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31. Juli 2012
Jörg Auberg
für satt.org
  Michael März: Linker Protest nach dem Deutschen Herbst
Michael März: Linker Protest nach dem Deutschen Herbst: Eine Geschichte des linken Spektrums im Schatten des des »starken Staates«, 1977-1979. Bielefeld: Transcript. 416 Seiten, 32,80 Euro.
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WIE DEUTSCH ES IST

Der Historiker Michael März untersucht Protestformen linker Gruppierungen in der Zeit nach dem Deutschen Herbst, ohne die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen zu können.

Die späten siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts werden in der linken Mythologie gern – in Anknüpfung an einen berühmten Film Margarethe von Trottas aus dem Jahre 1981 – als die »bleierne Zeit« etikettiert. Der Titel des Films selbst rekurriert auf ein Gedicht Friedrich Hölderlins: »Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will/Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.« In einem Interview mit Christiane Peitz im Tagesspiegel wies Trotta auf den Bedeutungswandel hin, den der Begriff im Lauf der Zeit durchlief:
Die Uraufführung war 1981 auf den Filmfestspielen Venedig, der Film gewann den Goldenen Löwen, mit dem italienischen Titel »Anni di piombo«. Durch die Übersetzung hat sich die Bedeutung verändert, die Italiener meinen damit die Jahre der Bleikugeln, der terroristischen Gewalt. Heute noch sagen sie »anni di piombo«, wenn sie an die Zeit der Roten Brigaden denken. Die Franzosen sprechen von »les années de plomb«, und wir haben diesen Bedeutungswandel übernommen. Heute denke ich, dass ich mit der Gedichtzeile unbewusst wohl auch gegen die Sprache der Linken rebellieren und meiner Abneigung gegen die reduzierte, unsinnliche, diktatorische Diktion der Flugblätter Ausdruck verleihen wollte.

Die »bleierne Zeit« – als Synonym für Tod und Schwere – bezeichnet die Jahre des »Deutschen Herbstes« während der »Offensive« der Roten Armee Fraktion (RAF), die in der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der Entführung der Passagiermaschine »Landshut« durch ein palästinensisches Terrorkommando und den Selbstmorden der inhaftierten Mitglieder der ersten RAF-Generation kulminierte. Danach befanden sich die verschiedenen Fraktionen der legalen Linken in der Bundesrepublik in einem Zustand der Schockstarre, aus der sie sich nur mühsam und mit vielen Verlusten herausarbeiteten. Diese Zeit der »Häutungen« zwischen den Jahren 1977 und 1979 (als mit der Gründung der Partei der »Grünen« ein Ausweg aus ideologischen und politischen Sackgassen gefunden zu sein schien) untersucht der Historiker Michael März in seinem Buch Linker Protest nach dem Deutschen Herbst, in dem er das Verhältnis des »linken Spektrums« in seiner kritischen Position zum sozialdemokratisch geführten Staat untersucht. Exemplarische Ausprägungen dieses Protests sind in seinen Augen die Initiativen für die Gefangenen der RAF, der Tunix-Kongress im Januar 1978 als Beginn der Alternativbewegung, das 3. Internationale Russell-Tribunal zur demokratischen Praxis in der Bundesrepublik sowie der Bahro-Kongress im November 1978 zur Freilassung des DDR-Dissidenten Rudolf Bahro. Deren Verläufe im geschichtlichen Prozess beschreibt März in detaillierten Mikrostudien anhand von Archivmaterialien und Interviews beschreibt, wobei das Buch stets unter seiner akademischen Herkunft (es entstand als Dissertation am Erfurter Max-Weber-Kolleg) ächzt und auf jeder Seite ein massives Geröll aufgequollener Fußnoten präsentiert.

