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Die Box




15. Dezember 2012
Robert Mattheis
für satt.org
  Guy Debord. Ausgewählte Briefe (1957-1994)

Guy Debord. Die Gesellschaft des Spektakels. Aus dem Französischen von Wolfgang Kukulies und Jean-Jacques Raspaud. Berlin: Edition Tiamat, 1996. 304 Seiten, 20 Euro.
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Guy Debord (Hg.). Potlatch 1954-1957. Informationsbulletin der Lettristischen Internationale. Aus dem Französischen von Wolfgang Kukulies. Berlin: Edition Tiamat, 2001. 383 Seiten, 22 Euro.
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Guy Debord. Panegyrikus. Erster Band. Aus dem Französischen von Wolfram Beyer. Berlin: Edition Tiamat, 1997. 96 Seiten, 16 Euro.
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Guy Debord. Ausgewählte Briefe (1957-1994). Aus dem Französischen von Bernadette Grubner, Roman Kuhn, Birgit Lulay, Christoph Plutte. Berlin: Edition Tiamat, 2011. 336 Seiten, 28 Euro.
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Vincent Kaufmann. Guy Debord: Die Revolution im Dienste der Poesie. Aus dem Französischen von Wolfgang Kukulies. Berlin: Edition Tiamat, 2003. 372 Seiten, 28 Euro.
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ECCE HOMO

Vor 45 Jahren erschien in Frankreich ein Schlüsseltext der gesellschaftskritischen Literatur: Guy Debords »Die Gesellschaft des Spektakels«. Der Autor hat es seinen Lesern, Gegnern und Anhängern nie leicht gemacht – deshalb steht für sein Werk in Deutschland der endgültige Durchbruch noch bevor. Man kann dies beklagen, aber auch als Geschenk sehen. Der Hartnäckigkeit des Verlegers Klaus Bittermann ist es zu verdanken, dass auf Deutsch jetzt auch eine Auswahl der Briefe des Vordenkers der 68er-Revolte zugänglich ist.

1967 brachte in Frankreich ein gewisser Guy Debord (eine Mischung aus Dichter, Philosoph und Bohemien) ein Buch heraus, dessen Titel zum bis heute nachhallenden Schlagwort wurde: Die Gesellschaft des Spektakels. Für die Veranstalter der Mai-Aufstände im Frankreich des Jahres 1968 war das Werk ein Schlüsseltext, eine Inspiration; in Deutschland hingegen ist Debord, der seinem Leben durch einen Schuss ins Herz 1994 ein Ende setzte, weitgehend unbekannt geblieben.

Wir müssen dem Verleger Klaus Bittermann danken, dass er an diesem Longseller trotz der fehlenden Bestseller-Qualitäten stoisch festhält: Im letzten Jahr erschien in der »Edition Tiamat« nun auch – nach dem Hauptwerk, einer Biografie von Vincent Kaufmann und einer vollständigen Textsammlung der Zeitschrift Potlatch, des Hausorgans1 der »Lettristischen Internationale«, die Debord (ebenso wie ihren Nachfolger, die »Situationistische Internationale«) als eine Art avantgardistischen Familienbetrieb betrachtete – eine Sammlung von Briefen des schwierigen Masterminds. Sie zu lesen ist, allen egomanischen und polemischen Exzessen zum Trotz, Gewinn und Genuss. Was Debord beispielsweise von diesem Text hier gehalten hätte, formuliert er in einem Textentwurf für seinen langjährigen Verleger Gérard Lebovici: »Die Autoren von Champ Libre stellen mit Verwunderung fest, dass von Zeit zu Zeit ein Journalist auftaucht, der immer noch meint, eines ihrer Bücher rezensieren zu können, oder, noch schlimmer, der es wagt, dem Buch eigenmächtig eine Art Beifall zu spenden, um sich im Ruhm einer vermeintlichen Zugehörigkeit zu sonnen. Dabei kann er das doch allenfalls auf Basis einer Pseudo-Lektüre notdürftig vortäuschen. Die Autoren von Champ Libre erachten die intellektuellen Arbeiter der heutigen Presse natürlich ausnahmslos für bar jeder Intelligenz und jedes Anspruchs auf Wahrhaftigkeit, welche notwendig wären, um ein Urteil über ihre Schriften fällen zu können.«

Nach solcher Kopfwäsche liest man auch den Spiegel mit anderen Augen – das, was man als kritischen Journalismus empfand, präsentiert sich mit einem Mal als exorbitant banaler Unterhaltungsjournalismus, im Grunde fast als Parodie kritischer Berichterstattung. Mir zumindest geht es so.

Da er konsequent an der Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Leben arbeitete, ist es nur logisch, dass Debord eines keine Sekunde lang aus dem Auge verlor: sein Werk. In dessen Mittelpunkt stand, als Buch, als Film und als Tatsache, Die Gesellschaft des Spektakels. Allmählich hat ja auch der Gutgläubigste oder Fehlsichtigste bemerkt, dass die Verwandlung unserer Alltagswelt in ein einziges Mega- oder Giga-Spektakel unaufhörlich voranschreitet: Keine Geschäftseröffnung in den Shoppingarkaden ohne Laufsteg und exzessive Showeinlagen; jede Prominenten-Hochzeit muss mittels einer bombastischen multimedialen Inszenierung zum exklusiven Ereignis stilisiert werden; und selbst die einstmals als seriös verschrienen Bereiche der Gesellschaft sind längst infiziert vom Virus des Spektakels: Spätestens seit Ronald Reagan hat der Funktionswandel vom Politakteur zum Polit-Actor in der internationalen Öffentlichkeit Schule gemacht.

