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Die Box



März 2004
Gerald Fiebig
für satt.org

Franz Dobler:
Sterne und Straßen

Feuilletons
Edition TIAMAT, Berlin 2004

Franz Dobler: Sterne und Straßen

128 S.. € 12
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Vom Leben und Sterben am Plattenteller und an der Tastatur

Über das neue Buch von Deutschlands einzigem Popautor Franz Dobler



Viele Schriftsteller schreiben für das Feuilleton, um die Zeit zwischen zwei Romanen finanziell zu überbrücken, aber kaum ein deutscher Schriftsteller hat das Feuilleton, jenes fruchtbare, oft unterschätzte Niemandsland zwischen Rezension, Erzählung und Essay so konsequent zu seiner Form gemacht wie Franz Dobler (www.franzdobler.de).

Anders als seine Kollegen Wiglaf Droste oder Max Goldt, deren Buchveröffentlichungen immer Kompilationen ihrer Feuilletonbeiträge für Zeitungen und Zeitschriften waren, hat Dobler seine Laufbahn als Erzähler begonnen. Auf den Erzählungsband Falschspieler (1988) folgte 1991 der preisgekrönte Roman Tollwut, der Dobler unter anderem den Vergleich mit dem früh verstorbenen Romancier Jörg Fauser eintrug, auf den er sich auch selbst immer wieder bezogen hat. Wie Fauser, dem es stets wichtig war, seine erzählerische und seine journalistische Arbeit nicht zu trennen, hat auch Dobler nach den ersten, klar einem Genre zurechenbaren Büchern in seinen zahlreichen späteren Veröffentlichungen immer stärker eine Mischform aus Erzählung, Reportage und (fingiert) autobiografischer Glosse gepflegt: 1998 nannte er einen Prosaband in parodistischer Anspielung auf einen Titel des Elfenbeinturmbewohners Peter Handke programmatisch Nachmittag eines Reporters. Doblers Methode kommt gerade auch seinen Literatur- und Musikrezensionen zugute, die er für Zeitungen wie die taz, die junge Welt und die Süddeutsche schreibt: ich kenne keinen Kritiker, der es wie Dobler schafft, Begeisterung oder Abscheu über Kunstwerke so intensiv, aber nie auf peinliche Art zu vermitteln, weil er immer aufs Ganze geht und die Wirkung greifbar macht, die Musik und Literatur in seinem Leben hat. Und weil er immer plastische Geschichten über die Erlebnisse mit Büchern und Musik zu erzählen weiß, ist das bei ihm keine subjektivistische Nabelschau, sondern eine besonders glaubwürdige Art, über Kunst zu schreiben – weil Kunst ihre Wirkung ja immer (zuerst) in einzelnen subjektiven Köpfen hinterlässt.

Sein neues Buch Sterne und Straßen versammelt, so der Untertitel, "Feuilletons" aus den Jahren 1983 bis 2003. Dass er darunter Erzählfragmente, eine Rede zur Konfirmation seiner Tochter, ein unveröffentlichtes Hörspiel und Leserbriefe ebenso subsumiert wie typischere Feuilletonbeiträge von Buch- und Konzertkritiken über Städteporträts bis zu Sportglossen, zeigt, dass die "kleine" Form des Feuilletons für Dobler die Form des Schreibens überhaupt ist, in der sich privater Lebensalltag und kommunalpolitische Miseren mit den Absurditäten des Kulturbetriebs und rassistischen Klischees in der Werbung berühren, in der aber auch die großartigen Momente Platz finden, die Musik und Bücher vermitteln können – und in all diesen Bereichen vermag das intelligent beobachtende Feuilleton politisch symptomatische oder "fragwürdige" Aspekte aufzuspießen. Nicht unbedingt, um sie zu bewerten, sondern um sie überhaupt zur Kenntnis zu bringen. Franz Doblers Feuilletons sind oft wohltuend parteiisch, nie anbiedernd, und vor allem: Sie stellen die richtigen Fragen. Und sie geben gute Tipps, wie z.B. den Hinweis auf die längst vergriffenen Bücher des kürzlich verstorbenen, aber längst gründlich vergessenen Hans Frick, von dem das ZVAB immerhin noch einige Bücher anbietet. Ich werde sie bestellen, sobald ich diese Rezension abgeschickt habe.

Die für Dobler so charakteristische "Koppelung des Individuellen ans unmittelbar Politische" sahen Gilles Deleuze und Félix Guattari übrigens als eines der wesentlichen Merkmale einer nicht etablierten, guerillamäßig wendigen "kleinen Literatur" an, die sich dem Korsett journalistischer Sprachregelungen ebenso entziehen sollte wie den konventionalisierten Erwartungen, wie denn ein "guter Roman" auszusehen habe, einer Literatur, die sie schon 1975 programmatisch als "Popliteratur" bezeichneten (und herbeiwünschten). In diesem guten Sinn des Begriffs kann man Franz Dobler als einen der ganz wenigen Popliteraten in der deutschen Gegenwartsliteratur sehen, einen, der wie zu anderen Zeiten, an anderen Orten Anton Kuh oder Lester Bangs "fähig ist, die Sprache auszugraben und sie freizusetzen auf eine nüchtern-revolutionäre Linie".

Am 16. April 2004 liest er in Berlin im Eiszeit-Kino, und das lohnt auf jeden Fall. Wenn er nicht sogar gute Platten zum Auflegen während der Lesung dabei hat – das Handwerk, seinen Texten auch auf einer Bühne den richtigen Sound zu geben, versteht Franz Dobler allemal.