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Die Box


 
Oktober 2000
Marc Degens
für satt.org

Entstanden im Rahmen des Seminars "Das Ich der Geschichte" am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum (WS 1995/96; Dozent: Roger Willemsen)
Rainald Goetz:
Kontrolliert. Roman.
Suhrkamp, Ffm 1991

Rainald Goetz: Kontrolliert
280 Seiten, Tb.
EUR 8,50
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RAINALD GOETZ
UND SEIN ZWEITER ROMAN
»KONTROLLIERT«


I. Rainald Goetz: Vorläufiges zu Leben und Werk [Stand: 1996]



Rainald Maria Goetz wurde am 24. Mai 1954 als Sohn eines Chirurgen und einer Photographin in München geboren. 1 1960 wurde Rainald Goetz eingeschult, und 1965 wechselte er nach dem Abschluß der Volksschule auf ein humanistisches Gymnasium in München und bestand dort 1974 sein Abitur. Unterbrochen wurde seine Gymnasialzeit durch ein freiwilliges Schuljahr 1971/72 an der Luke M. Powers High School in Flint, Michigan, USA. 1974 begann Goetz ein Doppelstudium der Geschichte und Medizin an der Ludwig-Maximillians-Universität in München und zwei Jahre später mit den ersten publizistischen Tätigkeiten für die Süddeutsche Zeitung, hauptsächlich als Rezensent von Kinder- und Jugendbüchern 2. Erste größere Resonanz erzielte seine dreiteilige Artikelserie "Aus dem Tagebuch eines Medizinstudenten", die 1977 im gleichen Forum veröffentlicht wurde. Ein Jahr später promovierte Goetz nach Studienaufenthalten an der Sorbonne zum Dr. phil. mit einer althistorischen Dissertation. Im gleichen Jahr erschien seine erste Buchveröffentlichung, der Text "Der macht seinen Weg. Privilegien. Anpassung. Widerstand." in dem Kursbuch Nummer 54. 1980 absolvierte Goetz ein praktisches Jahr in der Nervenklinik der Universität München, ein Jahr später approbierte er als Arzt, und 1982 promovierte er zum Dr. med. mit einer an der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychatrie durchgeführten Untersuchung zu Hirnfunktionsstörungen.


(1) Diese und alle nachfolgenden biographischen Angaben stammen aus: Rainer Kühn: Rainald Goetz, S. 1ff.







(2) Seine Spuren im Feuilleton sind allerdings nicht sehr nachdrücklich. "Mit den netten Kinderbuchkritiken, die er für die Süddeutsche Zeitung schrieb, wäre er [Goetz] nicht weit gekommen" (Winkler, 4).







(3) Christian Schultz-Gerstein: Der rasende Mitläufer. In: Klaus Bittermann (Hrsg.): Rasende Mitläufer. Berlin 1987. S. 27.







(4) Etwa Wiglaf Droste: Rainald Goetz und der Literaturbetrieb bzw. Der Bluter von Klagenfurt; Öl im Betriebe. Der 1. FC Delius. In: Ders.: Kommunikaze. Berlin 1989, S. 30-34. Oder Eckhard Henscheid: Literaturpreise oder Aus der Welt der Obszönität. In: Merkur 1, 1986, S. 66-71.







(5) Welche Formen der Bewunderung dieser Roman auslöste, beschreibt der Spiegelrezensent Christian Schultz-Gerstein: "Man hörte von Literaten, die den Roman derart bewunderten, daß sie sich außerstande sahen, eine Rezension zu verfassen. Andere stammelten nur, ob man das Buch von Goetz schon gelesen habe." (Bittermann, 27).







(6) Mit einer sehr ungewöhnlichen Bitte, die Rainald Goetz' Sonderstellung in der hiesigen Literaturszene verdeutlicht, trat übrigens der Spiegel an ihn heran, denn er selber, sollte sein Buch "Kontrolliert" im Spiegel rezensieren. Daß Goetz dies ablehnte, kann man m. M. nach gut verstehen, denn es ist wohl kaum möglich, daß ein Autor zu einem seiner Werke eine annähernd,objektive' Haltung einnehmen und etwa bestimmte Dinge als,mißlungen' oder,schlecht' erachten kann.







(7) Wobei ein Kritikpunkt m.E. auch sehr nachvollziehbar ist, denn besonders die Materialbände "1989" wirken aufgrund ihrer vielen zusammenhangslos aneinandergereihten Fernsehmitschriften ungemein,aufgebläht'. Rainald Goetz muß sich die Frage gefallen lassen, ob z.B. der Text "Mittwoch, 8. November 1989/Shoah/Marx/Fest Buch" (1989, Bd. 2, 322) so wichtig, aussagekräftig und bedeutungsvoll ist, daß er wirklich unbedingt auf einer ansonsten leeren Seite gedruckt werden muß. Falls Goetz die insgesamt über 1500 Seiten reichenden Materialen aber tatsächlich für unverzichtbar hält, dann hätte er sie besser in komprimierterer Form veröffentlichen sollen, denn so erinnern diese drei Bände stark an Peter Handkes "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (Frankfurt 1995), das vom Verlag erst als ein 500 Seiten starkes Buch angekündigt wurde und später mit mehr als doppeltem Umfang, ungewöhnlich großen Lettern und riesigen Zeilenabständen erschien. Weiterhin ungewöhnlich ist die Tatsache, daß "Kronos" viel Bildmaterial und sogar die beinah sechzigseitige Prosa "Der Attentäter" enthält, die allesamt bereits in seinem Prosaband "Hirn" abgedruckt waren.







(8) Wer dieser Erzähler genau ist, möchte ich im Kapitel II.3. dieser Arbeit klären.







(9) Aus: Uwe Wittstock: Der Terror und seine Dichter. Politisch motivierte Gewalt in der neuen deutschen Literatur: Bodo Morshäuser, Michael Wildenhain, Rainald Goetz. In: Neue Rundschau 3, 1990, S. 65-78.







