Anzeige:
Die Box




4. Dezember 2011
stefan heuer
für satt.org
  Jürgen Ploog: Unterwegssein ist alles
Jürgen Ploog:
Unterwegssein ist alles

Tagebuch Berlin-New York
[SIC]–Literaturverlag,
Aachen/Zürich 2011
152 Seiten, 19,00 €
» Verlag
» amazon


In diesen Nächten weiß niemand, wo er wirklich ist
Jürgen Ploog und sein beeindruckendes Tagebuch der Rastlosigkeit

Im Februar 1974 saß David Bowie rauchend in einem noblen Hotelzimmer in London und gab ein Interview zu seinem in Kürze erscheinenden Album "Diamond Dogs". Angesprochen auf die Texte erklärte er, dass einige von ihnen mittels der Cut-up-Technik entstanden seien: Sprach’s und entschwand im blauen Dunst der Gauloises. Eine Bowie-Dokumentation, die im darauffolgenden Frühjahr unter dem Titel "Cracked Actor" in die Programmkinos kam, zeigte ihn, wie er Textblätter zerriss und die Kanten dann wieder neu zusammenfügte, um dabei neugeschaffene Zeilen zu finden. Was Bowie zwar mehrfach erwähnte, vielen aber nichts sagte: Entliehen hatte er diese Methode bei W.S. Burroughs, jenem amerikanischen, der Beat Generation zugerechneten Schriftsteller, der diese Vorgehensweise zwar nicht erfunden hatte, der jedoch als einer ihrer bedeutendsten Protagonisten gehandelt wurde (und heute noch wird).

Das Interview fand Interesse und wurde in Übersetzung auszugsweise auch in deutschen Musikmagazinen publiziert, und auch da zauberte der Begriff vielen wahrscheinlich ein großes Fragezeichen in die Mimik. Ami-Kram, haha, und nur einer eher überschaubaren Leserschaft mag bekannt gewesen sein, dass es 1975 Cut-up auch längst in Deutschland gab, dass es von einigen Autoren geradezu exzessiv praktiziert wurde. Bereits 1969 hatte Jürgen Ploog, Langstreckenpilot im Dienste einer deutschen Fluggesellschaft, in seinem im Melzer-Verlag erschienenen Debüt "Cola-Hinterland" die Cut-up-Methode konsequent verinnerlicht und angewandt. In seinen nachfolgenden Büchern wie dem romantisch betitelten "Die Fickmaschine", "Sternzeit 23" oder "RadarOrient", aber auch in späteren Werken, blieb er der Konzeption treu.

Mit dem im Startprogramm des [SIC]-Literaturverlags erschienenen "Unterwegssein ist alles – Tagebuch Berlin-New York" halte ich nicht nur Ploogs neuesten, sondern auch seinen (wenn ich mich auf die Angaben auf seiner Homepage verlassen kann) bereits 24. Einzeltitel in den Händen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Wo Ploog draufsteht, ist auch Ploog drin.

Der erste Teil des Buches, "Unterwegssein ist alles", umfasst gut 50 Seiten. Wie die beigestellte Ergänzung "Nomadische Statements" bereits andeutet, dient und widmet er sich der Einführung der Figur und dem auf Überlagerungen und para laufenden Realitäten beruhenden Prinzip Ploog. Das Universum eines nomadierend Reisenden zwischen New York, Paris, afrikanischer Steppe und Südamerika als Kernstation. Alles vergänglich, die Flüchtigkeit in allem: Ballast ist lebensgefährlich in diesem Bilderkrieg, in dem der Beobachter zum Beobachteten wird. Männer und Frauen, Metropolen, Junk, Irritation, Verfall und Distanz, gewünschte, erträumte, aber auch unerträgliche Nähe, Bindungsangst und Einsamkeit, von einem auf den anderen Besuch verschwundene Gebäude, üppige Vegetation und Trostlosigkeit – um nur einige Eckpunkte zu nennen. Momentaufnahmen, in Absätze gepresste Episoden, eine atemlos scheinende Hatz über die Oberfläche der Kontinente, von Manhattan über grasende Gnu-Herden bis zum Blick über die Dächer einer südamerikanischen Stadt, ein Bild verwischter Einzelheiten mit flatternden Markisen. Diese Augenblicke sind wie Ablagerungen ... ich bin hier, weil ich unterwegs hängen geblieben bin ... Wie die längst verstummten Klänge eines Orchesters in einem leeren Saal. Ein dunkelhäutiges Mädchen tritt durch den Vorhang & fragt: Willst du es europäisch oder südamerikanisch?“ Ich weiß nicht, wo da der Unterschied ist. Frauen mit transkontinentalen Gesichtern, genetische Migrantinnen – und mittendrin der Mensch als Wahrnehmungsmaschine, der sich zwischen dem Hier und dem Nicht-Hier bewegt... Versatzstücke, in denen Ploog sein gesamtes Können ausspielt. In einem wahren Schwall evoziert er Assoziationen und Bilder, deren Konsequenz, Arrangement und Schnitt spielend mit jedem noch so atmosphärischen Musikvideo konkurrieren können.

