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5. Juni 2012
Jörg Auberg
für satt.org
  Marco Carini: Die Achse der Abtrünnigen
Marco Carini: Die Achse der Abtrünnigen. Über den Bruch mit der Linken. Berlin: Rotbuch Verlag, 2012. 286 Seiten, 14,95 Euro
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IM HAUSE DES WÜTERICHS

In seinem Buch »Die Achse der Abtrünnigen« erzählt der taz-Journalist Marco Carini die Geschichte deutscher Renegaten und zeichnet ihre Positionen und Thesen in den aktuellen politischen Diskursen nach.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts warf der passionierte Zugfahrer Wladimir Iljitsch Lenin einen kritischen Blick auf seine wankelmütigen und zaudernden Mitreisenden. Wenn die Lokomotive der Geschichte eine scharfe Kurve nehme, sinnierte er, klammerten sich allein die Standhaften an den Zug. Und der Zug fuhr weiter, dem Morgenrot des neu beginnenden Tages entgegen. Ehe er jedoch schließlich die Endstation erreichte, hatten sich viele aus dem Staub gemacht und wurden von den erbosten oder aufgebrachten Zurückgebliebenen als Renegaten, Abtrünnige oder Verräter beschimpft. Dieser Geschichte hat sich nun erneut der Hamburger Politikwissenschaftler und taz-Journalist Marco Carini angenommen, und in seinem gründlich recherchierten Buch und gut lesbaren Die Achse der Abtrünnigen die Abkehr einstiger Linker vom »sozialistischen Projekt« aus deutscher Perspektive nachgezeichnet.

Anknüpfend an Michael Rohrwassers literaturgeschichtliches Standardwerk Der Stalinismus und die Renegaten (1991) beginnt Carinis Erzählung mit Porträts früher Renegaten wie Arthur Koestler oder Margarete Buber-Neumann, die zunächst in den Aufbau autoritärer Strukturen innerhalb der Kommunistischen Partei involviert waren und am »Erfolgsprojekt« des Stalinismus partizipierten, ehe die einstigen Mitläufer erst zu Opponenten und schließlich wieder zu neuen Mitläufern im Kalten Krieg mutierten. In diesen klassischen Lebensläufen exemplarischer Renegaten reflektiert sich der »Bruch mit der Linken« (wie der Untertitel des Buches lautet), während in anderen Biografien – wie denen von Alfred Kantorowicz, Ernst Bloch, Gerhard Zwerenz, Heinz Brandt, Robert Havemann, Rudolf Bahro oder Stefan Heym – diese Abwendung nie vollzogen wurde. Diese »Abtrünnigen« verwarfen nicht die »linken Ideen«, sondern waren in der Blockpolarisation auf der Suche nach einer Alternative zu den kapitalistischen und stalinistischen Machtsystemen in Form eines »dritten Weges«. In einer dritten Phase tauchen schließlich jüngere Renegaten auf, die kurzzeitig in linken Strömungen nach 1968 schwammen, um sich danach als »Linksverächter« geschäftsträchtig auf dem Markt zu positionieren. Krawallpublizisten wie Henryk M. Broder, Götz Aly oder Jan Fleischhauer (der als hohle Renegatenhülle durch den »schwarzen Kanal« des Spiegel schwebt) haben das »left bashing« zum Geschäftsmodell erhoben und erhöhen damit die eigene Profitrate.

Im zweiten Teil seines Buches lässt Carini die Personalisierung der Geschichte hinter sich und versucht die aktuellen, von »Renegaten« wie Ralph Giordano, Wolf Biermann, Broder, Aly und Fleischhauer bestimmten Diskurse über Ökologie, Feminismus, die »68er«, die DDR, die Friedenspolitik, den Antisemitismus oder die Islamophobie zu kategorisieren, wobei die Intention des Autors nie klar zur Geltung kommt: Er referiert die Positionen und versucht, sie zu widerlegen, was angesichts der Blasiertheit und ideologischen Rigidität, welche die Abtrünnigen aus ihrem früheren Leben in die Gegenwart gerettet haben, fruchtlos ist. Letztlich vollzieht sich in den selbstherrlichen wie selbstgerechten Renegaten, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit fühlen, keine Änderung: Es wird nur das Untere nach oben gestülpt. »Man schätzt einen Menschen, der sich ändert, weil er reifer wird und heute mehr Dinge begreift als gestern«, schrieb Maurice Merleau-Ponty. »Doch ein Mensch, der seine Positionen umkehrt, ändert sich nicht, er überwindet nicht seine Irrtümer.«