(10) Dies zeigt allein die irrsinnig und verbittert geführte Diskussion um die angebliche Waffenlieferantin der Lufthansamaschinenentführung Monika Haas, die nach dem Willen der Bundesanwaltschaft heute, fast zwanzig Jahre nach der Entführung, wegen "erpresserischen Menschenraubs und Geiselnahme" angeklagt werden soll, obwohl die mehrfache Mutter bereits über ein Jahrzehnt unbehelligt und von den Ämtern toleriert ein,normales' Leben in Frankfurt führte. Um Monika Haas anklagen zu können, wurde sogar extra die damalige, bereits rechtmäßig verurteilte Entführerin Souhaila Andrawes in Norwegen verhaftet, selbst mehrfache Mutter, und nach Deutschland geflogen, um ihr hier erneut den Prozeß zu machen. Dabei drängt sich der Verdacht auf, daß der ganze Aufwand um Andrawes nur deshalb geschieht, damit Monika Haas verurteilt werden kann. (Dies würde dann aber einen Mißbrauch der Kronzeugenregelung bedeuten.) Vorläufiger Schlußpunkt in dieser Diskussion ist der Rückzieher von Souhaila Andrawes, die ihre Anschuldigungen gegen Monika Hass im Januar 1996 zurücknahm.







(11) Dieses Umschlagbild sorgte schon für einige Verwirrung, denn eigentlich zeigt das Bild eine Opferpose, weswegen ein Rezensent auch vermutet, "Rainald Goetz ist ein Gefangener der Raf, sitzt dort, an Schleyers Stelle, unter fünfzackigem Stern und Maschinengewehr" (Höbel). Doch nach der Lektüre des Romans drängt sich eine andere Interpretation auf, nämlich "Goetz der Terrorist" (Winkler), zumindest Goetz der RAF-Sympathisant. Ich finde, daß egal welche Intention Goetz mit diesem Bild verfolgte, der Umschlag die ganze Situation eher veralbert, was den ambitionierten Absichten von Rainald Goetz also schadet.







(12) Urteil vom 7. Mai 1984 - 2- 1StE 5/81.







(13) Das volle Zitat lautet: "( …) für einen echten Terroristenfreund wie mich" (Hirn, 44) und bezieht sich auf verschiedene Kontroversen, die Rainald Goetz mit diversen Rezensenten seines Romans "Irre" führte.







(14) Diedrich Diederichsen taucht häufig in Goetz' Werken auf. Entweder mit Veralberungen seines Namens, "der geniale Kulturkritiker Neger Negersen" (Hirn, 14), oder als ernsthafter Gesprächspartner mit voller Namensnennung (Kontrolliert, 100f.).







(15) Aus: Diedrich Diederichsen: Sexbeat. 1972 bis heute. Köln 1985. S. 38. In einer Vorbemerkung bedankt sich Diederichsen übrigens auch bei Rainald Goetz "für Anregungen und Inspirationen" (ebd., 13).







(16) Etwa Jan-Carl Raspe in "Subito", "Irre" und "Kontrolliert" oder Christian Klar in "Moskau" (Kronos, 183-228) und "Kontrolliert" (S.166ff.). Auch Baader taucht häufig in seinen Texten auf (z.B. Hirn, 12).







(17) Aus: Ingeborg Bachmann: Gedichte. Erzählungen. Hörspiel. Essays. München 71992. S.320.







(18) Besonders aus dem "Komitee gegen Isolationsfolter' rekrutierten sich viele Terroristen der zweiten RAF-Generation, etwa Ralf Friedrich, Willy-Peter Stoll, Monika Helbing, Stefan Wiesniewski und Susanne Albrecht (vgl. Peters, 209-211).







(19) Was dem Erzähler als Student damals, 1977, noch gelang, denn er war "( …) in diesem Herbst, wie schon in den sieben Jahren davor, wieder eher von echten poetischen Büchern gefesselt als von der Politik" (Kontrolliert, 100). Diese Flucht in die Kunst erlebte zur Zeit des Nationalsozialismus auch Alfred Andersch und bezeichnete sie als "totale Introversion" (In: Alfred Andersch: Die Kirschen der Freiheit. Zürich 1971).







(20) "Für junge Arbeiter stellt die Karriere als Fußballer oder als Boxer einen solchen Ausweichkanal dar, für Menschen bürgerlicher Herkunft etwa die Laufbahn als Schriftsteller und Dichter ( …)" (Elias, 322).







(21) So wie alle Schriften der RAF kleingeschrieben sind.







(22) Dieses Spiel mit den sich andauernd verändernden Erzählperspektiven irritierte viele Rezensenten, so auch Walter Delabar, der seine Kritik zu "Kontrolliert" "Goetz, Sie reden wirres Zeug" (In: Juni. Magazin für Kultur und Politik am Niederrhein, 4, 1990, S. 68-78.) nannte, und damit einen ehemaligen Lehrer von Rainald Goetz zitierte, der dessen Kommentare immer mit dem Satz "Goetz, Sie reden wirren Zeug, schweigen Sie." abschmetterte (Zitiert nach: Irre, S 71).







(23) Jan-Carl Raspes Bedeutung für die RAF, besonders in der Phase der Inhaftierung, wurde lange Zeit unterschätzt, denn er ließ sich im Gefängnis zum Elektrotechniker ausbilden und stattete den gesamten Führungskader, dem er auch angehörte, unbemerkt mit Gegensprechanlagen und Radiogeräten aus, so daß die Kontaktsperre und Isolationshaft von den Inhaftierten umgangen werden konnte und die führenden Köpfe wie Andreas Baader und Gudrun Ensslin immer mit den neusten Nachrichten versorgt waren. Dahingegen wurde in der öffentlichen Meinung Ulrike Meinhofs Bedeutung enorm überschätzt, denn besonders in den letzten Jahren ihres Lebens übte sie keinen Einfluß in der Gruppe aus, wurde in die wichtigen Planungen und Entscheidungen nicht mehr eingeweiht, was sie neben ihrer Krebserkrankung wohl wesentlich mit in den Selbstmord am 9. Mai 1976 trieb. Genau in der Zelle übrigens, in der sich nach der Befreiung der "Landshut" durch ein GSG 9-Kommando am 18. Oktober 1977 Gudrun Ensslin erhängte, während sich zur selben Zeit Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen erschoßen (vgl. Peters, 139-168 und 191-294), wobei es aber gerade in diesen Punkten noch einige ungeklärte Fragen gibt.







(24) In dessen Wohnung, die auf die Bundesanwaltschaft gerichtete Schießvorrichtung (vgl. Kapitel II.1.) instaliert wurde.







(25) "Schnauze Kritiker, sage ich zum Kritiker" (aus dem Wettbewerbstext "Subito". In: Hirn, 15.).







