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3. Dezember 2012
Jörg Auberg
für satt.org
  Harry Haywood: A Black Communist in the Freedom Struggle. The Life of Harry Haywood
Harry Haywood: A Black Communist in the Freedom Struggle. The Life of Harry Haywood. Herausgegeben von Gwendolyn Midlo Hall. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2012. 336 Seiten, 24,95 US-Dollar.
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SCHWARZ UND ROT

Harry Haywood rekapituliert in seiner Autobiografie »A Black Communist in the Freedom Struggle« die Bewusstwerdung des »Andersseins« in einem »Land der Weißen« und verliert sich schließlich in ideologischer Erstarrung.

In den Augen des Historikers Theodore Draper war Harry Haywood (1898-1985) der »letzte der glühenden schwarzen amerikanischen Bolschewiken«. Als er im Mai 1985 für die New York Review of Books Haywoods Autobiografie Black Bolshevik, die bereits 1978 in einem kleinen Verlag einer maoistischen Partei namens »Communist Party Marxist Leninist« (CPML) erschienen war, neben anderen jüngeren Publikationen zur Geschichte des amerikanischen Kommunismus rezensierte, kam er zu dem Schluss, dass Haywood am Ende seines Lebens als »enttäuschter, verbitterter Ausgestoßener« dastand. Dieser Einschätzung hätte Haywood (der einige Monate vor der Veröffentlichung von Drapers Artikel starb) vermutlich energisch widersprochen: In seiner Selbstwahrnehmung sah er sich unkorrumpierter und unkorrumpierbarer Revolutionär, der stets den guten Kampf gekämpft hatte.

Mit einer neuen, auf die Hälfte des ursprünglichen Umfangs kondensierten Ausgabe von Black Bolshevik möchte die Historikerin Gwendolyn Midlo Hall (die von 1956 bis 1985 mit Haywood verheiratet war) die Erinnerung an einen afroamerikanischen Repräsentanten des Widerstands gegen das herrschende System wachhalten und damit Zuversicht im Aufbau einer besseren Welt befördern. Ziel ihres Unterfangens sei es, schreibt sie in ihrem Vorwort, dem Buch eine neue Leserschaft zu erschließen und einer neuen Generation ein Verständnis von scheinbar weit zurückliegenden Erfahrungen zu ermöglichen. Dennoch bleibt diese editorische Praxis fragwürdig: Um ein neues Publikum zu gewinnen, eliminierte sie theoretische Debatten, Polemiken, persönliche und politische Konflikte, da sie »wenig Bedeutung für die meisten Leser heute« besäßen. Die Historikerin wird so zur wohlmeinenden Retuscheurin, die darüber entscheidet, was für heutige Leser von Bedeutung sei und was nicht. Eliminiert in diesem Prozess werden nicht allein scheinbar irrelevante Debatten oder Polemiken, sondern es wird auch der historische Kontext verändert, in dem Haywood agierte.

In den ersten Kapiteln des Buches schildert Haywood, der 1898 als Sohn ehemaliger Sklaven in South Omaha (Nebraska) geboren wurde und zunächst den Namen »Haywood Hall« erhielt, eindrucksvoll die afroamerikanische Erfahrung in einem »Land der Weißen«, in dem Gewalt nicht allein von rassistischen Organisationen wie dem Ku-Klux-Clan ausging, sondern in der Gesellschaft permanent präsent war, und sie traf »Haywood Hall« sowohl auf den Eisenbahnzügen, auf denen er als »Servicekraft« arbeitete, als auch in der US-Armee, mit der er während des Ersten Weltkriegs in Frankreich Dienst tat. Nach seiner Rückkehr in die USA wurde er während der Rassenunruhen in Chicago 1919 radikalisiert und suchte nach einer Möglichkeit, wie er für eine bessere Welt tätig werden könnte. Marcus Garveys Bewegung »Zurück nach Afrika« übte mit ihrem schwarzen Nationalismus zwar eine gewisse Attraktivität auf ihn aus, doch er verachtete ihren bürgerlichen Separatismus. So folgte er 1925 auf seiner »Suche nach Antworten« seinem älteren Bruder Otto in die Kommunistische Partei, wo er sich mit dem Namen »Harry Haywood« eine neue Identität gab, und bereits ein Jahr später wurde er ausgewählt, in Moskau zu studieren, wo er die Doktrinen der Kommunistischen Internationalen in sich aufsog. Nach seiner Rückkehr in die USA wurde er ein glühender Vertreter der These, dass die Afro-Amerikaner im tiefen Süden (dem »Black Belt«) eine unterdrückte Nation darstellten und ein Recht auf »Selbstbestimmung« besäßen, das sich in Form in der Gründung eines separaten Staats äußern könnte. Alsbald stieg Haywood in der kommunistischen Funktionärsriege auf, wurde 1931 ins Zentralkomitee und drei Jahre später ins Politbüro gewählt. Sein politisches Schicksal war – wie Draper vollkommen zu Recht feststellte – unmittelbar mit der Sowjetunion und mit der sowjetisch implementierten Linie innerhalb der Kommunistischen Partei verknüpft. Als diese sich in der Ära der Volksfront radikal veränderte, begann auch Haywoods Niedergang in der Parteihierarchie.

