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Die Box




April 2008
Gerald Fiebig
für satt.org
Franz Dobler: Aufräumen

Dobler räumt auf
im ganz großen Stil

Gerald Fiebig bespricht den neuen Roman von Franz Dobler und interviewt den Autor

Dass der in Augsburg lebende Schriftsteller Franz Dobler ein Meister der kleinen Form ist, hat er zuletzt mit seinem Sammelband „Sterne und Straßen“ bewiesen. Seit Erscheinen seines ersten Romans „Tollwut“ (1991) sind 17 Jahre vergangen – nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, schließlich ließ Thomas Pynchon eine ebenso lange Pause zwischen „Gravity’s Rainbow“ und „Vineland“. Allerdings hat Dobler zwischenzeitlich in zahlreichen Büchern die Grenze von Erzählung, Reportage und Musikfeuilleton ausgelotet. 2002 veröffentlichte er seine wohl bekannteste Arbeit: „The Beast In Me“, eine Biografie des Countrysängers Johnny Cash. Doch nun hat Dobler, einer der ganz wenigen „Popliteraten“, die auch wirklich etwas von Musik verstehen, seinen zweiten Roman vorgelegt.

Er heißt „Aufräumen“ und ist ein virtuoser Wurf: Sexy und politisch, flapsig und romantisch, poetisch und radikal sind bei Franz Dobler keine Widersprüche, sondern schillernde Facetten eines großartigen Kunstwerks aus dem Geiste des Pop. Oder vielmehr des Beat. Beat Faller wohnt in einer namenlosen deutschen Großstadt. Er hat einen komischen Vornamen, weil sein Vater, der sich kurz nach seiner Geburt aus dem Staub machte, Schweizer war. Jetzt ist Beat 45 Jahre alt, aber der „Beat“ spielt immer noch eine große Rolle in seinem Leben. Der Technobeat in dem Club, wo er sich seinen Lebensunterhalt verdient. Der nervige Beat aus den Zimmern seiner Nachbarn. Und der Beat der Musik, die er liebt und manchmal als DJ auflegt – vornehmlich alte, unkommerzielle Platten ohne Massenappeal. Deshalb hat er mit seinen Auftraggebern bei dem Musikmagazin, für das er gelegentlich schreibt, immer mehr Probleme. Richtig große Probleme hat er jedoch mit anderen Auftraggebern. Die wollen ihm ans Leder, weil sie zu Unrecht annehmen, er habe ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt.

Mit Monika, die er zufällig kennenlernt, weil sie eine Kiste Schallplatten durch die Stadt karrt, hat er hingegen sofort etwas gemeinsam: „Ich weiß, was du meinst, kenn ich genauso, sie halten mich für zurückgeblieben, weil ich mir eine Single kaufe, aber den Arsch, der zehntausend Leute feuert, weil der Konzern letztes Jahr nur acht statt dreizehn Prozent mehr Gewinn gemacht hat, nennen sie erwachsen.“

Sätze wie dieser finden sich reihenweise in „Aufräumen“. Dobler gelingt es virtuos, solche pointierten Kommentare zum beschädigten Leben in eine vielschichtige Story einzubetten. Denn „Aufräumen“ birgt wie alle große Literatur zahlreiche Geschichten in sich. Beats Verfolgung durch seine Gegner sorgt für Thriller-Spannung, parallel entwickelt sich eine furiose Liebesgeschichte. Doch in erster Linie ist „Aufräumen“ ein Gesellschaftsroman, der Deutschland konsequent aus der Perspektive der Außenseiter ins Visier nimmt. Aus der von Beats türkischen und griechischen Freunden Yz und Jorgos. Und aus der seines Vorbilds Kossinsky – ein alter, längst vergessener jüdischer Schriftsteller, der die Shoa überlebt hat und seither seinen lebenslänglichen Kampf gegen das Land der Mörder führt. Solche Menschen, das wird in „Aufräumen“ deutlich, wirken zivilisierend auf die deutsche Gesellschaft. Gäbe es sie nicht, wäre dieses Land schon längst ein Ort, wo nur noch der Amoklauf von Abstiegsangst zerfressener Mittelschichtler die Tagesordnung bestimmt. Beat hingegen läuft nicht Amok, trotz aller Wut auf die Demontage gesellschaftlicher Freiräume; er räumt sein Leben auf und beginnt mit Monika vielleicht sogar ein neues. Seine Geschichte und die seiner Freunde ist ein trotziges Beharren darauf, dass es auch 40 Jahre nach 1968 und 30 Jahre nach Punk noch lohnt, an den prekären Rändern der Kontrollgesellschaft nach Spurenelementen eines besseren Lebens zu suchen, anstatt darüber nachzudenken, wie man in Ehren ergraut. „Den Weg durch die Wüste schafft niemand allein. Und wer das weiß, weiß viel.“ And the Beat goes on.