(26) So gelang es Peter Handke 1966 in Princeton, im zarten Alter von 24 Jahren, durch einen aggressiven Redebeitrag auf der Tagung der Gruppe 47, beinah das gesamte Literaturestablishment, von den einflußreichsten Zeitungskritikern bis hin zu den renommiertesten Schriftstellern, gegen sich aufzubringen. Dadurch hatte er nicht unwesentlich dazubeigetragen, daß sich im Anschluß an diese Tagung, die Gruppe 47 auflöste (vgl. hierzu "Zur Tagung der Gruppe 47 in den USA" in: Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. Frankfurt a.M. 141990.). Doch nicht nur Kollegen und Kritiker waren das Ziel seiner verbalen Attacken, sondern auch seine Leser und die Zuschauer seiner Theaterstücke. Der Titel seines Sprechstücks "Publikumsbeschimpfung" (in: Peter Handke: Stücke 1. Frankfurt a.M. 51979.) zeigt dies ja schon zweifelsfrei an.







(27) Hier fällt eine Parallele zu Andreas Baader auf, der ja auch beinah jede Frau, zumindest in ihrer Abwesenheit, als,Fotze' bezeichnete, unter anderem auch Gudrun Ensslin. "Seine Freundin Gudrun nennt er in Gegenwart anderer Mitglieder ungeniert,Fotze'. Sie sagt liebevoll,Baby' zu ihm" (Peters, 110).







(28) Zitiert nach: Strasser, 11. Ein Bericht über dieses Symposium findet sich "mit einigen verschämten Sternchen, aber mit voller Namensnennung der Beschimpften" (ebd.) in: Hirn, S.110ff.







(29) Die Schwierigkeiten, ein Interview mit Rainald Goetz zu führen, beschreibt Dietmar Dath ausführlich im siebten Kapitel seines Buchs "Cordula killt Dich!" (Dath, 88-99).







(30) Diesen Weg beschreitet in "Irre" der Arzt Dr. Andreas Hippius (!).







(31) Vgl. Kapitel II.2. dieser Arbeit.







(32) Vgl. Kapitel II.4. dieser Arbeit.







(33) Etwa in: Hirn, 12. Oder in: Irre, 33. Oder in: 1989 Bd. 1, 518. Desweiteren versah Rainald Goetz die meisten seiner in den Jahren 1983 und 1984 entstandenen Bild- und Textcollagen, die zum Teil in seinen Büchern abgedruckt wurden, mit dem Stempelaufdruck "Kontrolliert" (vgl.: Hirn, 170ff. Und: Kronos, 155-179.).







(34) Bei dem Anschlag des RAF-"Kommando Ulrike Meinhof" am 7. April 1977 auf Siegfried Buback, stirbt nicht nur er, sondern auch direkt am Tatort sein Fahrer Wolfgang Göbel und eine Woche später im Krankenhaus der Justizhauptwachtmeister Wurster (vgl. Peters, 220-227).

Seine Karriere als Schriftsteller erhielt dann 1983 durch den provokativen Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt einen ungeheuren Schub. Während der Lesung seines Textes "Subito" (Hirn, 9-21) ritzte sich Goetz mit einer Rasierklinge die Stirn auf und las den Text blutüberströmt zu Ende. Die Bilder dieses telegenen Auftritts, die vom ZDF aufgezeichnet wurden, gingen durch die Medien und Rainald Goetz wurde "ohne einen Preis bekommen zu haben, der mediale Sieger von Klagenfurt" 3. In den folgenden Monaten und Jahren wurde er mit Literaturpreisen und Arbeitsstipendien ausgezeichnet und hielt sich von Oktober 1983 bis zum März 1984 in New York auf.

Im gleichen Jahr seiner Klagenfurter Lesung, die ihn schlagartig berühmt machte, die gleichzeitig aber auch viel Spott nach sich zog 4, erschien dann sein vielbeachtetes Romandebüt "Irre", das fast durchweg positiv besprochen wurde 5. Besonders hervorgehoben in den Rezensionen wurde dabei immer wieder seine "Wort-Gewalt" (Waschescio, Noetzel, 28). Diese meint zum einen seine Sprachartistik und -fertigkeit, zum anderen bezieht sie sich aber auch auf seine "eruptive Leidenswut" (ebd., 29). Viele Kritiker sahen in dieser "Wort-Gewalt" Parallelen zu Heiner Müller (ebd.) oder Thomas Bernhard (Winkler).

Seit 1984 arbeitet Rainald Goetz ausschließlich als freier Schriftsteller und schreibt regelmäßig Artikel für die Musikzeitschrift "Spex". Zwei Jahre später erschien dann im Doppelpack die Theatertrilogie "Krieg" und der Prosaband "Hirn". "Krieg" besteht aus den drei Stücken "Heiliger Krieg", "Schlachten" und "Kolik", die 1987/1988 im Bonner Schauspielhaus uraufgeführt und nachher mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurden. "Hirn" ist "Schrift Zugabe zu Krieg" (Hirn, 2) und umfaßt vereinzelte Gelegenheitsarbeiten aus den Jahren 1983 bis 1985, die hauptsächlich in,Spex',,Merkur' und in der Süddeutschen Zeitung erstveröffentlicht wurden.

1987 erschien daraufhin sein vieldiskutierter zweiter Roman "Kontrolliert", der "die Geschichte des Jahres 1977" (Kontrolliert, 2) erzählt und in dem ursprünglich der "Staat verhandelt werden" (ebd., 15) sollte. Dieses Buch splittete die Leserschaft in zwei Lager. Die einen sehen in "Kontrolliert" ein reines RAF-Sympathisanten-Werk (Höbel), die anderen ein gänzlich unpolitisches Buch, in dem es "nicht um die RAF, sondern um die deutsche Romantik" (Winkler, 4) geht. Mit der Klärung der Frage, ob und wie "Kontrolliert" Partei für die RAF ergreift, möchte ich mich im weiteren Teil dieser Arbeit beschäftigen. 6

Zwei Jahre später erhielt Rainald Goetz die Fördergabe des Schillerpreises und erst 1993, also sechs Jahre nach seinem zweiten Roman, erschien sein bis heute letztes Werk, das Buch "Festung" in drei Bänden. "Festung" umfaßt die drei Theaterstücke "Kritik in Festung", "Festung" und "Katarakt", zusammengestellt in dem Band "Festung", die drei Materialbände "1989" und die verstreute Arbeiten aus den Jahren 1982 bis 1990 bündelnden Berichte "Kronos". Dieses Werk erhielt viele niederschmetternde Kritiken, auch aus den Kreisen, die Rainald Goetz eigentlich sehr nahestanden, so etwa dem Konkret- und Spex-Umfeld (vgl. Dath, 99). 7

Als letzte eigenständige Veröffentlichung von Rainald Goetz erschien 1994 die Doppelliteratur-CD "Word", auf die er, von den Technomusikern Oliver Lieb und Stevie Be Zet musikalisch begleitet, die in "Kronos" veröffentlichten Texte "Soziale Praxis" und "Ästhetisches System" leicht gekürzt spricht, beziehungsweise singt.


