 16 vor 94.“ Ekelig, wie gesagt, doch auch witzig (die widersinnige Präzision von Uhrzeit und Daten, die Distanziertheit der Beobachtung, der putzige Diminutiv, das Farbadjektiv) – und schließlich ist es ja nur ein Traum, und die Erleichterung darüber macht Lachen.
Quellen des Komischen gibt es bei Ames viele:
Wiederverwertete politische Rede, grundsätzlich rabiat beschnitten („shington“, „gungsminstern“ und „rungs-tornados“ heißt es zum Beispiel anstelle von „Washington“, „Verteidigungsministern“ und „Aufklärungs-Tornados“); Beobachtungen beim Gang durch die Stadt: „kapital geschminkt / e junge mutter, kerl, kind vorm head&gro / wshop“ und die Absurdität unserer Lebenswelt abbildende Wörter wie „weihnachtsmarktoutlet“, „Grillmaster“, „Sinn Leffers“ oder „Hähnchentag“;
Wortspiele – aus Oberflächenveredelung wird „oberflächenverelendung“, aus eigentlich „eigenschlicht“, statt Friede soll „Eierkuchen“ einkehren, der krönende Abschluss wird verkürzt zu: „krö“ („beim krö“, „fanden ihren krö“), Goethe gar ist als „g“ bzw „g...“ überhaupt nur mehr aus dem Zusammenhang zu erschließen.
Ernst Jandl hat dies Verfahren, Wörter abzureißen, in die deutschsprachige Dichtung eingeführt (vgl. sein Gedicht „fragment“ mit dem berühmten: „ja herr pfa“); wie produktiv es ist, lässt sich an vielen Texten von Alsohäute ersehen.

Ames’ Gedichte setzen dem Leser Widerstand entgegen, provozieren im ersten Moment vielleicht sogar Abwehr. Ames weiß darum: „Viele Leser [...] lassen sich von Buchstaben auf Papier in die Irre führen. Erwarten Rührung, Erbauung und sind dann enttäuscht, wenn der Text etwas anderes tut. Was er soll.“
Er ist ein Formartist und schneller Wortspieler, wer mithalten will, muss zum geduldigen Verstehen bereit sein. Doch warum sollte man auch sonst Gedichte lesen, wenn nicht, um sich für eine Weile dem betäubenden Alltagslärm zu entziehen und sich in die hinhörende Begegnung mit dem Text zu versenken? Die Gedichte bauen jedenfalls auf Begegnung, und wer sich Zeit lässt, wird immer mehr in ihnen entdecken, seien es Anspielungen auf Ringelnatz, Goethe, Joyce oder die Bibel, Überkritzelungen geflügelter Worte („Banane ist hase, ich weiß von nutz“), Verballhornungen („Ideejoten“, „Poente“), fremdsprachige Einsprengsel, herrlich alberne Anleihen an Dialekt (Hessisch, Sächsisch) und Kindersprache („Augenkacki“), pseudosentenziöse Eigenzitate... oder neue Wortfelder, z. B. den Jargon der Graffiti-Sprayer im Gedicht „giraffe auf fotografien. eine ’tschuldigung“.
Besonders hervorgehoben sei auch Ames’ Idee, die deutsche Schrift, Sütterlin, mit ihren Buchstabenverschlingungen nachzubilden, was zu komischen Verbeulungen und Verdrehungen führt, die der Autor auch im Vortrag artikulationsstark wiederzugeben vermag. Mit einem Wort, Ames hat viele Pfeile im Köcher, nutzt auch ganz klassische Verfahren wie Anapher, Parallelismus, Assonanz, unreinen Reim und schreibt, wenn er will, schlicht schöne Verse wie: „In meinem beutel / Seh ich münzen weg / In tabakwolken wehn“. Langeweile kommt nicht auf.

Da es unmöglich ist, im Rahmen einer Rezension einem Buch, das ein philologisches, mindestens ein waches Auge braucht, ganz gerecht zu werden, möchte ich auf zwei Gedichte genauer eingehen, „REUNITED“ und „;“, an denen sich die Raffinesse, die Ames’ Texte insgesamt auszeichnet, schön aufzeigen lässt. Werden diese auch immer wieder einmal als „experimentell“ bezeichnet, womit indirekt ein hasardeurisches, um den Ausgang des ‚Experiments’ unbekümmertes Vorgehen des Autors behauptet wird, so ist doch offenbar, dass es allenfalls der Leser ist, der sich hier auf ein Experiment einlässt, nämlich jenes, das konstruktivistische Kalkül der Texte aufzuspüren. Dies vorab.

