Anzeige:
Die Box


 

September 2001
Anne Hahn
für satt.org



Anja Ibsch, geb. 1968 in Rheine, Studium der Innenarchitektur in Wuppertal, performances & aktionen seit 1994, lebt seit Ende 1999 in Berlin, arbeitet u.a. mit den Künstlergruppen rheinische fundamentalisten, pakt, m.a.i.s.

digitale Fotos der Künstlerin und ihrer Performances über ibsch@satt.org oder satt.org/kunst/

lass gut sein, hol mal Luft!

Anne Hahn
im Gespräch
mit der Performance-Künstlerin
Anja Ibsch



Anja Ibsch Ende April. Unter der Erde. Im Bunker unter dem Blochplatz im Berliner Wedding findet eine Kunstausstellung zum Thema - Der Tod - statt. Die gezeigten Bilder und Fotos lenken kaum von der niedrigen Deckenhöhe ab. Endlich ein größerer Raum. Einige Stufen gehen noch unter das Bunkerniveau, zwei Durchgänge rechts und links deuten Verästelungen an. Die breiten Treppen sind voll besetzt, dahinter stehen Leute. Spät abends beginnen hier die Performances und musikalischen Experimente. Anja Ibsch schreitet im langen Mantel, Pulli, Rock mit Feinstrumpfhose und flachen Turnschuhen die Treppe herunter. Sie ist groß, wirkt sportlich und konzentriert. Blonder Kurzhaarschnitt, nichts gefälliges. Ein junger Mann raunt seiner Begleitung zu „das gibt Kunst!“ Sie setzt sich auf einen Stuhl inmitten der bühnenartigen Fläche und nimmt aus ihren Manteltaschen dünne Strümpfe, die sie sich langsam einen nach dem anderen über das Gesicht zieht. Beim dritten Strumpf wirkt ihr Gesicht bereits maskenhaft. Eine Frau sagt halblaut, „so müssen richtige Bankräuber aussehen.“ Bei Nummer 8 meint einer, „sieht aus wie tot!“ Bedächtig zieht Ibsch eine Maske über die andere, den überstehenden Zipfel in den Nacken streichend, beim Überstülpen heftig Luft einatmend. Nummer 10, „dass da überhaupt Luft durchkommt - na, sie scheint's ja auszuhalten.“ Nummer 11, Nummer 12, es sind wenige Minuten vergangen, aber eine gewisse Unruhe steigert sich im Raum. „Kriegt man denn da Luft?“ ruft jemand und kichert dann verunsichert. Nummer 14 bis 15. Inzwischen sieht das Gesicht formlos aus, gespenstisch, nur noch Schädel und Nase. Wenige Strümpfe später, lautes Rufen „lass gut sein, hol mal Luft!“, eine andere Stimme antwortet „genau, hör mal auf, Scheiße, eh.“ Die Unruhe wächst, man mustert sich gegenseitig. „Es reicht jetzt“, mit diesem Ruf stürmen zwei junge Leute nach unten, die Frau versucht, die Masken vom Gesicht der Künstlerin zu zerren. Die wehrt sich heftig, kann nicht sehen, woher die Attacke kommt. Ein Mann mit Videokamera in der ersten Reihe greift ein, „Nee! Lasst mal, die weiß schon, was sie macht!“ Er beruhigt die zwei;„setzt euch doch hier vorne hin, aber lasst sie machen!“ Achselzuckend rücken die Helfer wieder ab. Geflüster und unwilliges Gemurmel. Strumpf 28. Ibschs Bewegungen werden immer langsamer, was die Bedrohlichkeit der Situation steigert. Die ersten Leute gehen, Fetzten erstaunter Ausrufe flattern in den Raum, „das sind jetzt aber ganz schön viele!“, „mmmhhh schrecklich!“ Es wird gestöhnt und gestaunt, vor allem Frauen gehen. Nummer 32, die Performerin verharrt, dreht den unförmigen Kopf nach allen Seiten, bückt sich und ertastet in ihrer Tasche, die am Stuhl lehnt, eine Schere. Damit schneidet sie behutsam die Maske von unten auf. Sie schneidet blind und fühlt mit den Fingern die Haut ab, bis zum Mund, bis zur Nase. Sie dehnt die Maske auf und zieht sie mit einem Ruck vom Kopf. Auf dem Boden bilden die vielen Strumpfschichten einen fleischartigen Klumpen, aufgeschlitzt. Anja Ibsch geht. Der Applaus bleibt spärlich. Allerorts Aufatmen. Anja Ibsch


Anja, was ist dir in der Kunst am nächsten?