II. Der Roman "Kontrolliert"


II.1. Aufbau und Thema


An dem zweiten Roman von Rainald Goetz fällt formal als erstes die Gliederung in drei Abschnitte auf, die er schon bei seinem ersten Roman "Irre" und auch bei den beiden Theaterbänden "Krieg" und "Festung" verwandte. Diese Gliederung besitzt keinen Symbolcharakter (und steht zum Beispiel für die Trinität Gottes), sondern will dem Leser, bereits optisch, "die Wandlungen seines alter ego anschaulich machen" (Wittstock). So unterscheiden sich diese drei Abschnitte auch deutlich voneinander.

Das erste Kapitel "Schwarze Zelle" ist ein rasanter, zorniger absatzloser Monolog, nach dem Vorbild Thomas Bernhards. In diesem Abschnitt sitzt der Erzähler8 allein an einem Schreibtisch in seiner,schwarzen Zelle' und erinnert sich an die Vorkommnisse des Jahres 1977. Vor allen Dingen an sein Erleben der herbstlichen RAF-Offensive, die er damals als Geschichtsstudent verfolgte.

Im zweiten Teil "Diktat" verläßt der Erzähler die selbst auferlegte Einsamkeit seines Schreibtisches, "die Kontaktsperre" (Kontrolliert, 16), und präsentiert sich hauptsächlich im Gespräch mit Freunden und Bekannten. Wild wechselt nun die Erzählperspektive zwischen "der nach wie vor unversöhnlichen Ich- und einer gemäßigteren Er-Form hin und her" (Wittstock).

In dem Schlußkapitel "Im Namen des Volkes" rückt der Erzähler schließlich immer mehr aus dem Blickpunkt des Geschehens und "Goetz parodiert in 44 Szenen - die den 44 Tagen zwischen Schleyers Entführung am 5.9. und der Entdeckung seiner Leiche am 18.10. 1977 entsprechen - Tonfall und Denkmuster eines Regierungssprechers ebenso wie die eines Psychiaters oder eines leitenden Verfassungsschützers ( …)"9.

Genau zehn Jahre nach dem größten bundesdeutschen Nachkriegstrauma, das mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. Mai 1977 begann, die Ermordung des Sprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, am 1. Juli 1977 und die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansamaschine,Landshut' nach sich zog und schließlich mit dem kollektiven Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe und der Erschießung Hanns-Martin Schleyers blutig endete, nahm sich Rainald Goetz des Themas an, das auch heute noch für Schlagzeilen sorgt 10.

"Ich erzähle hier die Geschichte des Jahres 1977" (Kontrolliert, 15), lautet der erste Satz des Romans und schon das Bild auf dem Umschlag - Rainald Goetz läßt sich vor dem RAF-Signum, das Maschinengewehr im fünfzackigen Stern, abbilden11 - verrät die Beschäftigung mit der RAF in diesem Werk.

Das ganze Buch ist aufgeladen mit meist kurzen, beiläufigen Anspielungen und Kommentierungen der damaligen Geschehnisse. Als Beispiel möchte ich nur zwei Textstellen anführen.

"Höfliche Terroristen ( …) können die installierte Stalinorgel am Schluß auch selber sabotieren, damit die Stenotypistinnen in der Bundesanwaltschaft gegenüber nicht erschrecken, wenn sie plötzlich aus heiterem Himmel durch den Fensterkaktus durch tot geschossen werden"(ebd., 148), bezieht sich auf den mißglückten "Raketenwerfer-Anschlag" der Raf auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am 25. August 1977. Dieser Anschlag scheiterte, weil die Täter vergaßen, das Läutwerk des Tischweckers, der das von einer gegenüberliegenden Wohnung auf die Bundesanwaltschaft gerichtete "Flächenschußgerät" auslösen sollte, aufzuziehen. Vor Gericht behauptete der dafür angeklagte Terrorist Peter-Jürgen Boock später, daß er dies absichtlich getan habe, da er den Anschlag vereiteln wollte. Dennoch kam das Oberlandesgericht nachher zu dem Fazit, "daß der Angeklagte den Anschlag nicht bewußt sabotiert hat, sondern daß ihm in der Hektik der Tatvorbereitungen lediglich ein Fehler unterlaufen ist." 12

Eine weitere Textstelle, die sich auf einen Terrorakt der RAF bezieht, ist "Susanne Albrecht war bei Pontos zu Besuch, dann war Herr Ponto tot, obwohl Susannes Freunde ganz manierlich waren und extra Blumen mitgebracht hatten ( …)" (ebd., 148). Dieses Zitat erklärt die Umstände, wie das RAF-Kommando, das Jürgen Ponto eigentlich entführen wollte, ihn dann aber nach dessen Weigerung mit fünf Kugeln erschoß, überhaupt Zugang zu dessen Privatwohnung erhielt. Diesen erhielten Brigitte Mohnhaupt und ein bis heute nicht identifizierter männlicher Begleiter durch Susanne Albrecht, der Tochter eines Studienfreundes von Ponto, die zu dritt und mit einem Blumenstrauß in der Hand einfach an der Haustür klingelten und von Pontos Fahrer und Hausmeister hineingelassen wurden.

