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Die Box



Mai 2004
Tobias Lehmkuhl
für satt.org

Hœricht 4
» Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung. Gelesen von Thomas Holtzmann.

» Kater-Poesie. Trunkene Verse von Goethe bis Gernhardt.

» Alain De Botton: Trost der Philosophie.

» Bettina Hesse: Heiss und Innig. Gelesen von Doris Plenert und Matthias Haase.

» Gesprochene Lieder. the spoken lied. Lutz Görner spricht die Lieder von Schumann und Schubert.


 Hœricht: Hörbücher - vorgestellt von Tobias Lehmkuhl

Teil 4
[7] [6] [5] [3] [2] [1]



THOMAS BERNHARD: Holzfällen. Eine Erregung. Gelesen von Thomas Holtzmann.

THOMAS BERNHARD: Holzfällen

THOMAS BERNHARD: Holzfällen. Eine Erregung. Gelesen von Thomas Holtzmann, Der Hörverlag, München 2003. 7 CD, 470 Minuten, 49 Euro.
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Nachdem Thomas Bernhards "Holzfällen" 1984 erschienen war, ließ sich der Erfolg des Buches nicht mehr aufhalten. Zwar strengte der Komponist Gerhard Lampenberg einen Prozess an, weil er sich in der Hauptfigur des Romans wiedererkannte und seine Ehre beleidigt sah, der Skandal und die erfolglose Klage aber beförderten nur den Verkauf - so wie es immer wieder geschieht und so wie es immer wieder ein lächerliches Schauspiel abgibt, wenn jemand versucht, einen Roman verbieten zu lassen.

Viele schätzen "Holzfällen" außerordentlich und packen es sogar in ihren "Kanon", auch wenn es doch eher eine Einübung in die noch großartigere "Auslöschung" darstellt, so wie die bereits großartige Erzählung "Wittgensteins Neffe" eine Einübung in "Holzfällen". Alle drei Bücher sind giftige Suaden auf alles Österreichische, verzweifelte Monologe eines Österreichkranken, groteske Auswürfe einer grenzenlosen Österreichabscheu. Und zugleich Ausdruck einer unüberbietbaren Österreichverklammerung.

Anlass der "Erregung", wie "Holzfällen" recht euphemistisch im Untertitel heißt, ist die Begegnung des Erzählers mit dem Ehepaar Auersberger, durch und durch "perfiden Gesellschaftsonanisten", die ihn zu einem "sogenannten künstlerischen Abendessen" einladen, dessen Stargast ein Burgschauspieler ist, der "Prototypus des Wiener Kunstpopanzen und Pseudokünstlers". Hier trifft der Erzähler auf all die Menschen, mit denen er zwanzig Jahre zuvor gebrochen hatte. Und wie vor zwanzig Jahren erscheinen sie ihm lächerlich und verkommen. Er verachtet und hasst sie, sie sind ihm widerlich. So wie er sich selbst manchmal widerlich und verabscheuenswürdig vorkommt, auf dem Ohrensessel sitzend, ihr dummes Geschwätz belauschend.

Für einen Sprecher ist diese monomanische Tirade keine leichte Aufgabe. Thomas Holtzmann gelingt es meistens, die Erregung, die nicht crescendoartig durch den Text läuft, sondern stetig präsent ist, an den richtigen Stellen konvulsivisch aufflackern zu lassen. Der Eintönigkeit, von der der Text stellenweise geprägt ist, hätte allerdings mit einer Forcierung des Tempos begegnet werden können.

Zudem bildet Holtzmann die Momente, in denen der Erzähler an den Rand der Hysterie gerät, leider überdeutlich ab. Die sich zeitweise bis zum Krächzen steigernde Artikulation lässt an etwas denken, das mit Altersstimmbruch wohl am besten beschrieben ist. Denn das Alter des Sprechers, so schön es sein mag, ist das Problem: Er ist 25 Jahre älter als die Rolle, in die er schlüpft. Und wenn er das kurze "i" wie ein Ausrufezeichen liest und grell betont, dann ist das weit entfernt von jenem in sich hineinfluchenden "Bass-Bariton" auf dem Ohrensessel in der Gentzgasse zu Wien. Aber schlimm ist das nicht. Höchstens schlii!!mm.



