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27. Februar 2009
Dominik Irtenkauf
für satt.org
Giwi Margwelaschwili: Der Tod des alten Lesers. Erzählungen

Giwi Margwelaschwili:
Vom Tod eines alten Lesers

Trotz seines Alters arbeitet Giwi Margwelaschwili konstant an seinem ,Programm‘ weiter: der Ontotextologie, die soviel besagt, daß Personen in Büchern nicht nur die ihnen zugeschriebenen Rollen einnehmen, sondern weitergehende Interessen verfolgen. Wie genau diese ausschauen, ist Thema seines neuen Erzählbandes „Der Tod des alten Lesers“.

Ein Dichter entrüstet sich über den Zuzug ungewollter Gäste in seinen Versgarten, und schaltet daraufhin die Copyright-Polizei ein ... Ein sich langweilender Diktator möchte innerhalb der Buchwelt umziehen, und wendet sich an die Versweltverwaltung, die ihn dann in eine besondere Buchweltregion schickt, wo er sich eigentlich wohlfühlen müßte. Eigentlich ... Der Reiter vom Bodensee aus der gleichnamigen Ballade von Gustav Schwab erfährt von seinem vorzeitigen Ableben, von seinem Unglücksfall auf dem zugefrorenen Bodensee, und zusammen mit der Buchweltverwaltung macht er sich Gedanken zu seiner Rettung.

Giwi Margwelaschwili geht dem Ursprung von Literatur nach und interessiert sich stark für die Philosophie. Sein Begriff der Ontotextologie ist von Martin Heideggers Ontologie beeinflußt. Doch werden die Erzählungen nie kopflastig, sie schildern in amüsantem Gestus ihre Verstrickungen in der Buchwelt – und welche Probleme auf eine Figur zukommen, die auf Seiten aus Papier umhergeistert. So greift auch die Titelgeschichte genau dieses Thema auf: Ein alter Leser verstirbt über die Lektüre eines Gedichts und die Versweltverwaltungsbeamten vermuten, sein Geist lebe in den Versen des Gedichts fort.

Die Erklärungen in seinem Roman „Officer Pembry“ waren manchmal recht literaturtheoretisch.

Auch die Erzählungen in „Der Tod des alten Lesers“ sind Metaliteratur – doch die Texte lassen sich flüssig lesen. Am Spiel mit Real-/Buchwelt-Verstrickungen muß der Leser natürlich Gefallen finden. Literatur bildet – trotz gegenteiliger Tendenzen bei manchen Verlagen – eben doch nicht immer bloß das Zusammenleben zwischen Menschen ab, sondern geht manchmal tief in die Buchwelt hinein und stellt sich pointierte Fragen, was etwa geschehe, wenn Figuren in literarischen Texten das Wort zur kritischen Äußerung erheben.

Margwelaschwilis eigene Biographie spielt in diese Beschäftigung stark mit rein.

Er hatte selbst die Macht der Stalin-Diktatur erleben müssen, und er wurde von seinem ursprünglichen „Sprech- und Denkzimmer“ (ein Begriff Margwelaschwilis, den er in dem zweibändigen autobiographischen Roman „Kapitän Wakusch“ anführt) in ein fremdes, das sowjetisch-georgische, gesteckt und mußte sich an neue Lektüretechniken gewöhnen. Manches durfte nicht so gelesen werden, wie es der Schriftsteller Margwelaschwili gerne getan hätte. (Vgl. hierzu auch das Portrait des Autors auf satt.org.

Im Vergleich zu seiner Autobiographie „Kapitän Wakusch“, die 1991/1992 im Südverlag erschienen ist, nimmt sich das neue Buch als ein Werk mit schnellerem Zugang aus. Versucht Margwelaschwili im „Kapitän Wakusch“ eine möglichst präzise Dokumentation der letzten Kriegsjahre und seiner Zeit im Gefangenenlager Sachsenhausen, so übt er sich im „Vom Tod eines alten Lesers“ in beschwingten Ausflügen in die Gesetzmäßigkeiten der Vers- und Buchwelt. Sehr lesefreundlich scheint mir das Format des gebundenen Buchs: Es liegt ausgesprochen gut in den Händen und die Seiten lassen sich locker mit einer Hand umblättern. Da hat der Verbrecher Verlag ein schönes Format für eine anregende Lektüre geschaffen.


Giwi Margwelaschwili:
Vom Tod eines alten Lesers

Verbrecher Verlag, Berlin 2008
Gebunden, 19.90 Euro
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