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September 2003
Enno Stahl
für satt.org

Literatur und Terror
RAF-Rezeption in Romanen der letzten 25 Jahre

von Enno Stahl

Im Text besprochene Bücher:
Peter Paul Zahl:
Die Glücklichen

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Christian Geißler:
kamalatta

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Rainald Goetz:
Kontrolliert

   » Rezension
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Leander Scholz:
Rosenfest

   » Interview
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Peter-Jürgen Boock:
Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer

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Literatur und Terror
RAF-Rezeption in Romanen der letzten 25 Jahre







1 Walter Laqueur, Terrorismus. Die globale Herausforderung, Frankfurt am Main, Berlin 1987, S. 300

Zeit und Umstände des deutschen Linksterrorismus sind nach wie vor mit einem Stigma behaftet. Einem Stigma nicht in dem Sinne, dass man nicht darüber reden dürfte - im Gegenteil: „Selten ist in der Geschichte so viel über so wenige geschrieben worden"1, urteilte der Terrorismusforscher Walter Laqueur nicht ohne Ironie. Nein, das Stigma betrifft eher die Art und Weise, wie im gesellschaftlichen Diskurs darüber gesprochen wird bzw. gesprochen werden darf. Jede Äußerung nämlich ist Partei, steht automatisch unter Verdacht, entweder von Seiten des Staates oder der seiner Kritiker, das ist ein fortdauerndes Resultat der verhetzten Atmosphäre der 70er Jahre. Grund dafür ist neben der unversöhnlichen Haltung, mit der beide Parteien sich gegenüber standen und stehen, die mythische Überhöhung, die der realen Wirksamkeit und thereoretischen Fundamentierung der RAF im Negativen wie im Positiven zu Teil wurde. Der Staatsparanoia auf der einen steht die unangemessene Beweihräucherung der „Gründer-Generation“ durch linksradikale Kreise auf der anderen Seite gegenüber. Jede Aussage, die sich zwischen diesen Fronten positionieren will, verfällt dem Verdikt als entweder reaktionär-faschistoid oder verfassungsfeindlich oder gar beides.





2 Einen Versuch, das literarische Sprechen über den Terror zu skizzieren, unternahm unlängst Werner Jung, allerdings stark im Hinblick auf den 11. September, zudem mehr als Parforce-Ritt durch die Literatur des letzten Jahrhunderts angelegt: Werner Jung, Bombenstimmung. Literatur und Terror, in: ndl Nr. 546 (50. Jg.), H. 6, S. 34-41.

3 Tatsächlich sind auch Roman-Veröffentlichungen, die Terrorismus oder dessen gesellschaftliche Auswirkungen zum Thema haben, inzwischen Legion. Ich beschränke mich hier auf eine Auswahl, die die Rezeptionsgeschichte über die letzten 20 Jahre hinweg exemplarisch dokumentiert und verweise ansonsten auf die kommentierte Bibliografie in: GeRAFtes. Analysen zur Darstellung der RAF und des Linksterrorismus in der deutschen Literatur (Reihe Fußnoten zur neuen deutschen Literatur), H. 27 (Hg. Bianca Dombrowa, Markus Knebel, Andreas Oppermann, Lydia Schieth), Bamberg 1994, S. 83ff.

4 Peter Paul Zahl, Die Glücklichen. Ein Schelmenroman, Berlin: Rotbuch 1979; Neuauflage - Berlin: Verlag Neues Berlin 1997 - alle folgenden Zitate und Seitenzahlen stammen aus der Neuausgabe.

5 vgl. Dieter Claessens/ Karin de Ahna, Das Milieu der Westberliner „scene“ und die „Bewegung 2. Juni, in: Wanda von Baeyer-Katte, Dieter Claessens, Hubert Feger, Friedhelm Neihardt (Hg.), Gruppenprozesse, Analysen zum Terror 3, Opladen 1982 (hg. vom Bundesministerium des Inneren), S. 106ff. und vgl. Michael ‘Bommi’ Baumann, Wie alles anfing, München 1975, S. 55ff.

Obwohl diese harte Alternative momentan aufzuweichen scheint (was allerdings nichts anderes als den Ausschlag hin zur Position des Staates bedeutet, da die Schar der sog. „Sympathisanten“ inzwischen erheblich geschrumpft ist), lebt sie etwa in den Auseinander-setzungen um die amerikanische Außenpolitik wieder auf und ist auch sonst latent zu spüren. Immer dann nämlich, wenn das Thema aus Anlass eines historischen Stichtags oder einer neuen Publikation (zuletzt etwa Peter-Jürgen Boocks „Schleyer"-Buch) den Weg zurück in die Medien-Öffentlichkeit findet, werden die alten Ängste und Projektionen wieder wach. Nun sollte es 10 Jahre nach dem erklärten Gewaltverzicht der RAF, 25 Jahre nach dem Deutschen Herbst möglich sein, den bewaffneten Kampf und die Reaktion des Staates in einigermaßen neutraler Weise zu reflektieren. Eine wichtige Aufgabe läge dann darin, die Sprech-, Schreib- und Rezeptionsweisen, die sich darum ranken, einer kritischen Analyse zu unterziehen.2

Nicht nur in wissenschaftliche Publikationen, spektakel-orientierte „Sachbücher“ und Doku-Thriller hat der 70er-Jahre-Terrorismus Eingang gefunden, sondern auch in die Belletristik.3 Einer der ersten Romane, der sich explizit mit dem Sujet auseinandersetzte, ist Peter Paul Zahls „Die Glücklichen"4. Geschrieben 1973-1979 während Zahls Knast-Aufenthalts, zeitgleich also mit der Hoch-Phase der RAF-Aktivitäten, beschreibt und spricht hier ein Veteran der „Scene", der die Entstehung linksradikaler Milieus speziell in Berlin aus eigener Anschauung kennt. Zahl war Drucker der Zeitschrift „883", des inoffiziellen Organs der „Umherschweifenden Haschrebellen“ bzw. des „Blues", losen Gruppierungen, aus denen sich später die Mitglieder der „Bewegung 2. Juni“ rekrutierten.5 Im Zusammenhang mit diesen Aktivitäten wurde der Autor jahrelang polizeilich observiert und 1972 nach einer Schießerei mit Polizisten zunächst wegen „gefährlicher Körperverletzung und schwerem Widerstand gegen die Staatsgewalt“ zu 4 Jahren Haft verurteilt, 1976 wurde die Strafe nach Revision auf Betreiben der Staatsanwaltschaft als „zweifacher Mordversuch“ gewertet und auf 15 Jahre angehoben.