Schlussendlich bleibt Carini eine schlüssige Konzeption seines Buches schuldig. Im ersten Teil porträtiert er in einem historischen Überblick unterschiedliche Ausprägungen des Renegaten, während der zweite Teil, in dem Carini aktuelle Themen und Thesen aufzuzeigen versucht, vornehmlich die Figur des Überläufers in Inkarnationen von Biermann, Giordano oder Aly präsent ist. Eine andere, überzeugendere Methode hatte der US-amerikanische Historiker John P. Diggins in seinem Buch Up From Communism (1975) gewählt, in dem er vier Autoren Max Eastman, John Dos Passos, James Burnham und Will Herberg auf ihrem Weg vom Kommunismus zum Konservatismus zugleich als Agenten und Objekte der Geschichte beschrieb: Diggins verwob die vier Lebensläufe mit dem geschichtlichen Verlauf, und auf diese Weise gelang es ihm, das Fortwirken bestimmter intellektueller Trends im konservativen Diskurs der Kalten Krieges aufzuzeigen. Dagegen vermag es Carini nicht, über die oberflächlichen Brüche einiger Protagonisten Kontinuitäten der Geschichte herauszuarbeiten.

Vor allem bleibt der Typus des »Abtrünnigen« einer traditionellen Vorstellung der »Linken« verhaftet, die niemals infrage gestellt wird. Historisch ist der Renegat mit dem Stalinismus verknüpft, während andere Formen des »Renegatentums« in den letzten Jahrzehnten kaum zur Sprache kommen. Der exemplarische Renegat der »68er« ist für Carini der ehemalige Konkret-Herausgeber Klaus-Rainer Röhl, der schon zu Beginn der 1970er Jahre in der Obskuranz verschwand und mittlerweile zur konservativen Rechten übergelaufen ist, während prominente Renegatendarsteller – wie etwa der ehemalige Hamburger SDS-Funktionär Reinhold Oberlercher, der zu den Ideologen der »Neuen Rechten« gehört – vernachlässigt werden. Zudem fehlt Carini ein kritischer Blick auf das eigene Milieu des »Alternativjournalismus«: Ehemalige Anarchisten oder Pazifisten, die ihre Karriere bei der Graswurzelrevolution begannen, fühlen sich heute berufen, im Namen des Staates Kriegspropaganda zu betreiben, oder einstige Linksradikale oder »Spontis«, die in den 1980er Jahren als zirzensische Steißtrommler über die Jahrmärkte zogen und nun im Sold der FAZ und der Springer-Presse Linke verschiedener Schattierungen ihre Knute spüren lassen.

Ohnehin existiert »die Linke« mit universalistischem Anspruch seit Jahrzehnten schon nicht mehr. Längst ist sie zerfallen in partikularistische Rackets, die um die Vorherrschaft in den Territorien und den größtmöglichen Anteil an der Beute konkurrieren. »Die subjektive Vorbedingung zur Opposition, ungenormtes Urteil, stirbt ab«, diagnostizierte Theodor W. Adorno kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, »während ihr Gehabe als Gruppenritual weiter vollführt wird.« Diese kritische Reflexion findet in Carinis Buch nicht statt, und so bleibt die Frage, welchen Erkenntnisgewinn diese Beschreibung der »Renegatenliteratur« jenseits der bloßen Dokumentation bieten soll. Letztlich bleibt die Analyse im Tunnel personalisierter Geschichten stecken, durch den kein Licht nach außen dringt.