Kater-Poesie. Trunkene Verse von Goethe bis Gernhardt.

Kater-Poesie. Trunkene Verse von Goethe bis Gernhardt

Kater-Poesie. Trunkene Verse von Goethe bis Gernhardt. Verschiedene Interpreten. Patmos, Düsseldorf 2003. 1 CD. 49 Minuten.
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Eigentlich zeigt das Oktoberfest vor allem eins: Der Mensch bedarf der Kunst. Ist er betrunken und bar aller Hemmungen, drängt es ihn zum Gesang. Wie schwer muss es den Leuten fallen, dürfte sich der außerirdische Beobachter eines Saufgelages fragen, sich in ihrem prosaischen Alltag zusammenzureißen und all die Lieder zu unterdrücken, die sie doch so gerne singen. Wein, Weib und Gesang, heißt es, allein der Fortpflanzungstrieb also steht nach dem Genuss von Alkohol noch vor dem Bedürfnis, sich reimend zu äußern.

Allerdings gibt der Körper nach einigen Maß deutliche Zeichen, dass bevölkerungspolitisch vorerst nichts mehr zu machen ist, wohingegen der Geist auch weiterhin glaubt, der eine oder andere Vers würde ihm noch gelingen, ja häufig sogar meint, er vollbringe ganz Erstaunliches (Hemingway litt dreißig Jahre lang unter dieser Wahnvorstellung).

"Seht ihn an, den Dichter:/ Trinkt er, wird er schlichter." Ein wahres Wort spricht Robert Gernhardt in seinem Gedicht "Folgen der Trunksucht". Das Kind und der Betrunkene, sagt man, sprächen immer wahr. Einsichtig aber zeigen sich beide nicht; Klein-Washington fällt einen Kirschbaum nach dem andern und der Dichter singt weiter von Wein und Rhein. Was auf "Kater-Poesie" zu hören ist, taugt allenfalls zum fröhlichen Reimeraten: Man hört sich einen Vers an, drückt auf Pause, dichtet selbst den nächsten Vers und schaut dann, ob die Versionen übereinstimmen. Wählt man immer die naheliegendste Wortkombination, liegt man meistens richtig. Es sind nicht "Trunkene Verse", wie das Cover verspricht, sondern fast ausschließlich schlichte Jamben. Rhythmische Aussetzer, die das Stolpern des Betrunkenen versinnbildlichen würden, findet man keine.

Dieter Mann und Otto Sander, die den Großteil der Aufnahme bewältigen, scheint da die Zunge schwer geworden zu sein. Als habe der Alkohol eine existentielle Bedeutung, ja eine geradezu metaphysische Dimension, verleihen sie den Strophen ein Gewicht, das manchenteils lächerlich macht, was lustig sein könnte. Schöne Stimmen, keine Frage, aber hätten sie sich vor der Aufnahme ein Tröpfchen gegönnt, wäre das ganze vielleicht etwas leichtfüßiger geraten und man hätte es geschluckt.



ALAIN DE BOTTON: Trost der Philosophie.

ALAIN DE BOTTON: Trost der Philosophie

ALAIN DE BOTTON: Trost der Philosophie. Verschiedene Interpreten. Roof Music, Bochum 2003. 6 CDs, 373 Minuten.
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Alain de Bottons "Trost der Philosophie" ist vor allem ein Lob der Philosophie. Dabei kommt dem Autor nicht in den Sinn, dass der Wert der Philosophie keineswegs nur im praktischen Nutzen liegt, den man aus ihr ziehen kann, dass ihre Qualität weniger die ist, Antworten zu geben, als Fragen zu stellen. So ist sein Buch zu einer Verklärung der Philosophie geraten, ein augenwischerisches "Healthier Life in 48 Hours", ein Reader’s Digest der Gedanken großer Philosophen, bzw. "Sophies Welt" ohne Sophie.