Momentan mehr die Performance, ich sehe hier in Berlin stark die Notwendigkeit, die Leute zu bündeln, zu organisieren, die hier kopflos rumrennen. Diese Netzwerkstruktur reizt mich, Berlin an die vorhandenen Knotenpunkte anzuschließen. Letztes Jahr war eher ein Ausstellungsjahr, also bildende Kunst, dieses Jahr ist eher ein Performancejahr. Das riecht schon danach, ich hab das gleich gespürt, es riecht immer nach Materialien. Letztes Jahr war das Beton, ich hab da irrsinnig viel betoniert und dieses Jahr mach ich ein bisschen an den Sachen vom letzten Jahr herum, polieren, aufarbeiten. Aber letzten Endes sehe ich die Performance als Aufgabe, einerseits für mich und andererseits als Organisierende.

Wie bist du darauf gestoßen?

Das war 1993 der Kontakt mit der Ultimate Akademie in Köln, die Möglichkeiten geschaffen hat für Leute, die das einfach mal machen wollten. Man konnte ohne große Hürden einfach mal was ausprobieren. Es gab z.B. Veranstaltungen wie 100 Performances á 1 Minute, jede Performance wurde durch einen Gong beendet, bumm weg, dann kam die nächste. Organisatorisch war das schon ein Meisterstück. Das war die Fluxus -Tradition, dann habe ich Boris Nieslony kennen gelernt, der mir noch mal weitere Türen geöffnet hat.

Warum hast du zuerst Stühle ausgestellt?

Das hatte mit meinem Architekturstudium zu tun und andererseits mit Fluxus, arte povera. Also, ich finde Dinge, zum Beispiel Stühle und mache damit etwas, bringe sie in einen neuen Kontext, gebe ihnen neues Leben. Aus Müll Gold machen. Und ich versuche immer, das einfachste Bild zu finden, das ich mir vorstellen kann. Dann habe ich meine Phase Blutbad gehabt. Das hatte auch mit meinem Studium zu tun, ich hab Bäder gezeichnet, so technische Zeichnungen und die dann soweit verändert, dass ich praktisch ein Design für ein Bad entwickelt habe, das aussieht, als ob einer dort mehrere Menschen abgestochen hätte. Tatsächlich auch mit Fotos, Modellen, technischen Zeichnungen, Modellkacheln, Bestellzetteln, Buttons und Fähnchen- also ein komplettes Programm. Und das war eben diese Aktion, Aktionskunst, Verkaufsprozess, verkleidet wie eine Hostess. Ich bin verkleidet rumgerannt und habe versucht, das zu verkaufen, hatte ein Mappe dazu.

Du hast mal erzählt, dass du dir in Notizbüchern einen Plan für die Performances skizzierst, wie geht das vor sich?

Zuerst alle Lexika nach Begriffen absuchen, sortieren, neu zuordnen. Alles, was ich zu dem Thema finde, trage ich zusammen, abstrahiere, streiche zusammen, mache Zeichnungen von Dingen. Eine tatsächliche Choreografie mache ich nicht, kann auch mit niemanden vorher drüber sprechen. Wenn ich das komplett plane, fällt für mich ein Aspekt weg, der wesentlich ist: alles kann passieren, alles ist möglich. Performance hat nicht die Tradition der Inszenierung, das ist eine andere Spannung.

Beeindruckend fand ich deine Asche- Performance, bei der du Asche aufgefegt und dann in Wasser gelöst getrunken hast. Das ist doch eine knappe Botschaft, nicht wahr?

