Anzeige:
Die Box


 
September 2003
Jens Meyer
für satt.org

Jens Meyer:
Schablonen-Graffiti (Pochoirs)


sattLINK:
Brot und Butter
Décollagen

Pochoirs
und negative Hände



Die Idee, Bilder mit Hilfe einer Schablone herzustellen, ist uralt. Schon in den steinzeitlichen Höhlenmalereien haben die Künstler die in ihrem Speichel aufgelösten Farbpigmente gegen ihre an die Höhlenwand gelegte Hand geblasen, so dass die Fläche der Hand aus dem Farbauftrag ausgespart blieb und die Farbe auf der Wand eine so genannte negative Hand umrandete.
Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs) Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs)

Um das Jahr 1980 herum kam in Paris der Trend auf, Graffiti mit Hilfe von Schablonen anzufertigen. Sie wurden "Pochoirs" genannt, nach dem französischen Wort für Schablone (wobei "pochoir" sowohl die Schablone als auch das damit erzeugte Bild bezeichnet). Einige Pochoirs und ihre Urheber sind seitdem weithin bekannt geworden, etwa die Banane von Thomas Baumgärtel oder die kunstvollen, oft lebensgroße Menschen darstellenden Schablonen von Blek le rat (Künstlername von Xavier Prou). Längst sind Schablonen-Graffiti auch in Berlin weit verbreitet.

Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs) Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs)

Schablonen dienen dazu, gleichartige Grafiken in größerer Stückzahl zu erzeugen; sie ermöglichen höhere Auflagen des gleichen Motivs. Schablonen-Bilder sind reproduzierbar und auf Vervielfältigung angelegt. Gleichwohl entsteht bei jeder Verwendung der Schablone ein Unikat. Kein Schablonen-Graffiti fällt aus wie das andere: Die Untergründe, auf die die verschiedenen Abbilder derselben Schablone aufgetragen werden, unterscheiden sich in Färbung und Textur, werden rissig und bröckeln hier und da ab. Die Sprühfarbe wird dicker oder dünner aufgetragen; manchmal verläuft sie ein wenig, und mit der Zeit verblasst sie. Mich interessiert das Einzigartige, Unverwechselbare an der Serienproduktion, die zufällige Abweichung von der Norm, die unbeabsichtigte Variation in einer auf gleichförmige Ergebnisse ausgerichteten Vervielfältigungsmethode. Deswegen habe ich mich hier auf verschiedene Abbilder derselben Schablone beschränkt.

Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs) Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs)

Pochoirs sind - ihrer Reproduzierbarkeit ungeachtet - eine vergängliche Kunstform. Nicht selten werden die Schablonen-Graffiti von anderen Menschen weiterbearbeitet - mit Auklebern oder Plakaten überklebt, mit Filzstiften oder Kreide überschrieben oder kommentiert, durch eigene Graffiti ergänzt oder überlagert. Andere Pochoirs werden schon bald nach ihrer Anfertigung wieder übergestrichen oder entfernt; die übrigen verblassen infolge natürlicher Alterungsprozesse. Einige der hier abgebildeten Pochoirs existieren mittlerweile nicht mehr.

Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs) Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs)

Seit etwa fünf Jahren dokumentiere ich die Pochoirs fotografisch, die mir bei meinen Streifzügen durch Berlin auffallen. Meine Fotos dienen jedoch nicht nur der Dokumentation einer vergänglichen Kunstform. Das Pochoir wirkt in grellem Licht anders als im Schatten, im rötlichen Licht der Abenddämmerung anders als im blauweißen Neonlicht einer Straßenlaterne, so dass von einem und demselben Exemplar eines Pochoirs verschiedene Abbilder auf Fotomaterial entstehen. Meine Fotografien der Pochoirs fallen daher - zum Beispiel je nach den Lichtverhältnissen und dem Alter des Pochoirs - unterschiedlich aus. Dadurch geraten auch meine Fotos - als Reproduktionen des Reprodukts - wiederum zu Unikaten.

Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs) Jens Meyer: Schablonen-Graffiti (Pochoirs)

Neben Pochoirs interessieren mich auch andere Formen der Gestaltung von Wänden und Mauern im öffentlichen Raum, zum Beispiel alte kommerzielle Fassadeninschriften ("Brot und Butter") und die Décollagen, die mehr oder weniger zufällig entstehen, wenn in mehreren Lagen übereinandergeklebte Plakate teilweise wieder abgerissen werden.