Gerald Fiebig im Gespräch mit Franz Dobler:

Franz Dobler
Franz Dobler
Foto: Ralf Illing

Gerald Fiebig: Franz, in deinem neuen Roman spielt Musik eine große Rolle, und vielen Lesern bzw. Hörern bist du als Musikkritiker, CD-Herausgeber und Musikbiograf bekannt. Gab es in deiner schriftstellerischen Laufbahn einen Punkt, an dem du dir gesagt hast: „Das mache ich zu meinem Thema“?

Franz Dobler: Nein. Die Musik hat sich offensichtlich reingedrängt und hört nicht auf damit.

Gerald Fiebig: Fühlst du dich beschimpft, wenn man deine Arbeiten zur „Popliteratur“ zählt?

Franz Dobler: Wenn man den Begriff ernst nimmt, dann stehen am Anfang (in Deutschland) Autoren wie Brinkmann, Fauser, Fichte. Damit ist der Begriff gerettet. Und zu Pop gehörte schon immer das Trivial-Banal-Doofe, aber auch das Experimentelle, Aggressive, Nihilistische. Popliteratur, als Trend der letzten Jahre, wurde von Kritikern schnell wieder in den Eimer getreten, die keine Ahnung hatten, dass die Geschichte etwas größer ist. Ich glaube, ich habe mich selber nie als Popliterat bezeichnet, kann aber mit der Irgendwie-Zuordnung leben (irgendwie), also: so what?

Gerald Fiebig: Du hast dich dem „Romanzwang“ des Buchmarkts nach dem Kult-Erfolg deines Romandebüts „Tollwut“ zugunsten kleinerer, auch experimentellerer Formen verweigert. Warum jetzt doch wieder ein Roman?

Franz Dobler: An meinem ersten Roman hab ich insgesamt vier Jahre gearbeitet – so geht’s nicht, dachte ich, ist mir zu zäh. Und ich hatte immer genug anderes zu tun. Jetzt hab ich etwas mehr als ein Jahr gebraucht, das ist okay – ich hatte den Eindruck, „Aufräumen“ funktioniert nur in dieser Länge, und weil ich selten mit dieser Länge arbeite, war es eine Herausforderung, die Spaß gemacht hat. Ich muss zwischen solchen langen Arbeiten kürzere schreiben, sonst wird’s öde. Dass der Roman inzwischen die bestimmende Form auf dem Literaturmarkt ist, hat vor allem kommerzielle Gründe: lässt sich am einfachsten verkaufen. Deswegen hat man oft den Eindruck: 50 Seiten hätten gereicht. Im Grunde kann man jeden Mist auf 500 Seiten aufblasen, jede bescheuerte Kleinigkeit ausmalen bis zum Letzten, was soll der Quatsch? Kommt aber an – siehe den Wahn mit historischen Romanen: Aus jedem Spaziergang von Goethe mit irgendeinem Girl kannste einen Roman basteln.

Gerald Fiebig: Du hast seit Deinen ersten Buchveröffentlichungen in der Edition Nautilus in einer ganzen Reihe von Verlagen publiziert, so im bommas verlag, in der Edition Tiamat, bei Antje Kunstmann und im belleville Verlag – wobei belleville-Verleger Michael Farin in deinem neuen Buch, das bei Kunstmann erschien, als Lektor genannt wird. Sind die Lektoren für einen Autor im Zweifelsfall wichtiger als die Verleger?

