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20. Mai 2012
Jörg Auberg
für satt.org
  Richard F. Kuisel: The French Way
Richard F. Kuisel: The French Way. How France Embraced and Rejected American Values and Power. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2012. 487 Seiten. Hardcover, 49,50 US-Dollar
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GEISTLOSE EXZELLENZ

Richard F. Kuisel erzählt in seinem Buch »The French Way« die letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts über das Verhältnis von Frankreich und den USA nach. Originalität und Innovation sucht man jedoch vergeblich.

Unmittelbar nach der Befreiung von Paris im Jahre 1944 umgab »die Amerikaner« der Nimbus der Befreier, doch schon bald galten sie als Usurpatoren, die mit ihren Wirtschaftsunternehmen Coca-Cola, McDonald's und Disneyland das französische Territorium in Beschlag nahmen und ihm – im Sinne eines imperialen Machiavellismus – den Stempel der amerikanischen Raumordnung aufzudrücken suchten, ohne die Spuren des alten Europas als Zentrum der Herrschaft gänzlich austilgen zu können. »Amerika hat, aus welchen Motiven, Europa von völliger Versklavung gerettet«, notierte Max Horkheimer 1967 (als zur Hochzeit des Vietnamkrieges »Amerika« eher Sinnbild eines ruchlosen Imperialismus denn der demokratischen Befreiung war). »Die Antwort ist heute überall, nicht bloß in Deutschland, eine weitverbreitete und tiefgehende Amerika-Feindlichkeit. Über deren Ursache kat man sich schon viel den Kopf zerbrochen. Ressentiment, Neid, aber auch Fehler, die von der amerikanischen Regierung und ihren Bürgern gemacht werden, spielen eine Rolle.«

Undankbarkeit gegenüber den Befreiern Europas und deren »American Way of Life« doziert auch Richard F. Kuisel in seinem mit The French Way betitelten Buch über den französischen Antiamerikanismus in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, das eine Fortsetzung seine Studie Seducing the French: The Dilemma of Americanization aus dem Jahre 1993 darstellt. Kuisel, der als Historiker an der Georgetown University in Washington lehrt und im Rahmen des »BMW Center for German and European Studies« (dessen erklärtes Ziel die Heranzüchtung transatlantischer Führungspersönlichkeiten ist) studentische Kader für die Elitenapparate in den Agenturen der ökonomischen und politischen Herrschaft vorbereitet, ist vom Modell des »anti-américanisme primaire«, eines primitiven Antiamerikanismus geprägt, in dem der Moloch Amerika zuvörderst als Ausdruck der Diktatur des Konsumismus, einer vulgären Massenkultur, eines sozialen Konformismus, der Gewalt und des Willens zur Weltherrschaft symbolisiert sei. Die »bêtes noires« seiner Geschichte sind die Linksintellektuellen in der Tradition Jean-Paul Sartres und die »extremistische Linke«, während in seinem unreflektierten Amerikanismus die Claqueure der amerikanischen Hegemonie wie André Glucksmann oder Bernard-Henri Lévy als Kommentatoren der wahren Verhältnisse auftreten.

In seiner Geschichte des politischen Konflikts zwischen den Vollstreckern transatlantischer Interessen wie Ronald Reagan, George Bush sen. und Bill Clinton auf der einen Seite und François Mitterrand und Jacques Chirac auf der anderen Seite wird Politik als Abfolge von Episoden unter der »Chiffre des Großen« (wie Theodor W. Adorno es nannte) nacherzählt, als wäre Geschichte das Resultat großer Männer und nicht das Ergebnis ökonomischer und gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Zweifelsohne hat Kuisel in seiner Demaskierung von selbstgerechten Kulturprotektionisten wie Jack Lang – der gegen den amerikanischen »Kulturimperialismus« wetterte, aber zugleich den Boden für die Amerikanisierung Frankreichs eröffnete, indem er Paris für Disneyland öffnete und Ikonen des reaktionären Hollywood-Kinos wie Sylvester Stallone und Bruce Willis mit dem französischen Ritterschlag belohnte. Zum anderen fehlt ihm jedoch jegliche kritische Distanz zum »American Way of Life«. So echauffiert er sich über Jean Baudrillards Auslassungen über das imaginäre Land »Amerika« als »prätentiöse, maßlose, undurchdringliche, jargondurchtränkte, unerträgliche, zufällige Sammlung von manchmal nichtigen, aber stets düsteren Beobachtungen ...«, wobei die Kritik an den amerikanischen kulturellen Verhältnissen aus Kuisels Perspektive den Tatbestand der Blasphemie erfüllen. In seiner Sicht gehört auch das Internet zum Inventar des »American Way of Life«, der nicht allein Teil der Globalisierung ist, sondern sie bestimmt, wobei er unterschlägt, dass die USA längst ihre imperiale Rolle im Hegemonieprozess eingebüßt haben.

Kuisels Studie ist ein typisches Produkt der herrschenden Wissenschaftsindustrie: Das »BMW Center for German and European Studies« versorgte den wissenschaftlichen Unternehmer mit fünf Wissenschaftsknechten, die ihn mit dem Material von Zitatbausteinen versorgten, aus der er seine Studie zusammenbauen konnte. Originalität oder Innovation (wie sie etwa Brooke L. Blower in ihrer kritischen Studie über die Wechselwirkung von Politik und Kultur zwischen Europa und Amerika eindrucksvoll demonstrierte) sucht man bei Kuisel vergeblich. Das Buch ist lediglich das Dokument einer geistlosen Wissenschaft, die sich als »exzellent« drapiert.