Im zweiten Teil, dem "Tagebuch Berlin-New York", wird Ploog ungleich konkreter. Während er im ersten Teil noch zwischen ich und der Reisende wechselt und damit auch Raum für allgemeingültige Deutungen lässt, steht hier eindeutig der Mensch Ploog im Mittelpunkt: "Alles vor Ort faktisch niedergeschrieben. Nichts erfunden. Die Idee bei dem Tagebuch war, dass ich tatsächlich immer zwischen New York und Berlin gependelt bin, ... Irgendwann wuchsen diese beiden Städte zusammen und ich hab dann gesagt, jetzt entsteht sozusagen eine virtuelle dritte Stadt, die quasi mitten im Atlantik positioniert ist.“ Also Fakten, Fakten, Fakten, aber: Immer vor Ort geschrieben, aber natürlich so, wie ich schreibe." Und das ist eben nicht: Liebes Tagebuch, heute ist Freitag und ich habe Bauchschmerzen...

Wie viele von Ploogs Texten, ist auch dieses Tagebuch nicht primär dem Verständnis seiner Leser preisgegeben. Das Augenmerk liegt nicht darauf, eine Geschichte in Wörtern zu erzählen, einer Logik oder Chronologie folgend, sondern darauf, die Verwandlung von Sprache in Bilder zu ermöglichen bzw. zu gewährleisten – sehen und zeigen, was dem Auge entgeht.

Wer die zärtliche Gewalt wahrnimmt, mit der Jürgen Ploog zu schreiben vermag, der mag sich wundern, dass der kommerzielle Durchbruch sich bei Jürgen Ploog auch nach zwei Dutzend Büchern und zahlreichen Herausgeberschaften (u.a. die legendäre "Gasolin 23", gemeinsam mit Jörg Fauser und Bukowski-Übersetzer Carl Weissner) noch nicht eingestellt hat – und er wird wohl auch nicht mehr kommen; keine seitenlangen Porträts in ZEIT und WELT, keine hochdotierten Preise. Ploog, der die Lektüre von Kerouacs "On the Road" als Initialzündung für sein eigenes Schreiben benennt, ist und bleibt für Spezialisten, und eben denen ist er präsent: Ob in einem langen, auf satt.org veröffentlichten Gespräch mit dem leider viel zu früh verstorbenen Hadayatullah Hübsch, als Nachwort-Verfasser für den Prosa-Sammelband "Alles wird gut" aus der bei Diogenes neu aufgelegten Fauser-Werkausgabe oder beim Jack-Black-Essayband "Gesetzbuch und Ganovenehre" (Books Ex Oriente, 2011), zu dem er ebenfalls ein mehr als lesenswertes Nachwort beisteuerte. Ein unermüdlicher Wortarbeiter, der es ablehnt, sich über das Ausbleiben von Preisen und medialer Massenbegeisterung zu brüskieren: "Es gibt Leute, die sehnlich auf einen "Durchbruch" warten. Durchbruch wohin? Um im Feuilleton der ZEIT oder der Süddeutschen abgehandelt zu werden? Ich glaube nicht, dass meine Texte dort etwas verloren haben."