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Die Box




12. Februar 2012
Meinolf Reul
für satt.org
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Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte. Roman. 144 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012. 16,90 Euro
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Milena Michiko Flašar:
Ich nannte ihn Krawatte

Zwei Sätze bilden den Ausgangspunkt dieser Geschichte: „Ich kann nicht mehr.“ Und: „Ich habe meine Arbeit verloren.“ Den einen sagt der 18-jährige Taguchi Hiro, bevor er sich für zwei Jahre in sein Zimmer einschließt, den anderen der 58-jährige Salaryman Ōhara Tetsu: nicht – nicht zu seiner Frau Kyōko jedenfalls, die ihm allmorgendlich sein Pausenmahl zubereitet, und zu der er jeden Abend mit den Worten: „Das Schönste am Arbeiten ist das Nachhausekommen“ zurückkehrt.

In 114 kurzen Kapiteln erzählt Milena Michiko Flašar die Geschichte zweier Außenseiter. Der eine ist erschöpft, der andere verweigert sich. Beide haben sie „endlich versagt“, wie sie erleichtert feststellen. „Man muss keinen Beitrag mehr leisten. Endlich gesteht man sich ein, dass einem die Welt vollkommen gleichgültig ist.“

Taguchi, der Hikikomori (wie in Japan die zumeist jungen Leute genannt werden, die sich weigern, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, dabei den Kontakt zu ihrer Familie auf ein Minimum reduzieren), entschließt sich zum ersten Mal nach langer Zeit, wieder nach draußen zu gehen, in den Park seiner Kindheit.

Eines Tages sitzt ihm eine „gebügelte Gestalt“ gegenüber: Ōhara. Eine schweigsame Annäherung über Wochen – Michiko Flašar beschreibt sie nicht ohne Komik – mündet in die stumme Einladung des Jüngeren an den Älteren, sich neben ihn auf die Bank zu setzen. „So wurde aus unserer minimalsten Bekanntschaft eine minimale Freundschaft“, schreibt Taguchi rückblickend.

Zunächst ist es nur Ōhara, der redet, von seinem Beruf, von seiner Frau... – er ist überrascht, als endlich auch Taguchi den Mund aufmacht.

„Ich meine, es sind zuallererst meine Augen, die krank geworden sind“, beginnt er seine Anamnese, zu der Ōhara ihn mit der schlichten Aufforderung „Erzähl mir was“ animiert hat. Sie fördert die schmerzvolle Erinnerung an eine Reihe von Unglücksgeschichten herauf, deren Zeuge er war. „Um zu vergeben, um wirklich frei zu sein, muss man sich erinnern, Tag für Tag“, sagt Ōhara, dessen eigene, wichtigste, Lektion darin bestand, „ein fühlendes Ohr“ zu entwickeln, denn, so sagte ihm einst sein Klavierlehrer: „Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub.“

Taguchi möchte wieder lernen „hinzuschauen“. Die haikuhaften Stilleben und kleinen Beobachtungen, mit denen er seine Erzählung versieht, sind ihm gewissermaßen Glückskekse, die er eins nach dem anderen greift und öffnet, und von denen ein jedes ihn ein Stück von seinem seelischen Kummer heilt.

„Schwankende Baumkronen, die Sonne fällt schräg durch die Äste“.
„Die Käfer brummen. Ein müdes Blatt wirbelt herab“.
„Ein Klecks Zahnpasta am Beckenrand. Weiß auf Weiß“.

In einem Interview mit dem Standard sprach Michiko Flašar von der Perspektivlosigkeit vieler junger Japaner, die sich daraus ergebe, dass einerseits – stärker als bei jungen Leuten in Westeuropa – ihr Weg vorgezeichnet sei, andererseits aber überkommene Strukturen, eine lebenslange Anstellung z. B., weggefallen seien.

Als Taguchis Vater sagt, man müsse funktionieren, erwidert dieser, nichts funktioniere.

Ich nannte ihn Krawatte kann gelesen werden als ein Buch über Menschen, die der Erwerbswelt, der Welt der Tüchtigen, den Rücken gekehrt haben, weil sie, wie im Märchen, deren Blöße erkannten. Die rastlose Aktivität der Arbeitenden, ihr ewiges Unterwegssein zwischen Firma und Sofa: eine große Vergeblichkeit, ein fliehender Stillstand, ein Untergehen. „Wir treiben auf schmelzendem Eis“, heißt es im Buch einmal. – Und doch ist sie noch mächtig, diese Welt, verzweckt die Menschen, verheizt sie, definiert sie über sich, und wehe, sie fallen, wie Ōhara, heraus. Denn was, wenn die Arbeit aufgehört hat, hält ein Leben noch zusammen? Müsste man nicht auf der Stelle tot umfallen?

Milena Michiko Flašar hat sich schwerer, drängender Themen angenommen und sie in ein literarisches, sprachlich fein gearbeitetes Werk übersetzt, in dem selbst noch ein beschreibender, verhalten poetischer Satz wie: „Der Schlüssel griff mürbe ins Schloss“ die bis ins Mark gehende Müdigkeit und Melancholie seiner Helden widerspiegelt.

Ihre Kunst ist es, dem Stoff alles Niederdrückende genommen und ihn zu einer Geschichte geformt zu haben, die uns, den Lesern, Hoffnung gibt.

„Wenn man nur verrückt genug wäre, alles anders zu machen. Einmal auszubrechen“, sagt Kyōko.

„Wenn man arbeiten könnte nicht um des Ergebnisses willen, sondern arbeiten aus Hingabe, ohne Anstrengung“, sagt Taguchi, und der Satz hätte auch von Ōhara sein können, Ōhara auf seiner Bank, die nun Taguchis Bank ist, der uns dieses alles wiedererzählt.