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Die Box




1. November 2008
Dominik Irtenkauf
für satt.org

Buchexistenzen in Krimis
und Zuschauerräumen

Ein Porträt des Autors Giwi Margwelaschwili

Giwi Margwelaschwili wurde 1927 in Berlin geboren und wuchs in der dortigen georgischen Diaspora auf, wobei sein Vater ein wichtiger Philosoph war und den Exil-Georgiern in Deutschland vorstand. Giwi Margwelaschwili spricht kaum Georgisch, Deutsch ist seine Muttersprache.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs werden sein Vater und er vom NKWD – dem sowjetischen Geheimdienst für innere Angelegenheiten – in die Sowjetzone Berlins gelockt und dort inhaftiert. Giwi Margwelaschwili kommt mit dem Schrecken und einer Deportation in die SSR Georgien davon; sein Vater wird exekutiert, was Giwi erst viele Jahre später erfährt. In der fremden Umgebung kommt er bei Verwandten unter, eignet sich Georgisch als auch Russisch vor Ort an, und lehrt lange Jahre als Deutschlehrer und Dozent. Seine philosophischen (in Russisch verfaßten) Schriften (zu unter anderem Martin Heidegger und Edmund Husserl) sind noch heute in der georgischen Intellektuellenwelt von Bedeutung.

Da er aufgrund vorherrschender Verhältnisse nicht nach Deutschland zurückkehren kann, andererseits aber sein literarisches Schaffen in den vierzig Jahren in der SSR Georgien nicht unterbrechen möchte, schreibt er auf Deutsch unzählige Romanmanuskripte. Als er schließlich 1991 nach Deutschland zurückkehrt, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, bringt er einen anderthalb Meter hohen Stapel an Manuskripten mit. Der exilierte Autor mit weltliterarischen als auch historischen Stoffen (die sich mit der im Westen kaum bekannten reichen georgischen Kulturgeschichte auseinandersetzen) findet Verleger. Unter anderem werden seine Bücher zu Beginn der neunziger Jahre bei Rütten & Loening oder Insel veröffentlicht. Doch da die Verkäufe hinter den Erwartungen zurückbleiben, verliert er die Publikationsmöglichkeit bei den großen Verlagshäusern und veröffentlicht nun in regelmäßigen Abständen beim kleinen, feinen Verbrecher Verlag aus Berlin.

  Giwi Margwelaschwili: Zuschauerräume

Giwi Margwelaschwili: Officer Pembry

Margwelaschwili geht in seinen Büchern, sowohl in den Romanen, dem Erzählwerk als auch in einem jüngst veröffentlichten Lesedrama (Zuschauerräume, Berlin 2008), einer konsequenten Frage nach: Was passiert, wenn Buchinhalte (ontotextologische Sujets) in die Realwelt eingehen? Besitzen die Figuren aus literarischen Texten auch eine Existenzberechtigung außerhalb der Buchseiten?

Im Roman „Officer Pembry“ nimmt die krimibibliologische Handlung des Kriminal-Bestsellers „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris erschreckende realweltliche Konturen an. Durch eine Namensparallelität gerät Officer Pembry in den Fokus des hochintelligenten Serienkillers Hannibal Lecter – eine schöne Nebenbeobachtung im Buch verbindet den Nachnamen des Schwerverbrechers mit dem Beruf des Lektors.

Eine Spezialeinheit der Kriminalpolizei, die Prospektive Kriminalpolizei (abgekürzt: PKP), kümmert sich um die Parallelfälle zwischen Buch- und Realwelt. Zirka 100 Jahre nach Erscheinen des bereits genannten Krimibestsellers überschneidet sich die Buchrealität mit „realpersönlichen Schicksalsverläufen“, das heißt, ein Officer Pembry durchläuft genau die exakte Handlungsfolge, die in dem Buch durch den Schriftsteller Harris in der englischen Sprache vorgegeben wurde. Nun wäre eine solche unabänderliche Erfüllung eines Buchweltschicksals nur wenig interessant für eine Neubearbeitung des Romanstoffs. Doch treten einige Komplikationen auf, und es besteht die Möglichkeit, den durch die Buchvorlage vorgegebenen Mordfall zu verhindern. Margwelaschwili setzt nun einen besonders fähigen Inspektor ein, der den vielsagenden Namen Meinleser trägt, der in Ich-Perspektive seine Bewältigung des prospektiven Mordfalls beschreibt.