Zahl berichtet in „Die Glücklichen“ aus der Entstehungszeit der Guerilla 1970ff., die Helden des Romans stammen vornehmlich aus jener Schicht, die mit dem Marxschen Begriff abwertend als „Lumpenproletariat“ bezeichnet wird. Da ist Jörg Hemmers, Spross einer alt-eingesessenen Schränker-Familie, die, wie der Zufall will, auch ziemlich linksradikal ist, und Ilona Bertram, eine Junkie-Prostitutierte, die mit Jörgs Hilfe von der Droge wegkommt, im Eilvollzug ebenfalls ein politisches Bewusstsein erlangt, infolgedessen ihren Job aufgibt und eine Einbrecher-Lehre absolviert, um das Kapital fürderhin an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen - beim Geld. Auch die bewaffneten Kämpfer im Untergrund (hier als die „Unnennbaren“ bezeichnet) spielen eine Rolle im Buch, das an vielen Stellen eine explizite Auseinandersetzung mit RAF und 2. Juni anstrebt. Zahl kritisiert deren Ansatz aus der Perspektive seiner Protagonisten - während diese aus dem Volk sind, dessen Sprache verstehen und dessen Bedürfnisse kennen, hat sich die „kämpfende Avantgarde“ isoliert. Der italienische Reporter Rossi, der für einen Artikel über den radikal-politischen Untergrund in Deutschland recherchiert, hat Kontakt zu den „Unnennbaren“ aufgenommen. Sein vermummter Gewährsmann, der ihn über die Anfänge des bewaffneten Kampfes aufklären soll, erweist sich als langatmiger Schwätzer, der bei Adam und Eva beginnt und zudem nicht auf demselben theoretischen Niveau steht wie Rossi, seine Rede wird beständig von den gedachten Kommentaren des Journalisten konterkariert:

"Wir müssen in Betracht ziehen, wie die Lage der revolutionären Individuen und Gruppen um 1970 herum aussah, hier in Westberlin. Wir fragten uns: was findet statt? Wo stehen wir? Was können wir machen? Wie ist es zu erreichen, daß die Kämpfe der verschiedenen Klassen der Gesamt-arbeiter-schaft in Verbindung zueinander treten? Wie heben wir die Spaltungen auf? Ogott, dachte der Reporter. Daß die immer die gesamte Menschheitsgeschichte bemühen müssen, um zu rechtfertigen, daß sie den Herrschaften ins Knie schießen.“ (S. 61/62)

Das Material, das Rossi von den Unnennbaren erhält, ist ähnlich untauglich: "Die Dialektik zwischen realer Klassenbewegung und Organisation mußte verstanden und ins Werk gesetzt werden. Angeekelt warf der Reporter die Fotokopien auf den Tisch. Ins Werk setzen. Ein uraltes Problem. Fängt bei eurer Sprache an, dachte er und zog die Schuhe aus.“ (S. 73) Trotz Strafandrohung sieht sich Rossi gezwungen, das Papier der Unnnennbaren komplett umzuschreiben ("Nein, sagte er sich und strich den Satzanfang. Wie erkläre ich dem Leser in Turin, Mailand, Rom den Mangel an Klassenbewußtsein im kapitalistischen Deutschland?“ [S. 75]).

Zahls Hauptfiguren entwickeln derweil ihre eigene Praxis, sie wirken in der politischen Stadtteilarbeit (natürlich stets behindert durch lahmarschig-kleinkarierte Studenten-Fuzzis), sie leben erfolglos in einigen WGs (in ihren diversen Mitbewohnern persifliert Zahl so ziemlich das gesamte Spektrum des kleinbürgerlich-linken Pseudo-Revoluzzer- und Hippietums); nach diesen Fehlschlägen gründen Ilona und Jörg ihre eigene Kommune, die zur idealen Keimzelle subversiver Aktivitäten wird. Sie propagieren die „Partei gegen die Arbeit“ und geben die Zeitschrift „Der Glückliche Arbeitslose“ heraus, die im Buch als (fiktives?) Typoskript mit abgedruckt wird (S. 197-221).6 Sie bewegen sich im Umkreis der subproletarischen Anarcho-Kreise, stehen in Kontakt zum oben erwähnten „Blues". Der „Blues“ bzw. „Hasch-re-bellen“ war anti-autoritäre Gruppen nach dem Vorbild der „Black Panther", die für die prinzipielle Aufhebung des Privateigentums plädierte (speziell dessen der anderen). Sie selbst waren ohne festen Wohnsitz, nur im Besitz von etwas Geld, Shit und einem Dietrich. So streiften sie von Haus zu Haus, fielen zum Party-Machen oder Plündern in Sympathisanten-Wohnungen ein.7





6 Diese Idee Zahls regte übrigens auch die Begründung der Berliner „Glücklichen Arbeitslosen“ an und deren Zeitschrift „Der Müßiggangster“ ähnelt in Aufmachung und Zugriff dem Zahl’schen Pamphlet augenfällig.

7 vgl. Michael ‘Bommi’ Baumann, Wie alles anfing,a.a.O., S. 55; Dieter Claessens/ Karin de Ahna, Das Milieu der Westberliner „scene“ und die „Bewegung 2. Juni, a.a.O., S. 111/112

Zahl zeichnet hier keine Einzelpersonen, der „Blues“ taucht immer im Kollektiv auf, er berlinert auffällig, spricht also den Jargon des Volkes und unterscheidet sich damit vom verquasten Gelaber der RAF-Aktivisten: "Kam der Blues rein. Sagte, was Sache war. Machten ein’ rum, machten ein’ an, flippten durch den Saal.“ (S. 226). Aber der „Blues“ labert nicht nur, sondern tut was: „Machste mit, eh, Stadtteilarbeit. ( ….) Stadtteilarbeit? Banken, eh, Leasingfirmen, Gerichte, Ami-Autos, Kasernen, rrrums, Mann. Die een hier, die annern da. Un weg, eh, die Bulln komm." (S. 226) Und er agitiert überzeugend:

"Kommt der Blues rein, eh, weiß nich, da fährste irntwie ab, irre ab, eh. Vastehste, die azähln dirn Schlag, in ihre irre Sprache, wa, fährse ab, machste mit ( …) Aber Schorschie-Boy [Georg von Rauch? Anm. e.s.], det is ne Type, sa’ck da. Vastehste? Der guckt da an, wa, quatscht da an, wa, so vonne Seite, wa, mit sein Satansgruß, wa, azählt dir, wat Sache is, wa, mitti Amis un so, hasse ne Wahnsinnswut drauf, wa, kommt da allet hoch, die ganze Scheiße, wa, hassen Wahnsinns-Haß, un den musse jezielt einsetzen, sachta, vastehste. Jezielt! WAMM!“ (S. 227)

Trotz einer gewissen gegenseitigen Sympathie brauchen Ilona und ihre Freundinnen den „Blues“ nicht, um tätig zu werden: sie legen ihre eigene Bombe, und zwar in einer Firma, die Bordcomputer für amerikanische Bomber in Vietnam produziert. Es ist ihnen egal, ob sie Zustimmung seitens der Arbeiterklasse ernten oder überhaupt echten materiellen Schaden anrichten, sie brauchen keine Bestätigung außer der eigenen Wut und der Befriedigung über die Tat. Die „Büchner-Straßen-Kommune", dazu Jörgs Gauner-Familie, sie realisieren einen Begriff revolutionärer Arbeit mit Spaß dabei, nehmen als neuzeitliche Robin Hoods den bösen Kapitalisten und Drogen-Dealern, um sich selbst ein unbeschwertes Leben mit gutem Essen und freier Liebe zu ermöglichen. Selbstverständlich lassen sie die „Kreuzberger“ (schon wieder ein Mythos!) daran teil haben und organisieren nach einem besonders gelungenem Coup ein großes Straßenfest auf dem Mariannenplatz mit Musik, Tanz, Suff, Fraß und allerlei anderen Hippie-Vergnügungen.

Zahls fröhliche Revoluzzer bestreiten, dass der bewaffnete Kampf aus der Illegalität die einzige (oder gar: einzig richtige) Möglichkeit zu praktisch-kritischer Tätigkeit im Imperialismus sei, sie argumentieren demgegenüber:

"Die Frage lautet nicht: legal oder illegal? Sie lautet: ist sie massenhaft, diese Gegengewalt, entspricht sie dem Ziel, ist sie basisdemokratisch legitimiert? Die Insurrektion, der Aufstand, ist nicht die Soziale Revolution. Der Begriff der Insurrektion ist ein Begriff des politischen Verstandes; die klassische Periode des politischen Verstandes ist die französische Revolution, Marx, Kritische Randglossen, der Revolutionsbegriff der RAF ist ein bürgerlicher.“ (S. 365)

In der Gewaltfrage sei keine elitaristisch-revolutionäre Ethik entscheidend, sondern allein die Legitimation durch das Volk: "Wenn die Gegengewalt der Guerilla nicht mehr von der Basis kontrolliert wird ( …), wenn sie sich verselbständigt ( …), als moralische Autorität auftritt, wenn sie so wird wie die Gewalt von oben, dann lehnen wir die Guerilla ab, die Gewalt ab." (S. 369) Dennoch suchen die Protagonisten (und durch sie spricht augenscheinlich der Autor selbst) den Dialog mit der RAF, die Gelegenheit ergibt sich, als die Gruppe die untergetauchte Terroristin Gabi versteckt. Bevor man sie aus der Stadt schleust, wird ihr die Gegen-Position, unter Bezug auf Che und Marx, knochentrocken vor den Latz geknallt, zuletzt wird sie geschlagen mit den Worten der eigenen Säulenheiligen:

"Gegengewalt läuft Gefahr, zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird. Ha, sagte Gabi, das ist von eurem Pfaffen. Irrtum, lachte Peter, det is von Ulrike. Da war sie perplex.“ (S. 464)

Der gefüllte Römertopf, Elsässer Wein, Kongo-Gras und französischer Weichkäse tun das Ihrige, kurz: der RAF-Terroristin werden verbindlich die eigenen Zweifel und Widersprüche vor Augen geführt und wenig später verschwindet sie denn auch aus der Geschichte.

Zahl begegnet der RAF in seinem Roman mit einer Haltung kritischer Sympathie, er bezweifelt die Legitimität von Gewalt nicht grundsätzlich, negiert diese nur deshalb, weil sie nicht vom Volk selbst ausgeht. Er kratzt damit am Mythos der RAF als Avantgarde des revolutionären Kampfes, stellt nicht nur diesen Anspruch in Frage, sondern auch ihren Nimbus als diejenige Fraktion, welche sich der letzten Konsequenz wahrhaft gestellt habe. Für Zahl ist ihr Vorgehen nicht moralisch bedenklich, sondern politisch falsch.

Mit der Entmythisierung der RAF geht gleichzeitig die Konstruktion eines neuen Mythos einher, dem des Subproletariats (vgl. bes. S. 21, 33, 77/78, 97-101). Nur aus diesem Kontext kann die Revolution kommen - eine Vorstellung übrigens, die sich mit der Überzeugung „Blues“ deckt - eingebunden in den sozialen Umkreis des Stadtviertels, bewegt sich der Spaß-Guerillero wie ein Fisch im Wasser. Natürlich ist das - und wohl bewusst - schwarz-weiß gemalt, ebenso wie das grundlegende Gesellschaftsbild, das die simple Frontstellung der damaligen Jahre abbildet: „wir“ gegen „die". Alles, was „die“ tun, ist eh „Fascho", etwa eine rabiate Hausdurchsuchung in der Vorzeige-WG - die Entführung eines korrupten Politikers dagegen (gemeint ist Peter Lorenz) ist fair8, es wird also durchaus mit zweierlei Maß gemessen. Dennoch ist das Buch witzig geschrieben und formal anspruchsvoll, Zeit, Sprachstile und Perspektiven wechseln ständig, verschiedene Ich-Erzähler treten auf, um ab und an wieder in einem auktorialen Gefüge zu agieren, dazwischen werden Sachtexte eingeflochten - bisweilen fällt das Ganze daher etwas auseinander, liest sich insgesamt aber sehr süffig.