Mit der ideologischen Verfestigung der Erzählfigur »Harry Haywood« verliert die Erzählung zunehmend die multidimensionale, kritische Perspektive. Anstelle von persönlichen Einschätzungen und Zweifeln treten vor allem äußere Ereignisse, welche das Geschehen überwuchern: der Kampf gegen Rassismus und Ausbeutung im amerikanischen Süden in den 1930er Jahren, der Aufbau einer ideologischen Front, der Kampf gegen »Links-« und »Rechtsabweichler« in der Kommunistischen Partei. Das Individuum »Harry Haywood« mutiert zum Werkzeug eines Apparats, das schließlich auch die Fähigkeit zur individuellen Artikulation verliert.

Je weiter der Text in der Geschichte voranschreitet, umso ärmer in seiner Durchdringung der Realität wird er. Als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg vertritt Haywood kritiklos die Positionen der Komintern. In grobkörnigen ideologischen Bildern zeichnet er die linkssozialistische Partei POUM als »trotzkistische« Organisation, die den Internationalen Brigaden in den Rücken gefallen sei und Spanien den Faschisten in die Hände gespielt habe. Die eigene Erfahrung – etwa die Angst vor den Bombeneinschlägen auf dem Schlachtfeld oder die Furcht vor dem eigenen Versagen – bleibt dagegen verschwommen als auch die Reflexion über die Ereignisse in Spanien versickern im ideologischen Treibsand des Stalinismus. Angeblich wurde überall stets die Humanität verteidigt, und immer sind die Anderen die Hölle, doch nirgendwo regt sich in diesem verkarsteten Terrain ein kritischer Gedanke. Nach seiner Rückkehr aus Spanien 1937 wurde Haywood – aufgrund von Gerüchten, er habe sich aus Feigheit unerlaubt von der Front entfernt – aus dem Politbüro ausgeschlossen und fand sich ins politische Abseits verbannt.

Der Schlussteil des Buches nimmt schließlich einen torsohaften Charakter an. Persönliche Entwicklungen oder Reflexionen über das eigene Verhalten finden kaum noch statt. Haywoods dritte Frau verschwindet aus dem Bild so still, wie sie aufgetaucht ist; alles erstarrt zu einem gefrorenen Bild eines sich selbst überlebten Marxismus-Leninismus, in dem das Grauen allgegenwärtig ist. Das Buch schließt mit einem Mao-Zitat, in dem der »Große Vorsitzende« den Kampf der Afro-Amerikaner mit jenem der amerikanischen Arbeiterbewegung beschwört, der schließlich die »verbrecherische Herrschaft« der Klasse des Monopolkapitalismus in den USA beenden werde. Tatsächlich ist auch diese kondensierte Ausgabe von Haywoods Autobiografie ein »bemerkenswertes Dokument seiner Zeit«, wie Gwendolyn Midlo Hall in ihrem Vorwort schreibt. An der Realität der Zeit gehen solche ideologisch gestanzten Sätze vorbei, und sie haben – betrachtet man die Arbeitsverhältnisse in China – keinen Bezug zu den tatsächlichen Verhältnissen. Ihrem Vorwort stellte Hall einen Satz Milan Kunderas voran: Der Kampf gegen die Macht sei der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen. Als sich Haywood für den Stalinismus entschied, wählte er die Autorität einer Macht, welche die Erinnerung aus dem Gedächtnis tilgen wollte. Vor allem seine Auslassungen zum Spanischen Bürgerkrieg und »Revisionismus« des Eurokommunismus der 1970er Jahren zeugen von einem Drang, Geschichte mit Versatzstücken aus dem stalinistischen Schimpf- und Lasterkatalog zu modeln. Auch ein Kampf der Erinnerung sollte die historische Realität zur Kenntnis nehmen.