Officer Pembry ist alles andere als begeistert. Ja, er beschäftigt sich bald selbst ausgiebig mit dem ominösen Buch, das seinen Tod ankündigt – und in diesem Streitgespräch mit der PKP entwirft der georgische Autor Margwelaschwili im Gewand einer unterhaltenden Kriminalhandlung seine eigene Poetologie der Lektüre. Diese Lektüre ist nicht eine gewöhnliche, die sich mit der Aufnahme der einzelnen Handlungsmuster der Protagonisten zufrieden gibt. Vielmehr wird vom Leser eine eigene Positionierung im Leseprozeß abverlangt: er muß sich möglicherweise selbst mit dem Originalbuch auseinandersetzen, sich mit Officer Pembry, dem potentiellen Opfer Hannibal Lecters, und dem PKP-Inspektor darüber verständigen, wie denn die unabwendbare Buchweltrealität zugunsten des potentiellen Opfers umgekehrt werden kann.

Der allgemein positive Leseeindruck wird durch die oftmals texttheoretischen Argumentationen des PKP-Inspektors geschmälert. Da das Buch kein Krimi im eigentlichen Sinn sein kann, sondern eher eine Art Meta-Krimi oder noch besser: ein Meta-Buch über die Krimilektüre darstellt, wird der Leser, der sich eine spannende Pastiche, eine Herausarbeitung des Originalkrimis erhofft hat, enttäuscht.

Die Gespräche zwischen dem etwas begriffsstutzigen Pembry und der PKP halten zwar das Versprechen eines Kriminalromans, doch liegt die Würze der Handlung keineswegs in der nachträglichen Deduktion eines verübten Verbrechens. Das Buch übersteigt herkömmliche Muster eines strukturell stark vorgegebenen Genres, eben des Kriminalromans, und erörtert auf seinen Seiten die Möglichkeit einer ontotextologischen Aufwertung eines solchen Musters.

Was heißt das? Buchweltfiguren wie der Officer Pembry oder sein Kollege Boyle leben – ontotextologisch gesprochen – nur so lange, wie die Aufmerksamkeit der Leser sie begleitet. In einem Buch aus den frühen Neunzigern, „Der ungeworfene Handschuh“, geht Margwelaschwili in vielen Versuchen, d.h. kurzen Prosastücken, dieses Gedankenspiel durch. Bei der Lektüre der Prosastücke ertappt sich der Leser selbst oft bei der Frage, wie er sich denn selbst in dieser Buchlesewelt verhält, ob er manches lyrische Ich, manchen Helden eines Buches durch Gleichgültigkeit, bösen Eigenwillen oder einfach aufgrund von Schläfrigkeit einen grausamen buchweltlichen Tod sterben läßt. In diesem Band von Erzählungen tritt auch eine Behörde auf, die der Prospektiven Kriminalpolizei in Struktur und Funktion ähnelt, die Buch- bzw. Versweltverwaltung, die oftmals in Notfällen ihre Helikopter und besonders befähigten Sachbearbeiter aussenden muß.

Margwelaschwilis Werke sind, trotz der angesprochenen philosophischen Grundlage, höchst amüsant zu lesen und spielen mit gängigen Erwartungen und Wahrnehmungsmustern. Was in Literaturwissenschafts-Erstseminaren als Intertextualität durchgekaut wird, nämlich das besonders artistische Ineinanderverzahnen von Anspielungen, Zitaten, geflügelten Worten und Charakterneubearbeitungen, führt der deutschsprachige Georgier in seinen Büchern als Kunststücke auf und gewinnt dadurch eine von der reinen wissenschaftlichen Abhandlung nie einlösbare Anschaulichkeit. Umgekehrte Literaturwissenschaft: Textlektüre führt zum Aufbau neuer (literarischer) Texte und nicht zur Analyse, Zerlegung der Texte.