Diese beiden exemplarischen Textstellen machen deutlich, daß es Goetz nicht darum geht, wie es im ersten Satz des Romans geschrieben steht, die Geschichte des Jahres 1977 zu erzählen, also einfach chronologisch wiederzugeben, sondern daß er sie in erster Linie kommentiert. Der Leser versteht nur dann die knappen, meist beiläufigen Anspielungen und Kommentare, wenn er mit den terroristischen Ereignissen des Jahres 1977 vertraut ist. Falls er sich aber mit der Materie nicht auskennt, dann besteht sehr leicht die Gefahr, daß er entscheidene Textstellen einfach überliest und am Ende des Buches überhaupt nicht mitbekommen hat, wo und wann es um die RAF und die Ereignisse des Jahres 1977 ging. Somit ist "Kontrolliert" keine durchschnittliche, in Zeitgeschichte gebettete Erzählung, sondern vielmehr ein Geschichtskommentar. Darauf weist bereits der Untertitel von "Kontrolliert" hin, der nicht,Roman' lautet, sondern "Geschichte" (ebd., 5).


II.2. Der
"Terroristenfreund"13


Rainald Goetz ist ein hochgradig politischer Schriftsteller, dessen Werk, vor allen Dingen das dramatische, bis 1989 geradezu,klassenkämpferische' Dimensionen besitzt, so lautet der Klappentext der Theatertrilogie "Krieg": "Der Kampf geht weiter. Sieg oder Tod."

Eine Erklärung für die starke Anziehungskraft des Kommunismus auf Intellektuelle, insbesondere auf den zweifachen Doktor Goetz, liefert sein Freund und Förderer Diedrich Diederichsen 14, der auch die "Hauszeitschrift" von Rainald Goetz (Winkler),Spex' herausgibt, in seinem Buch "Sexbeat":

"Ich bin Kommunist, weil Kommunismus, speziell der Leninismus, die einzige Weltanschauung ist, die die Macht in die Hände der Intellektuellen legt." 15

Den tiefen Einschnitt in ihrem Selbstverständnis, den der Mauerfall 1989 bei vielen,linken' Intellektuellen auslöste, verarbeitet Goetz in seinem dreibändigen Werk "Festung", besonders stark in den Materialbänden "1989". Dort verwischen die bis dahin klargezogenen Grenzen, - die Französischen Tennismeisterschaften erhalten etwa die gleiche Aufmerksamkeit wie politische Dinge, z. B. die Studentenunruhen in China - und der Erzähler ist nicht mehr in der Lage, Sport, Unterhaltung, Kultur und Politik voneinander zu trennen: "Becker mit einem frischen Hemd/und Pollunder wieder drüber/Mao/Altbundeskanzler Schmidt/Respect yourself" (1989 Bd. 1, 54).

Doch mindestens bis 1987, dem Erscheinungsjahr von "Kontrolliert", plagen Goetz diese Zweifel nicht.

Immer wieder hat sich Goetz in seinem Werk als "Terroristenfreund" bezeichnet, teilweise bedauert er sogar, kein Terrorist geworden zu sein. Der Rasiermesserauftritt von Klagenfurt basiert so etwa auf dem folgenden Satz des Wettbewerbtextes "Subito": "Und weil ich kein Terrorist geworden bin, deshalb kann ich bloß in mein eigenes weißes Fleisch hinein schneiden." (Hirn, 16)

Darüberhinaus wählt Goetz meist Terroristen als Namenspaten für seine Protagonisten 16. Die elementare Bedeutung und Symbolkraft, die diesen Namensbeziehungen innewohnt, hat Ingeborg Bachmann schon 1959/60 in der vierten ihrer fünf Frankfurter Vorlesungen unter dem Titel "Der Umgang mit Namen" hervorgehoben, wo es heißt:

"Denn mir scheint, daß die Treue zu diesen Namen, Gestaltnamen, Ortsnamen, fast die einzige ist, deren die Menschen fähig sind." 17

Die Terroristensympathie von Rainald Goetz hat im Wesentlichen zwei Gründe.

Zum einen wehrt er sich energisch gegen die staatliche Terroristenverfolgung. So heißt es im dritten Punkt seines Textes,Kerker': "Die Verhaftung ist ein Akt staatlicher Willkür" (ebd., 106). Besonders die Isolationshaft, mit der Nachrichten- und Kontaktsperre, der die damals einsitzenden Terroristen ausgeliefert waren, läßt Goetz für die Gefangenen eintreten. In diesem Punkt fallen einige Parallelen zur Hochphase des Terrorismus in den siebziger Jahren auf, denn die damaligen Hungerstreiks, mit denen die Gefangenen auf ihre Situation aufmerksam machten, führten zur massenhaften Gründung von sogenannten Hungerstreik-Komitees. Ihr Ziel sahen die Mitarbeiter darin, "eine breite antifaschistische Öffentlichkeit herzustellen" (Peters, 155). Aus dieser ,Gegenöffentlichkeit' wurden viele Menschen zu RAF-Sympathisanten, manche sogar zu neuen Terroristen 18. Insofern kann man Goetz auch zu diesem "legalen Arm der RAF" (ebd., 155) zählen, wobei Goetz allerdings seine Motivation genau kennt und beschreibt:

"( …) Der Staat ist Ausbeuter und Unterdrücker, das Kapital, und plötzlich ist der Staat Gefangener der raf, der Staat ist nur noch Angst, die Drohung, die Kontaktsperre, der Staat ist machtlos, der Staat ist der im Volksgefängnis inhaftierte Altfaschist ( …)" (Kontrolliert, 16).

Doch die noch wichtigere, noch entscheidendere Motivation für das Eintreten und Identifizieren mit den Terroristen, ist für Rainald Goetz die Unfaßbarkeit des Staates. "Der Staat ist ungeheuerlich, die Ungeheuerlichkeit, die einer, wie ich hier, nicht fassen kann" (ebd., 15). Goetz, für den "Spontaneitismus und Terror ( …) selbstverständliche Aktionsformen des revolutionären Kampfs" (Hirn, 106) sind, kann sich nicht mit diesem Staatengebilde identifizieren. Ihm schwebt eine andere Gesellschaftsform vor, er ist im Besitz einer Utopie, so daß er das Bestehende grundweg ablehnt. Soweit ablehnt, daß der Staat in ihm Ekel hervorruft, er sich von ihm eingeengt fühlt, Goetz den Staat also haßt. Damit besitzt er eine Grundhaltung, die für Norbert Elias die Grundhaltung der RAF-Terroristen war:

"Vermutlich spielte bei ihrem gewalttätigen Kampf gegen die bestehende Gesellschaftsordnung ihr eigenes Empfinden, von schweren gesellschaftlichen Zwängen belastet zu sein, und ihr Verlangen nach ihrer eigenen Befreiung von einer unerträglichen Unterdrückung eine sehr viel größere Rolle, als ihnen theoretisch bewußt war. ( …) Wenn man die Äußerungen intellektueller Terroristen liest, dann stößt man immer wieder von neuem auf Zeugnisse für das Empfinden, in einer unerträglich oppressiven und unfreien Gesellschaft zu leben, die zerstört werden muß ( …)" (Elias, 305f).