8 Obwohl dem Steuerhinterzieher und Vorteilsgewährer in einer echten Volksdemokratie wohl kaum die Hinrichtung drohen dürfte!

9 Christian Geissler, kamalatta, Berlin: Rotbuch Verlag 1987, hier zitiert nach: 21989.

Das lässt sich von Christian Geißlers „kamalatta“ [1987]9 nicht behaupten. Da ist der Protagonist, Proff, dazu eine diffuse Menge von Namen, Lina, Juli, Felix, Ahlers, Rocker u.v.m., die in nicht völlig verständlichen Freundschafts- oder Verwandtschaftsbezeichnungen zueinander stehen; dass es so bleibt, dafür bürgt die Sprache. Sie dient vornehmlich der Verrätselung, Geisslers Prosa ist künstlich kompliziert, schließt sich hermetisch ab, Sprache als Hochsicherheitstrakt. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr, denn offenkundig ist sie stilistisch beeinflusst vom sogenannten „info“ der RAF-Gefangenen in Stammheim. Wie deren geheime Korrespondenzen ist auch „kamalatta“ in einem verdrehten Kauderwelsch ("das haben die freunde auch bißchen gleich später alles ganz glatt durchgeschluckt", S. 41), mit Kleinschrift und lückenhafter Zeichen-setzung gehalten, schon auf dieser Ebene also eine literarisch unzumutbare Verbeugung vor der RAF. Dazu treten Cut-up-Einflüsse, Wortspielereien à la STURM (bzw. speziell Otto Nebel, die hier ausgesprochen deplatziert wirken), zufalls-kombinatorische Metaphern ("der krieg läuft gum-mi", „geschicktes gummi", S. 15), die den Text nicht gerade goutierbarer machen. Aber das soll er ja auch nicht sein: die Sprache fungiert hier nicht als Verständigungsmittel, sondern als Spiegel des gesellschaftlichen Stellungskriegs der 70er Jahre. Und die Frontlinie verläuft hier nicht zwischen Staat und Sympathisanten (wie bei Zahl), sondern die politischen Aktivisten sehen sich selbst einem Klima gegenseitiger Verdächtigungen ausgesetzt, ob ihr Handeln politisch konsequent ist, ob sie ihren Einsichten entsprechend handeln. Proff, die Hauptfigur, etwa ist ein unsicherer Kantonist, sich selbst und anderen. Statt wirklich „tätig“ zu werden, suhlt er sich in seiner „kleinbürgerlichen verzweiflung", die sich in einer Sammlung von Knastfotos in seinem Zimmer niederschlägt, Zäune, Gitter zwischen Buchenwald und Stammheim, sozusagen, um den Stachel des Gewissens wach zu halten, denn Proff "mischt überall mit, aber beißt nie den letzten bissen, lieber bloß vorsichtig ab" (S. 70). Er arbeitet fürs Fernsehen, pflegt daneben gewisse Untergrundkontakte (sein Bruder ist in Haft, im Hungerstreik), den letzten Einsatz jedoch lässt er vermissen. Schon gleich zu Beginn heißt es: "mach kein gedicht, mein freund. du stehst hier noch immer im regen. und nachts. und gesprungen sind die. und wir nicht." (S. 22). Die Protagonisten des bewaffneten Kampfes also, das macht Geisslers Buch unmissver-ständlich klar, tun das eigentlich Richtige, jeder, der sich ihnen nicht anschließt, der nicht „gesprungen“ ist, liefert sich - wie Proff - dem Dauervorwurf der Feigheit, der mangelnden Konsequenz aus, ergibt sich also jenem auto-destruktiven Polit-Masochismus, der die 70er und die beginnenden 80er Jahre notorisch vergiftete.

Diese Haltung entspricht offensichtlich der des Autoren selbst, „kamalatta“ ist ein Therapie-Text, Ausdruck eigenen Schuldbewusstseins, denn Proffs selbstbezichtigende Haltung wird nie gebrochen oder gar hinterfragt. Allenfalls die Person der Juli, Proffs Frau, stellt einen gewissen Widerpart dar, ihr ist Proffs (geringe) Verstrickung in die Untergrundarbeit nicht recht, sie mahnt die Verantwortung gegenüber ihr und dem gemeinsamen Kind an. Aus quasi „genetischen“ Gründen (sie ist halt ein „Muttertier" …) ist das verständlich, sie steht aber moralisch nicht besser da, denn rational betrachtet (angesichts der „Unausweichlichkeit des bewaffneten Kampfes") ist ihre Position falsch.

Anders als bei Zahl, dessen Helden einer seinsverhafteten Lebenslust frönen, ist das „Gute", die Alternative, die Geissler dem „pack", also der Unterdrückungswelt der Staates, gegenüber stellt, nicht eben verheißungsvoll: es ist eine gefühlige Realität, Bilder aus einer untergegangenen Welt, und keine Brücke führt mehr dorthin. Die Beschreibung von Proffs Wohnung, wo er mit Juli und Sohn Felix lebt, spricht für sich:

"jeder hatte sein großes zimmer, und für alle und andre war platz in der küche, viel tee, viel honig, viele fotos von gemeinsamen reisen und freunden. ( …) in den zimmern, jedes mal anders, war jeder mit seiner eignen nase, mit seinem traum, auch mit seiner angst zu sehen. ( …) lauter sachen in lauter zimmern mit lauter eignen gesichtern, genau entdeckt und gesammelt, treu aufgehoben und aufgenommen, gut behandelt, geliebt.“ (S. 52/53)

Ja, alles eigen und individuell und besonders, und im Kinderzimmer steht an der Wand "die genosen von der roten armee dürfen nie tot sein", denn das selbstbestimmte Kind von damals hat sich logisch längst dem Freiheitskampfe angeschlossen.