Die Einvernahme, das ist meine Reiseperformance Die mache ich überall dort, wo ich das erste Mal bin. Da trinke ich den bei der Veranstaltung anfallenden Staub, Dreck. Es geht darum, diese Orte zu bewahren, und damit die Menschen, das, was sie von sich geben. Es gibt noch Reste, die in mir sind. Depots.
Das erstaunliche ist, das so völlig unterschiedliche Reaktionen kommen auf der ganzen Welt, - in Tunesien zum Beispiel gab's völlig heftige, die wollten die Polizei holen, das sei doch keine Kunst! Und die Journalisten haben mich gefragt, ob mich nicht die Blumen und die Landschaft hier inspirieren. Sie fühlten sich beleidigt, ich würde ihr Land als dreckig empfinden. In Italien sagten sie, wieso machst du keinen Trick draus, etwas theatermäßiges? In Japan waren sie völlig entsetzt, da hat keiner was gesagt, obwohl die selber so extrem sind, wenn die was machen … obwohl es in Japan auch sehr sauber war.
In Thailand gab es sehr lustige, die dann mittrinken wollten. Sehr lustige Reaktionen und sehr verschiedene Blickwinkel, manche sehen auch die ökologische Botschaft, wir müssen die Welt sauber halten!

Eine Performance ist ja zeitlich eingegrenzt, bist du deshalb auf andere Leute angewiesen?

Überhaupt nicht! Das ist das schöne an der Performance, das es für alles, was ich sage, auch ein Gegenbeispiel gibt! Es gibt Einsekundensachen, Zehnjahresperformances und solche, die das ganze Leben dauern. Ich habe auch schon 20 Sekunden gebraucht und mal vier Tage. Manche Sachen müssen lang dargestellt werden, weil sie dadurch Kraft gewinnen und manche können ganz kurz sein, das reicht.

Gibt es auch Performer, die du total ablehnst?

Grundsätzlich finde ich es nicht gut, Unbeteiligte zu benutzen, sie wie Objekte zu behandeln. Und die meisten tänzerischen Sachen gehören in den Tanz. Ähnlich ist es mit dem Theater, mit dem Spielen von Szenen. Für beides habe ich Gegenbeispiele, die großartig sind, aber das schaffen eben nur wenige. Oft ist das ein Durcheinander aus improvisiertem Tanz, Theater oder Therapie. Ich weiß nicht, wieso das unbedingt Performance heißen muss.

Wenn ich dich richtig verstehe, ist es ziemlich egal, womit ich eine Performance mache, ich muss die Kraft, die über den Abend hinaus geht, zeigen. Das ist es, was überspringt?

Ja, zum Teil. Das ist ein sehr schwieriges Feld. Wir haben schon oft versucht, uns darüber zu einigen, was Performance ist. Aber das hat tatsächlich viel mit dieser Kraft zu tun, die überspringt. Und dabei ist dann im weitesten Sinne unwesentlich, was passiert. Du schaffst ja auch Bilder dabei. Es gibt auch viele, die mit Unterspannung arbeiten, mit Wegnehmen der Kraft, ich zeige jetzt gerade keine Spannung, und davon geht dann auch ne Kraft aus. Grundlegend ist das Erschaffen eines Phänomens, einer Kraft. Ob die dann für alle direkt erlebbar sein muss, ist eine andere Frage.

Braucht man da nicht auch ein anspruchsvolles Publikum, wenn man eine gute Performance macht?

Es gibt Basishandlungen, die sind allgemein verständlich, egal wo man gerade ist. Es gibt auch einen Sog, den ich verfolgen kann, ohne dass ich diesen Sog kenne. Ansonsten ist es wie überall, bestimmte Erfahrungen oder Wissen erleichtern die Rezeption.

Du bist ja vor anderthalb Jahren nach Berlin gekommen. Haben sich da neue Fronten für dich aufgetan?

Das waren komplett neue Fronten. Und die habe ich auch gesucht. In Köln war es einfacher, es wurde geklatscht und gefeiert nach dem Abend. Die Szene verstand sich, man musste sich nicht groß kümmern. Es gab eine auch eher unkritische Art, die in der Natur des Rheinländers begründet ist. Das ist sehr gut als Basis, man spart einfach Kräfte. Es ist hier wesentlich anstrengender - auch wegen des Klärungsbedarfes, zumal ich anfangs in Berlin bewusst nicht solche Kreise aufgesucht habe. Eine eher kunstfeindliche Welt, der es suspekt ist, was ich mache. Da setze ich eben auf Dauerhaftigkeit. Wenn ich hier mit Performancekunst komme, stößt das oft auf Ablehnung. Damit wird schnell Künstelei assoziiert, Verkünstelung. Das liegt in Berlin daran, dass sehr viele Veranstaltungen unter dem Namen laufen, aber nichts damit zu tun haben. Deswegen meide ich den Begriff recht häufig. Künstler allein ist schon Schimpfwort genug.