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30. Januar 2012
Kai Pohl
für satt.org
  Johannes Witek: Gebete an den Alligator und die Klimaanlage.
Johannes Witek:
Gebete an den Alligator
und die Klimaanlage

Chaotic Revelry Verlag,
Köln 2011
274 S., 12,95 €
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Der erstaunlichste Poet der Gegenwart:
Johannes Witeks Gebete an den Alligator und die Klimaanlage

Er ist Österreicher, geboren 1981, ein »ungebrochener« Germanistikstudent, der in Salzburg lebt; er liest Carson McCullers und Thomas De Quincey; er kommt mit deftigem Wortwitz daher und ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein ausgekochter Vielschreiber; er badet in Banalitäten, denen er allein durch ihre Erwähnung Bedeutung verleiht; er seziert die absurde Gegenwart in einer Mischung aus Manie und Panik, und insgeheim hofft man, dass er nicht alles selbst erlebt hat; seine Ausführungen wirken realistisch, wo sie skurril, und skurril, wo sie realistisch sind; oftmals, so scheint es, kriegt er sich vor Lachen nicht mehr ein; man hat den Eindruck, dass er schreibt wie er spricht, wiewohl man ihn nie sprechen hörte; er verzichtet auf Geschwafel, auch wenn er in seinen Gedichten manchmal knapp daran vorbeischrammt; seine Lyrik wird zuweilen in Prosaform gedruckt, vom umgekehrten Fall ist nichts bekannt; er stellt großartige Texte neben solche, die man nach der Lektüre schnell wieder vergisst, und falls dahinter keine Absicht steckt, so ist das trotzdem clever, denn es macht die schärfsten Teile verdaulich: wer mag schon Sambal Oelek pur!?

Seine Figuren tragen Namen wie Gilbert Graupinger, Ewald-der-Gschissene (von dem wir noch hören werden), Josef Hufnagl, Dr. Schoiswohl, Ignaz Wrabl, oder Constanze (die »den Akt will«, genauso wie der anonyme Veterinärmedizinstudent, der von der Leiche steigt, »den Penis noch erigiert«) – ihnen fühlt er sich in Hassliebe verbunden, denn sie sind allesamt Österreicher; das erklärt wohl die Sorte Humor, die ihn antreibt: tiefschwarz; er zerpflückt spektakuläre oder profane Situationen, formt die Einzelteile zu schnittigen Parabeln, die er zuletzt bitter-ironisch im Mörser zerreibt, und das macht richtig Spaß!

Mit überraschenden Einfällen, die eingängig formuliert sind, ohne klischeehaft zu wirken, stemmt sich der Autor gegen das biedere Leben; dabei erringt er so manchen Sieg; einen davon für die Liebe, die auftritt in Gestalt der komplett verrückten Frau, »dick und extrem hässlich«, mit dem dichtesten Damenbart im Universum, »ihr Körper gehorcht den rätselhaften Impulsen« aus ihrem Kopf, der »ein leerer sumpfiger Brunnen« ist; er zelebriert Gesänge, Gesänge, Gesänge, in denen sein alter Schulfreund Ewald-der-Gschissene seinen »gigantischen pulsierenden fleischfarbenen Brunzdübel« in einen halb verwesten Pferdeschädel rammt; er beschwört Ekel, Schmerz und Mitgefühl herauf, während er durch die »Scheiße« watet und Kübel voller »Blut, Gedärme, Innereien, Eichelkäse, Menstrualschleim, Kotze« über seiner Leserschaft ausgießt; er schreibt Gebete an den Alligator und die Klimaanlage. Schon wieder Gedichte und Prosa, erschienen im Chaotic Revelry Verlag zu Köln; ein opulentes Taschenbuch, 300 Gramm schwer und 274 Seiten stark, ISBN 978-3-9812457-7-6, für 12 Euro 95 zu haben; er heißt Johannes Witek und hat die euphemistische Ansprache auf der Rückseite des Werkes, die ihn zum erstaunlichsten Poeten der Gegenwart erklärt, im Grunde gar nicht nötig.