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Die Box



Januar 2004
Tobias Lehmkuhl
für satt.org

Hœricht 2
Hermann Kinder (Hrsg.): Die klassische Sau. Gelesen von Michael Quast und Regine Vergeen.

Eckhard Henscheid: Poschiavo – Graz einfach. Gelesen vom Autor.

Erich Arendt: Gedichte, Essay, Gespräch. Originalaufnahmen. Mit einer autobiographischen Erzählung gelesen von Christian Brückner.

F.K. Waechter: Die letzten Dinge

Scanner: warhol’s surfaces

Charles Bukowski: Fuck Machine. Gedichte vom südlichen Ende der Couch. Gelesen von Martin Semmelrogge.


 Hœricht: Hörbücher - vorgestellt von Tobias Lehmkuhl

Teil 2
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Hermann Kinder (Hrsg.): Die klassische Sau. Gelesen von Michael Quast und Regine Vergeen.

Die klassische Sau
Hermann Kinder (Hrsg.): Die klassische Sau. Gelesen von Michael Quast und Regine Vergeen. Lido, Frankfurt am Main 2003, 2 CD, 92 Minuten, 19,90 Euro.
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Selten hört man Vorlesern so sehr das Vergnügen bei ihrer Arbeit an, wie Regine Vergeen und Michael Quast. Und Vergnügen ist wahrscheinlich noch ein zu mildes Wort: Sie haben Spaß an den Texten, die sie vortragen. Wie könnte es auch anders sein, ist die von Herrmann Kinder zusammengestellte Auswahl der ‚schärfsten Stellen der Weltliteratur’ doch fern der so genannten literarischen Erotik, die sich zumeist in verklemmt-schwülem Schmachten ergeht. Die unter dem Titel ‚Die klassische Sau’ gesammelten Gedichte und Erzählungen eint dagegen eine Deftigkeit und Deutlichkeit des Ausdrucks, die befreiend wirkt.

Dass die Sprache der Straße, der Gassenjungen oder untersten Schichten, wie man so sagt, voller unaussprechlicher Schimpfwörter sei, wird als Topos gern herbei zitiert, will man auf eine abgründige Welt verweisen, wo Wollust und Gewalt herrschen. Dabei allerdings vergisst man die Dichter, deren Repertoire schweinischer Ausdrücke jeden eckkneipenerprobten Schwerenöter erblassen lassen dürfte. Goethe zum Beispiel, der ja angeblich über das allergrößte aktive Vokabular verfügte, entwirft in ‚Hanswursts Hochzeit’ ein seitenlanges dramatis personae, das von Peter Sauschwanz bis Doktor Bonefurz reicht. ‚Und hintendrein komm ich bei Nacht/ und vögle sie, daß alles kracht’ rundet der Geheimrat die Sache ab. Man glaubt’s ihm.

Aber das liest sich nicht halb so vergnüglich, wie es sich aus der mal glucksenden, mal kichernden, mal feurigen Kehle Michael Quasts anhört. Auch Arthur Schopenhauers kleiner Text ‚Des Pudels Kern’, der wohl zu den sexistischsten Theorien gehören dürfte, die je aus Philosophenmunde gedrungen sind, findet sich hier. Lauscht man dem hübsch professoralen Ton, den Quast anschlägt, ist man durchaus geneigt, sich überzeugen zu lassen. Es klingt einfach so ehrwürdig. Anders Arno Holz ‚Oho! Soso’, das zwar zu größter Anzüglichkeit einlädt, von Quast aber zum Beweis seiner Virtuosität genutzt wird. Den ständig wiederkehrenden Ausruf ‚Oho! Soso’ bietet Quast in allen erdenklichen Modulationen dar. Und noch einigen mehr.

Ebenso wie Quast reichert Regine Vergeen ihren Vortrag mit Humor und feiner Ironie an. Und sie versteht es wunderbar, in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen, ohne ihrer Stimme dabei Gewalt anzutun. ‚Die kleine Bürgerin’ von Gustave Flaubert etwa intoniert sie so sympathisch-naiv, dass man glaubt, das gute Mädchen vor sich oder möglicherweise schon im eigenen Bett zu haben. Die Frau aus Anna Zaschkes brillanter Erzählung ‚Herrenparfüm’ hingegen spricht sie auf eine Art, die den Hörer gleich auf die Seite der vom Athleten verschmähten und schließlich vom stützkorsettbewehrten orientalischen Konsulatsbeamten befriedigten Kampfsportlerin und Visaantragsstellerin zieht.

