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Die Box




3. Januar 2012
Dominik Irtenkauf
für satt.org

Evolver Verlag

Bekenntnis zum Trash:
Evolver Books

Der Verlag Evolver Books entstand aus der Überzeugung, dem Schund wieder zur Aufmerksamkeit zu verhelfen, die er verdient. 2011 erschienen drei neue Bücher, die sich auf verschiedene Weise mit dem Potenzial des Trashs auseinandersetzen.

Stellt sich zunächst die Frage, wie sich Trash heutzutage definiert. Manche meinen, mit den Grindhouse-Features von Rodriguez und Tarantino wäre es getan, doch Verleger Robert Draxler widerspricht dieser Wahrnehmung vehement: »Ich möchte noch hinzufügen, dass unter Aufwertung ja doch nur – z.B. – die zweifelhafte Auseinandersetzung eines Profi-Arschlochs wie Quentin Tarantino mit der Materie betrachtet wird. Ignoranten wie er bewirken, dass sofort die Medien auf den Zug aufspringen. Das ruft in der Regel eine Hundertschaft an Epigonen aus der sogenannten Kunst- und Kultur-Szene auf den Plan – und das wiederum erweckt den Eindruck, dass eine qualitative Auseinandersetzung stattfindet, die natürlich nichts mit Qualität zu tun hat, sondern mit Ignoranz, und die so nicht geführt werden darf. Mir fällt dazu nur ein Wiener Gutmenschen-Sommerkino ein, wo sich hunderte johlende Falter- und Standard-Leser und ihre -Innen zu Mario Bavas Science Fiction-Meisterwerk »Terrore Nello Spazio« vor Lachen gebogen haben. Weder hat dieser pseudointellektuelle Plebs die grandiose Farbkomposition des Films bemerkt, noch den Umstand, dass der Film Ridley Scott zu einigen Schlüsselszenen für »Alien« inspiriert hat. Und das wirklich Schlimme daran ist: all diese Leute haben langweiligen Dreck wie »Death Proof« oder »Inglorious Basterds« sicher grandios gefunden – und genau das ist der Punkt, wo einem wie mir die Kabel kommen, wie man bei uns in Wien zu sagen pflegt. Dabei hab ich gar nix gegen Tarantino, wenn er dabei geblieben wäre, Drehbücher zu schreiben ...«

  Evolver Verlag (Logo)
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Weitere Informationen
zu den Büchern und Trash:
www.evolver-books.at

Entsprechend nehmen die drei Bücher »Scott Bradley. Blondinen, Blobs & Blaster-Schüsse« (von Andreas Winterer), »The Nazi Island Mystery« (von r.evolver) und »Die Lucifer-Connection« (von Martin Compart) kein Blatt vor den Mund. In »Scott Bradley« pustet der gleichnamige Commander Aliens und extraterrestrischen Schleim weg, ohne viel nachzufragen. Ein Hyper-James Kirk, der sich nicht scheut, die Flagge des Chauvinismus auch in der fernen Zukunft hochzuhalten. »The Nazi Island Mystery« spielt im 4. Reich, 20 Minuten und schon wünscht man sich, Superagentin Kay Blanchard vom MI6 haue den Neu-Nazis kräftig eins auf die Rübe. Der Roman von r.evolver hat etwas von Fantomas, gekreuzt mit der guten alten Naziploitation-Tradition um die berüchtigte KZ-Kommandantin »Ilsa, She-Wolf Of The SS«. Man sieht schon, es werden keine Rücksichten auf Political Correctness oder Ästhetiken genommen. Doch gerade darin liegt die Herausforderung: unterhaltsam und doch nicht plump überzeugende Literatur zu verfassen.