Unter Genossen hat man tief-innige und expressive Beziehungen, selbst die emotional gehandicapte Hauptfigur kann sich da ein wenig fallen lassen: "proff kam mit seinem sammelkörbchen mitten in ahlers’ tanz. und stellte das körbchen beiseite und tanzte mit ahlers und rocker sich mit, einfach jeder zu jedem verliebt, daß nina hinterher alle drei küssen musste, so freute sie sich über die freude." (S. 70) Solcher Hippie-Kitsch durchzieht den gesamten Text, ist überall in Charakterisierungen und Metaphern eingedrungen. Die eigentlich stark abstrahierende, experimentierende Sprache verliert so die (vielleicht intendierte) Distanz und wird hinunter gezogen auf ein Niveau des Alltags-Pathos, der Platitüde und des Stereotyps.10 Man wähnt sich in einem jener unsäglichen 70er-Jahre-Filme, über die die Geschichte mit Recht unbarmherzig hinweg gegangen ist.





10 Aus diesem Grund habe ich, das muss ich ehrlicher Weise sagen, auch nicht weiter als bis Seite 130 gelesen, mehr konnte ich meiner Peristaltik nicht zumuten.

11 Rainald Goetz. Kontrolliert. Geschichte, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1988

Geissler vollzieht mit „kamalatta“ eine bedingungslose und selbstquälerische Identifikation mit der RAF, den Zielen, Methoden und Resultaten ihres Kampfes. Er benimmt sich damit der Möglichkeit, mit einem gewissen Abstand und aus der Reflexion heraus eine vergangene Gesellschaftsepoche zu skizzieren, so dass sie heute noch nachvollziehbar wäre. Den Widerspruch, in den er als Nur-Schreiber (und Nicht-Täter) selber gerät, vermag er im Text nicht aufzulösen.

Einen weit komplexeren Zugang hat Rainald Goetz in seinem 1988 erschienenen Buch „Kontrolliert"11 gewählt: es ist doppeldeutig als „Geschichte“ ausgewiesen, denn es ist eine „Geschichte“ über ein historisches Ereignis, den Deutschen Herbst, unter anderem. Die Ordnung, die Spielflächen und Angriffspunkte dieses vielschichtigen Textes sind zunächst nicht leicht zu erfassen, das Buch ist in drei Teile gegliedert, der erste Part, „Schwarze Zelle“ betitelt, beginnt am 18. Oktober 1987, genau zehn Jahre nach dem Ende der Schleyer-Entführung, mit der Aussage: "Ich erzähle hier die Geschichte des Jahres neunzehnhundert siebenundsiebzig" (S. 15). Das impliziert eine reflexive Schau auf die damaligen Ereignisse, das impliziert für Goetz aber auch den Rückgriff auf seine persönliche Geschichte, die mit dem äußeren Geschehen parallel geschaltet wird. Im Herbst 1977 nämlich befand er sich in Paris, um in absoluter Abgeschiedenheit, einem selbstgewählten „Schreibkerker“ (gleichwohl die Ereignisse stets verfolgendend), seine Doktorarbeit im Fach Geschichte [sic!] zu beenden, die dem Staatsprinzip des römischen Kaisers Domitian gelten sollte. Ebenso wie jetzt, 1987, als es ihm darum geht, die Ambivalenz des Staats zwischen Erpressbarkeit und exekutiver Gewalt zu verhandeln.

Der Textduktus ist stark assoziativ, springt willkürlich zwischen persönlichen Bekenntnissen, trivialen Beobachtungen, philosophischen Betrachtungen und Bezügen zum konkreten Geschehen 1977. Goetz bezeichnet sich und seine Freunde explizit als Sympathisanten (S. 40, S. 90), ja, er spricht von sich selbst immer wieder als Raspe (was natürlich auch wieder auf die Hauptfigur seines ersten Romans „Irre“ referiert), er zieht Parallelen zwischen der Stammheim-Haft und seiner Studienzeit, die ihn einsperrt ins Denken. Und er führt politische Gespräche vorzugsweise mit einem Freund namens Christian, der später des öfteren als „Klar“ bezeichnet wird, wie der gleichnamige RAF-Aktivist (insbes. S. 160ff.), inszeniert also so etwas wie eine versuchsweise Identifikation, vielleicht zum besseren Nachvollzug der Situation. Die Konsequenz-Problematik, warum er trotz klarer Parteilichkeit nicht auch den Schritt in den gewalttätigen Widerstand gewagt hat, lässt er allerdings gar nicht erst aufkommen, er sei Revolutionär mit Waffe schlicht deshalb nicht geworden, heißt es, „weil ich ich, nicht nichtich bin.“ (S. 41) Dennoch vermeidet Goetz zunächst eine kritische Auseinandersetzung mit der RAF-Strategie, kommt überhaupt immer nur fragmentarisch auf Konnotationen aus dem Bereich der Schleyer-Entführung zurück, seien es die Beschreibung von Medienbildern oder die kurze Diskussion einzelner Sachverhalte. Der Text reiht scheinbar willkürliche heterogene Bauteile aneinander, inszeniert sich als Bewusstseinsstrom, der Erinnerungen an die Studienzeit mischt mit dem Registrieren der Uhrzeit, Naturschilderungen und Kindheitserlebnissen.

Paradoxerweise ist es aber gerade die Vieldeutigkeit, die das polymorphe Geflecht mehrfach verwobener Zeitschienen, Bedeutungsebenen und Themen-bereiche zusammen hält, alles passt sich irgendwo ein, gewinnt einen spezifischen Inhalt, entweder auf diesem oder jenem Interpretationspfad. Alles ist verschieden, doch alles hängt zusammen. Das ist kein Zufall, der Grund liegt im engen Konnex, den Goetz zwischen konkretem Zeitgeschehen und seiner individuellen Geschichte entdeckt, vielleicht auch nur literarisch konstruiert.

Das Jahr 1977, das den Durchbruch der Revolution bedeuten sollte, war auch für Goetz der Aufbruch ins Offene. Nach einem Jahrzehnt der Studien, der Zurückgezogenheit findet er den Weg hinaus, erlebt wilde Ad-Hoc-Parties, die für ihn ganz unmittelbar die Befreiung von hergebrachten Zwängen mit sich bringen. Welche sind das? Erst im letzten Kapitel scheinen kindliche Erniedrigungen auf, die vorher nur vage angedeutet blieben (S. 214-216) und belegen, dass die Geschichte bereits viel früher beginnt. Staat und elterliche Gewalt, das wird hier in eins gesetzt, schon die Wortwahl bestätigt das, bei beiden Instanzen wird die „Brutalität“ und der „Terror“ ihrer Maßnahmen heraus gestellt (s. S. 240), der Staat ist der ins Große gedachte Vater. Die Gewalt der RAF ist der Gegen-Terror, also die Reaktion, stellvertretend auch für Goetz’ eigene (womöglich unterlassene) Intervention gegen die Elterngewalt. Soweit die psychologische Disposition, die Goetz’ Empathie erklärt.