Bekommt man diese altkluge Lebenshilfe allerdings als Hörbuch geboten, kann man sich einer gewissen Sympathie nicht erwehren, denn die sechs Sprecher, die jeweils ein Kapitel lesen, sind klug ausgewählt. Es mag auch sein, dass der Gegenstand ihnen eine angenehme Gelassenheit verleiht, eine Lesehaltung, die philosophisch zu nennen nahe liegt. Mit warmer, forschender Stimme, sehr bedächtig und manchmal überdeutlich, manchmal verschleifend gibt Christoph Waltz den Sokrates, dessen Apologie er gar mitreißend gestaltet. Jürgen Tarrach, der als Schauspieler auf eher nervöse Rollen spezialisiert ist, liest Bottons Darstellung der Philosophie Epikurs auf eine Art, die schlicht und klar ist, ohne zu langweilen. Ebenso professionell stellt August Zirner Seneca dar. Auch Hansa Czypionka agiert tadellos, obgleich ein wenig zu märchenonkelhaft für Montaigne. Bottons Schopenhauer-Kapitel wird von Monica Bleibtreu wie ein Roman vorgetragen, engagiert auf Spannung setzend, zuweilen aber theatralisch fuchtelnd. Auf Dramatik legt es auch Jasmin Tabatabei im Abschnitt "Nietzsche" an – im Wechsel mit ausgesuchter Coolness. Dass gerade Schopenhauer und Nietzsche von Frauen vorgetragen werden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Befremdlich wirkt allerdings die Technik, Zitate akustisch so zu markieren, dass man den Eindruck hat, der Verstärker würde ständig zwischen Stereo- und Monowiedergabe wechseln und bald seinen Geist aufgeben. Was nicht übermäßig schlimm wäre, griffe man daraufhin zu einem Band Seneca. Oder zu einem jener großen Philosophen, die dieser mit schönen Stimmen vorgelesenen Light-Version entgangen sind.



BETTINA HESSE: Heiss und Innig. Gelesen von Doris Plenert und Matthias Haase.

BETTINA HESSE: Heiss und Innig

BETTINA HESSE: Heiss und Innig. Gelesen von Doris Plenert und Matthias Haase. Audiobuch, Freiburg 2003. 1 CD, 74 Minuten.
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Atemlos. So atemlos liest Doris Plenert die Erzählung "Höhenweg" von Bettina Hesse vor, dass man den Notarzt rufen möchte, so atemlos stockend und aufgebracht, dass kaum ein Satz als solcher zu erkennen ist. Nur einzelne Wörter, herausgehaucht, herausgepresst und hervorgestoßen, als würde die Erzählerin kurz vor dem Gipfel des Mount Everest stehen, ohne Sauerstoffgerät. Aber es ist ein heißer Südländer, der ihr auf dem Höhenweg eines französischen Gebirges den Atem raubt. Gott im Himmel! So nah und doch so fern.

Dieses "erotische Hörbuch" geizt nicht mit Gehechel. Hier "glühen Leidenschaft und Phantasie", hier "erfährt" eine Frau "auf einer Wanderung hingebungsvollsten Sex", hier wird von der "sinnlich geträumten Anziehung eines Paares für eine Nacht" erzählt, die im "Angriff der dicken Zunge" ihren Höhepunkt findet, und hier hört man von einem "von Mutti forcierten Coitus interruptus". Selten wird der Eindruck, den man angesichts ungeschickter bis hanebüchener Verpackungsaufdrucke gewinnt (nur für die furchteinflößende Zunge zeichnet Isabelle Hipper verantwortlich), derart bestätigt. Es ist ein Hörbuch zum Gotterbarmen.

Dass "Heiss und innig" vom Verlag auch noch falsch geschrieben wird, ist in diesem unermesslichen Abgrund kaum noch der Beachtung wert. Den Sprechern mag man keine Vorwürfe machen. Sie tun nichts anderes, als von ihnen erwartet wird. Doris Plenert und Matthias Haase erledigen ihren Job ebenso ironiefrei wie die Damen und Herren hinter den 0190er-Nummern. Es geht nicht um Subtilitäten, sondern um größtmögliche Aufladung der Atmosphäre durch erotische Spannung. Und da die Erzählungen an Erotik nur ziemlich schlichte Phantasien und ein paar "schmutzige" Wörter zur Verfügung stellen, bleibt den Vorlesern nichts übrig, als schwül ins Mikrofon zu stöhnen und so häufig wie möglich lüsterne Töne anzuschlagen.