Aber das Hörbuch ‚Die klassische Sau’ macht nicht nur Spaß, es bildet auch. Wusste man zum Beispiel bisher, dass Friedrich Schlegel und Joachim Ringelnatz eine ganz bestimmte Vorliebe teilen? Der Romantiker beschreibt sie folgendermaßen: ‚Ich höre fern das Plätschern deiner Wasser./ Ich fühl mein Herz in meine Hode sinken./ Es drängt mich wieder, dein Pipi zu trinken,/ weil ich ein ruchlos raffinierter Prasser.’





Eckhard Henscheid: Poschiavo – Graz einfach. Gelesen vom Autor.

Eckhard Henscheid: Poschiavo – Graz einfach
Eckhard Henscheid: Poschiavo – Graz einfach. Gelesen vom Autor, Audiobuch, Freiburg 2003, 1 CD, 57 Minuten, 14,90 Euro.
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Wenn sich Eckhard Henscheid nicht bereits in den 70er Jahren mit seiner ‚Trilogie des laufenden Schwachsinns’ einen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte erschrieben haben sollte, so tat er es spätestens 1998 mit der Erzählsammlung ‚10:9 für Stroh’, die heute, man könnte heulen, vergriffen ist. Eine der drei Erzählungen des Bandes lässt sich nun allerdings als Hörbuch käuflich erwerben, gelesen vom Autor höchst selbst. Und gar nicht mal so schlecht.

‚Poschiavo – Graz einfach’ handelt von der Reise des mit Henscheid befreundet gewesenen Wolfgang Hildesheimer zum ‚Steirischen Herbst’ nach Graz. Ausgangspunkt ist der Wohnort des Schriftstellers und Mozart-Biographen, das in der südlichen Schweiz liegende Städtchen Poschiavo. Von dort nach Graz - eine zu bewältigende Strecke, könnte man meinen. Hildesheimer und seine Frau benötigen dank der Alpenbahn jedoch drei Tage für die paar hundert Kilometer. Kein großer Gedanke wird hier gewälzt, kein Drama spielt sich ab, nicht mal ein Dialog wird wiedergegeben oder großartig Naturschilderung betrieben. Henscheid beschränkt sich darauf, minutiös die Stationen der Reise aufzuzählen, die An- und Abfahrtszeiten, die Bezeichnungen der Züge und hin und wieder weist er auf den Pfeifenkonsum Hildesheimers hin und was für Ideen diesen streifen. Beispielsweise jene, die ihn angesichts seiner Frau ereilt: ‚Hildesheimer bedachte, wie es wäre, wenn er sie in einem unbeobachteten oder jedenfalls unbewachten Moment einfach aus dem Fenster katapultierte. Mit einem Ruck und Zuck. Dann wäre die wenigstens weg.’

Es geht hier also, wie fast immer bei Henscheid, um wenig bis gar nichts. Diesen Stillstand (und was sonst sind drei Tage in Regionalbahnen, Intercitys und ähnlichen Bummelzügen!) aber vermag der Autor auf das prächtigste auszuschildern, sprachlich aufzupeppen und feuerwerksartig abzufackeln. Verhalten ist Henscheids Sprache nie, sondern voller Furor. Mit Wendung wie ‚Es wunderte sich Wolfgang Hildesheimer ein nicht Geringes’, die mit einer Gestelzt- und Altertümlichkeit durch die Sätze wabern und wanken, dass es eine Art hat, bringt er den Text fast zum Bersten. Kein Siegfried Unseld weit und breit, der einen ‚heraushaute’ aus der Monotonie des Zuggeruckels, wie Hildesheimer es sich wünscht, aber ein begnadeter Stilist, der einem die Erkenntnis um die Ohren haut, dass Langeweile nichts anderes ist als Sprachlosigkeit.