Das hindert ihn jedoch nicht daran, sich im zweiten und dritten Teil des Buches kritisch mit der RAF und ihren Taten auseinander zu setzen, wobei er auch ihre Säulenheiligen nicht schont, so mokiert er sich über den „elenden Pastorenstuß", den „Ensslinschwachsinn", ihre „Volksschullehrerinnenkleinschrift“ (S. 93). Er scheut die klaren Worte nicht, um die überhöhten Figuren des deutschen Widerstands einmal auf ihr menschlich-realistisches Maß zurück zu stutzen:

"Baader ist natürlich eine faszinierende Abscheulichkeit, als herrschsüchtiger Angeber und Schwinger harter Schlägerworte, mir nur zu gut verständlich, wie vielen kunstsinnnigen Nichtproleten, schönheitssüchtig, denen Baaders Fleisch als Twen in München und Berlin den Kopf verdrehte. Aber um eine Moral der Erniedrigten und Beleidigten in so einem vorbildlich verkörpert zu sehen, dazu muß man, den Germanistenbrei im leeren Nichtkopf, rigid frigide Gudrun heißen.“ (S. 125)

Speziell im dritten Kapitel forciert Goetz die inhaltliche Konfrontation, es beginnt mit den Worten: "Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil" (S. 185), die quasi leitmotivisch den Fortgang des Textes voraus deuten. Unter anderem nimmt Goetz die Perspektive von Frau Heinz, Gattin des ermordeten Schleyer-Fahrers, an (S. 190f.), um zu zeigen, dass die RAF-Aktion eben nicht nur den Exponenten der Wirtschaftsmacht Deutschland traf, sondern ganz normale Menschen, Leute aus dem Volk. Und Goetz’ abschließendes Urteil lautet daher:

"Die Nichtfaschisten hingegen, drei Polizisten und Herr Heinz, die nicht kalkuliert vom Staat geopfert, sondern von der Revolution hingerichtet wurden, werden Opfer in ihrer Funktion als Männer des Volkes, und vom Ort dieser Funktion her richtet sich ihnen der höchste ideale Wert zu. Diesen Wert hat die Revolution im Mord sichtbar gemacht, und der Mord macht den entscheidenden Fehler im Kalkül der Revolution sichtbar, und so zerbricht die Revolution genau an diesem idealen Wert des Lebens von vier Männern des Volkes.“ (S. 273)

Selbst der Mord an Schleyer, dessen Entführung und Einsperrung ins „Volksgefängnis“ Goetz prinzipiell begrüßt, ist vor diesem Hintergrund falsch: "Was vier mal ein Fehler war am fünften September, bleibt auch beim fünften Mord, auch wenn das Opfer selbst Täter und Mörder war, und macht die Mörder zu Mördern." (S. 208/209) Der bewaffnete Kampf musste fehlschlagen, weil er immer mehr in eine Sackgasse geriet, er die Logik seines Handelns nicht mehr selbst bestimmen konnte.





12 Konzept Stadtguerilla. in: Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin: ID-Verlag 1997, S. 40

13 vgl. dazu Peter-Jürgen Boock, Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer. Eine dokumentarische Fiktion, Frankfurt am Main: Eichborn 2002, S. 22-25

Am Ausgangspunkt hatte das „Primat der Praxis“ gestanden: "Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln."12 Diese Anfangsdiagnose, den Schritt in den Untergrund, hält Goetz für richtig: "Man bricht mit sich, um eine radikalere Konsequenz der Reue dem eigenen Leben gegenüber zu finden, als das Leben selbst es einem nahe legt." (S. 247) Doch im Laufe der Ereignisse ändert sich die Lage vollständig: "Sieben Jahre später jedoch ist es nicht Mai, sondern Herbst, und das enge Gesetz des Handelns diktiert jeden Schritt ( …) Nicht mehr die alten Feinde bestimmen, was man tut, sondern die eigenen Taten." (S. 248) Als nämlich die sogenannte „72er-Offensive“ vorbei war und die erste RAF-Generation ausnahmslos einsaß, ergab sich für ihre Nachfolger als vordringlichste Aufgabe die Gefangenen-Befreiung. Die Spirale der Gewalt, das, was man einzusetzen bereit war im Tausch für die Inhaftierten, schaukelte sich hoch. Unter dem Druck der Stammheimer, die mit Selbstmord drohten, falls nicht bald etwas Durchschlagendes passiere13, entschloss man sich zur Schleyer-Entführung, obwohl das die Ermordung von dessen Begleitpersonal erforderte. Schon beim Buback-Attentat im April 1977 war der Tod zweier Begleiter in Kauf genommen worden. Die angestrebte Solidarität des Volkes konnte so natürlich nicht gewonnen werden.

Trotzdem scheint Goetz die RAF-Strategie nicht als prinzipiell falsch einzuschätzen, denn für die Zeit nach 1977 resümiert er: "Auch jetzt ( …) ist zu erkennen, daß es möglich war, den bewaffneten Kampf zu organisieren. Hing im Anfang das Ergebnis der Bewertung, ob es richitg ist, den bewaffneten Kampf jetzt zu organisieren, davon ab, ob es möglich ist, zeigt sich jetzt im Schluß, das es, da es möglich war, richtig war." (S: 248/249) Auch wenn das - logisch gesehen - ein analytischer Schluss ist, wiederholt er damit den Zirkelschluss, der dem „Primat der Praxis“ in Wirklichkeit zugrunde liegt. Wäre Meinhofs Argument tatsächlich so gemeint gewesen, hätte die Möglichkeit des bewaffneten Kampfes also in nichts anderem bestehen sollen als in den RAF-Aktivitäten, den vereinzelten Bomben-Anschlägen und Attentaten, so könnte man dies wohl kaum als Ausgangspunkt für eine soziale Revolution begreifen. Diese Sequenz dürfte allerdings ein weiterer Versuch Goetz’ sein, sich in die Perspektive der Täter hinein zu versetzen. Diese Methode fungiert als ein Erkenntnismittel in mehrerlei Hinsicht, denn natürlich fällt auch für seine eigene Selbstvergewisserung einiges ab. Die historische und private Geschichte parallel zu schließen, beides wechselseitig aufeinander zu beziehen, Ich-Recherche und Schein-Identifikation zu betreiben, verschaffen Goetz genügend Nähe und Abstand zur Betrachtung der Ereignisse. Gleichzeitig ermöglicht ihm das, sich selbst in Bezug auf die zeithistorischen Prozesse zu sehen, sein Gewordensein kritisch zu überprüfen, es auf den Anteil des allgemein-gesellschaftlichen Antagonismus hin zu projezieren. In diesem Sinne ist auch der Titel des Buches mehrdeutig, „kontrolliert“ wird die Geschichte, die RAF und der Staat, Goetz selbst, alles für sich und alles aufeinander bezogen. Anders als Zahl und Geißler, die in der ein oder anderen Weise noch direkt involviert waren in die politischen Kämpfe, gelingt es Goetz so, die Zeit des Terrors aus einer Meta-Perspektive zu betrachten und aufzuschlüsseln.





