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24. April 2012
Andreas Jacke
für satt.org
  Sebastian Leikert: Schönheit und Konflikt
Sebastian Leikert: Schönheit und Konflikt. Umrisse einer allgemeinen psychoanalytischen Ästhetik. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 321 Seiten, 29,90 €
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Eine neue, wahrnehmungsorientierte ästhetische Theorie aus der Psychoanalyse

Dieser Versuch, eine neue Ästhetik innerhalb der psychoanalytischen Theorie zu begründen, setzt nicht am Sinn des Geistes, sondern an dem Sinn der Sinne an. Sebastian Leikerts originäre zentrale These besteht darin die Wahrnehmung in »ihrer inneren Struktur und ihrer Funktion für das psychische Leben – mit Konsequenz zu verfolgen« (S. 15). War Hegels Ästhetik noch der unterdessen etwas angestaubte Versuch, die Geschichte des Abendlandes als eine Geschichte des Geistes in den Stufen seiner sinnlichen Ausgestaltungen zu deuten, so wird dieses Konzept hier vom Kopf auf die Füße gestellt. Leikert geht dabei, wie Freud oder Nietzsche vor ihm, auf einen frühen Anfang. Der liegt ähnlich wie bei C.G. Jung in den Urbildern der Steinzeithöhlen. Das grundlegende Raster unserer Wahrnehmung lässt sich bereits anhand der Steinzeitmalerei erklären. Der Karlsruher Psychoanalytiker unternimmt dann eine sehr geschickte Auslegung seiner Theorie in den verschiedensten Kunstformen, wobei der Musik eine besondere Position zukommt. Das Buch macht reichhaltige Angebote und kann zahlreiche Verästelungen und Detailanalysen aufweisen. Es stellt in einer spannenden und eigenständigen Form seine Überlegungen dar.

Diese Theorie hat neben der Psychoanalyse nach meiner Ansicht drei weitere wichtige Kronzeugen. Zum einen greift sie Adornos Kulturkritik auf und nimmt sie Ernst. Sie nimmt sie sich die Freiheit in Adornos Stil immer wieder aktuelle soziokulturelle Beispiele zur Illustration zu verwenden. Daneben gibt es aber auch die Zuwendung zu Martin Heidegger, der ebenfalls im Sprachstil und im ontologischen Anspruch durchscheint. Der geschlechtspezifischen Triebtheorie wird so eine, die das Sein betrifft, eine existenzielle Analyse gegenübergestellt. Zum Dritten wandert hier vor allem an vielen Ecken Nietzsches Leibphilosophie wie ein toter griechischer Gott umher. War es nicht Nietzsche, der gemahnte den Leib wichtiger zu nehmen als den Geist? Und geht es Leikert nicht auch um eine Standortorientierung des postreligiösen Menschen? Eine Aufhebung des monotheistischen Denkens zugunsten einer demokratischen (griechischen) Dissemination. Dabei ist es das Ritual, was die Abrufbarkeit von Wahrnehmungsimpulsen wichtiger sein lässt als die Sinnangebote, die allein durch die verbale Sprache vermittelt wären.

Was mich als Filmwissenschaftler besonders interessiert hat, ist seine Auslegung der Kinematografie, der bewegten Bilder, die durch eine technische Apparatur wiedergeben werden. Die Verwandtschaft zwischen der Steinzeithöhle und dem Kino (beides Orte der Geister) liefert einen ersten Hinweise (S. 30 / S. 259). Das Kino wird dann als Traum gedeutet. Es zeigt dem Zuschauer keine Bilder von der Realität, sondern bildet vornehmlich psychische Wahrheiten ab (S. 164). Der Film wird als ein wichtiges aktuelles Instrument interpretiert, welches den Einzelnen mit der Gruppe, der Kultur verbindet. »Der Film ist eine weiche Ritualisierung, die ohne verpflichtende Initiation für die vermittelnde Identifizierung wirbt« (S. 259). Der Kinotraum ist jedoch nun nicht mehr, einfach wie bei Freud, eine Wunscherfüllung, sondern bietet vielmehr das Durcharbeiten von Konfliktstrukturen an. Weil das Kino die Subjekt-Objekttrennung aufhebt, kommt es zugleich zu einer für die Kunstrezeption typischen »Wahrnehmungsfusion«, die potenziell traumatische Züge hat (S. 165). Innen und Außenwelt fließen dabei ineinander (S. 258). Die Verschmelzung ist also nicht erholsam, sondern gefährlich. Die Schönheit bietet dann den sicheren Rahmen, ist die Zutat, die es dem Zuschauer überhaupt ermöglicht, sich auf ein solches Risiko einzulassen. Damit bekommt das Schöne, welches weniger als erotische Anziehungskraft, sondern vielmehr als Struktur gebende Form interpretiert wird, eine hohen Rang.