Ein unbescholtener Leser könnte sich fragen, welchen Sinn solche Spiele mit dem Gegensatzpaar Fakt und Fiktion haben können. Erst kürzlich wurde im Online-Feuilleton der ZEIT diese Frage aufgeworfen: Wofür gab es die europäischen Avantgarden, wenn mittlerweile in zeitgenössischer Literatur die lähmende Langeweile herrscht, sich die Autoren in Nacherzählungen des immer wiederkehrenden Alltags verlieren?

Margwelaschwili wirkt der Themenlosigkeit entgegen, indem er der Suche nach dem passenden Sujet auf den Grund geht, und diese poetologische Praxis in seine Romanhandlungen einbaut. Besonders anregend nehmen sich die Ausführungen zur Arbeit der PKP aus. Die Lektüre verändert sich und die PKP bleibt nicht allein Handelnder im Romangeschehen, sondern beeinflußt zugleich den Lektürevorgang: „Diese Erklärung der merkwürdigen Lebendigkeit und Realität bestimmter Kriminalromane, aus denen sich das Arbeitsmaterial der PKP zusammensetzt, ist mir gerade bei jener ersten, ganz unbefangenen und unmittelbaren Lektüre des ,Schweigens der Lämmer‘ gekommen, die ich kurz vor dem entscheidenden und krimibibliologisch schicksalhaften Prüfungstag der zwei realen Polizeibeamten Pembry und Boyle begonnen habe. Die merkwürdige Sache hat ganz langsam, ganz graduell, angefangen, das heißt, zuerst habe ich nichts bemerkt und das Gelesene genauso aufgenommen, wie man eben einen Buchtext rezipiert, nach den dort angelegten und verknüpften Begrifflichkeiten.“

Zugegebenermaßen muß sich der Leser auf diese Reflexionen einlassen. Ein wenig seltsam mutet es schon an, wenn die Protagonisten des Romans sehr literaturbeflissen reden, das heißt: eine nicht geringe theoretische Vorbildung aufweisen, mit der sie sich zur aktuellen Lage der intertextuellen Verweise im Officer Pembry äußern.

Ganz anders und doch ähnlich verfährt Margwelaschwili in seinem Lesedrama „Zuschauerräume“: wurde es in der (deutschen) Romantik schick, Dramenstücke zu schreiben, die kaum auf eine Bühne gebracht werden können (man denke an Ludwig Tiecks „Der gestiefelte Kater“ mit seiner verschachtelten Struktur), so lösten sich Theaterstücke zunehmend von einer reinen Lektüreerfahrung und integrierten neue Formen der Performanz in ihre Dramaturgie.

Margwelaschwilis Lesedrama nimmt diese Entwicklung wieder ein wenig zurück und spielt den Gedanken durch, was geschehe, wenn ein König in einer auf der Bühne inszenierten Welt einen paranoid zu nennenden Argwohn gegen sogenannte Zuschauerräume entwickelt. Diese Zuschauerräume sind Räume, in denen es möglich ist, daß Fremde, das heißt: nicht zur eigentlichen Theaterwelt gehörige Zuschauer, das Geschehen und jede Handlung beobachten können. Der König trifft Vorkehrungen und setzt alles daran, diese Zuschauerräume zu zerstören. Auch in diesem Werk thematisiert Margwelaschwili poetologische und rezeptionsästhetische Fragen: Wie kommen Lesererwartungen zustande und wie steuern sie unsere Lektüre?

„ERPICH hinzutretend: Ja, von hier sehen, nach seiner Meinung, die fremdweltischen Geister zu uns herein, das jenseitige Zuschauervolk, für das wir spielen und bluten müssen. Die ,Wand‘ anfassend: Komisch, nicht?
So ein dichtes Gestein! Für unsere Begriffe ist ein Durchsehen hier einfach die reinste Unmöglichkeit. Aber für Geister – ein Kinderspiel.
VON RAMESIN: Du glaubst den Unsinn?
ERPICH leidenschaftlich: Nein! Das ist kein Unsinn. Meine Intuition sagt mir, daß er sich nicht täuscht. Die Zuschauer von der anderen Welt sind wirklich vorhanden. Auch ich fühle mich jetzt manchmal schon von ihnen angestarrt. Weißt du, es ist eine ganz seltsame Erfahrung, ein prickelndes Gefühl, wie ein Kälteschauer den ganzen Rücken entlang. Mir ist das in den letzten zwei Zuschauerräumen widerfahren, welche wir vernichtet haben.“