Dazu braucht er nicht einmal laut zu rufen. Leise und bedächtig liest Henscheid die Erzählung, zögerlich beinahe, gerade zu Beginn, wo es zuweilen noch ein wenig schnauft und schmatzt. Dann aber bringt er den Text mit einer Präzision und Akkuratesse zu Gehör, wie sie bei vortragenden Autoren selten zu finden ist. Mit der jeweils gebotenen Emphase, aber ohne übertriebene Bedeutsamkeit, dreht sich Henscheids Stimme schlangenmenschengleich durch die gezwirbelten Satzgefüge. Ein äußerst deutliches, fast kehliges ‚r’ stanzt die Erzählung wie der Schaffner die Fahrkarten.





Erich Arendt: Gedichte, Essay, Gespräch. Originalaufnahmen.
Mit einer autobiographischen Erzählung gelesen von Christian Brückner.

Erich Arendt: Gedichte, Essay, Gespräch Erich Arendt: Gedichte, Essay, Gespräch. Originalaufnahmen. Mit einer autobiographischen Erzählung gelesen von Christian Brückner, Vacat, Potsdam 2003, 2 CD, 129 Minuten, 17 Euro.
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‚Man hat ja immer eine Melodie, bevor man anfängt zu schreiben.’ Was Erich Arendt so selbstverständlich im Interview äußert, fällt doch beim Hören seiner Gedichte sogleich als außergewöhnlich auf. Hier ist ein Sänger am Werk, der mit seiner Tenorstimme klar und tönend und zugleich märkisch geerdet den Worten Leben einhaucht. Arendt versteht es, melodische Linien zu entwickeln, große Bögen zu spannen und den Gedichten dadurch Geschlossenheit zu verleihen.

Im Mittelpunkt des Hörbuchs stehen Aufnahmen der Ägäis-Gedichte, die Arendt nach einem Aufenthalt in Griechenland Anfang der sechziger Jahre, kurz vor dem Mauerbau, schrieb: Gedichte mythisch-magischen Ursprungs, gesättigt vom Licht des Mittelmeers. Arendts Griechenland-Begeisterung ist kein Zufall. Für ihn besitzen die in der Antike ausgebildeten odischen Strophenformen noch einige Verbindlichkeit. Neben Ludwig Greve war er der einzige deutsche Dichter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der sich in dieser Tradition derart exponierte. Und darum heißt es auch zwangsläufig ‚Der mir der Liebste ist: Hölderlin’. Arendt äußert dieses Bekenntnis zum größten deutschen Oden-Dichter in einem Interview, das für einen nicht verwirklichten Porträtfilm geführt wurde und hier erstmals zu hören ist. Im Gespräch mit Gerhard Wolf berichtet er von der Entstehung der Ägäis-Gedichte, von seinen ersten Veröffentlichungen in Herwarth Waldens Zeitschrift ‚Der Sturm’ Anfang der zwanziger Jahre. Er erzählt von seiner abenteuerlichen Biographie, den Jahren des spanischen Bürgerkriegs, als er einer katalanischen Division angehörte, und der Flucht nach Kolumbien, wo er sein Brot mit der Herstellung von Pralinen verdiente.

Zudem findet sich auf der schön verpackten Doppel-CD ein in den fünfziger Jahren auf Hiddensee geführtes Interview mit Arendt und seiner Frau. Was in den Gedichten ganz unprätentiös daherkommt, klingt hier zuweilen gespreizt und priesterlich, bei Katja Hayek-Arendt sogar unangenehm affektiert. Die Rede von der Unabdingbarkeit der Kunst hinterlässt meist einen schalen Nachgeschmack. In den Gedichten dagegen behauptet sie sich von selbst.





F.K. Waechter: Die letzten Dinge

F.K. Waechter: Die letzten Dinge
F.K. Waechter: Die letzten Dinge. Kein & Aber, Zürich 2003. 1 CD, 65 Minuten, 17,50 Euro.
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Zwei Überraschungen hält dieses Hörbuch parat. Erstens: Man kann Cartoons vorlesen. Zweitens: Man kann Cartoons ganz fabelhaft vorlesen. Zumindest F.K. Waechter kann das, auch wenn es anfangs gar nicht danach aussieht, denn die Stimme des Zeichners erweckt erstmal einen recht schwächlichen Eindruck. Doch genau das, merkt man bald, macht den Vortrag stark. Waechter arbeitet in einer Stimmlage, die professionelle Vorleser gemeinhin scheuen oder höchstens sehr sparsam verwenden. Er spricht nicht voll, rund und elegant, sondern krächzend, keuchend und heiser flüsternd. Darin liegt eine große Zärtlichkeit den Geschichten und Figuren gegenüber. Hier wird nichts überrannt oder plattgewalzt von einem allmächtig tönenden Sprecher, hier ist sich - ganz im Gegenteil - jemand äußerst bewusst, wie fragil und vergänglich alles Schöne ist, so es denn überhaupt bis zur Blüte reift.