Am Ende wird versucht das Verhältnis zwischen den zwei Disziplinen Ästhetik und Ethik auszuloten. War es für Kierkegaard bereits die Frage einer Entscheidung, in der die Ethik stets vor dem schönen Schein reiner Ästhetik zur Geltung zu kommen hatte, wird nun der Ästhetik eine immanente Ethik zugewiesen. Das Bindeglied dabei ist vor allem der mimetische Impuls, die Nachahmung und Identifikation des tragischen Helden, die das Subjekt auch auf dem Niveau seiner Wahrnehmung mit dem Kunstwerk verbindet. Kunst (Ästhetik) und Religion (Ethik) driften jedoch auch insofern deutlich auseinander, als dass nur die zweite Disziplin gemeinschaftsbildend ist (S. 296). Die fernöstlichen Religionen haben dabei die kinästhetische Erlebensweise, die nach Leikert in einem Erleben reiner Vitalität besteht, viel besser integriert. Der im Abendland so häufig kritisierte tiefere Schnitt zwischen Körper und Geist (der aber zugleich unsere Kultur begründet) erweist sich hier als Schnitt zwischen den ästhetischen Grundlagen von Weltwahrnehmung und dem symbolischen Repräsentationssystem. Daher driften bei uns Kunst und Weltverständnis weiter auseinander.

All dies findet vielleicht ein gutes aber vorübergehendes Beispiel in Jacques Lacans Interpretation der Antigone. Antigones unmittelbarer Ausdruck eines Todesbegehren (ihr am-Ende-der-Bahn-sein von Anfang an) ist es, was das Bild von ihr ästhetisiert und sie in eine Reihe stellt mit dem nachfolgenden christlichen Opfer und dem Tod des Sokrates. Dieses Todesbegehren ist abgeleitet von Freuds Todestrieb, dessen Existenz Jacques Derrida, wie viele andere auch, zumindest infrage gestellt hat. Diese depressive Szene, die beispielsweise Heiner Müller in der Hamletmaschine (1977) als das Europa der Frau mit dem Suizid von Ophelia erneut als kanonisch gesetzt hat, bildet eine tragische Matrix unserer Kultur, an deren Auflösung Leikert wie Nietzsche gelegen ist. Weil die Vitalität, die vom Körper ausgeht, stets alle ödipalen Hirngespinste in ein zeitweiliges Aus manövrieren kann, bildet dieses Buch dazu bereits im Ansatz ein Gegenprojekt. Anderseits sucht es stets die Opposition zwischen Körper und Geist, anders als Nietzsche nicht vornehmlich auf der Ebene eines erotischen Rapports, sondern tiefer gehend mit Heidegger auf der Ebene des Seins zu (er)lösen. Im Schwingkreis des Ästhetischen steht so viel mehr auf dem Spiel als bloß körperliche Attraktivität.

»Schönheit und Konflikt« ist ein ausdifferenziertes Plädoyer für einen tieferen Gehalt von Kunst. Ein gelungenes Werk – das durch seine vielen Gedanken die Lektüre und Beschäftigung lohnt und sich ganz auf der Höhe unserer Zeit befindet!