Es ist also an der Zeit, jenes Buch neu zu entdecken, das diese Entwicklungen zu einer Zeit beschrieb, da sie noch nicht im Feuilleton breit getretener Quark waren. Ein Buch, das gar den Versuch unternimmt, sie zu erklären. Debord hat sein Hauptwerk 1988 noch einmal um Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels erweitert; er musste, wie er 1992, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, bestätigte, von seinen ursprünglichen Diagnosen nichts zurücknehmen. Das Einzige, was die Zeit seinen Thesen anhaben konnte: Sie bestätigte sie.

Dabei macht Guy Debord es einem nicht so leicht wie gewisse Revolver-Philosophen, die eine spitze These nach der anderen auf die Amygdala abfeuern. Er war, was seine Texte widerspiegeln, eine sperrige, exzentrische Figur, auch im persönlichen Umgang extrem schwierig (wozu der Alkoholismus seinen Teil beigetragen haben dürfte). Seine großen Leidenschaften waren Rebellion und Poesie, und er machte daraus eine einzige. Er lehnte es ab, sich einen Theoretikersuperstarstatus verpassen, sich, wie es so schön heißt, vereinnahmen zu lassen. Lieber schwärmte er auf sogenannten »dérives«, zufallsgeleiteten Streifzügen, mit seinem Gefolge durch die Bars von Paris, oder er zweckentfremdete (hallo, ihr Freunde in der Werbung!) knackige Klassiker-Zitate, bis sie ihre pathetische Rhetorik, ihre Hohlheit oder gar ihre Schönheit offenbarten.

Versteht sich von selbst, dass einer, der immerzu Sturm sät, dann auch mächtig Gegenwind abbekommt. Wirklich tut man sich auch als Wohlmeinender zuweilen schwer mit Guy Debords Großmannsposen, mit seiner Megalomanie und Stutenbissigkeit, seinem stets zu Glutofenhitze angefachten Zorn. Geht’s nicht auch ein bisschen kleiner? Und wo heute jeder sein gesellschaftskritisches Vademecum in der Tasche hat, um in den postfordistischen Straßenschlachten ums nächste Praktikum bestehen zu können, ist die abgrundtiefe Verwerflichkeit des allgegenwärtigen Verwertungsdenkens natürlich auch keine Schlagzeile mehr wert.

Gleichwohl, trotz ihrer kindischen Züge (oder eher wegen derselben) bestehen wir auf dieser Figur: auf dem Mann, der schon ’67 ’68 machte! Bis zuletzt blieb Debord ein wachsamer Beobachter, spröde und kämpferisch, ein verzweifelter Solitär, der jede Versöhnung von sich wies. Die Hellsichtigkeit der Verzweiflung prägt auch sein Hauptwerk. Die Gesellschaft des Spektakels ist in Traktatform abgefasst, neun Kapitel, aufgeteilt in insgesamt 221 meist kurze Absätze. Kühle Polemik, die präzise Poesie theoretischen Wägens. Es finden sich darunter auch Formulierungen, die zum Teil überraschende Parallelen aufweisen zu Aussagen von Theodor W. Adorno, dem Vorreiter der Kritischen Theorie: Das Ansehen und der Wert des Menschen sind in Mitleidenschaft gezogen worden durch die Allgegenwart des Tauschwertprinzips. Wie weit ist der Mensch überhaupt noch Mensch, wo beginnt er, Ware unter Waren zu werden? Debord wie Adorno zeigen sich sehr skeptisch, was die Menschenfreundlichkeit der modernen Welt anbelangt. Bei Debord klingt das so: »In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.« Wem dabei nicht sofort Adornos berühmtes Wort: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« einfällt, der hat in den letzten zwanzig Jahren kein Feuilleton gelesen.


Anmerkung der Redaktion:
Nicht verschwiegen werden soll, dass sich in der Bundesrepublik auch Lutz Schulenburg und seine Edition Nautilus um eine Verbreitung der Schriften Guy Debords wie Die Gesellschaft des Spektakels (1978), Gegen den Film (1978) oder Der Große Schlaf und seine Kunden (1990) Meriten erworben haben.

Der Schwindel, will das wohl sagen, die Verachtung und manipulative Instrumentalisierung des Menschen sind allgegenwärtig, auch und gerade dort, wo sein Wohlbefinden in den Mittelpunkt gestellt wird – beispielsweise in der Wellness-Industrie oder im Massentourismus. Längst ist der Erholungsbedürftige zum Wirtschaftsfaktor heruntergerechnet. Daraus leitet Debord den Schluss ab: »Der wirkliche Konsument wird zu einem Konsumenten von Illusionen.« Diese Illusionen materialisieren sich nach Debords Ansicht in der Ware. Gegen diesen Prozess gibt es kein anderes Mittel als die Verweigerung: »Allein die wirkliche Negation der Kultur bewahrt deren Sinn.«

Stellenweise ist Debords Versuch, den Triumph des Kapitalismus als konsequenten Verlust der Wirklichkeit unseres Lebens zu beschreiben, dunkel und vertrackt, und man tastet sich durch seine Formulierungen wie durch ein Gestrüpp oder einen nächtlichen Wald; doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn jäh tut sich dann wieder eine Lichtung auf – wenn Debord beispielsweise konkret beschreibt, wie die kapitalistische Derealisierung des Einzelnen sich auswirkt: »Je mehr er zuschaut, desto weniger lebt er ...« Das leuchtet unmittelbar ein, das ist mit den Sinnen gedacht. Eine in jedem Fall lohnende, inspirierende Lektüre.