Leichter Hand gelingt es Waechter, jeder seiner Figuren einen Hauch des Besonderen zu verleihen. Mal ist er kieksig, mal brummig, das aber sind schon die Extreme expressiver Stimmführung, derer er sich bedient; in der Regel braucht er nur in sein erstaunliches Reservoire gedämpft-verrauchter, zittrig-matter Zungen zu greifen, um die kleinen Cartoons als lebendige Szenen vor des Hörers Auge zu führen.

Etwa jenen Greisenumtrunk, bei dem kräftig auf den ‚Altersschwachsinn’ angestoßen und hernach gestorben wird. Oder das Zapping-Duell, das sich eine unerschrockene hessische Couch-Potato mit dem Tod liefert. Keine der klingenden Bildergeschichte will schallendes Gelächter erzeugen, vielen fehlt sogar das, was man gemeinhin ‚Pointe’ nennt. Doch ein Lächeln oder eine erregende Irritation vermag jede hervorzurufen. Und einmal dürfen auch die Lachmuskeln beben. Nur soviel sei verraten: Es geht um Scheiße und Kacke, Pisse und Kotze. Selten hat jemand diese Wörter so dezent artikuliert wie F.K. Waechter.





Scanner: warhol’s surfaces

Scanner: warhol’s surfaces
Scanner: warhol’s surfaces. intermedium records, München 2003. 1 CD, 60 Minuten, 18,90 Euro.

Warhol wissen wollen, betrachten Sie allein die Oberfläche: meiner Bilder, Filme, meine eigene. Da bin ich. Nichts ist dahinter’. Diese Interpretationsanleitung, die Warhol seinen Exegeten einst an die Hand gab, wurde bisher von kaum jemandem so konsequent umgesetzt wie von Robin Rimbaud alias Scanner. Der Londoner Soundkünstler hat sich einige Warhol-Interviews aus den siebziger Jahren vorgenommen und daraus für den Bayrischen Rundfunk ein Hörspiel komponiert, das zeitgleich zu seiner Uraufführung erfreulicherweise auf CD erschienen ist.

Scanner hat aus den Tonbandaufzeichnungen der Interviews einzelne Sätze, Wörter und Wortfetzen isoliert und mit elektronischem Klangmaterial verquickt. Aus minimalen Sequenzen, die verzerrt, verlangsamt, übereinandergeschnitten, gestückelt und wiederholt werden, entstehen Bilder und Stimmungen, deren Intensität angesichts der Unaufdringlichkeit der Töne und Geräusche unerklärlich scheint. Mal flirrt und flimmert es, mal wummert es derart untergründig, dass man in den Lautsprecher kriechen möchte. Aus einem behutsamen Klopfen entwickelt sich ein insistierendes, schließlich penetrierendes Pochen. Häufig fordern die Stücke eine körperliche Reaktion heraus, es reißt und zerrt an einem, man will tanzen, aber spürt zugleich, dass das nicht geht. Die rhythmische Bewegung, die man verdoppeln möchte, verändert unmerklich ihre Struktur und hält den Hörenden in ständiger Spannung gebannt.

Das gilt selbst für eine fünfminütige Sequenz, in der lediglich Straßengeräusche, brummende Autos und fern hallende Hupen zu hören sind. Wie aus einer anderen Welt scheint diese Geräuschkulisse, die sich an Warhols Statement ‚It’s like looking out of the window’ anschließt. Etwas ist schief und verschoben, und man könnte meinen, dass es an der Stille liegt, die hier und an anderen Stellen immer wieder Leerstellen schafft. Aber es ist keine wirkliche Stille, sondern eher weißes Rauschen, ein Moment, in dem alles Auseinanderdriftende das Vorzeichen wechselt und umschlägt in Fülle. Warhols Worte erscheinen dabei zunehmend wie letzte Meldungen, kaum noch vernehmbare Rufe eines Astronauten, verloren in der Weite des Alls. Immer wieder heißt es ‚I’m just a person’, bis sich der Sinn auflöst und man sich alles vorstellt, nur nicht, dass es ein Mensch ist, der da spricht. Scanner versucht keineswegs, die Oberfläche der Äußerungen Warhols aufzubrechen, um dadurch zu einer vermuteten Tiefe zu gelangen. Warhols Sätze sind genauso banal wie die Sujets seiner Bilder. Es gibt kein dahinter, und so geht Scanner in die Breite, zer- und verteilt das Gesagte, multipliziert es, streut und walzt es aus.

