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Die Box




22. Februar 2012
Kai Pohl
für satt.org
Zeitschriftenlese

Leitplanken für Zeitschleifen

Statistische Anmerkungen zum 25. Jahrestag der Zeitschriftenlese von Michael Braun und Michael Buselmeier.

Die Zeitschriftenlese im Saarländischen Rundfunk wird seit Mai 1987 von Michael Braun und Michael Buselmeier herausgegeben. Auf der von Andreas Heidtmann betriebenen Website poetenladen.de sind 63 seit April 2003 publizierte Folgen archiviert. Darin wurden 53 Periodika begutachtet; knapp zwei Drittel davon stehen in Wikipedias Liste deutschsprachiger Literaturzeitschriften, die insgesamt ca. 200 zeitgenössische Titel aufführt. Wenn man voraussetzt, dass außerdem etwa 100 weitere deutschsprachige literarische Zeitschriften oder Fanzines existieren, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Wikipedia-Liste auftauchen, dann haben sich die Autoren im betrachteten Zeitraum mit ungefähr 17 Prozent aller existierenden Blätter wenigstens einmal beschäftigt.

Die Zeitschriftenlese erscheint in der Regel monatlich; im Durchschnitt werden 4,4 Publikationen besprochen.

Am häufigsten rezensiert wurden die seit 1949 von der Akademie der Künste in Berlin herausgegebenen „Beiträge zur Literatur“ namens SINN UND FORM (29-mal), gefolgt vom Merkur, der 1947 gegründeten, in Stuttgart erscheinenden „Deutsche[n] Zeitschrift für europäisches Denken“ (23-mal), und von der 1988 in Berlin gegründeten Lettre International, die sich im Untertitel „Europas Kulturzeitung“ nennt (18-mal). Auf die drei Erstplazierten entfällt ein Viertel aller Kritiken, allein auf SINN UND FORM kommen zehn Prozent.

Auf 16 Rezensionen bringen es die Akzente (München, seit 1954) und VOLLTEXT (Wien, seit 2002), dreizehnmal geht es um die Neue Rundschau (Berlin, seit 1890), elfmal um BELLA triste (Hildesheim, seit 2001), die horen (Bremerhaven, seit 1955) und das Schreibheft (Essen, seit 1977), neunmal sind manuskripte (Graz, seit 1960) und Ostragehege (Dresden, seit 1994) an der Reihe. Achtmal befassen sich Braun bzw. Buselmeier mit dem wespennest; siebenmal mit den Literaturen; sechsmal mit EDIT, poet und Kritische Ausgabe; fünfmal mit Am Erker und Zwischen den Zeilen; viermal mit Literatur und Kritik, Park und der Zeitschrift für Ideengeschichte; dreimal mit Die Aktion, CASTRVM PEREGRINI, Chaussée, Krachkultur, Lose Blätter, randnummer und sprachgebunden, zweimal mit den Frankfurter Heften, mit der Gegenstrophe, dem Hugo-Ball-Almanach, der Kommune, mit orte, Sprache im technischen Zeitalter (Spr.i.t.Z.), TEXT + KRITIK, Theater heute und mit der Trompete; einmal mit allmende, BABEL, drehpunkt, ilinx, kolik, Kultur & Gespenster, Kursbuch, Limen, Mittelweg 36, Ort der Augen, FALK, RISSE, Schweizer Monatshefte, [SIC], STRECKENLÆUFER und ]trash[pool.

Die 11 meistbesprochenen Zeitschriften vereinen 60 Prozent der Erwähnungen auf sich, 28 Zeitschriften wurden mindestens dreimal unter die Lupe genommen, zusammen bringen sie es auf 88 Prozent. Die 25 ein- bis zweimal betrachteten Literaturorgane teilen sich die verbleibenden 12 Prozent.

Das Durchschnittsalter der drei erstplazierten Zeitschriften beträgt 51 Jahre; die ersten elf sind im Schnitt 49 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der übrigen Journale liegt bei 25 Jahren. Der Gesamtaltersdurchschnitt aller 53 Zeitschriften beläuft sich auf 31 Jahre. Immerhin 20 Hefte (38 %) sind höchstens 18 Jahre alt, 12 von ihnen (23 %) sind jünger als 10 Jahre.

Betrachtet man den Erscheinungsort der rezensierten Blätter, so sind die neuen’ Bundesländer (ohne Berlin) fünfmal vertreten, ebenso Österreich und die Schweiz; Berlin kommt zehnmal vor; eine Zeitschrift, CASTRVM PEREGRINI, ist in den Niederlanden angesiedelt. Der überwiegende Rest (27) ist westdeutscher Provenienz.

Wer sich in dieser Statistik nicht wiederfindet, dem sei geraten, sich selbst eine zu fälschen.

„Das Geheimnis großer Dichtung besteht darin, dass wir auch nach mehrfachem Lesen nicht genau wissen, was dasteht.“
(Michael Braun, März 2009)