Martin Compart greift in seinem neuesten Roman »Die Lucifer-Connection« einige aktuelle Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf und bindet sie einen spannenden Thrillerplot ein. Ex-Söldner Gill wird von einem kleinen Jungen auf die Entführung seiner Katze angesprochen. Aus einem Impuls heraus folgt Gill der Bitte des Jungen und weiß nicht, in welche Hölle er sich begeben wird, bis er sich in einem Satanskult verstrickt sieht, der bis in höchste Kreise reicht. Im Dschungel von Sierra Leone stößt er auf einen perfiden Plan der Satansjünger. Compart ergänzt diese Beobachtung im Interview: »Kriminalliteratur hat ein Grundthema: Die Schwierigkeit des Menschen, sich in Gesellschaften großer Dichte zu organisieren und die Reaktion durch abweichendes Verhalten auf Ungerechtigkeitsordnungen. Diese rationale Prämisse leugnet aber nicht die Existenz des Bösen. Wobei selbst Camille Paglia die Auffassung vertritt, dass bei Serienkillern in erster Linie eine misslungene Sozialisation ihre Unfähigkeit zur Empathie begründet.«

Neben den Romanen unterstützen die beiden Verleger Peter Hiess und Robert Draxler auch die Kurzprosa, die in der verlagseigenen Zeitschrift SUPER PULP veröffentlicht wird. Die Worte von Dr. Trash (!) und r.evolver im Editorial sprechen bereits Bände für die Philosophie, die hinter Evolver Books steht: »Schon damals waren es selbsternannte Jugendschützer, die hektisch nach allem fahndeten, was sie für schädliche Druckwerke hielten. Mit ihren Anträgen auf Beschlagnahme richteten sie jene heimischen Verlage zugrunde, die auf schnell geschriebene und durchaus sensationslüsterne Abenteuer- und Kriminalromane spezialisiert waren. Wer sich trotzdem weiterhin mit gutem Stoff versorgen wollte, musste zu Romanheften aus Deutschland greifen oder in Tauschzentralen nach altem Material suchen. Bis heute. Ab sofort lässt der Verlag EVOLVER BOOKS die österreichische Schund-Tradition nämlich wieder aufleben: Unser SUPER-PULP MAGAZIN versammelt die beliebtesten Genres der modernen Volksliteratur: sagenhafte Science Fiction, gruslige Geistergeschichten und trashige Thriller. Unterhaltsam, spannend und wissenschaftlich fundiert. Das müssen Sie lesen!«

Sogenannter Trash ist vor allem an Unterhaltung seiner Leser interessiert und hält sich nicht mit vermeintlich hochklassigem Tiefgang auf. »Schund war stets ein Adelstitel, vor allem in Europa. Er hinterfragt Weltbilder, bringt neue Stile und innovative Ausdrucksformen hervor, wagt avantgardistische Experimente und sprengt Grenzen. Innerhalb des angekündigten Genre(-Mixe)s verspricht Trash, weder zu langweilen, zu belehren noch zu manipulieren. Was natürlich trotzdem passiert«, meint Andreas Winterer auf die Frage, welche Bedeutung das Genre Trash im heutigen Literaturbetrieb einnimmt. Martin Compart legt nach: »Was heißt schon Schund? Dickens, Conan Doyle, Lovecraft, Dick, Hammett, Chandler, Thompson, Comics, Rock-Musik, TV-Serien usw. galt alles lange als Schund. Für das debile Bildungsbürgertum ist alles Schund, was nicht ihrer stupiden Ideologie entspricht. Und mit der üblichen kulturellen Verspätung wird der Schund von Gestern irgendwann museal, um ihn zu entschärfen.«

Dabei bricht der Nachschub nicht ab: eine Anthologie mit Zombiegeschichten erschien ebenfalls 2011 und angesichts des Zombie-Revivals, das bereits einige Jahre andauert, geht der Stoff für neue Zombiestories scheinbar nie aus. »Das Buch der lebenden Toten« wählte aus 249 Einsendungen aus und die Jury war von einigen Koryphäen der phantastischen Literatur wie Dr. Franz Rottensteiner (brachte u.a. die Phantastische Bibliothek bei suhrkamp heraus) oder Michael Krug (Otherworld-Verlag) besetzt.

Für den Aficionado wird gerade durch Evolver Books bewußt gewähltes Konzept als »Experte für Pulp-Thriller, Horror & Science Fiction« ein häufiger Besuch lohnen. Das angegliederte Evolver-Webjournal bietet auch das eine oder andere Schmankerl zu phantastischer Kultur.