Irgendwann, und ohne dass man sich dessen gewahr wird, kippen die mäandernden Sprach- und Klangpartikel über einen nicht lokalisierbaren Rand, purzeln und fließen in eine neue Form. So erzählt Scanner die Geschichte der Transformation, des Flusses, in den man nicht zweimal steigt.





Charles Bukowski: Fuck Machine. Gedichte vom südlichen Ende der Couch. Gelesen von Martin Semmelrogge.

Charles Bukowski: Fuck Machine
Charles Bukowski: Fuck Machine. Gedichte vom südlichen Ende der Couch. Gelesen von Martin Semmelrogge, Der Hörverlag, München 2003, 1 CD, 74 Minuten.
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Man kann zu Charles Bukowski stehen wie man will. Wer an Gewaltfantasien, Alkoholanbetungen und Frauenbeschimpfungen Geschmack findet: Bitteschön. Wer dies auch noch in einem Stil serviert bekommen möchte, der sich nicht um Stil schert: Kein Problem. Und wer dies als Literatur oder gar als Lyrik bezeichnen will: Soll er. Wir leben, wie man weiß, in einem freien Land, jeder kann seine Meinung äußern. Handelt es sich allerdings um Fragen der Kunst und nicht bloß der Politik, ist es immer noch eine Ehrensache, diese Meinung auch begründen zu können. Und da sich der wenig geneigte Hörbuchrezensent außerstande sieht, eine Rechtfertigung für den Kunstanspruch des hier anzuzeigenden Produkts zu liefern, muss er sich wohl oder übel auf die Seite all jener reaktionären Schöngeister stellen, die Bukowski für gequirlte Sch – für Quark halten.

Hier sollen jetzt nicht die alten Schlachten um ästhetische Mindestanforderungen erneut geschlagen werden. Deutlich gemacht sei nur, dass der Rezensent zwischen dem so genannten Dichter und Erzähler Charles Bukowski und dem so genannten Vorleser Martin Semmelrogge sehr wohl zu unterscheiden weiß.

Martin Semmelrogge ist Schauspieler, und Schauspieler werden gerne als Vorleser engagiert, da sie sich häufig einer Sprecherziehung unterzogen haben. Das ist wahrscheinlich auch bei Semmelrogge der Fall, denn jedes Wort ist klar zu verstehen. Darüber hinaus wurde Semmelrogge wahrscheinlich ausgewählt, weil er als Schauspieler auf harte Kerle abonniert ist, nicht auf intellektuelle Weicheier, die bei Bukowski ja eher selten vorkommen. Dass Bukowskis harte Kerle allerdings ziemlich gescheiterte Charaktere sind, hat Semmelrogge leider nicht mitbekommen. Er scheint die ganze Bukowski-Welt für obercool zu halten und legt deswegen triumphierend seine tiefste Stimme auf, was sich anhört, als spräche er durch ein Loch im Kehlkopf. Gerade Kettenrauchern dürften sich dabei die Nackenhaare hochstellen.

Doch zum Glück hat Semmelrogge keine basso continuo-Qualitäten. Nachdem er also an jede neue Nummer mit Feuer und brüllend wie ein ausgehungerter Löwe rangeht, dauert es nur ein paar Dutzend Sekunden, bis seine Stimmbändern ins Straucheln und Schlingern geraten und schließlich, nach einer Minute oder so, wie Betrunkene im ersten Dialog aufschlagen. Dort rappeln sie sich dann wieder auf, immer noch derart blau, dass sie nicht wissen, wer wer ist, erstaunt mal den einen, mal den andern Part übernehmen, sich gegenseitig anrempeln und wieder zu Boden gehen. Dort nimmt sich dann die Erzählerstimme ihrer an und ersäuft sie bis zur nächsten Nummer in Pathos oder einem Meer aus Abgeklärtheit.