Durch das gesamte Drama zieht sich eine Spannung, die durch die Paranoia des Königs und die Aktionen seines Widersachers, des Herzogs, aufrecht erhalten wird. Man liest das Drama nicht unbeteiligt, denn die Figuren treten ganz nah an den (imaginären) Bühnenrand heran, und stellen dem Zuschauer respektive dem Leser unangenehme Fragen, wie etwa diese der Prinzessin Dornrose:

„Ihr ... Ihr ... Wenn es euch gibt, warum kommt ihr nicht auf die Szene, um zu retten? Ihr müßt euch doch erbarmen! Ihr könnt euch den Mord hier oben doch nicht nur ruhig ansehen! Ihr müßt doch hier herein und den Totschlag verhindern, wenn ihr Menschen seid. Wenn ihr Menschenähnliche seid!“

Dieser Durchbruch der textuellen Ebene führt immer wieder die Grenzen der Gattung vor. Als Untertitel wählte der Autor den Terminus „ein historisches Märchen“, was den Leser durchaus verunsichern kann. Gibt es denn jetzt die Zuschauerräume wirklich oder fingiert der Autor solche nur im Gewand eines Märchens, das eine längst vergessene Zeit zum Inhalt hat. Ist die Formulierung „ein historisches Märchen“ nicht in sich bereits ein Widerspruch? Ein Märchen behandelt eigentlich eine Zeit jenseits der Zeit, nimmt parabelhafte Züge an und bedient sich einer klaren Figurenzeichnung und eindeutigen Trennung zwischen Gut und Böse.

Schauen wir uns Margwelaschwilis Lesedrama auf diese Gattungsspezifika nochmals an, fällt auf, daß die Zuschauerräume für ein Märchen zu historisch sind, deshalb wohl auch das Attribut im Untertitel. Die Angst vor der Geschichte, im Sinne der Historie, treibt den König und seine Offiziere um. Doch für eine historische Handlung sind die Szenen und Handlungsorte zu ungenau. Gerade weil die Zuschauerräume, die regelmäßig in dem Werk auftauchen, als geschichtliche Orte klassifiziert und deshalb vom Soldatenheer des Königs zerstört werden, kann sich eigentlich keine historisch lokalisierbare Wirklichkeit einstellen. Wird ein Raum als Zuschauerraum entlarvt, folgt seine Zerstörung. Der Herzog möchte diesen Wahnsinn des Königs stoppen und zum Schluß des Dramas spitzt sich die Situation zu ... Ein durchaus umsetzbares Theaterstück über einen wesentlichen, dennoch im Stück meist unsichtbaren Teil jeder Aufführung: das Publikum.

Der Reiz an Margwelaschwilis Werk liegt meines Erachtens in der konsequenten praktischen Umsetzung seiner Ontotextologie als einer Philosophie, die die Implikationen der Textproduktion und Textrezeption durchspielt. Die Personagen in seinen Büchern folgen nicht unbedingt dem Plot des Autors, sondern hinterfragen in ihrer Forderung nach ontotextologischer Selbstbestimmung das Zustandekommen von Romanhandlung. Es scheint während der Lektüre, als würden sie sich der vorgesehenen Handlungsbahnen entwinden. Und auf diese Weise ironisieren sie noch so hochgesteckte Ziele ihres Schöpfers. Ein Ontotextologe trickst sich gewissermaßen selbst aus, um noch Literatur erzählen zu können. Dabei weiß er ganz genau, was er tut. Ein paradoxes Spiel. Diese Erkenntnis findet sich bereits im Klappentext der 1992 erschienenen Sammlung „Der ungeworfene Handschuh“: „Es ist ein Werk von überraschender Heiterkeit, ironisch, spielerisch und doch sehr genau, und nicht von ungefähr steht im Zentrum seiner Poetik das Bemühen, ,den Menschen in seinen ontotextuellen Grundzustand der Weltoffenheit zurückzubringen‘, was bedeutet, ihn demokratischer Denkweisen zu befähigen.“



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Verbrecher Verlag Berlin 2007
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Giwi Margwelaschwili: Zuschauerräume
Ein historisches Märchen
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