14 Leander Scholz in einem Interview mit mir, ausgestrahlt im Deutschlandfunk ??? 2002.

15 ebd.

16 ebd.

Mit dem weitgehenden Abtauchen der RAF in den 80er Jahren, mit der Überlagerung der Terror-Thematik durch die Wiedervereinigung geriet das Sujet auch literarisch für längere Zeit in Vergessenheit. 2001 widmete sich mit Leander Scholz ein Autor der RAF-Geschichte, der schon durch sein Alter (Jahrgang 1969) keine unmittelbare Kenntnis mehr von der Vorgängen haben konnte. Für seinen Roman „Rosenfest“ ist die Baader/Ensslin-Story historisches Zeichenmaterial, das er durch seinen Gestaltungsprozess zu amalgamieren und zu dekonstruieren sucht. Die realen historischen Hintergründe sind ihm dabei nachrangig, er beschreibt die Anfangszeit der RAF als sentimentalische Liebesgeschichte Baaders und Ensslins, ästhetisiert das Thema also komplett: "Man muss sich das vorstellen, dass ich im Grunde Bilder gesammelt habe und sie wie in einer Collage zerschnitten habe und sie nach dem Muster, also dem Motiv, dem Liebesmotiv zusammen gesetzt habe."14 Ihm ging es darum, "die Ikonisierung selber zu bearbeiten, den Mythos ( …) also zu re-arrangieren unter dem Aspekt der Liebesgeschichte."15 Für Scholz besitzt der Kult um die RAF-Gründer nicht nur eine politische Dimension, sondern er entdeckt darin "eine bestimmte Identifikation mit einem gewissen radikalen Gestus, der ( …) kulminiert in dem heroischen oder auch symbiotischen Paar und auch in dem, was in dem Mythos, narrativ jedenfalls, ( …) als Road Movie angelegt war."16

Andreas Baader und Gudrun Ensslin also Pop-Paar des deutschen Terrorismus, der bewaffnete Kampf ein reiner Zufall nebenher, entscheidend war die wunderschöne Liebesgeschichte. Soviel Spott über die - je nach politischer Perspektive - heiligen oder teuflischen Ahngestalten der RAF musste auf ein geharnischtes Echo treffen, und das blieb nicht aus. Natürlich tarnte sich als Literaturkritik, was als politischer Widerspruch gemeint war. So beanstandete Sigrid Löffler in Literaturen „die albernen Erfindungen", „die verkrampften Beschreibungen“ und „kitsch-triefenden Dialoge". Leander Scholz´ gramma-tisches und imaginatives Vermögen beurteilt sie als „wahrhaft gräßlich". Auch Iris Radisch (Die Zeit) war wenig amüsiert vom „juvenilen Revolutionskitsch“ und der „zahmen Ästhetik der Schreckschuß-pistole". Diese Reaktionen, die sich durch das gesamte Feuilleton zog, waren das eigentlich Interessante an dem Buch. Sie verriet, wie stark viele sich noch immer persönlich betroffen und angesprochen fühlen, wenn von der RAF die Rede ist. Die Kritik an Scholz’ Sprache ist indes nicht ganz unbegründet. Was das Buch insgesamt angeht, auch wenn die Stoßrichtung stimmt - mit dem Liebesmotiv, einer Art Tristan-Metapher, hat er sich nicht gerade die treffendste Matrix ausgesucht, anhand derer der RAF-Mythos ironisch umzucodieren ist. Dennoch ist das „Rosenfest“ Markstein einer vollkommen neuen Rezeptionsweise, die das mediale Erscheinungsbild, die kulturelle Zeichenhaftigkeit in den Vordergrund stellt, was vermutlich wirklich als einzig Relevantes übrig geblieben ist.





17 Peter-Jürgen Boock, Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer, a.a.O.

Aus der zeitlichen Distanz heraus vermochte mit Peter-Jürgen Boock jetzt auch einer der Täter, ein romanhaftes Buch über die zentrale Konfrontation zwischen Staat und Guerilla zu verfassen, „Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer".17 Als erstes Dokument aus dem Inneren der RAF-Planung stieß der Text auf großes Interesse bei den Rezensenten. Überwiegend klang der Abscheu durch, dass es sich bei dem Autor um einen verurteilten Terroristen handelt (was ziemlich überflüssig ist, weil Boock dafür eben auch 18 Jahre gesessen hat), mit der Quintessenz, dass seine Darstellung daher per se fragwürdig sei. Gerne strichen dieselben Artikelschreiber jedoch heraus, wie sehr Boock Schleyer als den intellektuell klar überlegenen Gesprächspartner wiedergab. Diese Darstellung wurde nicht hinterfragt.

Gerade sie aber ist problematisch: natürlich kann es so gewesen sein, vielleicht war es aber ganz anders. In seinem Vorwort räumt Boock mögliche Erinnerungsschwankungen selbst ein (S. 11). Schon deshalb tut man gut daran, sein Buch als literarischen Text zu lesen. Dieser stellt die RAF keineswegs als die kalte, professionelle Killertruppe dar, als die sie üblicher Weise imaginiert wurde - in Boocks Schilderung nehmen sich die internen Gespräche eher wie dümmliche WG-Diskussionen aus (S. 36ff.). Als es darum geht, Schleyer vor einem RAF-Stern zu filmen, ist keiner zur Stelle, muss er freihändig aufs Blatt geworfen werden, ein rechtes Dilettanten-Theater!