Genau dieses Empfinden herrscht bei Goetz im gesamten ersten Kapitel des Romans vor. Dieses Empfinden reicht sogar soweit, daß sich der Erzähler bis zur Selbstaufgabe hin mit Raspe identifiziert: "( …) ich bin Raspe" (Kontrolliert, 16). Für ihn gibt es vor dieser "unerträglichen Unterdrückung" keine Flucht mehr; weder im Alkohol noch in der Kunst 19, die Elias als klassische "Ausweichkanäle" 20 bezeichnet, findet der Erzähler einen Ausweg.

In dem Roman wird der Leser ständig damit konfrontiert, daß es für den Erzähler zwei Wirklichkeiten gibt. Zum einen die "Wirklichkeit" (ebd., 38), die großgeschrieben und durch den Staat repräsentiert wird, zum anderen die "wirklichkeit" (ebd., 20), die kleingeschrieben wird 21 und damit die RAF-Realität bezeichnet.


II.3. Wer spricht?



Wenn man die Fragen klären will, welche Position der Roman "Kontrolliert" zum Terrorismus und welche Haltung Rainald Goetz zur RAF einnimmt, zwei übrigens grundlegend verschiedene Dinge, dann ist ein Aspekt von entscheidender Bedeutung: Wer ist eigentlich der Erzähler in diesem Buch?

Viele Rezensenten haben es sich, auch schon bei den Besprechungen zu früheren Werken von Goetz, zu einfach gemacht, so schreibt Willi Winkler etwa in seiner Zeitungskritik, daß "dieser Raspe [Kontrolliert] ( …) natürlich identisch mit jenem Rainald M. Goetz" (Winkler) ist. Dies ist ebenso falsch wie die Gleichsetzung des Raspes aus "Irre" mit jenem Terroristen Jan-Carl Raspe. Goetz verärgert es,

"daß Jan Carl Raspe, derherrhabihnselig, nicht Jan Karl Raspe mit K geheißen hat, wie Lorenz Lenzilein von Seidlein in einem Textlein in Elaste Nummer 7 Seite 7, der meinen schönen Vornamen zur Überschrift hat, schreibt, und daß die Hauptfigur meines Romans weder Jan Karl noch Jan Carl sondern Wilhelm Raspe heißt ( …)" (Hirn, 44).

Nach genauer Lektüre des Romans erkennt man, daß Goetz mit den Erzählperspektiven und auch mit den Erzählern geradezu spielt, so daß jene simplen Übertragungsmodelle, die oben angeführt wurden, nicht greifen. Dennoch lassen sich drei Erzählperspektiven, die nicht immer klar zu trennen sind, herausstellen. 22

Zum einen gibt es eine Hauptfigur namens Raspe. Dieser Raspe besitzt mannigfaltig biographische Gemeinsamkeiten mit Rainald Goetz, etwa das gleiche Geburtsjahr (Kontrolliert, 42) und dasselbe Studienfach (ebd., 32), so daß man diesen Raspe als das "Alter ego" von Goetz ansehen kann. Damit würde Goetz ein klassisches Erzählmodell aufgreifen; eben das, des ausgewählten Protagonisten als Sprachrohr des Autors. Dieser Raspe könnte so eventuell auch der Ludwig Raspe aus "Irre" oder der Raspe aus "Subito" sein, obwohl es dafür keine eindeutigen Hinweise gibt.

Zum anderen wechselt vor allen Dingen im Schlußkapitel die Perspektive immer häufiger zu Jan-Carl Raspe 23 hinüber, besonders deutlich in der Schilderung seines Todes (ebd., 279ff). Allerdings ist sich Rainald Goetz der Schwierigkeiten bewußt, die diese Identifikation mit sich bringt, so daß er schon auf den ersten Seiten seine spätere Vorgehensweise abschwächt:

"Der Bau heißt Stammheim, ich bin Raspe. Ich saß im Gefängnis, ich ging im Raspe in der Zelle auf und ab, ich las mit seinen Augen Bücher, ich war der Baaderhaß. Da war die Grenze da. Ich war nicht Raspe." (ebd., 16)

Hierin macht Goetz deutlich, daß diese zeitweilige Identifikation nur literarisch möglich ist, als ästhetisches Spiel, so wie er etwa im letzten Kapitel die Gedanken des Kunstmalers Sand 24 imitiert. Damit unterliegt Goetz trotz seiner starken Sympathien und der ähnlichen Grundüberzeugung (vgl. Kapitel II.2.) nicht der Versuchung, seine Rolle zu überschätzen und sich anzumaßen, dem Kreis der Terroristen anzugehören. Er ist "weniger der Bauherr, mehr der Schreiber" (Kontrolliert, 18).

Schließlich aber meldet sich Rainald Goetz, wie er es schon in seinem ersten Roman (Irre, 258) tat, doch noch an wenigen Stellen selbst zu Wort, etwa "ich heiße Rainald, ich bin Alkoholiker" (Kontrolliert, 104).

Dies bedeutet, daß mindestens drei Erzählpositionen in diesem Roman existieren und gleichzeitig damit mehrere Beurteilungen der RAF.

Zum einen die aus der Sicht des Sympathisanten, durch das "Alter ego" von Rainald Goetz, Raspe, zum anderen die des tatsächlichen Terroristen, der jedoch nur literarisch verfremdet präsent ist. Die aber wahrscheinlich wichtigste Position, die tatsächliche von Rainald Goetz, tritt nicht offen und unverhüllt zu Tage. Eine Annäherung an diese möchte ich im Kapitel III. wagen.

Einen Punkt stellt Goetz aber ganz klar heraus; er ist kein "Terrorist", für den ihn etwa einige Rezensenten halten (vgl. Winkler), denn "richtiger Terror heißt für mich wirklicher Terror steht mir vom Wortort her entgegen durch den Stilleterror" (Kontrolliert, 90).