Franz Dobler: Nach dem Johnny-Cash-Buch bei Kunstmann zu bleiben, war mein Wunsch, weil ich das Programm, die Leidenschaft, die Mitarbeiter, das Klima großartig finde. Und die Chefin hatte die Idee, mir Michael Farin als Lektor zu verpassen. (Der spezielle Witz ist, dass das Buch „Amok“, das bei mir eine wichtige Rolle spielt, in seinem Verlag erschienen ist). Und der war wirklich hart, und hat schon einige Autoren vertrieben, die sich dem nicht aussetzen wollten. Aber ich kenne ihn seit vielen Jahren und wusste, dass ich zwar nicht jeden seiner Vorschläge annehmen, aber über jeden genau nachdenken muss. Man vertraut ja nicht jedem, der zu einem sagt: Diese fünf Seiten streichst du besser, und dieser Dialog, der ist langweilig. Wenn man so will: In diesem Haifischbecken hatte ich die besten Haie auf meiner Seite.

Gerald Fiebig: „Amok“ wird in deinem Roman als Quelle genau benannt, ähnlich wie einige wenige Schallplatten, und es gibt im Buch auch eine herrliche Stelle, in der literarisches Namedropping ad absurdum geführt wird. Welche Rolle spielt die Recherche mit oder Einverleibung von fremden Texten für einen Roman wie „Aufräumen“?

Franz Dobler: Im Fall von „Amok“, der Studie von Lothar Adler, kann der Leser die Recherche mitverfolgen, weil die Hauptperson das nachliest. Was Einverleibung betrifft, gibt es nur eine Stelle: Die zwei Verliebten kennen den Film „Out of Sight“ und spielen damit herum, wie es ihnen grade gefällt, stellen sich vor, sie wäre die Polizistin, die auf ihn angesetzt ist. Ist aber nicht nötig, dass der Leser den Film nach dem Buch von Elmore Leonard kennt, um das zu verstehen. „Aufräumen“ ist ja ein schlampiger, verkappter Thriller, da gehört diese Stelle dazu.

Gerald Fiebig: Du arbeitest ja auch bei deinen Liveauftritten an der Schnittstelle von Musik und Sprache, etwa mit deinem DJ Hoerspiel Ensemble zusammen mit Hubl Greiner. Wobei du dabei sowohl mit eigenen Texten als auch mit Aufnahmen fremder Texte arbeitest. Gibt es da eine gegenseitige Beeinflussung zwischen dieser Art der Arbeit mit Sprache und dem Schreiben?

Franz Dobler: Die Auftritte mit dem DJ Hoerspiel Ensemble haben viel mit Collage und Improvisation zu tun, eben mit der Live-Situation, mit meinem Partner – alles ist möglich. Während das Collagieren bei meinem Schreiben praktisch keine Rolle spielt.

Gerald Fiebig: Bleiben wir noch beim Thema Sound. Auf deiner Website steht zu lesen, dass du Dozent für die akustische Gestaltung von Texten warst. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Franz Dobler: Studenten, die bei einer Lesung von mir waren, haben mich damals eingeladen. Im Fach Design gibt es auch die Abteilung Akustik, und bei mir ging es dann um die Frage, wie man einen Text inszenieren/vortragen kann. Einfaches Beispiel: Wird er gebrüllt, wird er von zwei Personen ruhig vorgetragen, sind die in schwarz gekleidet oder nackt und läuft im Hintergrund die Deutschlandhymne? Plötzlich öffnet sich hinter dem Text ein riesiger Raum von Möglichkeiten. Den man auch größtenteils ignorieren kann – geht nur darum, dass man sich dessen bewusst ist.



Franz Dobler: Aufräumen. Roman.
Verlag Antje Kunstmann, München 2008
Gebunden mit Schutzumschlag
208 Seiten, 17,90 Euro
» www.franzdobler.de
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