Schleyer dagegen ist stets Herr der Lage. Nicht seine Entführer zeigen ihm im Volksverhör die inneren Widersprüche auf, sondern er ihnen, er besitzt jederzeit die Analyse-Hoheit (vgl. S. 51, 56, 86-88). Dieses Diskussionsübergewicht ist allerdings stark von Boock gesteuert, es ergibt sich - wenn man genau hinschaut - nicht immer zwingend aus Schleyers Argumenten, sondern wird häufig eher vom Autor behauptet - in den narrativen Verkleidungen der Dialoge. Tatsächlich sind die Positionen der RAF-Leute bisweilen durchaus stichhaltig. So mutmaßt Schleyer Boock gegenüber etwa, dass die RAF es ihren Anhängern gegenüber nicht rechtfertigen könne, jemanden wie ihn einfach laufen zu lassen im Austausch gegen die Gefangenen. Boock erwidert: "Ich bin sicher, daß es den meisten Menschen, die unseren Kampf unterstützen, wichtiger ist, daß die Stammheimer freikommen, als daß wir Sie - was wirklich konsequent wäre, keine Frage - einfach erschießen." (S. 88) Mit dieser Einschätzung hat er sicher Recht, dennoch verbucht der Erzähler Boock diesen Dialog als Niederlage für sich: "Ich hatte ihn treffen, ihn ins Schwitzen bringen wollen, aber ihm gelang es noch jedesmal, damit so souverän umzugehen, daß ich am Ende dastand wie jemand, der mit einem großen Knüppel in die Luft schlug." (ebd.) Beim Thema kapitalistische versus sozialistische Organisation der Wirtschaft zieht Schleyer vom Leder, führt das simple Argument an, dass die eine halt funktioniere, die andere, die Planwirtschaft, eben nicht, woraufhin eine der RAF-Frauen sich ereifert:

"Also gilt es, Märkte zu erobern oder wenigstens zu halten, Konkurrenten zu verdrängen, und den Gewerkschaften kommt dabei höchstens die Funktion zu, die Proleten mit Forderungen nach ein paar mehr Prozentpunkten Lohnerhöhung bei Laune zu halten. Wenn ich das höre, kriege ich eine Gänsehaut. Wie paßt die Verelendung der dritten Welt in dieses Bild, die postkolonialen Rückzugskriege, der wahnsinnig schnelle Verschleiß aller Rohstoffe? Sie haben unsere Vorstellung vorhin Zerrbilder genannt, aber was Sie da propagieren, ist doch nichts anderes!“ (S. 94)

Schleyer tut diese absolut nachvollziehbare Kapitalismus-Kritik als „romantische Vorstellungen davon, wie Wirtschaft und Gesellschaft eigentlich sein sollten“ (ebd.) ab und beharrt auf seinem Einwand, indem er auf die Erfolglosigkeit der sozialistischen Zwangskollektivierungen verweist. Darauf fällt nun den Berufsdiskutierern schon nichts mehr ein: "Ich sah zu Karl und Regine hinüber, aber sie schauten genauso ratlos aus der Wäsche wie ich. Der Verlauf dieses Gesprächs wurde mir immer peinlicher, unsere Konzeptlosigkeit war deutlich.“ (S. 94/95) Und am Ende dieses Verhörs heißt es denn auch: „Wir zogen ab, wütend über unsere Niederlage, aufgebracht über seine Art zu argumentieren und, jedenfalls bei mir, gepaart mit dem Gefühl, ihm nicht gewachsen gewesen zu sein." (S. 96)

Diesen Eindruck vermag der Leser nicht unbedingt zu teilen: entweder ist das Zeichen einer handwerklichen Schwäche, dass es dem Autor nicht gelungen ist, die reale diskursive Überlegenheit Schleyers literarisch glaubhaft zu machen. Oder hier waltet der Wunsch des Täters, Schleyer zu glorifizieren, um nachträglich Dispens von seinen Schuldgefühlen zu erlangen. Bereits in diversen Interviews und Fernsehdiskussionen hat Boock seinem Schmerz über die Schuld und die Verantwortung, die er auf sich geladen hat, Ausdruck gegeben (was ja völlig in Ordnung ist), auch im Vorwort dieses Buches. Die Vermutung liegt nahe, dass er in seiner Erinnerung - bewusst oder unbewusst - die Person Schleyers aufgewertet hat. Aber wie gesagt: es mag so gewesen sein. Ansonsten hat dieses Buch allen anderen Publikationen den Informationsvorsprung unmittelbarer Beteiligung und Mitwisserschaft voraus, der Einblick in Organisation und Logistik der RAF ist dokumentarisch interessant. Vermutlich ist auch das ein Zeichen: dass es nunmehr möglich ist, relativ nüchtern die rein strukturellen und technischen Fragen zu erörtern und zu rezipieren, die bei den Terrorakten eine Rolle gespielt haben, ohne dass ein Aufschrei der Entrüstung durchs Land geht. Denn es ist ja so - sicher gibt es Wunden, leidvolle und nicht wirklich abgeschlossene Erinnerungen bei Angehörigen der Opfer -, aber es ist doch Geschichte, und die ist überindividuell, Gegenstand der Deutung und der Analyse. Verstehen wird man diese Zeit nur, indem man subjektive Wertungen und Mythen ausschaltet. Dann wird man diese Erkenntisse für die Zukunft nutzbar machen können.

Die RAF-Rezeption in der deutschen Gegenwartsliteratur der letzten 25 Jahre demonstriert spiegel-bildlich, wie die Haltung zu dieser Frage sich im öffentlichen Diskurs entwickelte. Bis in die Endachtziger Jahre hinein war es nicht möglich, den bewaffneten Kampf zu objektivieren, auch literarische Äußerungen waren immer Position. Der zeitliche Abstand ermöglicht nun, dies als einen historisch-semiotischen Komplex zu sehen, Stoff, Material, Ausgangspunkt, ein letztes Zucken der Moderne.