II.4. Der Verweigerer



Ein Motiv, das das Leben und das Werk von Rainald Goetz wie ein roter Faden durchzieht, ist die Verweigerung.

Schon früh, mit seinem ersten öffentlichen Auftritt in Klagenfurt, bricht Goetz Tabus der Kulturszene, so beschimpft er beispielsweise unverhohlen die Juroren 25. Da auch diese ,Literaturverweigerung', also die Schockierung des Publikums und der Kritiker, mittlerweile eine recht lange Tradition aufweist, exemplarisch sei an dieser Stelle nur auf Peter Handke hingewiesen 26, müssen die Mittel zwangsläufig drastischer werden, damit man tatsächlich noch Entrüstung und Bestürzung hervorrufen kann.

Rainald Goetz, der den Kulturbetrieb in seiner Funktion als Zeitungsrezensent genau beobachtet hatte, kennt natürlich diese Spielregeln und spielt anfänglich munter mit. Da es immer schwerer geworden ist, in einer Diskussion das Gegenüber mit Thesen zu schockieren, muß man, um Aufsehen zu erregen, die Diskussion verweigern. Und so sieht sich Goetz "als der entschiedenste Feind des Gesprächs, schon gar des öffentlichen Gesprächs" (Hirn, 110) an. Dennoch nahm er etwa 1984 an einem Symposium in Graz teil und

"beschimpfte ( …) eine Schriftstellerkollegin als,verhungerte Germanistenfotze' 27, eine andere als ,Teiggesicht', einen Soziologen als,Fettsack', einen weiteren Schriftsteller als,ringelhemdtragende Elendsexistenz'." 28

Natürlich verwundert es, daß "der entschiedenste Feind des Gesprächs" überhaupt an einem Symposium teilnahm. Und hier zeigt sich ein Problem der Verweigerungshaltung. Falls man sich wirklich nur verweigert, in diesem Fall etwa den Gesprächen fernhält, findet diese Haltung keine Beachtung. Sie wird gar nicht als Verweigerung sichtbar, sondern als stilles Einverständnis, so wie etwa die Stimmenthaltung bei politischen Wahlen auch nur die dann gewählte Mehrheit unterstützt. Andererseits bietet die,volltönige', mediengerechte Verweigerung sehr viel Angriffs- und Kritikfläche. Goetz muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß die Gesprächsverweigerung nur der eigenen Darstellung diente, so daß er gar nicht das Gespräch verweigerte, sondern nur eine Außenseiterrolle im Gespräch annahm, die die Institution,Gespräch' wiederum festigte. Diese Paradoxie wurde Goetz in den folgenden Jahren immer bewußter, worauf er mit einem Rückzug aus den Medien reagierte und hauptsächlich seine Texte sprechen ließ. So erschien Goetz nicht mehr persönlich auf Preisverleihungen und gab nur noch selten Lesungen und Interviews. 29

Wesentlich problemloser verweigern sich Goetz' Romanfiguren. In seinem ersten Roman "Irre" droht der Irrenarzt Raspe an der Institution Psychatrie zu zerbrechen, förmlich selber wahnsinnig zu werden. Und als er "nicht mehr weiter konnte, schmiß er den Kram einfach hin" (Höbel). Diese Kapitulation ist die klarste Form der Verweigerung.

Doch in "Kontrolliert" erreicht die Verweigerung eine neue Stufe. Die Hauptfigur Raspe ist im ersten Kapitel des Romans mit der Abfassung seiner Doktorarbeit beschäftigt. Wiederum scheint Raspe an einer Institution, diesmal der Institution "Universität", zu scheitern, denn seine hochgesteckten Erwartungen haben sich nicht erfüllt,

"weil die Universität nicht Wissen lehrt, sondern Wissensränder, an denen Forschung steht und einen Einzelpunkt ins nichts des Nichtwissens raus treibt" (Kontrolliert, 32).

Doch in "Kontrolliert" besteht Raspe die Herausforderung, denn "die Universitätsverhöhnung ist mein Motiv für meine Doktorarbeit" (ebd., 39). Damit kapituliert er nicht vor der Institution, sondern unterwandert sie. Dadurch wird er zwar ein Teil der Institution, besitzt dafür aber auch die Möglichkeit, die Institution von innen her zu verändern, zu reformieren. Und eine Veränderung besteht allein schon darin, daß jemand wie er ein Teil der Institution wird. So besteht die Verweigerung diesmal nicht wie in "Irre" aus der äußerlichen Verweigerung, also der Wegwendung von der Institution, sondern aus einer inneren Verweigerung. 30


III. Schlußbetrachtungen



Wenn man dem zweiten Roman von Rainald Goetz gerecht werden will, falls man ernsthaft versucht, "Kontrolliert" als ein politisierendes Werk nachzuvollziehen, dann rückt ein Spannungsfeld immer deutlicher in den Vordergrund: Das Spannungsfeld zwischen ,Terroristenfreund' 31 und,innerem Verweigerer' 32. Falls man aber den Fehler begeht und einen der beiden Aspekte nicht berücksichtigt, das Spannungsfeld also übersieht, kommt man zwangsläufig zu einer falschen, da einseitigen Bewertung. Je nachdem sieht man so entweder in dem Autor den "als späten Sympathisanten Delirierenden" (nach Höbel) oder in "Kontrolliert" ein Werk, indem es "nicht um die RAF, sondern um die deutsche Romantik" (Winkler) geht.

Einen Schlüsselbegriff für Goetz, der dieses Spannungsfeld genau umreißt und mit dem er sich beinah in allen seinen Werken beschäftigt 33, wählte er deshalb als Titel seines zweiten Romans: "Kontrolliert".

Einerseits ist Kontrolle, vor allen Dingen wenn sie eine staatliche ist und sich zum Beispiel in Inhaftierungen und Kontaktsperren äußert, für Raspe eine Ungeheuerlichkeit. Andererseits braucht er als Mensch diese Kontrolle, denn

"Ordnung ist schließlich in allem, gerade im äußerlichen, ein wunderbarer Halt des Schönen." (Kontrolliert, 33.)