Zweifelsohne ist das Buch akribisch recherchiert, doch mangelt es dem Forscher an einem reflektierten, politischen Bewusstsein. So walzt er im Jargon zäher »Wissenschaftlichkeit« auf über hundert Seiten sein Forschungsinteresse und Begriffe wie »Modell Deutschland«, »Repression« oder »Extremistenbeschluss« aus, ehe er schließlich zum historischen Abriss der verschiedenen Protestformen der späten 1970er Jahre kommt. Dabei verliert er sich jedoch zumeist in einem historischen Tatsachenschutt, der den Blick aus der Vergangenheit in die Gegenwart verstellt. »Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es ..., der damaligen Denk- und Fühlweise von Linken auf den Grund zu gehen und nachzuvollziehen, wie sich diese (protest-) politisch äußerte«, schreibt März in seiner Einführung. »Mit den gesammelten Erkenntnissen sollte sich ein genaues Bild über den inneren Zustand des linken Spektrums nach dem Deutschen Herbst zeichnen lassen, sodass im Ergebnis nicht nur eine Detailstudie zur Geschichte der bundesdeutschen Linken, sondern auch ein gültiger Beitrag zum historischen Verständnis der Siebziger Jahre entsteht.« Diesen Anspruch vermag das Buch jedoch nicht einzulösen, da März sich in seinem technokratischen, apolitischen Forschungsinteresse mit der Aneinanderreihung seiner Forschungsergebnisse begnügt, stets nur den Details nachspürt, die Makrodimension hinter der Masse der Mikrogeschichten aus den Augen verliert. Er ist kein brillanter Erzähler, der »ein erhärtendes Detail mit Effekt zu handhaben« weiß (wie es Siegfried Kracauer es einmal formulierte), sondern lediglich ein Sammler, der das zusammengeraffte Material notdürftig verklebt, um es als akademisches Paket transportieren zu können. Da ihm die Fähigkeit fehlt, den Doppelcharakter von Geschichte als »Story« und Studie in seine Konstruktion einfließen zu lassen, bleiben die »gesammelten Erkenntnisse« oberflächlich, und schon gar nicht können sie zu einem historischen Verständnis dieser Zeit beitragen. »Das Ganze der Geschichte umfaßt ebenso Ereignisse und Entwicklungen, die sich oberhalb der Mikro-Dimension abspielen«, insistierte Kracauer. »Aus diesem Grund sind Geschichten auf höheren Ebenen von Allgemeinheit ebenso wesentlich wie Detailstudien.« Seine mikrohistorischen Forschungsergebnisse umgibt März mit den gängigen Interpretationen des geschichtlichen Verlaufs, wie sie die populären Repräsentanten einer opportunistischen Historiografie (Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen oder Oliver Tolmein) seit Jahren produzieren, ohne deren Konstruktionen oder Rolle in den jeweiligen politischen Verläufen kritisch zu hinterfragen.

In gewisser Weise führt März die reduzierte, unsinnliche Artikulation fort, die Trotta kritisierte, vor allem weil er die kulturelle Dimension jener Zeit ausblendet. Zwar ist die Rekonstruktion der Geschichte der Organisation des Tunix-Kongresses das gelungenste Kapitel des Buches, da März dort die Kompilation von archivarischem Quellenmaterial zugunsten einer »oral history« aufgibt, doch auch hier fehlen kritische Komponenten, die über die mikrohistorische Konstruktion hinauswiesen. »Das gesellschaftliche Chaos der verwalteten Perspektivlosigkeit läßt ja gerade die individuelle Perspektive flöten gehen – «, schrieb Martin Buchholz 1978 (der später ins Kabarettfach wechseln sollte) in konkret, »und so pfeift man sich ein munteres Liedchen auf dem letzten Loch der Illusion und bricht auf zu letzten Ufern: zum Strand von Tunix.« Da sich März auf »linke Protestformen« fokussiert und Zeitkritik (wie sie auch Michael Schneider gegen die Tendenzwende und »linke Melancholie« als Strategie der Aussöhnung mit dem »Modell Deutschland« in den späten 1970er Jahren formulierte) ausspart, ist das Buch kein »gültiger Beitrag zum historischen Verständnis« dieser Zeit. Eher ist es ein stromlinienförmiges Produkt des akademischen Betriebes, in dem »Wissenschaftlichkeit« und »Forschungsinteresse« als bloßer Kraftstoff einer auf sich selbst fixierten Wissenschaftsindustrie fungieren. Die bleierne Zeit der Vergangenheit wirkt so in ihrer Desensualisierung und trüben Immergleichheit fort.