Das satirische „REUNITED“ leitet den zweiten Teil des Bandes ein (dessen Motto es zugleich ist). Wie der Titel ahnen lässt, thematisiert es die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Formal handelt es sich um ein Akrostichon, d. h. die ersten Buchstaben der Verse ergeben ein Wort, hier eben: „REUNITED“. Wie heikel, wie wenig glatt das historische Ereignis verlief, zeigt Ames schon mit der Bezifferung dieses Abschnitts. Da steht nämlich nicht II, sondern I I, und ich denke an die Verse von Anna Achmatowa: „In der Umarmung aber bleibt, wie immer, Fremdheit / Und in den Augen bleibt die Angst.“ Diese Fremdheit und Angst, die ich, mag sein, auf Ames’ Gedicht projiziere, scheinen nicht nur in der gesperrten Schreibung I I aufgerufen – auch die zungenbrecherische Zusammenziehung „BDDRD“, mit der der Text beginnt, indiziert das Stotternde, Schieflaufende im plötzlichen Zusammengehen, denn üblicherweise hätte es ja „BRDDR“ heißen müssen.
Mit der Apostrophe „Land der Zweifler und Kranfahrer“ geht es ebenso skeptisch wie bodenständig weiter, auch „Schafe und Kühe“ passen da ins Bild. Das heroisch klingende „Erlebnis Formulierung Tat“ wird äußerst wirksam veralbert, nämlich in der Erweiterung des Wortes „Tat“ einige Verse darunter zu „Tatütata“; zwei Gedankenstriche markieren den Zusammenhang. „Tatütata“, das ist nicht nur das Martinshorn, auch „TäTäRä“ (DDR) klingt darin an. Aufblitzende Aufschwungseuphorie („Segelflug“, „Glück“, „Schwarz, rot, geiler“) wird schnell gedämpft, schon blickt das Auge des Dichters à la Lynch unter die Grasnarbe, wo „in zweier Staaten Erde Wurm um Wurm zusammen[wuchs]“ – ein gefundenes Fressen für die „schwarzen, roten, gelben“ Vögel.

Stiller das letzte Gedicht in Alsohäute, minimalistisch „;“ überschrieben.

;

heute
am 08.10.2010 habe ich meinen
Rotstift verloren dieser
(ich habe mich vorher damit verschrieben)
Rotstift war mein Herz
also habe ich mein Also
heute verloren

; heute, am achten Oktober 2010, habei ch meinen Rotstift verloren;
dieser (ich habe mich vorher damit verschrieben) Rotstift war mein
Herz; also habe ich mein Also heute verloren;

Da ich diesem Gedicht nicht den Titel Alsohäute gegeben habe, siehst
Du, dass ich etwas von Poesie verstehe; das auch.

                                                                                (= 4. politisches fürdicht“)

Biogramm: Konstantin Ames wurde 1979 in Völklingen/Saar geboren und lebt derzeit in Berlin. Studium der Buchwissenschaft, Philosophie, Literaturwissenschaften, Student am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Seine Gedichte sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, darunter Edit, Jahrbuch der Lyrik und Zwischen den Zeilen.
Konstantin Ames gewann 2009 den Preis für Lyrik beim 17. open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Er war Finalist beim Dresdner Lyrikpreis 2010.
2012 wurde ihm von Jan Peter Bremer der Förderpreis zum Mörikepreis der Stadt Fellbach zugeeignet.





Konstantin Ames, Alsohäute. Gedichte. Herausgegeben von Urs Engeler.
roughbooks, Leipzig und Holderbank (Solothurn) 2010, 58 Seiten, 7,50 Euro. bestellen@roughbooks.ch

Die Farbe Rot, das Wort „Herz“, die Ansprache („Du“) und die eigentümliche Gedichtbezeichnung („politisches fürdicht“) scheinen auf eine gewisse Intimität oder Vertrautheit zwischen lyrischem Ich und Du hinzudeuten, um so mehr als „;“ zu einer mehrteiligen Reihe gehört, eben jener der „fürdichte“. Die Partizipien „verschrieben“ und „verloren“ sind elegisch ‚besetzt’, stehen aber nicht nur für Verlust, sondern auch für Hingabe (sich jemandem, einer Sache verschreiben; sein Herz an jemanden, etwas verlieren); das dritte Partizip, „gegeben“, vor allem aber der insgesamt behutsam-schwebende, zärtliche Ton, verstärken den Eindruck eines ‚freundlichen’ Gedichts.
Der nach oben verschobene Strichpunkt des Anfangs, als Überschrift, verweist auf den eigentlichen Gedicht-Gegenstand, nämlich seine subtile rhythmische Gestaltung, die, neben der Versifizierung, eben von den Satzzeichen bestimmt ist. Der Wechsel in der Schreibung des Datums ‚bedeutet’ mindestens optisch eine Veränderung des Tempos – ob beschleunigend oder verlangsamend, bleibe dahingestellt; die Verschreibung (Verschleifung) im ersten Vers der zweiten Strophe – „habei ch“ – ist vielleicht als Rubato zu lesen.
Worte und Interpunktion der beiden ersten Strophen sind beinahe identisch, und doch: kein Vers gleicht dem anderen.
Der charmant augenzwinkernde Witz, mit dem das Gedicht schließt, ändert nichts daran, dass mir beim Lesen dieses feinen Kunststücks Verlaines Leitwort „De la musique avant toute chose“ („Musik vor allen Dingen“) in den Sinn kam. Ob Ames sich damit identifizieren könnte? Wahrscheinlich nicht. Und doch findet es sich bei ihm eingelöst – freilich zumeist in einer Weise, die mit Kantabilität und Wohlklang nichts zu tun hat, wohl aber mit Rhythmus, Tempo und roughem Sound.