Darin hat der Raspe aus "Kontrolliert" dem Raspe aus "Irre" einiges voraus. Während der erste Raspe an einer neuen Herausforderung, in diesem Fall die Abfassung einer Doktorarbeit, höchstwahrscheinlich wie an der Institution "Psychatrie" gescheitert wäre, und also die äußere Form der Verweigerung gewählt hätte, da er Kontrolle in jeglicher Form, staatlich wie auch individuell, ablehnt, weiß der andere Raspe mittlerweile, daß Kontrolle auf alle Fälle individuell notwendig ist. Notwendig um die staatliche Kontrolle, die Raspe durchaus noch verurteilt, überhaupt zu kritisieren, denn "Kritik ist Kontrolle der Korrektheit" (Hirn, 43). Dieser Kontrollgewinn hält ihn aber davon ab, die RAF zu verherrlichen; einer Gefahr, der der frühere Raspe ausgesetzt war. Doch der neuerliche Kontrollgewinn macht auch vor der RAF nicht Halt, so ist der neue Raspe durchaus in der Lage, die RAF zu kritisieren. Rainald Goetz bringt in seinem Roman sogar ein Argument, daß die Aktionen der RAF insgesamt humanistisch verurteilt:

"Das Problem, an dem die ganze raf zerbricht, ist weder der Mercedes, noch der Buback, sondern sein Fahrer Wolfgang Göbel 34, so ging die Rechnung hier ganz klar, da halfen keine Worte revolutionärer Herrlichkeit und Härte." (Kontrolliert, 139.)

Allein durch diesen Satz wird klar, daß Goetz kein reines "RAF-Buch", das den Terror verherrlicht, geschrieben hat, so wie es viele Rezensenten (Strasser) sehen. Doch ein unpolitisches Buch, für das es Willi Winkler hält, ist "Kontrolliert" natürlich auch nicht. Das Thema ist eindeutig festgelegt, Rainald Goetz verhandelt in seinem Buch den Staat ebenso wie die RAF und kritisiert schonungslos beide Seiten. Allein aber dadurch, daß er beide Seiten gleich behandelt und auf eine Stufe setzt, löst er in einem Land, indem die Debatte um Terrorismus immer noch tabuisiert ist, einen Proteststurm aus.

Im Kapitel II.2. habe ich einen Satz von Diedrich Diederichsen zitiert, der die Anziehungskraft des Kommunismus auf Intellektuelle erklärt, zu denen auch Rainald Goetz zählt. Auch auf die Terroristen der RAF besaß der Kommunismus eine große Anziehungskraft, da

"Marx fast als einziger Gesellschaftswissenschaftler ein Gedankengebäude hinterlassen hat, dessen Kern eine Theorie der sozialen Ungleichheit und Unterdrückung mit einem eingebauten Versprechen der Lösung dieses Problems ist, wurde sein Werk zum zentralen Orientierungsmittel für diejenigen Gruppen der aufsteigenden bürgerlichen Generationen, die unter der gesellschaftlichen Situation ihrer Gegenwart und unter ihrer eigenen Stellung darin litten." (Elias, 303.)

Doch hierin besteht der entscheidene Unterschied zwischen einem Intellektuellen wie Goetz auf der einen Seite und den RAF-Terroristen auf der anderen. Denn für die Intellektuellen stellt der Kommunismus vordergründig das Ziel dar, die Utopie, während Marx für die Terroristen nur der Ausweg ist. Goetz erkennt, daß

"gewalttätig in einen fremden Menschen rein zu schießen, oder auch nur in einen selbst, kann keine noch so revolutionäre Logik theoretisch postulieren" (Kontrolliert, 102.) und "Handeln folgt nicht theoretischer Begründung, sondern handelt für sich logisch einfach Schritt für Schritt nach einer jeweils neuen Augenblickslogik. Deshalb ist es Unsinn, vom Täter auch noch Theorien zu verlangen." (ebd., 60.)

Damit liefert der Intellektuelle Goetz die Erklärung ab, warum er kein Terrorist, sondern nur,Terroristenfreund' geworden ist und dieses Buch geschrieben hat.


IV. Literaturverzeichnis



Werke
  • Rainald Goetz: Irre. Frankfurt a. M. 61986 (=suhrkamp taschenbuch 1224).
  • Ders.: Krieg. Hirn. 2 Bde. Frankfurt a. M. 31986 (=edition suhrkamp 1320).
  • Ders.: Kontrolliert. Frankfurt a. M. 1991 (=suhrkamp taschenbuch 1836).
  • Ders.: Festung. Frankfurt a. M. 1993 (=edition suhrkamp 1793).
  • Ders.: 1989. 3 Bde. Frankfurt a. M. 1993 (=edition suhrkamp 1794).
  • Ders.: Kronos. Frankfurt a. M. 1993 (=edition suhrkamp 1795).



Darstellungen

  • Johano Strasser: Über eine neue Lust an der Raserei. In: L'80 44, 1987, S. 9-23.
  • Petra Waschescio/Thomas Noetzel: Die Ohnmacht der Rebellion. Anmerkungen zu Heiner Müller und Rainald Goetz. In: L'80 44, 1987, S. 27-40.
  • Uwe Wittstock: Vom Terror der Gedanken. Der Haß des Rainald Goetz und sein RAF-Buch,Kontrolliert'. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.9.1988 (Bilder und Zeiten).
  • Wolfgang Höbel: Das Wortkraftwerk als Wurstfabrik. Rainald Goetz deliriert als später Sympathisant: ,Kontrolliert'. In: Süddeutsche Zeitung, 5.10.1988 (Literaturbeilage).
  • Willi Winkler: Niemand, nichts, nur ich. Rainald Goetz schreibt seinen zweiten Roman, es geht aber nicht um die RAF, sondern um die deutsche Romantik. In: Die Zeit, 7.10.1988, S. 4 (Literaturbeilage).
  • Rainer Kühn: Bürgerliche Kunst und antipolitische Politik. Der,Subjektkultkarrierist' Rainald Goetz. In: Walter Debelar (Hrsg.): Neue Generation - neues Erzählen. Deutsche Prosa-Literatur der achtziger Jahre. Opladen 1993.
  • Rainer Kühn: Rainald Goetz. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. München 1978ff (32. Nlg.).



Hinzugezogene Werke

  • Norbert Elias: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 41990.
  • Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland. Stuttgart 1991.
  • Dietmar Dath: Cordula killt Dich! oder Wir sind doch nicht Nemesis von jedem Pfeifenheini. Berlin 1995.