Der Rezensent hat sich, von dieser CD schon früh zu Boden geworfen, abwechselnd vor Lachen und vor Schmerz gekrümmt. So hat sie ihm tatsächlich noch ein echtes körperliches Erlebnis bescherrt. Unglaublich.



Gesprochene Lieder. the spoken lied. Lutz Görner spricht die Lieder von Schumann und Schubert.

Gesprochene Lieder. the spoken lied.

Gesprochene Lieder. the spoken lied. Lutz Görner spricht die Lieder von Schumann und Schubert. Naxos Verlag, Münster 2003. 1 CD. 56 Minuten.
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Sich über irreführende oder schlichtweg falsche Aussagen aufzuregen, mit denen Verlage die Beipackzettel ihrer Hörbücher gerne bedrucken, ist zwar müßig, es sei aber darauf hingewiesen, dass Lutz Görner auf seiner neuen CD Lieder von Schumann und Schubert spricht. Nicht "die" Lieder. Hätte er sich dieselben tatsächlich allesamt vorgenommen, wie der Titel suggeriert, und nicht nur die absoluten Klassiker ausgewählt, wie es den Tatsachen entspricht, 20 CDs wären nicht genug gewesen.

Aber weg von den Feinheiten der deutschen Grammatik und hin zu einem Hörbuch, das nicht weniger befremdlich ist. Um "Gesprochene Lieder" also soll es sich handeln. Aber kann man Lieder überhaupt sprechen? Indem Robert Schumann Joseph von Eichendorffs "Auf einer Burg" mit einer festen Melodie versah und eine Klavierbegleitung komponierte, entstand das gleichnamige Lied. Dieses bedarf immer seiner musikalischen Realisierung. Belässt man nun die Klavierbegleitung und rezitiert dazu das Gedicht, entsteht noch lange kein Lied. Was man hört, ist ein Gedicht mit Klavierbegleitung, nichts anderes. Da mag sich der Interpret in einem hermeneutischen Gewaltakt auch auf Bert Brechts "Verfremdungseffekt" berufen, er zerteilt lediglich wieder, was einmal zusammengefügt worden war.

Görner ist weit davon entfernt, den Texten auf diese Weise neue Facetten abzugewinnen oder den Hörer in Staunen zu versetzen. Sein Vortrag ist, wo nicht einlullend, oberflächlich und klischeehaft. Liest er ein heiteres Gedicht, dann mit einer Feierlichkeit, die anzeigt, wie fein und sorglos es im Leben doch zugehen kann. Lyrik als Lebenshilfe. Kommt in einem Gedicht das Wort "Grab" vor, so wird Görner gravitätisch und seine Stimme füllt sich mit Gram. Oh ja, das Leben ist endlich und ich fühle mit allen, die gerade den Verlust eines lieben Menschen zu betrauern haben – Lyrik als Beileidsbekundung.

Sicher, Görner liest fehlerfrei und wohlartikuliert, seiner Stimme aber fehlt die Erdung, die entsteht, wenn ein Gegenstand gedanklich und emotional durchdrungen und ausgelotet wird. Von einer tieferen Auseinandersetzung mit den Gedichten Heines oder Goethes ist nichts zu spüren, der Vortrag bedient lediglich die Stereotype der Affektion. Retortengefühle. Passend dazu kommt die musikalische Begleitung – Klavier und Bratsche, zuweilen Saxophon – äußerst hausbacken und uninspiriert daher. Es zeigt sich überdies, dass Sprecher deutscher Zunge in der Lage sind, Fremdsprachen mit starkem oder schwachem Akzent zu würzen, selten aber mit Charme. Und wenn Lutz Görner einmal Französisch rezitiert oder Meike Schmitz auf diesem Hörbuch dreimal etwas Englisches singt, dann wünscht man sich, solches nicht zweimal hören zu müssen.